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NEW YORK – SO FING ALLES AN …

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»Happy Pride! Happy Pride!«, rufe ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr jedes Jahr aufs Neue voller Leidenschaft in die an mir vorbeiziehende Menge und wedele dabei wie wild mit einer Regenbogenfahne durch die Luft, ein breites Grinsen auf den Lippen. Ich bin voller Energie. Bei sommerlichen Temperaturen und einem strahlend blauen Himmel ist das auch kein so großes Problem. Zudem ist Pride-Monat. Mit dem Monat Juni beginnt die Zeit für meine Regenbogenfahne und bei jeder passenden Gelegenheit kann ich endlich wieder »Happy Pride!« rufen, ohne irritierte Blicke zu ernten. Diesen zwei so unscheinbar wirkenden Wörtern kommt in dieser Zeit des Jahres eine wichtige Bedeutung zu – nicht nur als Grußformel in der Community.

Seit über fünfzehn Jahren gehe ich zusammen mit Tausenden queeren Menschen und ihren Unterstützern, den Allies, bei Christopher-Street-Day (CSD)- und Pride-Veranstaltungen auf der ganzen Welt für Gleichberechtigung und Akzeptanz auf die Straße – und habe viel erlebt. Auch unangenehme Momente, abwertende Bemerkungen oder Menschen, die mir voller Hass und Wut vor die Füße spuckten.

Natürlich stört mich dieser Umstand sehr, genauso wie die hasserfüllten Kommentare und Todesdrohungen auf so manch einem Post in den sozialen Medien. Doch auf der anderen Seite erhalte ich dadurch neue Kraft, um weiterzumachen, nicht nachzugeben und immer mehr Menschen, die anders sind, die Angst zu nehmen, damit sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Die Worte »Happy Pride« erinnern mich daran, wie wichtig es ist, ein Lächeln auf ein skeptisches Gesicht zu zaubern. Denn häufig sind es unbeantwortete Fragen und Stereotype, die der Ursprung für Vorurteile und unwissende Beschuldigungen sind.

»Happy Pride« – ich würde es mit »fröhlichem Stolz« übersetzen. Ja, das passt. Es beschreibt das Gefühl, das aufkommt, wenn ich gemeinsam mit der Liebe meines Lebens Hand in Hand auf einer Pride-Parade die Straßen entlanglaufe und mich nicht allein fühlen muss. Ich bin umringt von Gleichgesinnten, glücklichen Gesichtern. Die einen tragen wie ich eine Regenbogenflagge in der Hand, die anderen eine knallbunte Perücke und selbst gebastelte Pappschilder, auf denen so etwas wie »Ich bin schwul, und das ist auch gut so!« steht.

Ein Ausspruch, der für viele Menschen Gültigkeit besitzt, nicht erst seit der berühmten Rede des einstigen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit. Genauso wenig scheinen Geschlechterrollen und -identitäten, Nationalitäten oder andere, von der Gesellschaft, also von uns selbst geprägte Unterscheidungsmerkmale wichtig zu sein. Mut und Kraft aus den Gemeinsamkeiten zu ziehen und für eine bessere Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft zu sorgen, darum soll es gehen. Denn wir marschieren für alle queeren Menschen, damit sie sich heute und in Zukunft nicht mehr als Außenseiter zu Hause unter der Bettdecke verstecken müssen. Sondern stolz darauf sein können, selbstbewusst anders und zugleich für jeden normal zu sein.

In solchen Momenten bin auch ich stolz und dankbar. Auf das, was andere vor mir erreicht haben, um mir eine einfachere Zukunft zu ermöglichen. Darauf, den langen und steinigen Weg gegangen zu sein, vom inneren Coming-out bis zum Referenten für sexuelle Vielfalt an Schulen. Als Aktivist der LGBTQ+-Community gab ich den Regenbogenstaffelstab weiter. Ich bin dankbar für die Unterstützung, die mir als junger, zweifelnder, queerer Mensch entgegengebracht wurde. Stolz auf mich, denn ich habe die wohl schwierigste Zeit meines Lebens gemeistert und kann heute sagen: Ich stehe dazu, wie ich bin. Wer ich bin. Anders. Schwul.

Das war nicht immer so. Erzählt habe ich davon in unserem Reiseblog. Es geht hier also um kein Coming-out-Tagebuch (also auch, aber eher am Rande), vielmehr zeichnen wir eine spannende, noch immer andauernde Reise auf. Begonnen hat sie vor über neun Jahren, als Daan und ich uns begegneten. Daan ist aus Amsterdam und ich, Karl, bin aus dem Erzgebirge. Zwei Menschen aus zwei so gegensätzlichen Regionen in Europa verliebten sich ineinander. 637,32 Kilometer Luftlinie liegen zwischen diesen zwei Welten: Auf der einen Seite die Niederlande, die als erstes Land weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe einführten. Auf der anderen Seite das deutsche Mittelgebirge, das mir bis heute als konservative, zurückgezogene und verschlafene Region im Osten Deutschlands in Erinnerung geblieben ist – meine Heimat. In meinem Zimmer verbrachte ich als Jugendlicher viele traurige Momente voller Zweifel, Sehnsucht und dem tiefen Wunsch, einfach so sein zu können, wie ich mich fühlte, während ich versuchte, hineinzupassen in eine Welt, die ganz andere Erwartungen an mich hatte als ich an mein eigenes Leben.


THEATERERLEBNIS SLEEP NO MORE

Shakespeares Tragödie Macbeth einmal ganz anders: Das Stück wird in einem Theater in Chelsea über vier Etagen in einem Labyrinth aus Räumen und Treppen inszeniert, wobei Tanz die Hauptausdrucksform dieses Experiments ist. Auch wenn wir in den drei Stunden nur Bruchstücke gesehen haben, war dieser Abend unvergesslich.

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Mein erster richtiger Freund zeigte mir die Welt und steckte mich mit dem Reisefieber an. Auf Achse fühlte ich mich frei, ungebunden und hatte gleichzeitig das Gefühl, ich sein zu können, ohne bewertet und verurteilt zu werden. Dabei lernte ich gleichgesinnte Reisende kennen, denen es offenbar egal war, wen ich sexuell anziehend fand. Für viele Jahre waren mein Rucksack und ich schier unzertrennlich. Mit ihm erkundete ich tropische Inseln in Südostasien mit dem Kanu, schlenderte mit Dreadlocks über duftende Märkte in Indien, flog mit Yeti Airlines über Nepal und um den Mount Everest und reiste durch nahezu alle Länder Westeuropas. Alle, bis auf eines: die Niederlande.

Dann, nach vierzig Ländern und mindestens doppelt so vielen Gepäcklaufbändern, flog ich vom Flughafen Berlin-Tegel nach Amsterdam. Damals ahnte ich noch nicht, dass in der niederländischen Hauptstadt eine ganz neue, aufregende Geschichte ihren Anfang nehmen würde. Aus dem Dream-Team Karl mit Rucksack wurde das schwule Männerpaar auf Reisen.


LA-Pride in West-Hollywood

LGBTQ+-COMMUNITY IN DEN USA

Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) in den Vereinigten Staaten erklärte 2015 die gleichgeschlechtliche Ehe für rechtmäßig – was wir zusammen mit Freunden und Bekannten aus Übersee feierten. Doch von einer rechtlich einheitlichen Lage kann weiterhin keine Rede sein. Die US-amerikanischen Staaten handhaben die Gesetzgebung zu LGBTQ+-Rechten unterschiedlich. Als besonders queer-freundlich gelten Kalifornien, New York, Oregon, Colorado, Illinois und New Jersey – sie schreiben unter anderem die Aufklärung über LGBTQ+-Themen in der Schule vor. In den ländlichen Regionen sieht es dagegen anders aus. Das Land der Freiheit grenzt dort queere Menschen immer noch aus. Gerade in konservativen und ziemlich gläubigen Gegenden wird Homosexualität von Evangelikalen oft als Sünde betrachtet. Dort versucht man, Homosexuelle weiterhin mit abstrusen Therapien umzupolen, die in anderen Staaten bereits verboten sind. Am 15. Juni 2020 hat der Supreme Court entschieden, dass homosexuelle und Transgender-Arbeitnehmer nicht mehr aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung diskriminiert und entlassen werden dürfen. Städte wie San Francisco, New York, Chicago, Fort Lauderdale, Palm Springs oder Portland sind für eine lebendige Queer-Kultur mit Pride-Veranstaltungen bekannt.

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