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Ameisen und Frauen mit dem gleichen Stellungs-„Schicksal“
ОглавлениеBlicken wir unter die Textoberfläche, so begegnen uns Stilfiguren, die den Eindruck der Fülle verstärken: Viermal quod, „was“, in Vers 3 und 4 lässt auf eine geradezu unendliche Zahl schließen. Eine Anapher (Wiederholung desselben Wortes am Beginn syntaktischer Einheiten), die suggeriert, dass sich die Aufzählung problemlos fortsetzen ließe: Es ist „Beute“ in Hülle und Fülle da. quod … quod … quod … quod – keine Sorge, dass du leer ausgehst!
In Vers 5 liegt mit redit itque ein Hysteron proteron vor, eine Stilfigur, bei der das zeitlich Spätere (hysteron) früher (proteron) erwähnt wird, die logische Reihenfolge also umgekehrt wird: „zurückgehen“ vor „gehen“. Diese Vertauschung der normalen Abfolge bildet das Gewimmel ab, das auf der Ameisenstraße herrscht. Wer kann angesichts dieses dichten Verkehrs schon entscheiden, ob das einzelne Tier auf dem Hinoder dem Rückweg ist? Die schiere Masse lenkt vom einzelnen Tierchen ab. Verbildlicht wird das zusätzlich durch eine Stellungsfigur: longum formica per agmen. Das Lateinische ermöglicht mit seiner freieren Wortstellung solche Hyperbata, „Sperrungen“. longum gehört zu (per) agmen, „der lange Zug“ wird aber unterbrochen durch formica, „Ameise“. Die einzelne Ameise ist damit gewissermaßen eingeklemmt in den langen Zug, sie kann nicht nach links entweichen, denn da steht longum, und sie kommt nicht nach rechts heraus, denn da steht per agmen. Ein anschauliches Bild: Die einzelne Ameise ist Teil eines Kollektivs. Nur wer gründlich hinschaut, kann sich auf sie konzentrieren. Und der „Zug“ erscheint durch das dazwischengeschobene formica noch länger. Er erstreckt sich über den gesamten zweiten Teil des Verses: longum formica per agmen – da ist ordentlich was los.
Der Frau ergeht es ähnlich wie der Ameise. Sie wird ja über die Vergleichskonstruktion ut … ut … sic („wie … wie … so“) mit den „Schwarmwesen“ Ameise und Biene parallelisiert. Und ihr widerfährt das gleiche „Stellungs-Schicksal“ wie der formica: Die einzelne cultissima femina, „ordentlich herausgeputzte Frau“, ist von den celebres ludos, den „viel besuchten Spielen“, eingeschlossen. Man sieht einen langen Zug von Frauen zum Theater strömen – und diese Vorstellung des ununterbrochenen Strömens wird im Vers 11 durch das doppelte veniunt, „sie kommen“, wieder aufgenommen. Anschaulicher und eindringlicher kann man das Theater als ergiebigen Jagdgrund kaum beschreiben. Der „Jäger“ sieht sich vor ein Luxusproblem gestellt: Er muss sich entscheiden, eine Wahl treffen – was angesichts der copia, „Fülle“, schwierig ist und dauern kann. quod erat demonstrandum: Die Ausgangsthese in Vers 3 mitsamt der (eher positiven) Problematik, die sich dort schon im Komparativ fertilior, „ergiebiger“, andeutet, wird in Vers 10 bestätigt, jetzt aber durch die zahlreichen Beweisinstanzen auf und unter der Textoberfläche zur Gewissheit verdichtet.