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Ausweg Reisen – nur weg aus dem Grauen
ОглавлениеNatürlich gab es auch eine Zeit vor meinem sexuellen Erwachen. Aufgewachsen bin ich in der Deutschen Demokratischen Republik. Heute sagen Ossis gern über die DDR: »Damals hatten wir nichts.« Wie wahr dieser Ausspruch tatsächlich ist, kann ich nur vermuten. Doch einige meiner Erinnerungen klingen so unglaublich, dass Daan manchmal extra nachfragt: »Und das war wirklich so? Oder hast du dir das gerade als Scherz ausgedacht?« Unser Spielzeug war grau und noch von den Eltern oder Großeltern. Für neue Anziehsachen und exotische Früchte musste meine Mutter fast einen ganzen Tag in der Schlange stehen. Und die einzige Sendung für Kinder, Unser Sandmännchen, an die ich mich im DDR-Fernsehen erinnern kann, kam in Schwarz-Weiß daher (wir hatten einen riesigen russischen Fernseher, riesig im Sinne von schwer und unhandlich).
Und so wuchs ich auf in enger Verbindung zu meinem B`ruder Stephan und der Natur, die mich im Erzgebirge so atemberaubend umgab.
SCHWUZ
Im SchwuZ, kurz für SchwulenZentrum, fühlte ich mich seit meinem ersten Besuch, damals noch auf dem Mehringdamm neben dem Schwulen Museum Berlin, am wohlsten. Regelmäßige Events, Themenabende und die besten DJs der Stadt machen es zu einem der sichersten Orte für die LGBTQ+-Community und queere Refugees in Berlin.
Von der Freiheit, ferne Länder zu bereisen und in unbekannte Kulturen einzutauchen, konnten wir nur träumen. Stattdessen verbrachten wir die Ferien bis zu meinem zehnten Lebensjahr zumeist in Deutschland, wahlweise an der Müritz, der Mecklenburger Seenplatte, im Spreewald oder an der Ostsee. Mein Bruder und ich saßen »eingebaut« zwischen Koffern, Einkäufen und Kindersachen auf dem Rücksitz, und der Klappfix-Wohnzeltanhänger kam hinten an unseren weißen Trabi 601 – mein Vater musste fast zehn Jahre auf dessen Lieferung warten. Dann ging die Reise los, mit sechzig Stundenkilometern – mit Rückenwind und bergab vielleicht auch mal achtzig – auf der Betonautobahn Richtung Norden. Für einen Trip vom Erzgebirge aus benötigten wir einen vollen Tag.
Viele meiner Erinnerungen aus dieser relativ grauen und ungewissen Zeit beschränken sich demnach auf meine Familie. Meinen Vater, den ich noch nie in meinem Leben ohne einen Vollbart gesehen habe, bekam ich arbeitsbedingt häufig nur am Wochenende zu Gesicht. Diese gemeinsamen Tage verbrachten wir vornehmlich im Wald, suchten Pilze, gingen spazieren. Er war mit Herz und Seele Förster, der immer und überall stolz seinen dunkelgrünen Filzhut trug. Mein Vater liebte den Wald, besonders die Vögel. Wie faszinierend es doch ist, dass er fast alle am Gesang erkennen kann und zu jeder Baumart etwas zu erzählen hat. Geschichtenerzählen, ja, das konnte er, daran kann ich mich noch gut erinnern.
Meine Mutter hingegen, eigentlich eine gelernte Köchin, war zu dieser Zeit, kurz vor der Wende, Hausfrau und Mutter. Zweifelsfrei eine sehr herausfordernde Aufgabe, vor allem, wenn man noch in sogenannter Heimarbeit – heute würden wir es wahrscheinlich Homeoffice nennen – mechanische Kleinteile mit der Lupe für die Feinmechanik Firma im Ort herstellte. Und »nebenbei« noch zwei Kinder großzog. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder und ich hatten ein sehr enges Verhältnis zu unserer Mutter. Auch wir verbrachten viel Zeit in der Natur, mit Basteln und Zeichnen … und Essen. Noch heute besprechen wir bereits vor einem Trip in die Heimat den Speiseplan für die Zeit zu Hause.
Stephan und ich hatten häufig die gleichen Kinderklamotten an und viele hielten uns deshalb auch für Zwillinge. Und während ich meine erste Puppe, Klara, von meiner Mutter erhielt – sie hatte lange schwarze Haare und einen blau-pinkfarbenen Body an –, bekam mein Bruder den alten Teddybären meines Vaters zum Spielen und Kuscheln. Ich jedenfalls hatte gegen die Puppe nichts einzuwenden gehabt.
Die Welt, in der ich aufwuchs, war alles andere als weltoffen. Es ging ums Anpassen, Hineinpassen, Dazugehören, ja nur nicht auffallen und ja nicht aus der sozialistischen Reihe tanzen. Kurzum, nicht anders zu sein als normal. Sonst stand die Stasi, das Staatsministerium für Sicherheit, vor der Tür – oder hörte mit und überwachte. So wurden bereits meine Eltern erzogen. Und diese Ansichten und Weltvorstellungen gaben sie an Stephan und mich weiter. Sie kannten ja nichts anderes. Westliches, offenes Gedankengut konnte nur in engen Schranken, in den Kellern und Gartenhäuschen in einigen Großstädten, ausgelebt werden. Nicht aber in einer kleinen Gemeinde, in der jeder jeden kannte und in der man sprichwörtlich als Letztes von einer Neuigkeit aus der weiten Welt erfahren würde.
Karl und sein Bruder Stephan mit Schultüte im Jahr 1990
Und dann kamen der Fall der Mauer und die Wende. Und ich hatte Schuleinführung, 1990. Schon als Sechsjähriger, mit der riesigen Zuckertüte im Arm, bemerkte ich, dass etwas anders war. Die Verpackungen von Süßigkeiten, Schokolade, Schul- und Spielsachen, mit denen meine riesige Zuckertüte vollgestopft war, sahen anders aus, kamen in allen Farben und Formen daher. Sogar in meiner Lieblingsfarbe Pink. Für ganze viereinhalb Wochen ging ich damals noch als DDR-Bürger in die Polytechnische Oberschule Wilhelm Pieck in Schlottwitz. Dann war es vorbei mit der Deutschen Demokratischen Republik. Aus war der Traum, ein Pionier zu werden, stattdessen gab es eine orangefarbene ADAC-Mütze für die Schulanfänger.
Und noch etwas Entscheidendes sollte sich mit der Eingliederung der DDR-Bundesländer in die Bundesrepublik Deutschland verändern. Wir ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger hatten auf einmal die Möglichkeit, nicht nur am westlichen Konsum teilzuhaben, sondern wir durften nun offiziell die ganze Welt bereisen. Wenn ich mir das heute auf der Zunge zergehen lasse: »durften«, dann muss ich schlucken. Und dennoch glaube ich, dass die Möglichkeit, in den Neunzigerjahren endlich überallhin fahren zu können, zu einem der Hauptgründe wurde, weshalb das Reisen ein so wichtiger Teil meines Lebens geworden ist.