Читать книгу Couple of Men - Karl Christian Krause - Страница 12
Das Stonewall Inn, die Mafia und Barack Obama
Оглавление»Hey Karl, alles in Ordnung, du bist auf einmal so still?« Daan schaute mich mit leicht besorgtem Gesichtsausdruck an.
»Ja, alles in Ordnung«, antwortete ich kurz. »Bin wohl ein wenig in Gedanken versunken. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich wirklich hier bin. Aber alles gut.« Mit einem kurzen Händedruck und einem Nicken gab ich Daan zu verstehen, dass dieser Augenblick ein außergewöhnlicher für mich ist.
»Kein Problem! Ich geh schon mal auf die andere Straßenseite und positioniere die Kamera. Ich ruf dich, wenn ich so weit bin, okay?«
Emotional aufgewühlt starrte ich auf das rote Backsteingebäude, das mit unzähligen Regenbogenfähnchen geschmückt ist. Ein Wirrwarr aus traurigen und schönen Erinnerungen ging mir durch den Kopf. Erinnerungen an meine Kindheit, mein Coming-out, meine ersten Freunde aus der LGBTQ+- Community. Und während ich immer und immer wieder den roten Neon-Schriftzug »Stonewall Inn« im riesigen Schaufenster halblaut vor mich hin las, überkamen mich Wut auf die Ungerechtigkeiten, denen queere Menschen ausgesetzt sind, und Freude über das Erreichte zugleich. Ich war tatsächlich hier, an dem Ort, an dem vor fünfzig Jahren alles begann. Und nicht allein, sondern mit dem Mann meines Lebens an meiner Seite.
Mein Blick wanderte über eine kleine Gedenktafel neben dem Eingang. Was ich in diesem Moment noch nicht wusste: Unter Barack Obama, dem vierundvierzigsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, wurden diese von außen so unscheinbar wirkende Gay Bar und der nahe gelegene Park zu einem historischen Monument der USA erhoben. Und die Eigentümer des Stonewall Inns sind sich auch heute noch der besonderen Bedeutung bewusst. Regelmäßige Veranstaltung von und für die LGBTQ+- Community finden genauso statt wie der fortlaufende Barbetrieb. Fotos und Gedenktafeln an den Wänden der Bar und in den Toiletten erinnern zusammen mit weiteren Details an die Geschehnisse Ende Juni 1969. Ein Stück queere Zeitgeschichte, ohne die wir heute vielleicht noch ganz andere Verhältnisse in unserer Gesellschaft bezüglich Homosexualität und anderer Lebensweisen vorfinden würden.
»Ich bin fertig. Mit dieser Einstellung bekommen wir die gesamte Vorderseite des Stonewall Inn auf das Bild. Steck dein Regenbogen-T-Shirt noch in die Hose, und hier hast du dein Regenbogenstirnband!« Daan lief zu mir rüber und dann zurück zur Kamera, um mich mit gekonnten Handbewegungen in die richtige Position zu manövrieren. Schließlich sollte dieses Erinnerungsfoto auch glücken.
STONEWALL NATIONAL MONUMENT
Das Stonewall Inn, der gegenüberliegende Christopher Park sowie der angrenzende Häuserblock bilden heute das Stonewall National Monument – das erste in den USA, das auf die Rechte der LGBTQ+-Community hinweist. Eingeweiht wurde es 2016 durch US-Präsident Barack Obama. 2021 kam inoffiziell eine Bronzebüste der Aktivistin Marsha P. Johnson hinzu.
Noch während ich mir das Shirt in die Hose steckte, hörte ich auf einmal ein fast hysterisches Geschrei hinter mir: »Hey Karl, Kaaaaaaaarliii«, rief eine quietschende Stimme.
Ryan. Natürlich. Unseren kanadischen Freund würde ich immer und in jeder Menschenmenge heraushören. Ich hatte die Zeit völlig aus den Augen verloren. Wir waren an diesem Ort mit einigen Reisefreunden für ein Erinnerungsfoto verabredet. Ryan machte den Anfang. Zum ersten Mal begegneten wir dem quirligen jungen Mann mit dem Reiseblog »Out With Ryan« in Stockholm, und seitdem standen wir in engem Kontakt. Kurz darauf traf das lesbisch-queere Paar Maartje und Roxanne aus Amsterdam ein. Beide zählen zu unserem engsten Freundeskreis und inspirieren LGBTQ+-Reisende durch fantastische Fotos auf ihrem Blog »Once Upon a Journey«. Ihnen auf den Fersen folgten Meg und die nicht-binäre Lindsay sowie das lesbische Bloggerpaar von »27 Travel« Gabi und Senna aus New York.
Wir hatten uns alle aufgrund unserer Arbeit als queere Content Creators (Storyteller), LGBTQ+-Reiseblogger und Mitglieder des Netzwerks IGLTA (International LGBTQ+ Travel Association) kennengelernt und besuchten nun gemeinsam New York auf der Suche nach dem Ort, an dem unsere freiheitliche Geschichte ihren Anfang nahm.
[no image in epub file]
Meg, Karl, Bailey, Ryan, Roxanne, Gabi, Senna, Lindsay, Maartje und Daan (von links) mit einem Stonewall-Inn-Zeitzeugen in der Mitte
Vor fast vier Jahren hatten Daan und ich unseren ersten Artikel auf unserem Reiseblog »Couple of Men« veröffentlicht. Ich arbeitete bereits seit mehreren Jahren als Redakteur, Werbetexter und Übersetzer und Daan als Schauspieler, Theatermacher und Regisseur. Dazu passte unsere Liebe zu Fotografie und Filmen. Et voilà, unser Blog war geboren. Was als persönliches Reisetagebuch mit kurzen Berichten und schönen Aufnahmen begann, entwickelte sich mit der Zeit zu einem Fundus an relevanten Reiseinformationen, die vor allem von schwulen Männern, aber auch von anderen für ihre Reiseplanung genutzt werden.
Nach nur wenigen Monaten wurde uns klar, dass diese Arbeit mehr war als nur ein Hobby. Unser Blog wurde immer bunter, regenbogenbunter, denn wir begannen unseren Fokus – neben fantastischen Reiseabenteuern –, darauf zu legen, ausschließlich LGBTQ+-freundliche Reiseziele vorzustellen, CSD- und Pride-Veranstaltungen zu begleiten und zu bewerben und mithilfe von Journalisten wie Sarah Tekath auf die prekäre Situation queerer Menschen in homophoben Ländern aufmerksam zu machen. Nachhaltiger und bewusster zu reisen und dabei besonderen Augenmerk auf die schwule Kultur zu legen, das bestimmt unsere heutige Arbeit, die hier in New York City kurz vor dem sechsten World Pride eine ganz neue Bedeutung bekam. Was hatten wir in über fünfzig Jahren erreicht? Wie gehen wir damit um, dass aus der Schwulen- und Lesbenbewegung nun eine queere LGBTQ+-Bewegung geworden ist? Was waren unsere nächsten Ziele für Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt? Wie unterstützen wir LGBTQ+ in Ländern, in denen auch heute noch queere Menschen verfolgt, eingesperrt und ganz legal hingerichtet werden? Wie stabil und sicher ist die Situation in den Ländern, die als queer-freundlich gelten?
»Alle auf eure Plätze, bitte«, rief Daan von der anderen Straßenseite zu uns herüber, bevor er auf den Selbstauslöser drückte. Aufgedreht begannen wir uns aufzustellen und zu sortieren, den Schriftzug des Stonewall Inn immer gut lesbar im Rücken. Und hätte ich nicht so lachen müssen, weil Ryan wieder einen seiner witzigen Sprüche fallen ließ, hätte ich wahrscheinlich geweint, vor Freude. Die Regenbogenfahne in der einen, meinen Mann in der anderen Hand fühlte ich Stolz in mir aufsteigen. Stolz, ein Teil dieser Freundesgruppe zu sein. Stolz darauf, das Erbe der LGBTQ+-Freiheitsbewegung aus den Sechzigern in die Gegenwart zu holen. Stolz, fünfzig Jahre nach den Aufständen genau an diesem Ort so sein zu können, wie ich bin und nicht beurteilt, verfolgt oder beschimpft zu werden. Den anderen ging es, ihren Gesichtern nach zu urteilen, nicht anders. »Happy Pride!«
Doch wo begann unsere gemeinsame Reise eigentlich? Wo nahm das Abenteuer von »Couple of Men – ein Männerpaar auf Reisen« seinen Anfang?
NOCH MEHR ÜBER DIE USA
In späteren Jahren gingen wir auf Shopping-Tour in San Francisco, wo wir queere Artikel auf der Castro Street Fair erstanden, machten eine Ballonfahrt über die grünen Hügel von Galena in Illinois und besuchten alle Freizeitparks des Disney World Resorts und der Universal Studios in Orlando, Florida. Scanne den QR-Code und lies mehr über unsere USA-Abenteuer auf: