Читать книгу Nur dämlich, lustlos und extrem? - Kurt Möller - Страница 39

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Sind das nur Sticker, die irgendwo rumliegen, oder bekommst du deine Sticker noch von woanders her?

Nee, beispielsweise bei Demos kann man welche mitnehmen. Da schmeißt man in ein kleines Kässchen ein bisschen Geld rein, damit das Sticker-Drucken finanziert werden kann. Ansonsten gibt es auch Internetseiten, auf denen man Sticker bestellen kann. Da habe ich auch schon welche bestellt.

Kannst du mir Beispiele nennen, was konkret auf den Stickern draufsteht?

Als die Identitäre Bewegung in Stuttgart vor zwei Jahren relativ groß war, da gab es Demo-Sticker, wo draufstand: »Die Identitäre Bewegung zerschlagen«. Da war dann dieses IB-Zeichen mit so einer Faust versehen, die auf das Zeichen schlägt und es zerbricht. Daneben gibts beispielsweise von der Links-Jugend einen Sticker zum Thema Feminismus, wo eine Vulva drauf abgebildet ist mit dem Spruch »Viva la Vulva«. Das ist mein Lieblings-Sticker.

Was gefällt dir daran so gut?

Zum einen, weil der lila ist, diese Zeichnung der Vulva selbst und dann diese schwungvolle Schrift, in der das geschrieben ist. Der sieht einfach optisch schön aus, und dann dieses Stigma, was oft noch sehr mitschwingt, dieses Schambehaftete. Wenn man den so plakativ irgendwo hinklebt, kann man drauf aufmerksam machen, dass man auch ein bisschen zelebriert, was der weibliche Körper alles kann.

Hast du auch Klamotten oder Tattoos, auf denen politische Aufdrucke sind?

Ich habe ganz viele T-Shirts mit politischen Aufdrucken. Mein erstes politisches T-Shirt war ganz plakativ mit dem Motiv »FCK NZS«. Dann habe ich solche Aufnäher auf meiner Jacke drauf, und auch auf meinem Rucksack habe ich einen. Tattoos habe ich auch. Zum einen ein Band-Tattoo. Es ist ein Zitat von einer Band, aber eher bisschen unterschwellig, wo man drüber nachdenken muss. Es ist von der Band Heisskalt und heißt »Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«. Das ist in der Innenseite meines Oberarms. Auch so ein bisschen bunt. Und dann hab ich noch ein Anarchie-Zeichen auf dem Rippenbogen tätowiert.

»Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«.

Was ich damit ausdrücken möchte: eigentlich den Leuten das so ins Gesicht drücken sozusagen. Das ist ja wie mit den Stickern: Die sind relativ unauffällig, wenn die an irgendeinem Laternenpfosten kleben, aber es sind trotzdem Blickfänger, worüber man dann nachdenkt. Wenn ich durch irgendeine Stadt laufe und da Sticker sehe, dann weiß ich: Okay, es sind auch mehr linke Menschen hier oder eben viele Rechte oder so. Und: Man hat oft das Gefühl, dass man sich nicht so richtig traut, was zu sagen, gerade in ’nem Dorf, wenn da viele ältere Leute wohnen, die immer wieder solche Parolen raushauen. Wenn man dann immer mit solchen T-Shirts rumläuft, dann wird man gar nicht mehr so damit konfrontiert. Die Leute wissen schon, dass sie mit mir da gar nicht drüber diskutieren brauchen. Das macht es ein bisschen einfacher.

Wem möchtest du denn allgemein mit den Stickern was sagen?

So Leuten wie beispielsweise damals bei mir im Dorf, die nicht wollten, dass da eine Asylunterkunft eröffnet wird, denen will ich zeigen: Hey, es gibt auch Leute, die das okay finden. Vielleicht aber auch denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden, und so ein bisschen dagegenhält.

Denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden.

Wo stickerst du genau? Nur draußen?

Hauptsächlich an Laternen, teilweise an Schildern, beispielsweise Fußgängerzone-Schilder. Aber ich versuche es schon so zu machen, dass man trotzdem weiß, was das Schild bedeutet, also klebe ich das an die Ecken der Schilder. Oder auch auf Mülleimer. Da gibt es in Fußgängerzonen auch solche, wo oben noch eine Platte drauf ist, das heißt, bevor man was reinwirft, schaut man oben drauf. Das ist ein ganz guter Platz.

Und auf deinen eigenen Sachen bei Dir zu Hause?

Da auch. Ich hab einen Rollcontainer, der ist vollgestickert. Früher auch mein Ordner, den ich mit in die Schule genommen habe, und auf meinem Handy ist hinten ein Sticker.

Und wie ist das so beim Stickern? Was geht dir da durch den Kopf, wenn du das machst?

Hoffentlich beobachtet mich niemand dabei! [lacht] Ich schaue schon, dass ich es hauptsächlich mache, wenn es dunkel ist oder wenn nicht viele Leute unterwegs sind. Es ist nicht so, dass ich tagsüber, wenn viel in der Innenstadt los ist, mega viel sticker. Schon eher, wenn ich unbeobachtet bin.

Das Stickern ist ja nicht so ganz legal …

Also ich weiß schon, dass das nicht legal ist, aber ich finde, es gibt so viele Dinge, bei denen man denkt, das könnte ruhig legal sein. Ich sehe das Problem nicht so ganz, warum das verboten ist. Diese Sticker sind ja meistens bunt, und wenn man die an eine Laterne klebt, dann finde ich nicht, dass das die Stadt dreckig macht.

Und warum machst du es trotzdem, obwohl es illegal ist? Du könntest ja auch was anderes machen.

Vor allem, weil ich mir denke, es gibt viele, vor allem auch rechts denkende Menschen, die auch ihre Sticker verteilen. Klar könnte man sagen, dann mach ich die Sticker nur weg, aber die stickern halt auch nach. Wenn die auch noch andere Sticker sehen, dann sind die angepisst deswegen und denken: Oh nee, jetzt sind hier auch noch links denkende Menschen. Mich regen Sticker auch zum Nachdenken an. Wenn andere Leute die Sticker sehen, werden die auch darüber nachdenken, denk ich.

Wissen die Menschen aus deinem Umfeld, dass du stickerst?

Ja, die meisten in meinem Freundeskreis stickern selbst. Und meine Familie weiß es auch. Die haben damit mittlerweile auch nicht mehr so ’n großes Problem, wobei die das nie krass gestört hat, weil sie wussten, dass ich vorsichtig bin und das nicht offensichtlich mache.

Wie war die Reaktion, als sie mitbekommen haben, dass du das machst?

Dadurch, dass ich mittlerweile in einem Freundeskreis bin, wo das normal ist, weiß ich gar nicht mehr, wie das am Anfang war. Meine Schwester beispielsweise hat das parallel angefangen. Als wir im Freundeskreis darüber gesprochen haben, dann meinten die so: »Wenn du noch Sticker hast, dann kannst du mir ja welche geben, dann können wir zusammen stickern.« Das war eigentlich eher ein offener Umgang damit, von Anfang an.

Hattest du deshalb auch schon mal Diskussionen?

Ja, mit einem Kumpel, der aber eigentlich alles hinterfragt. Der hat mich dann in die Enge getrieben sozusagen. Der meinte: »Das muss ja dann auch wieder jemand wegmachen«, und warum ich das unbedingt machen muss. Er wollte mich damit auch zum Nachdenken anregen, ob das wirklich sein muss. Aber sonst krasse Diskussionen eigentlich nicht.

Und wie war die Situation in der Diskussion mit dem Kumpel für dich?

Stressig, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mich rechtfertigen muss, warum ich das mache. Davor musste ich noch nie darüber mit jemandem diskutieren, auch nicht mit meinen Eltern. Ich bin aber auch nicht zu denen hingerannt und hab gesagt: »Hey, ich sticker jetzt, was haltet ihr davon?« Sondern die haben die Sticker bei mir liegen sehen und dann auch welche im Ort. Aber das ist ja eher ein stiller Protest. Deshalb war das für die nicht so das Problem. Ich glaube, für sie wars besser, als wenn ich schon mit 17 auf krasse Demos gegangen wäre.

Was glaubst du, wäre ihr Problem mit den krassen Demos gewesen?

Wahrscheinlich, dass mir was passiert. Dadurch, dass ich aus einem kleinen Dorf komme, das über eine Stunde von Stuttgart weit weg ist. Irgendwann hab ich auch angefangen, auf Demos zu gehen, und bin dann nach Stuttgart reingefahren. Da haben meine Eltern schon gesagt: »Muss das wirklich sein? Pass auf dich auf!« Man kriegt halt in den Medien oft mit, dass Demos eskalieren können, dass es dann Polizeikessel gibt und man in Gewahrsam genommen wird. Und nachdem ich auf meiner ersten großen Demo war – da war ein AfD-Parteitag 2016 –, da gings schon morgens um 7 Uhr los, dass Straßenbarrikaden auf der Autobahn errichtet wurden. Meine Freundin und ich sind erst um 11.30 Uhr hin, da war dann das Größte schon vorbei. Aber als ich erzählt habe, dass wir auch in einem Polizeikessel gelandet sind und dass uns gedroht wurde, dass wir alle in Gewahrsam genommen werden, wenn wir jetzt nicht den Platz verlassen, da haben sie dann schon gesagt: »Oh Gott, nicht dass das passiert!«, und: »Nicht, dass du später Stress bekommst im Beruf!« Da haben sie sich schon Sorgen gemacht, aber so weit kam es zum Glück nie. Klar, Personenkontrollen vor den Demos, aber nicht, dass ich in Gewahrsam genommen wurde. Da hatte ich immer Glück.

Was hat für dich das Stickern mit Politik zu tun?

Das ist eine Art, seine politische Meinung zu äußern, denn auf den Stickern sind ja Aussagen drauf. Wenn man die verteilt, ist das im Prinzip, wie wenn man seine politische Meinung äußert, aber halt ein bisschen anonymer, als wenn ich auf Facebook poste.

Das ist eine Art, seine politische Meinung zu äußern, denn auf den Stickern sind ja Aussagen drauf. Wenn man die verteilt, ist das im Prinzip, wie wenn man seine politische Meinung äußert, aber halt ein bisschen anonymer.

Stellt das für dich eine spezielle Art von Politik dar? Und fällt dir ein Wort ein, wie du diese Form von Politik bezeichnen könntest?

Stiller Protest. Das trifft es ganz gut, weil man ja nichts sagen muss. Man kann nachts durch die Straßen laufen und die Sticker kleben, und am nächsten Morgen kommt vielleicht ein Bericht in der Zeitung. Ich weiß nicht, wie viele Leute, die selbst nicht stickern, auf diese Sticker achten, aber ich finde schon, dass man damit Menschen erreicht.

Es gibt ja auch Partei- oder Gremienarbeit. Wie unterscheidet sich das Stickern davon?

Zum einen bestehen Parteien und Gremien aus mehreren Menschen, das kann man nicht einfach allein machen. Und man macht sich in Parteien und Gremien auch angreifbar, wenn man eine andere Meinung hat als die Mehrheit. Man muss sich dann rechtfertigen für die eigene Meinung. Und wenn man stickert, kann man seiner Meinung Ausdruck verleihen, ohne dass man was dazu sagen muss.

Seit wann interessierst du dich überhaupt für Politik?

Das war Ende 2014, als diese Pegida-Bewegung so stark wurde. Da war meine damalige Lieblingsband auf Tour mit einer anderen Band. Diese andere Band hat dann ein Video veröffentlicht, auf dem sie ein Statement rausgehauen haben, dass sie das total scheiße finden, was Pegida macht, dass es menschenverachtend ist. Meine damalige Lieblingsband hat das geteilt, und dann habe ich mir das angeschaut. Ich habe das zwar schon in den Medien mitbekommen, auch meine Eltern schauen jeden Abend die Nachrichten, aber ich habe da nie so richtig zugehört. Aber nachdem ich dieses Video gesehen habe, habe ich gedacht: Okay, es ist schon nicht so cool, und habe mich dann mehr damit beschäftigt, was da eigentlich so abgeht, und habe dann auch vermehrt angefangen, Deutschpunk zu hören, wo es ja in den Texten oft um solche Strukturen geht, um das dann aufzudecken und zu kritisieren. Anfang 2015 bin ich das erste Mal auf eine Anti-Pegida-Demo gegangen. Da waren die ganze Zeit im Fernsehen die krassen Aufmärsche in Dresden und so zu sehen, da hatte ich das Gefühl, dass ich was machen und meinem Protest Ausdruck verleihen will.

Wie informierst du dich normalerweise über Politik?

Hauptsächlich übers Internet. Ich habe das Antifaschistische Aktionsbündnis (AABS) auf Facebook abonniert. Die halten einen immer auf dem Laufenden, was Demos und Aktionen angeht. Die veranstalten auch einmal im Monat ein Treffen. Da war ich, als ich nach Stuttgart gezogen bin, am Anfang drei, vier Mal. Da bekommt man auch immer viele Infos, und es gibt auch Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen. Da war ich zwar nie dabei, aber so kriegt man trotzdem immer mit, was passiert. Z. B. wenn sich die Identitäre Bewegung Samstag morgens auf dem Schlossplatz versammelt oder so.

Setzt du selbst auch politische Beiträge ins Internet?

Ja, schon. Hauptsächlich über Instagram. In meiner Story teile ich viel, aber auch in meinem Beitragsfeed habe ich ein paar politische Sachen drin. Auf Facebook bin ich nicht so krass aktiv, aber manchmal teile ich da Sachen, aber eher musikbasierte Dinge, z. B. wenn ein Lied gerade über ein aktuelles Thema geschrieben wurde.

Machst du neben dem Stickern und Demos besuchen noch andere politische Sachen? Bist du beispielsweise in einer Gruppe?

Nee, das nicht. Wir haben bei uns im Landkreis versucht, was aufzubauen, das ist jetzt aber auch schon zwei bis drei Jahre her. Das war mit meinem Freundeskreis und noch ein paar Freunden von Freunden. Wir wollten eine Gruppierung aufbauen, um Strukturen in und um unsere Kreisstadt herum aufzudecken oder auch mal eine Demo zu organisieren. Es wurde dann auch eine organisiert, als die AfD mal da war. Aber dadurch, dass viele weggezogen sind, ist das dann leider im Sande verlaufen. Aber ansonsten: So richtig in einer Gruppe bin ich nicht. Wie gesagt, beim Antifaschistischen Aktionsbündnis war ich ein paar Mal, aber auch nicht regelmäßig.

Und mal nach vorn geblickt: Denkst du, du wirst dich auch weiterhin politisch engagieren?

Ja, auf jeden Fall. Die Frage ist, wie und in welchem Ausmaß. Auf Demos war ich früher viel öfter, das reicht jetzt zeitlich oft nicht mehr. Aber gerade so das Stickern auf jeden Fall. Die Sticker kriegt man eh auf Demos oder Konzerten oder wenn man sie irgendwo bestellt. Die T-Shirts, die ich habe, werde ich auf jeden Fall weitertragen. An meiner Hochschule wurde letztes Semester ein Typ mit einem Shirt von der Identitären Bewegung gesehen. Da haben wir dann auch gleich eine Art Arbeitsgruppe eröffnet, wo wir überlegt haben, dass wir da eine Stickeraktion an der Hochschule starten könnten. Da tauchen auch immer wieder rechte Sticker auf. Und wir wollen vielleicht noch ein Plakat machen oder so, vielleicht über den E-Mail-Verteiler fordern, dass sich die Hochschule positionieren soll, weil das einfach eine gute Möglichkeit ist, den Leuten zu sagen, dass das nicht okay ist.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, in eine Partei einzutreten?

Nee, eigentlich nicht. Das würde mich viel zu sehr stressen. Tatsächlich habe ich mal überlegt, der Partei Die Partei beizutreten, aber ich glaube, ich bin zeitlich zu unflexibel dafür. Ich rede auch nicht so gerne vor Leuten, deshalb glaube ich nicht, dass ich die Richtige für eine Partei wäre.

Was würdest du anderen Leuten sagen, weshalb es sich lohnt, sich politisch zu interessieren und/oder zu engagieren?

Weil ich wichtig finde, dass man weiß, was so passiert, und man kann sich ja nur einmischen, wenn man weiß, was gerade abgeht. Man kann ja nicht einfach nur alles immer hinnehmen. Wenn man sich nicht dafür interessiert, dann hat man auch kein Mitspracherecht. Gerade bei Wahlen: Wenn man sich gar nicht dafür interessiert, wer sich überhaupt zur Wahl stellt, wer welche Meinung vertritt usw., dann hat man danach eigentlich nicht das Recht, sich zu beschweren.

Man kann ja nicht einfach nur alles immer hinnehmen. Wenn man sich nicht dafür interessiert, dann hat man auch kein Mitspracherecht.

Dann hat man danach eigentlich nicht das Recht, sich zu beschweren.

Wenn du das, was dir am allerwichtigsten ist, auf einen Sticker zeichnen, also den perfekten Sticker gestalten würdest, wie würde der dann aussehen?

Es würde »Habt euch lieb« draufstehen. Und wahrscheinlich wäre er bunt, vielleicht mit einem Regenbogen und noch irgendein Tier dazu. Ich liebe Otter, vielleicht also ein Otter dazu.

Wenn Menschen durch deinen perfekten Sticker richtig wachgerüttelt werden würden, was würde dann passieren?

Dass die Leute nicht mehr so viel Hass in sich tragen. Das wäre ziemlich schön. Wenn man das liest, dann fängt man vielleicht kurz an zu lächeln.

Glaubst du, du kannst was daran machen, dass sich was verbessert?

Ich hoffe es, denn sonst wäre ja alles voll für den Arsch, was ich mache. Ich weiß schon, nachdem ich mich für Politik interessiert habe und alles viel mehr hinterfragt habe und auch angefangen habe, das zu kritisieren und darüber zu sprechen, dass ich Freunde und Menschen in meinem Umfeld zum Umdenken bewegen konnte. Ich denke, wenn ich das schon bei ein paar Leuten geschafft habe, warum soll ich das nicht auch bei anderen schaffen?

Nur dämlich, lustlos und extrem?

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