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Regenbogen im Aufklärungsunterricht
ОглавлениеMeine Vergangenheit war mit meinem Schulabschluss und meinem Coming-out aber noch nicht abgelegt. Im Gegenteil. Die schwierige Situation an meiner früheren Schule beschäftigte mich auch weiterhin. Nur weil ich die Hänseleien nicht mehr ertragen musste, bedeutete es noch lange nicht, dass es nicht noch mehr junge queere Menschen gab, die tagtäglich diesen traumatisierenden Demütigungen ausgesetzt waren und auch in Zukunft ausgesetzt sein würden. Ich wollte das ändern.
Nur wenige Wochen nach meinem Coming-out rief ich meine ehemalige Tutorin am »Glückauf«-Gymnasium in Altenberg an, als Biologie- und Vertrauenslehrerin hatte sie immer ein offenes Ohr für die Probleme der Schüler gehabt. Ich wollte von ihr wissen, warum wir damals dem Thema Homosexualität im Aufklärungsunterricht gerade einmal fünfzehn Minuten widmeten, obwohl es so viel über die Vielfalt der LGBTQ+- Community zu erzählen und zu lernen gäbe. Nach mehreren Gesprächen entschieden wir uns, einen Testlauf zu machen. Ich hatte einen ausführlichen Vortrag vorbereitet, mit dem ich ihre sechste Klasse über das Thema Homosexualität und HIV aufklären wollte. Konnte das wirklich wahr sein? Ich würde aktiv dazu beitragen, das Leben von ein paar queeren Jugendlichen einfacher, besser zu machen. Motiviert nahm ich die Herausforderung an.
Da stand ich nun, vor dem Lehrerzimmer meiner alten Schule. Ungewohnt war es allerdings schon, nicht als Schüler vor der Tür zu stehen, sondern gemeinsam mit den anderen Lehrerinnen und Lehrern, die ich noch aus meiner Schulzeit kannte, vor Schulbeginn einen Kaffee zu trinken. Dann sollte es losgehen. Beim Betreten des Biologiezimmers blickte ich in überraschte Gesichter und hörte Gekicher aus den hintersten Reihen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und begann: »Mein Name ist Karl, und ich bin schwul.«
Karl auf seinem ersten CSD in Dresden für den Gerede e. V.
Fragen über Fragen strömten auf mich ein. Ich konnte meinen Vortrag nach nur wenigen Minuten eigentlich beiseitelegen, denn das Einzige, was diese jungen Geister interessierte, waren meine Antworten auf ihre Fragen. »Wie ist es, schwul zu sein? Wie war dein Coming-out? Wie hat man Sex als schwuler Mann? Stimmt es, dass …?« Die Klassenbesten in der einen Ecke, die Krawall-Jungs in der anderen und die Neugierigen in der Mitte – sie alle hatten etwas gemeinsam: Sie hatten Fragen, auf die sie bisher keine Antworten erhalten hatten. Weder von ihren Eltern noch von den Lehrern, die das Thema Homosexualität mit den Wörtern »die gebrauchen einfach andere Körperöffnungen« am Ende des Sexualkundeunterrichts überflogen. Mit ein wenig Humor und harten Fakten war es mir gelungen, die Klasse dafür zu interessieren, dass sie ihre heteronome Welt hinterfragten und der LGBTQ+- Community unvoreingenommener begegneten. Ich konnte sie dafür sensibilisieren, Mitschülerinnen und Mitschüler beim Outing zu unterstützen.
Meine ehemalige Lehrerin führte mich mit dem Pausenklingeln zurück ins Lehrerzimmer. »Gut gemacht«, meinte sie. Im Lehrerzimmer sollte dann etwas Bemerkenswertes passieren. Mehrere Lehrkräfte kamen auf mich zu. Sie wollten ihre eigenen Unterrichtsstunden ausfallen lassen und es mir dadurch ermöglichen, in noch mehr Schulklassen mein Anliegen zu »unterrichten«. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutete das: kein Englisch, kein Mathe und kein Gesellschaftskundeunterricht für diesen Tag. Für die nächsten sieben Stunden stand mein Aufklärungsunterricht auf der Tagesordnung.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über meinen Besuch an der Schule. Überall schauten Köpfe aus den Klassenzimmern, als ich von einer zur nächsten Klasse eilte. »Ist das der Schwule?« Als Schüler war ich vornehmlich damit beschäftigt gewesen, mich selbst zu verstehen und den Anfeindungen auszuweichen. Was mich vor meinem Outing in meiner Schulzeit also noch gestört hätte, erfüllte mich an diesem Tag mit Stolz. »Ja, ich bin der Schwule.«
HILFE & BERATUNG FÜR LGBTQ+
In Deutschland können Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie transidente und intergeschlechtlichen Menschen Hilfe bekommen und Beratungsangebote wahrnehmen. Neben dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) vertreten lokale Organisationen die Belange von LGBTQ+-Personen, unabhängig von Alter oder Herkunft.
In meiner letzten Stunde, es war wohl eine zehnte Klasse, erlebte ich einen ganz besonderen Moment. Im Laufe der fünfundvierzig Minuten stellte sich ein Mädchen als besonders wissbegierig heraus, schließlich wagte sie den für sie folgenreichen Schritt und sagte: »Ich bin lesbisch.« Einige in der Klasse wussten offenbar bereits davon. Doch für die Mehrheit war dieses Bekenntnis unerwartet. Auch für mich. Dennoch stimmte es mich nachdenklich. Was würde mit dem Mädchen passieren? Wie würden ihre Klassenkameraden morgen und in Zukunft reagieren? Wer würde es auf seiner schwierigen Reise begleiten?
Etwas besorgt erzählte ich meiner einstigen Tutorin davon. Sie sagte: »Du machst dir zu viele Sorgen, Karl. Natürlich werde ich auf sie schauen und auch meine Kolleginnen und Kollegen davon unterrichten. Du hast nicht nur den Schülerinnen und Schülern am heutigen Tag die Augen geöffnet, wir als Lehrkräfte müssen uns ebenfalls dieser Aufgabe bewusster sein.« Ihre Worte inspirierten mich, sie ließen ein Gefühl aufkommen, das mich bis heute an die Gründe für meine Arbeit erinnert.
GEREDE E. V. IN DRESDEN
Nach meinem Coming-out engagierte ich mich ehrenamtlich beim Dresdner Verein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie deren Angehörige und wurde im Verlauf meiner Arbeit zum Vorstand gewählt. Der Gerede e. V. bietet Begegnungs- und Beratungsmöglichkeiten und organisierte über sechzehn Jahre lang das Schulprojekt »Respekt beginnt im Kopf«.