Читать книгу Couple of Men - Karl Christian Krause - Страница 16
Aufwachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt
ОглавлениеMein zwölfjähriges Ich konnte von einer solchen Welt nur träumen, hatte ich doch gerade erst mit dem Volleyballtraining begonnen und war damit beschäftigt, meinen wirren Kopf zu sortieren. Bis zu meinem Coming-out, also über sechs Jahre lang, wusste ich, dass ich mich mehr für Männer und nicht – oder nur sehr wenig – für Frauen interessierte. Gedanken und Gefühle, die ich in mir spürte – eigentlich wollte ich am liebsten einen Freund haben und keine Freundin –, unterdrückte und verdrängte ich. Die einschlägigen Jugendmagazine wie die Bravo sprachen von einer Phase, die jeder Jugendliche durchmachen würde. Mir gaben sie (eine falsche) Hoffnung, vielleicht doch normal zu sein. Normal im Sinne von, so zu denken und zu fühlen, wie man es von einem heranwachsenden Jungen erwartete.
Das hatte Folgen. Zählte ich anfangs noch zu den Besten meiner Klasse, ließen meine schulischen Leistungen mit der Zeit nach. Gleichzeitig nahmen die Schikanen, die verbalen und nonverbalen Angriffe zu. »Mädchen«, »Schwuchtel«, »Tunte«, »Arschficker« oder »Schwanzlutscher« sind nur einige der Beschimpfungen, die ich in der Schule regelmäßig erdulden musste. Warum? Nun, ich war anders, femininer, hatte lange blonde Haare und definitiv kein Interesse an Dingen, die Jungs (angeblich) so machen, wie etwa Fußballspielen.
Außerdem war ich sehr mit mir beschäftigt, durcheinander, mit mir selbst im Konflikt über meine Gedanken, Sehnsüchte und Zweifel, fühlte mich allein. Und obendrein wollte ich als Mädchen erkannt werden, hätte es mir theoretisch doch die Möglichkeit gegeben, einen Freund zu finden, anstatt einer Freundin. Schwul sein? Das kam damals einfach nicht infrage, nein, das durfte nicht passieren.
Diesen inneren Konflikt mit meinen Eltern oder meinen Freunden teilen, konnte und wollte ich allerdings ebenfalls nicht. Dafür war ich noch zu unsicher wegen meiner Situation. Zumal man sich auf dem Land kannte. Der Karl schwul? Ein solches Geständnis wäre einem Erdbeben gleichgekommen, und das wollte ich meinen Eltern und mir selbst einfach nicht antun. Also behielt ich meine Hoffnungen und Gefühle lieber für mich, in meinem Zimmer, mit Boy-Band-Postern von Take That an den Wänden.