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»Der Steppenwolf ist eine schöne Beschreibung der Zerrissenheit des modernen Menschen«
ОглавлениеJan (25)
Künstlername Steppenwolf, studiert Soziale Arbeit und schreibt Rap-Texte
Jan, du bist letztes Jahr in Vaihingen an der Enz in einem Jugendzentrum bei einer Benefizveranstaltung aufgetreten. Kannst du was darüber erzählen, wie das zustande gekommen ist?
Meine Kommilitonin Helene arbeitet dort im Jugendhaus, und wir beide sind auf die Idee gekommen, das Konzert zu organisieren. Hip-Hop ist dort ein großes Thema, und vor mir ist noch ein weiterer Act, Eddi, der aus Vaihingen selbst kommt, und eine Tanzgruppe aus dem Jugendhaus aufgetreten. Wir wollten die Gage einem guten Zweck zukommen lassen. Ich habe in Paternoster, einem südafrikanischen Fischerdörfchen in der Nähe von Kapstadt, drei Monate lang von meinem Studium aus ein Praktikum absolviert, und daher lag es nahe, diesem wunderbaren Dörfchen den Erlös zukommen zu lassen. Die Leute dort haben bisher vom Fischfang gelebt, aber weil die Meere überfischt sind, wird ihnen Schritt für Schritt die wichtigste Einkommensquelle entzogen. Deshalb ist die Idee, den Leuten und Kindern dort zu helfen und eine Zukunftsperspektive zu bieten. Es werden Workshops im Kidshouse angeboten, beispielsweise Sport, Gärtnern oder Lesen und Schreiben. Da kommen die Kinder nach Schulende hin und können mitmachen. Alle drei Monate wechseln dann die Volontär*innen, die das Projekt begleiten.
Als du aus Südafrika zurückgekommen bist, warst du ein bisschen ein anderer Mensch. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht, dass es dir wichtig war, bei dieser Veranstaltung dabei zu sein?
Das stimmt. Die Kids und auch die Kolleg*innen dort hatten echt einen großen Einfluss. Im Vergleich zu den Kindern hier in Deutschland waren die Kids dort viel wilder, lebensfroher und natürlicher. In Paternoster war der Community-Gedanke sehr ausgeprägt: Du kriegst was, gibst aber auch was zurück. Eine materielle Kleinigkeit zurückzugeben, war somit eine Herzensangelegenheit. Wenn im Ort ein Fischer auf dem Meer stirbt, versammelt sich das ganze Dorf und fackelt riesige Feuer ab. Die Menschen dort im afrikanischen Dorf sind uns menschlich betrachtet teilweise weit voraus, und trotzdem geht es vielen materiell schlecht.
Die Menschen dort im afrikanischen Dorf sind uns menschlich betrachtet teilweise weit voraus, und trotzdem geht es vielen materiell schlecht.
Was passiert dort mit dem Geld?
Eine Hauptaufgabe während meines Praktikums dort war Mobile Jugendarbeit. Ich war zuständig für die sogenannten Troublemakers. Es war schon teilweise kritisch, dass wir überhaupt irgendwas anbieten konnten. Da wurde oft gestört, die haben manchmal echt richtig fett Scheiße gebaut und sich massiv geprügelt. War schon schwierig. Die Gage wird dafür verwendet, dass die Troublemakers miteinbezogen werden können. Die waren sehr begeistert von Rap und Graffiti, und die Idee war, dass aus Kapstadt Künstler kommen und sich ein Angebot entwickelt, dass sich an ihren Interessen orientiert.
Apropos finanzielle Schwierigkeiten. Dein zweites Tape heißt Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Was drückt der Titel genau aus?
Das Leben ist ja ganz angenehm, aber eigentlich macht man jeden Tag nur einen monotonen Scheiß. Man kann sichs eigentlich ganz nett machen, aber das alltägliche Leben kann einen manchmal ziemlich frusten. Irgendwie steht immer das Materielle im Mittelpunkt. Das ist die Ideologie, die hinter der Wirtschaftsordnung steht: Immer mehr, mehr, mehr, besser und besser. Das ist ein Grundübel unserer Gesellschaft.
Immer mehr, mehr, mehr, besser und besser. Das ist ein Grundübel unserer Gesellschaft.
In einem anderen Track geht es um eine ähnliche Thematik. Eine Zeile geht: »Raubtierkapitalisten vergiften demokratische Prozesse, Geld schafft Gesetze, der Fiskus unterworfen mit der Globalisierung, die letzte Stimme des Volkes gestorben.« Wen meinst du mit Raubtierkapitalisten?
Große multinationale Firmen, die dafür sorgen, dass kleine Firmen keine Chance mehr haben, bzw. Personen, die hinter den Firmen stehen und kein anderes Interesse haben, als möglichst viel Profit rauszuholen, und dabei alle Folgen außer Acht lassen. Das kann man in allen Bereichen beobachten. Da findet eine problematische Entwicklung statt: Die Konzerne werden immer größer, schlucken die Kleinen und bereichern sich durch ihre Macht, Firmen wie Nestle oder Betriebe in der Landwirtschaft oder auch im Bäckereihandwerk beispielsweise. Greenwashing ist auch so ein Phänomen. Nestle oder McDonalds machen auf ökologisch, weil sich ein Trend entwickelt. Sie verpassen sich einen ökologischen Anstrich, ohne dass irgendetwas daruntersteckt.
Und was müsste passieren, damit das Volk seine Stimme wiederbekommt?
Die Leute müssen empowert, befähigt werden, ihre Interessen auszudrücken, um diese in demokratische Prozesse einbeziehen zu können. Sozial schwache Schichten sollten viel mehr gestärkt werden, damit sie ihre Stimme wieder zurückbekommen. Hilfe zur Selbsthilfe. Die Schwächsten haben sie gar nicht mehr. Das zeigt sich dann in den sozialen Netzwerken. Lies dir mal die Facebook-Kommentare durch! Da wird einfach nur Hass rausgeschrien. Die sind frustriert, weil sie keine Möglichkeit haben, sich produktiv und konstruktiv in der Gesellschaft zu beteiligen. Die Wirtschaftsordnung müsste dahingehend geändert werden, dass nicht wenige Riesenkonzerne den kompletten Markt kontrollieren. Der Neoliberalismus muss mehr eingeschränkt werden, dass nicht nur die individuellen Interessen, wie Profit zu erwirtschaften, im Vordergrund stehen. Das hat viele negative Folgeerscheinungen. Und der Geldfluss innerhalb der Gesellschaft sollte gerechter gestaltet werden, beispielweise mit effektiven Besteuerungen von Spitzenverdienern und Großkonzernen.
Steppenwolf, wie bist du eigentlich zu deinem Künstlernamen gekommen?
Durch das gleichnamige Buch von Hermann Hesse. Da geht es um Harry Haller, er ist 46 und eine verloren wirkende Existenz. Er hat das Leben durchlebt, ist verzweifelt und fragt sich, wieso er noch weiterleben soll. Er sagt, dass er zwei Teile in sich hat: zum einen den Wolf, zum anderen den Menschen, er sozusagen aus dem Gegensatz zwischen Animalischem und Menschlichem besteht. Er fasst den Entschluss, sich zu seinem 50. Geburtstag umzubringen. Hesse ging es nach eigenen Angaben darum, ein Buch der Heilung zu schreiben. Der innere Prozess bei Harry Haller wird gezeigt. Und der beschreibt, wie er sich erholt und seinen Weg aus der Sinnkrise findet. Ich finde, der Steppenwolf ist eine schöne Beschreibung der Zerrissenheit des modernen Menschen.
Warum Rap-Texte und kein Schlager?
Ist das ’n Witz? Ich bin damit aufgewachsen, das war damals das Geilste! Rap ist eh die beste Form: Rap bringt Musik und Poesie zusammen. Besser gehts gar nicht. Und dann kannst du noch, was du selbst erlebt hast, in die eigenen Texte reinstecken. Hip-Hop ist ein Medium, das von jedem genutzt werden kann. Du kannst deine Gedanken aufschreiben und zu Reimen verarbeiten. Dann noch einen Beat dahinter, und du kannst sagen, was du willst, egal ob reich oder arm, egal welche Hautfarbe. Aber Rap hat sich schon gewandelt, das ist echt schade. Es gibt so viel beschissenes Zeug, was da heute verherrlicht wird. Materialismus, Sexismus, Homophobie, Gewalt, was weiß ich. Zurück zum Ursprung, zurück zum Protest!
Der Geldfluss innerhalb der Gesellschaft sollte gerechter gestaltet werden, beispielweise mit effektiven Besteuerungen von Spitzenverdienern.
Das hört sich schon auch wütend an, was du textest …
Ja. Wenn man jung ist, lässt man sich nicht so in die gesellschaftlichen Schranken weisen. Je älter man wird, desto mehr wird man ein Teil des gesellschaftlichen Zahnwerks, und man lässt sich nach und nach in die Ketten der Gesellschaft legen. Die junge »Scheißdrauf-Haltung« geht im Alter verloren. Das läuft meistens so, dass man selbst Verantwortung übernimmt, heiratet oder Kinder bekommt. Da geht das einfach nicht mehr. Alles andere macht auch nicht wirklich Sinn, das ist schon paradox. Wenn du 37 bist, allein unterwegs, säufst dir einen rein und versinkst in Weltschmerz, dann hat das schon etwas Lächerliches. Das ist mit 18 anders, da ist dir das einfach scheißegal. Das ist so in der Jugend verankert. Jeder Mensch, der einigermaßen vernünftig denkt, findet dieses Leben in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter absurd, meiner Ansicht nach. Und er fragt sich: Was soll ich eigentlich in dieser Welt machen?