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>Ein paar Stunden zuvor…<

-Sebastian- 26.04.2016, Dienstag

Die lauwarme Frühlingsluft weht ihm um die Nase, die Bäume scheinen sich langsam vom strengen Winter und der beißenden Kälte zu erholen. Ganz Graz scheint in einem neuen Glanz zu erstrahlen. Ob das auch bei den Menschen der Fall ist? Wahrscheinlich schon. Sebastian hat das noch nie verstanden. Im Herbst macht es sich schon bemerkbar: Die Leute ziehen ein mürrisches Gesicht, jeder schimpft über das trübe Wetter, die Verkäufer werden zunehmend unhöflicher und auch seine Kollegen bei der Polizei wirken gereizt. Wenn zu Heiligabend der Schnee fällt, freut man sich für drei bis vier Tage und danach wird die Gesellschaft so von der Kälte überrumpelt, dass der Großteil zu Hause glaubt, sich verbarrikadieren zu müssen.

Und jetzt, Ende April, läuft Sebastian seine Runde und ist umgeben von strahlenden Müttern, die Kinderwägen vor sich herschieben und kichernd in ihre Smartphones rufen, welch ein schöner Tag das doch sei! Sebastian macht sich da so seine Gedanken: Ja klar. Diese Carolina am anderen Ende der Leitung, die bestimmt nur zwei Häuser weiter wohnt, muss unbedingt von ihrer besten Freundin Doreen, die in ihrem albernen rosa Kostüm im Park in ihren High Heels mitsamt Kinderwagen durch die Gegend stolpert, von der aktuellen Wetterlage informiert werden.

Sebastian hat sich schon immer gefragt, ob der Großteil der Gesellschaft so ein ödes Leben hat, dass ein sonniger Tag sie plötzlich aus dem Häuschen bringt. Wortwörtlich. Dutzende von lachenden Hundebesitzern tollen mit ihren Vierbeinern auf den Grünflächen umher.

Bei Sebastian ist das generell anders. Für ihn ist jeder Tag gleich. Bei jeder Jahreszeit läuft er seine Runden, um fit zu bleiben, egal ob es schneit oder fünfunddreißig Grad Celsius Außentemperatur sind. Man kann sein Leben und seine Laune doch nicht nach dem Wetter richten!

Auf einmal beschleicht ihn ein komisches Gefühl. Es ist nicht direkt Angst, aber irgendwie spürt er, dass heute noch etwas passieren wird, das sein Leben für immer verändert. Und er wird recht behalten.

Zu Hause angekommen, verstreut der neunundzwanzigjährige Polizist seine Klamotten im gesamten Vorraum, schaltet das Radio ein und springt unter die Dusche. Erfrischend prickelt das kühle Nass auf seine Kopfhaut. Er schließt seine Augen und hält sein Gesicht unter den Strahl. Sebastian bevorzugt es, kühl bis lauwarm zu duschen, das gibt ihm neue Kraft. Als er noch mit Sabine zusammen war, gingen sie oft gemeinsam unter die Dusche. Und natürlich musste die Wassertemperatur den Wünschen der Frau entsprechen. Eine regelrechte Qual für Sebastian. Deshalb duscht er lieber alleine. Denn nach einer heißen Dusche wird er hundemüde und beim Verlassen der Kabine fällt seine Körpertemperatur auf gefühlte zehn Grad Celsius ab. Nach dieser erfrischenden Wohltat schlüpft er in saubere Unterwäsche und steuert auf das Wohnzimmer zu.

Dort angekommen, macht er es sich auf dem Sofa bequem. Sebastian lehnt sich genüsslich zurück und erst jetzt merkt er, wie müde er eigentlich ist.

Die Augen hat er gerade mal für eine Minute geschlossen, als plötzlich sein Smartphone klingelt. Die Nummer auf dem Display ist ihm nicht bekannt. Zögerlich hebt er ab: „Sebastian Rietz am Apparat…?“

„Hallo, Sohnemann! Wie geht es dir?“

Sebastian blickt überrascht erneut auf das Display, dann legt er sein Smartphone wieder ans linke Ohr. Für kurze Zeit ist er sprachlos. Die Stimme am anderen Ende der Leitung hört sich an wie die seines Vaters. Anscheinend hat er sich ein Handy zugelegt, denn die Nummer des Festnetzanschlusses ist es nicht. Er hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, außer gelegentlichen Weihnachts- und Geburtstagsgrüßen per E-Mail. Und auch diese Rituale werden immer seltener. Seine Eltern wissen nicht einmal, wo er wohnt. Sie haben ihn aber auch nie danach gefragt.

Dass er vor etwa drei Jahren eine Beziehung mit Sabine hatte, hatten seine Eltern durch einen Arbeitskollegen seines Vaters erfahren.

Danach hatten sie Sebastian angerufen und ihn gefragt, wie es ihm so ginge mit seiner „Perle“. Außer „Gut, danke“ war nicht viel aus ihm herauszubekommen. Aber das war ja auch nicht ihre Absicht gewesen. Es handelte sich dabei um eine reine Höflichkeitsfloskel.

Umso mehr verunsichert ihn nun die überaus freundliche und gut gelaunte Stimme seines Vaters. Das ist ihm völlig neu. „Papa?“

Gott, wie lange hat er dieses Wort schon nicht mehr ausgesprochen?

„Ja! Ich bin’s! Was ist denn los mit dir? Überrascht, von mir zu hören?“

„Nein, nein, es ist nur… Na ja, doch.“

„Du wunderst dich wegen der Nummer? Ja, dein alter Herr wollte sich auch mal was gönnen, und so habe ich mir so ein… wie heißt das noch…?“

„Smartphone!“, ertönt die lachende Stimme im Hintergrund. Klingt nach Sebastians Mutter. Auch ihr fröhlicher Tonfall ist neu. Sein Vater plappert munter weiter: „Genau! Ja, auf jeden Fall habe ich mir so ein Ding gekauft, und nachdem ich ewig alle Kontakte einspeichern musste, wollte ich natürlich ausprobieren, ob man mit diesem Gerät auch noch telefonieren kann! Und siehe da…!“

„Warum?“ Sebastian kann sich noch immer keinen Reim darauf machen, warum sich seine Eltern so plötzlich wieder melden. Wenn man die Grußkarten per E-Mail zu den besonderen Anlässen außer Acht lässt, herrscht zwischen ihnen seit beinahe fünf Jahren Funkstille. Aber womöglich gibt es ja einen besonderen Anlass?

„Nun ja…“ Die Stimme seines Vaters wird etwas leiser. Sebastian wird langsam ungeduldig: „Warum?“

„Schon gut, schon gut… Ja okay, in den letzten Jahren war das nicht üblich, dass ich mich einfach so melde. Aber du bist dennoch mein Sohn.“

„Unser!“ Die Stimme seiner Mutter. Das letzte Mal, als sie sich gegenüberstanden, hatten sie das noch verleugnet. Sein Vater fährt fort: „Unser, ja unser! Was ich damit sagen will, ist, dass ich…, dass wir uns wünschen, dass sich unser Verhältnis wieder etwas bessert. Das kann doch nicht so weitergehen.“

„Kann es sehr wohl.“ Sebastian lässt es kalt.

„Ja, aber willst du, dass es so weitergeht? Wir könnten es doch noch einmal versuchen. Du besuchst uns oder wir treffen uns irgendwo… Wie du willst.“ Wieder kein Interesse an Sebastians Zuhause.

„Ich weiß nicht so recht.“

„Ach ja! Ich soll dir noch alles Liebe von Kim ausrichten. Sie würde sich übrigens auch freuen!“

Plötzlich wird ihm heiß und kalt gleichzeitig. Als sein Vater den Namen seiner kleinen Schwester ausspricht, wird Sebastian nahezu von all seinen Gefühlen überrumpelt. Wie alt ist sie jetzt? Einundzwanzig? Und sie lässt alles Liebe ausrichten! Alles Liebe! Somit muss er ihr doch noch etwas bedeuten… Sie hasst ihn also nicht!

Als er seine Stimme wiederfindet, sagt er: „Ich überlege es mir.“ Er legt auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Was hat dieser Anruf zu bedeuten?

Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Irgendetwas stimmt hier doch nicht! Vielleicht ist etwas Schreckliches passiert und sein Vater hat versucht, es zu überspielen. Oder Kim ist etwas zugestoßen! Was Schlimmeres kann er sich nicht vorstellen. Denn dass seine Eltern so plötzlich den Kontakt wieder aufbauen wollen, glaubt er keine Sekunde lang.

Seine innere Stimme sagt ihm, dass etwas vorgefallen ist… und Sebastian weiß, dass er heute kein Auge deswegen zubekommen wird.

Er steht vom Sofa auf und streckt sich. Trotz des nervenaufreibenden Anrufes ist er ganz schön müde - so, als wäre er eben erst aufgewacht. Bei einem eiskalten Glas Wasser in der Küche versucht er, seine Gedanken zu ordnen. Doch das Ungewisse macht ihm zu schaffen. Schließlich geht er ins Schlafzimmer und kramt ein paar frische Sachen zum Überziehen aus seinem Kleiderschrank, die Trainingssachen lässt er achtlos am Boden liegen. Er zieht sich seinen dunkelblauen Freizeitmantel drüber, den er nicht gerade günstig bei Kastner & Öhler erstanden hat. Er trägt ihn viel zu selten, wahrscheinlich weil er eben so teuer war, redet er sich jedes Mal ein. Aber er lässt sich gut mit allen möglichen Kleidungsstücken kombinieren, ebenso mit allen Arten von Schuhen, ohne dass man aussieht wie ein Freak. Sebastian verlässt seine Wohnung und setzt sich in seinen alten Chrysler. Das Radio in seiner Wohnung plärrt munter weiter…

Während der Fahrt versucht er, aus dem Anruf schlau zu werden. Was wollen sie wirklich von mir? Geht es Kim gut? Was soll ich ihnen sagen, wenn ich ihnen gegenüberstehe? Werden sie sich entschuldigen? Hat Kim unseren Vater zu diesem Anruf überredet? Werden wir wieder eine glückliche Familie, so wie früher? Oder ist wirklich etwas vorgefallen und Vater ist zu feige, um es auszusprechen?

Nein, nein, nur nicht negativ denken. Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Versöhnungsversuch. Vielleicht warten seine Eltern schon hoffnungsvoll auf ihn. Und er kann Kim wieder in die Arme nehmen!

„Was soll schon passieren?“, murmelt Sebastian vor sich hin.

Wenn nur dieses ungute Gefühl nicht wäre. Nach all den Jahren… Aus dem Nichts…

Negatio

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