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»Arsch runter, Arme vor!«
ОглавлениеLiebe, Angst, Erwartungen, Vorurteile, Unwissenheit. Sich für Kinder zu entscheiden, bringt immer eine große Verantwortung mit sich und ist für viele Erwachsene wohl die ultimative Herausforderung ihres Lebens. Dabei ist es so wichtig, den eigenen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Könnte ich zurückreisen in die Vergangenheit und meinen Eltern ein paar wichtige Hinweise mit auf den Weg geben, dann wären es wohl diese drei Dinge:
Erstens: Zeigt mir, wie ich weltoffen, tolerant und selbstbewusst Menschen aller Ethnien, Herkunftsländer, Geschlechter, Geschlechteridentitäten und Ausdrucksformen dieser begegnen kann. Zeigt mir, was möglich ist und wie ich sein darf. Gebt mir die Freiheit, Dinge auszuprobieren, ohne mich zu verurteilen, verändern oder beschützen zu wollen. Eine positive, vorurteilsfreie Umgebung ist ein wichtiger Schritt für viele queere Menschen, den Mut und das Vertrauen zu finden, sich selbst zu verstehen, um Hilfe zu fragen, sich in der Öffentlichkeit zu outen. Ich selbst empfand Tabuthemen immer als Verbot. Etwas, was ich erst beim Schreiben dieser Zeilen so richtig verstand.
Zweitens: Redet mit mir über eure Ängste und hört euch meine Ängste an. Eltern besprechen ihre Ängste oft unter sich, haben dann allerdings Schwierigkeiten, die richtigen Worte bei ihren Kindern zu finden. Das ist etwas, was ich nicht nur von meinen Eltern kenne, sondern auch von anderen LGBTQ+-Personen, mit denen ich mich über Herausforderungen beim Outing unterhalten habe. Dabei wäre es mir so wichtig gewesen, meinen Wirrwarr im Kopf mit ihnen zu teilen, gemeinsam zu entflechten, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen und auch einmal von ihnen umarmt zu werden. Und ich bin mir sicher, ich hätte auch die Ängste meiner Eltern besser verstanden.
Drittens: Steht immer hinter mir, wenn ich euch als Rückhalt benötige, und vor mir, wenn ich zu schwach bin, mich selbst zu verteidigen. Auf diesen dritten Punkt konnte ich mich bei meinen Eltern immer verlassen. Sie waren immer für mich da und sind es auch noch heute. Leider ist das für viele queere Menschen nicht die Regel.
Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille, denn nicht alle Eltern verstehen, was es für einen jungen Menschen bedeutet, zu merken, dass er oder sie anders ist. Sie reagieren mit Verachtung, Hass, körperlicher und seelischer Gewalt. Im Extremfall werden auch heute noch Jugendliche von ihren Familien verstoßen.
Zusammen mit einem lesbischen Pärchen habe ich selbst zwei Kinder, je ein Kind mit einer der beiden Frauen. Es ist mir daher umso wichtiger, dass ich den beiden alle Werkzeuge an die Hand geben möchte, die ich damals als Kind dringend benötigt hätte, um mich den Herausforderungen als (schwuler) Mann zu stellen. Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Selbstsicherheit – komme, was wolle.
Mein Ausweg aus dieser schwierigen Zeit war der Sport, Volleyball, um genau zu sein. Ich war ungefähr zwölf Jahr alt, als mein Vater von einem neuen Volleyball-Team im Nachbarort erzählte. Die Trainerin, Frau Bélafi, die schon zu DDR-Zeiten als eine Koryphäe im Volleyball galt, versammelte gleichaltrige Jungs aus den benachbarten Gemeinden, um ihnen, um uns das Spielen beizubringen. Und wir waren sofort dabei. Denn mein Bruder und ich waren begeisterte Volleyballfans, unter anderem aufgrund der von uns so geliebten japanischen Anime-Fernsehserie Mila Superstar mit der zwölfjährigen Volleyballspielerin Mila Ayuhara. Einmal so fliegen und den Ball zu schmettern wie unser Idol, das trieb uns zu Beginn an. Und wir waren gut. Sehr gut sogar. Schon ein Jahr nach Trainingsbeginn gewannen wir mit unserem Team die Silbermedaille bei den Sachsenmeisterschaften unserer Altersklasse in Dresden.
Die Freudentränen unserer Trainerin werden mir wohl mein Leben lang in Erinnerung bleiben. Genauso wie die strengen, aber wirkungsvollen Anordnungen vom Spielfeldrand: »Arsch runter, Arme vor!«, die ich später als Volleyballtrainer gern selbst weitergab.
Doch neben den sportlichen Erfolgen hatte das Volleyballspielen noch weitere Nebenwirkungen. Mein Körper wurde aufgrund des harten Trainings muskulöser, und mein Selbstbewusstsein wuchs mit jeder Medaille, die wir bei den zahlreichen Turnieren abräumten. Zudem entwickelten sich auch erste Freundschaften zu anderen Jungs. Und in der Schule wurde ich zum schnellsten Läufer meines Jahrgangs. Anstelle von Beleidigungen erhielt ich zunehmend Anerkennung, auch von meinen Eltern. Meine Position als Zusteller, auch Spielverteiler genannt, rückte mich als zentrale Figur auf dem Spielfeld ins Rampenlicht. Und das sollte bis zu meinem Abitur 2002 so bleiben. Volleyballspielen wurde mein Ausgleich und zu meinem Lebenshobby.
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CSD in Berlin
LGBTQ+-COMMUNITY IN DEUTSCHLAND
Trotz der Vorbehalte vonseiten der CDU stimmte die Mehrheit der damaligen großen Koalition 2017 für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Seitdem gehört Deutschland laut dem jährlichen Spartacus Gay Travel Index (GTI) zu den queer-freundlichsten Ländern weltweit, allerdings hinter Kanada, Schweden, den Niederlanden, Malta oder Spanien. Vor allem im ländlichen Raum sind Homosexuelle und queere Personen aber auch heute noch Vorurteilen ausgesetzt. In der Öffentlichkeit halten sich hartnäckig Stereotype, die von einseitiger Darstellung in den Medien geprägt werden. Leider gibt es vorwiegend im östlichen Teil der Republik, dort, wo ich aufgewachsen bin, gesellschaftlich rechte Strömungen, die queere Menschen beschimpfen, ausgrenzen und sogar körperlich angreifen. In Berlin, Köln, München, Hamburg oder Frankfurt können sich lesbische, schwule und queere Reisende hingegen wohlfühlen, da diese als die LGBTQ+-freundlichsten Städte in Deutschland gelten. Jedes Jahr werden hierzulande mehr als sechzig CSD-Veranstaltungen organisiert. Über diese Entwicklung freue ich mich besonders.