Читать книгу Nur dämlich, lustlos und extrem? - Kurt Möller - Страница 35
ОглавлениеWas wäre deine Wunschvorstellung für die Zukunft?
Also am schönsten fände ichs, wenn solche Themen gesellschaftlich so verankert sind, dass man davon weiß und auch danach handelt. Also wenn ich merke, dass die Person neben mir was Blödes gesagt hat, dass ich mich dann auch traue, einzugreifen. Das machen jetzt schon ganz viele Personen, aber gesellschaftlich sind es immer noch so wenige, dass das Gefahren birgt. Da wünsche ich mir, dass jeder reflektiert, welche Aussagen und welche Taten welche Auswirkungen auf andere Personen haben. Natürlich ist ein Problem, dass man nie alle Themen auf dem Schirm haben kann, aber eine Grundhaltung sollte da sein, um zu erkennen, wo man handeln muss. Dann kann ich mir schon vorstellen, dass unsere Welt besser werden könnte. Wir hatten auf einem Konzert mal einen Vorfall, wo sich ein Mann nicht gut benommen hat. Da hat dann die Band und der ganze Raum aufgehört, dieses Konzert wahrzunehmen, und dann wurde gesagt: »Hey, entweder du entschuldigst dich jetzt oder du gehst.« Ich finde, es ist ein Fortschritt, zu sagen: »Hey, da sind unsere Grenzen oder da werden die Grenzen von anderen überschritten, das dulden wir nicht.« Wenn das gesellschaftlich ankommen würde, fände ich das sehr schön.
Was, denkst du, muss passieren, damit das ankommt in der Gesellschaft?
Erst mal Verständnis. Natürlich haben Typen nicht immer das große Interesse, femtrail zu lesen, weil es sie nicht interessiert. Aber dann muss einfach das Interesse so aufgebaut werden, indem die Thematik in den Alltag einfließt. Man muss halt manchmal einfach die Leute nerven, damit verstanden wird, warum man wütend ist.
Glaubst du, du kannst was dafür tun, dass sich da was ändert?
Ich glaube schon, dass ich eine recht gute Reichweite habe, um etwas zu ändern. Ich habe auch schon sehr viel Feedback bekommen von Männern, die zumindest angefangen haben, das Thema zu hinterfragen und zu reflektieren. Aber ich spezifiziere mich doch sehr auf Musik- und Queer-Themen, die natürlich nicht jeden ansprechen. Da gibt es für mich schon noch eine Hürde, so eine Relevanz zu haben, aber das ist auch völlig in Ordnung. Ich hoffe, dass ich mehr Leute motivieren kann, die eine Relevanz haben. Ich sehe nicht meine Rolle darin, die Arbeit komplett zu leisten. Aber mir ist es wichtig, Themen weiterzugeben, von denen ich Ahnung habe. Wenn weiße Menschen über Rassismus schreiben, denke ich mir: Du kannst als weiße Person nicht darüber reden, weil du diese Erfahrung nicht gesammelt hast. Bevor du was tust, überlege noch mal, ob du genug eigenes Wissen und Erfahrungen mitgebracht hast. In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt. Die starten dann mit Informationen aus dritter Hand politische Aktionen. Allerdings: Politik ist kein leichtes Thema, weil man da mit Wissen rangehen muss. Erfahrungen und Wissen sind zwei unterschiedliche Dinge. Erfahrungen kann man sammeln, aber wie man am Ende damit umgeht, ist was anderes. Ob du das Geschehene durchdenkst oder nur oberflächlich berichtest. Es wären zwei unterschiedliche Texte, wenn zwei Personen über ein Erlebnis berichten würden und die eine Person einfach nur impulsiv berichten würde und die andere Person würde noch mal durchdenken, wie es dazu kommen konnte, wie sich die Person dabei gefühlt haben könnte. Das sind zwei unterschiedliche Messages, und da ist die impulsive Message oftmals gefährlicher, denke ich. Emotionale Aspekte sind oft schwierig, weil sie keine gute Grundlage sind, um eine politische Message rauszubringen. Da muss man checken, ob man zu emotional ist, um etwas auf einer neutralen Ebene zu betrachten.
In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt.
Wobei ich mir schon vorstellen kann, dass gerade feministische Themen mit Emotionen verbunden sind. Viele Sachen, die da passieren, können ja wütend machen.
Ja, auf jeden Fall. Damit fangen sie ja an, aber sie so weiterzugeben, ist schwierig. Natürlich sind Demos und Aufstände das Wichtigste für mich, weil sie auch in der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie Dinge verändert haben, die bis heute wichtig sind. Das sind alles emotionale Geschehnisse, aber man sieht auch in der Gesellschaft, wie emotionale und impulsive Geschehnisse aufgefasst werden und dass sie nicht mehr ernstgenommen werden. Deswegen habe ich schon Texte bis zu 20 Mal umgeschrieben, weil ich gemerkt habe, dass ich zu viel ausgeufert bin in meinen Gefühlen.
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