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Zum ersten Mal verliebt
ОглавлениеEines Abends, nach tagelangem Chatten, fuhr ich nach Dresden, um mich zum ersten Mal mit einem Mann zu verabreden. Und was soll ich sagen …? Da war er, der Funke, nein, das Feuerwerk. Das Besondere. Leidenschaft. Schmetterlinge. Und die Erkenntnis, dass ich das unbedingt wieder machen wollte. Denn ich hatte mich zum ersten Mal verliebt, so richtig. Mit diesem besonderen Gefühl im Bauch erwuchs in mir ein bisher unbekannter Mut, mein jahrelanges Versteckspiel endlich zu beenden. Es war an der Zeit, es meinen Eltern zu erzählen, nur wie?
Seit jeher hatte ich zu meiner Mutter eine engere Beziehung als zu meinem Vater, verbrachte ich mit ihr doch die meiste Zeit meiner Kindheit. Sie unterstützte meine, für einen Jungen angeblich ungewöhnlichen Vorlieben und Wünsche, wie etwa meine erste Barbie, auch gegen den Willen meines Vaters. Wir hatten es zu unserer wöchentlichen Familienroutine gemacht, an mindestens einem Abend pro Woche über die Schule, die Liebe und meine Freunde zu sprechen. So auch an diesem Abend im Frühjahr 2003. Nur diesmal war etwas anders. Ich war frisch verliebt, motiviert und das Verstecken meiner Gefühle leid. Gleichzeitig wusste ich nicht, wie ich meiner Mutter die Wahrheit über mich beichten konnte.
Während ich noch nach den richtigen Worten suchte, schaute ich in immer feuchter werdende Augen. Sie hatte eine Ahnung. Und dann schoss es einfach so aus mir heraus: »Ich bin verliebt, in einen Mann.« Nach einem kurzen Moment der Stille brach meine Mutter in Tränen aus. Immer wieder wiederholte sie: »Ich wusste es, oh nein, mein Junge. Weißt du, was du uns damit antust? Was habe ich nur falsch gemacht? Habe ich dich falsch erzogen? Wieso passiert uns das?«
Sie schien verzweifelt und über alle Maßen traurig und enttäuscht zu sein. Mit den Worten »Ich habe dich doch so lieb« umfasste sie mein Gesicht mit beiden Händen. Ich schaute auf ihre tränenüberströmten Wangen, und wir beide fielen uns weinend in die Arme. Es war ausgesprochen dramatisch. Doch ein bisschen Drama gehörte halt dazu.
Schwieriger gestaltete sich das Coming-out vor meinem Vater. Seit dem Outing vor und mit meiner Mutter waren ein paar Tage vergangen. Ich hatte sie gebeten, ihm noch nichts zu erzählen. Ich wollte es unter Kontrolle haben, den passenden Zeitpunkt wählen. Oder diesen letztlich selbst bestimmen. Ich machte kurzerhand einen Termin: nächsten Donnerstag um sechzehn Uhr in meinem Zimmer. Ich hätte etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, sagte ich meinem Vater beim Abendessen. Das war gänzlich neu und unbekannt in unserer Familie, ein Gespräch führen mit Terminansage.
Immer und immer wieder probte ich die Worte, die ich ihm sagen wollte: kurz, knapp, respektvoll, aber deutlich. Denn das war das neue, selbstbewusste Ich. Dachte ich zumindest.
Pünktlich hielt ich mich in meinem Zimmer auf, als ich meinen Vater im Treppenhaus hörte. Noch nie hatte ich eine so große Angst, eine solche Unsicherheit verspürt wie in diesem Augenblick. Ich saß auf meinem kleinen Sofa und starrte auf die Türklinke. In dem Moment, als mein Vater eintrat, fing ich an zu weinen, so groß war die Anspannung. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, welche große Bedeutung es für mich haben würde, ihn nicht mehr zu belügen, ihm nichts mehr vorzuspielen, ihm einfach nur die Wahrheit zu sagen und dafür akzeptiert zu werden.
Mein Vater nahm auf dem Stuhl neben meinem Sofa Platz. Geduldig wartete er auf das, was ich zu sagen hatte. Leichter gesagt als getan. Ich hatte mich nämlich in der Zwischenzeit in einen richtigen Heulkrampf hineingesteigert und bekam, bis auf ein paar Wortfetzen, nichts zustande. Heute denke ich, dass mein Vater bereits wusste, was ich eigentlich erzählen wollte, warum ich diesen Termin gemacht hatte und jetzt so verzweifelt nach den passenden Worten suchte.
Doch in diesem Moment ließ er mich weinen. Ich probierte es wieder und wieder, schämte mich dafür, dass ich nicht stark genug war, es herauszubringen. Schließlich sammelte ich meine letzten Kraftreserven und schrie es förmlich in mein Zimmer: »Ich bin verliebt in einen Mann, ich bin schwul«, um danach mein Gesicht in einem Kopfkissen zu vergraben. Diese Worte veränderten mein Leben. Es gab kein Zurück mehr. Von nun an hatten meine Eltern einen schwulen Sohn. Vor Furcht konnte ich meinem Vater nicht ins Gesicht schauen. Doch ich wollte eine Antwort hören, auf eine Frage, die ich laut nicht gestellt hatte: »Papa, ist das okay? Hast du mich noch lieb?«
Mein Vater schaute emotionslos und doch irgendwie nachdenklich auf den Boden meines kleinen, mit Laminat ausgelegten Zimmers. Auch er konnte mir nicht in die Augen sehen. »Ja, ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll.« Nach ein paar nervösen Handbewegungen stand er auf und ging in Richtung Tür. Für einen kurzen Moment blieb er mit der Klinke in der Hand stehen. Dann drehte er sich mit Tränen in den Augen zu mir um: »Ich war dabei, als du geboren wurdest. Ich habe dein Händchen gehalten, als du krank warst. Ich werde immer hinter dir stehen. Du bist mein Sohn und du wirst immer mein Sohn bleiben.« Mit diesen Worten verließ er mein Zimmer. Es war vorbei.
Und obwohl ich erleichtert war, dass mich meine Eltern nicht einfach so vor die Tür setzten und unser gemeinsames Leben irgendwie weiterging, distanzierte ich mich in den darauffolgenden Wochen von ihnen. Ich fühlte mich unwohl in ihrer Gegenwart. Beobachtet. Verurteilt. Sie hatten Fragen, vor allem meine Mutter, über mein »neues Leben«, meinen ersten Freund. Es schien, dass wir nicht die richtigen Momente und die richtigen Worte fanden, um uns darüber unterhalten zu können. Fast war es so, als ob ich zu einer fremden Person in meiner eigenen Familie geworden war. Meine Gedanken drehten sich die ganze Zeit darum, was meine Eltern gerade von mir denken würden. Was malten sie sich aus? Überlegten sie, wer ich (geworden) war, was ich machte und warum ich ihnen erst jetzt davon erzählt hatte?
Zeit, wir benötigten Zeit, um uns alle an diese neue Situation zu gewöhnen und einen ganz neuen Weg zu finden, miteinander zu reden, auch über schwierige Themen wie etwa Safer Sex, und auch darüber, wie meine weitere Zukunft nach dem Zivildienst aussehen könnte. Den schwierigsten Teil meines Coming-out hatte ich aber gemeistert. Mehr oder weniger gut, aber umso emotionaler und mit dem nötigen Drama. Ich war frei, hatte mein schwules Leben noch vor mir und musste mich nicht mehr verstecken. Den Rucksack voller Wackersteine, ihn musste ich nicht mehr tragen.
Heute, über fünfzehn Jahre später, ist Daan für meine Eltern praktisch ihr dritter Sohn. Immer wieder erzählen sie, wie froh sie sind, dass ich mit Daan an meiner Seite glücklich bin.