Читать книгу Nur dämlich, lustlos und extrem? - Kurt Möller - Страница 40
»Ich find, dass Tattoos schon ’ne Form von Politik sind«
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Arbeitserzieher, hat die Beine voller Tattoos
Ich versuch schon, damit ein Statement nach außen zu tragen.
Was für coole Tattoos! Kannst du mir was dazu erzählen?
Vielleicht wie ich zu meinem ersten Tattoo gekommen bin? Das war vor einem Jahr. Ich war erst planlos, wusste nicht, was ich mir stechen lassen wollte; ich wusste nur, ich will mir ein Band-Tattoo stechen lassen. Dann hab ich meine Gedanken sortiert und mir Casper stechen lassen, weil der, also seine Musik und der Künstler selbst, mir durch ’ne schwere Zeit geholfen hat. Und irgendwie wurde es dann mehr und mehr zum Selbstläufer: Es kam noch ’ne Band dazu, dann noch eine, und irgendwann wurde mein Bein voller und voller und voller. Ich hab mich aber schon bewusst dafür entschieden, da ich im sozialen Bereich arbeite, dass ich bestimmte Tattoos nicht offen tragen kann wie das Casper-Tattoo. Bands wie Green Day oder die Toten Hosen sind ja gesellschaftlich sehr anerkannt. Aber mit ’ner 666 in Bezug auf Iron Maiden sollte man in ’ner kirchlichen Einrichtung nicht rumlaufen. Auch nicht mit dem Bad-Religion-Logo, das ich mir auch noch stechen lass. Das sollte man nicht immer sehen. Aber ich versuch schon, damit ein Statement nach außen zu tragen.
Kannst du das konkretisieren? Welche Aussage dahintersteckt?
Man hört oft das Klischee, dass die Punks oder die Metalheads, ganz krass gesagt, eh nur aggressive, trinkende Leute seien, die am Bahnhof Bier saufen, Bullen anpöbeln, Passanten anpöbeln und irgendwelche Leute verprügeln. Hab ich schon alles gehört. Und natürlich, dass jeder Tätowierte kriminell und asozial ist und sich Cannabis spritzt. Da denkt man dann so: Willkommen im 21. Jahrhundert! Das ist dann doch sehr überraschend, wie Tattoos einerseits gesellschaftlich anerkannt sind, aber andererseits irgendwie auch nicht. In meiner Generation heißt es: »Alles cool, du hast Tattoos.« Aber der ein oder andere Ältere über 40, der gesellschaftlich doch irgendwie gefestigter ist und ’nen bürgerlichen Job hat, ist da eher abgeneigt: »Du hast Tattoos, was sagt denn dein Chef dazu?« – »Nix, der feiert das.« Also bis jetzt hatte ich noch nie Probleme mit meinen Tattoos. Gut, wie das mit meinem neuen Arbeitgeber ist, weiß ich noch nicht. Da bin ich erst seit drei Wochen als Arbeitserzieher. Und wie es da ist, mit kurzer Hose zu arbeiten? Dazu kam es bisher noch nicht. Aber bis jetzt hab ich immer positive Resonanz bekommen, vor allem auch auf Konzerten oder im Freundeskreis. Die finden das Gesamtkunstwerk sehr respektabel. Oftmals haben mich auch schon kleine Kinder angesprochen, z. B. auf dem Kesselfestival, warum ich mir Feine Sahne Fischfilet auf den Oberschenkel tätowiert hab. Das Kind hat mich gefragt, ob ich gerne Fischfilet esse, mit Sahne. [lacht] Das fand ich total witzig. Ich habe dem dann erklärt: »Äh, nee, das ist ’ne Punkband«, und das Kind so: »Oh ja, die muss ich mir auch mal anhören«, und hat die Mama dazugeholt. Ja, vor allem Kinder finden es voll faszinierend, dass ich mir Tattoos stechen lass. Für die ist das jedes Mal, wenn sie ein neues Tattoo sehen, voll faszinierend. Und für mich ist es ganz klar ein politisches Statement, wenn ich mir Feine Sahne Fischfilet tätowieren lass oder Die Toten Hosen, Green Day … Das sind alles politische Bands. Vor allem auch Radio Havanna, mein neuestes Tattoo, das ist für mich eine politische Band, die auch für die Sache einstehen und die Sache verteidigen, meistens.
Für mich ist es ganz klar ein politisches Statement, wenn ich mir Feine Sahne Fischfilet tätowieren lass oder Die Toten Hosen, Green Day … Das sind alles politische Bands.
Feine Sahne Fischfilet und Die Toten Hosen sagen mir was, aber wer oder was ist Radio Havanna?
Radio Havanna ist ’ne Punkband aus Berlin, die haben auch ’ne Kampagne ins Leben gerufen namens »Faust hoch« gegen Nazis, gegen Rechtspopulisten und was da mit der AfD und teilweise auch mit der CDU und CSU in Bayern zusammenhängt. Darüber klären sie die Jugendlichen auf. Im Prinzip ein Analogiestück zu »Kein Bock auf Nazis«, was vielleicht ein Begriff ist. Die arbeiten auch mit vielen Bands zusammen. »Faust hoch« arbeitet zusammen mit »Kein Bock auf Nazis«. Die tauschen gegenseitig Kontakte aus, klären bei Konzerten auf, dass man auch gewaltfrei auf die Straße gehen kann. Weil mit Gewaltanwendung, man hat es in Hamburg gesehen, da wurde die ganze antifaschistische Szene in den Schmutz gezogen, bloß weil ein paar Hansel randalierend durch Hamburg gezogen sind. Und damit wollen die halt sagen: Geht friedlich auf die Straße! Das macht den Ruf der Antifaschisten nicht so platt, als wenn ein paar Chaoten durch Hamburg ziehen und irgendwelche Polizisten verprügeln, Familienkutschen anzünden und meinen, sie gehen damit gegen den Kapitalismus vor und stehen als Antifaschisten da.
Wem möchtest du mit deinen Tattoos was sagen?
In der Punk- und Metal-Szene, dass ich halt zu ihnen gehöre. Das ist wie ein Erkennungscode. Den erkennen im Prinzip nur Leute, die diese Musik hören. Klar, Die Toten Hosen, das kennt man mit dem Adler, aber ein Heisskalt-Tattoo – das sind die zwei Möhren – das erkennen wirklich nur die Wenigsten. Leute, die sich mit der Musik auskennen, die haben mich schon öfter angesprochen: »Wirklich coole Idee! Ist das ein Heisskalt-Tattoo?«, und dann kommt man auch direkt ins Gespräch.
Gibt es noch eine ganz persönliche Bedeutung nur für dich?
Die Frage hab ich schon öfter gehört. Ich lass mir nicht jede x-beliebige Band tätowieren, so: »Hab ich im Radio gehört, geil, lass ich mir stechen …«, sondern ich muss mit jeder Band, die ich mir tätowier, ’ne sehr persönliche Geschichte verbinden. Jedes Tattoo bzw. jede Band hat ’ne Bedeutung, z. B. bei Green Day, da hat es mit American Idiot angefangen. 2004, als das Album rausgekommen ist, war ich zwölf oder 13 Jahre alt und hab die Texte überhaupt nicht verstanden, weil ich erst ab der fünften Klasse Englisch hatte und mein Schulenglisch deshalb katastrophal war. Aber ich fand die Musik geil, ich fand die Musik richtig cool. Irgendwann hab ich mich dann näher mit der Band befasst, bin auf ältere Lieder gestoßen und hab dann mal mit Google-Übersetzer die Texte übersetzt. Bei dem Lied »Jesus of Suburbia« heißt es: »nobody is perfect«, und das war für mich ein Schlüsselmoment: Boah, ja, niemand ist perfekt! Das war für mich der Moment, weil ich viel Mobbing in der Schule erlebt hab, wo ich mir gesagt hab: In Bezug auf diese Gesellschaft zieh dein eigenes Ding durch! Ähnlich auch bei den Toten Hosen. Das war die erste Band, die ich live gesehen hab. Inzwischen war ich auf vielen Konzerten und hab über die Hosen viele Freunde kennengelernt. Bei Green Day ist es der Blick auf die Gesellschaft, bei den Hosen ist es Freundschaft und Zusammenhalt, und bei Casper hat es viel zu tun mit Selbstzweifeln, mit sehr ruhigen Texten. Casper ist ein Hip-Hopper. Da gehts viel um Depressionen aufarbeiten. Casper oder auch Linkin Park sind Bands, die mir durch ’ne schwere Zeit geholfen haben. Ich hab mir schon mit 16 oder 17 Jahren geschworen: Ich lass mir von Linkin Park was stechen. Das Logo war mir zu langweilig, deshalb hab ich mir den Sprayer vom Meteora-Album stechen lassen. Oder Iron Maiden, das ist ’ne Band, an der man im Jugendalter auch nicht vorbeikommt. Silverstein ist ’ne Emo-Band; die Lieder handeln viel von Selbstzweifeln, dem Kampf gegen die »inneren Dämonen«, Depression, Liebeskummer, Herzschmerz und so scheiß Dinge. Das hab ich mit 15, 16, 17 viel gehört und hör ich immer noch gern, weil es doch ’ne schöne Zeit war, so unbeschwert vor sich hin zu pubertieren. Bei Heisskalt ist es eigentlich dasselbe wie bei Casper, sehr melancholische Texte, sehr ruhig. Geht auch darum, dass man trotzdem wieder aufstehen kann. Rise Against auch, da ist es eher so wie bei Green Day, dass man zu sich selbst stehen kann und niemals aufgeben soll. Bisschen ist es schon klischeehaft. Architects ist auch ’ne Band, mit der ich sehr viel verbinde. In ihrem vorletzten Album All Our Gods Have Abandoned Us sagt schon der Titel, worum es geht: All unsere Götter haben uns verlassen. Der Gitarrist hat das Album während seines Krebsleidens geschrieben und ist dann am Ende leider verstorben. Er hat das Album noch geschrieben, mit Depressionen. Er beschreibt, dass er völlig den Glauben an Gott verloren hat und wie ihn die Krankheit auffrisst. Da gibt es ein Zitat: »Hope is a prison«, also »Hoffnung ist ein Gefängnis«, inzwischen kann ich besser Englisch als vor 12, 13 Jahren. [lacht] Das war für mich einfach so: Man kann hoffen so viel man will, aber bei manchen Sachen bringt das Hoffen und Bangen einfach nichts, man ist einfach gefickt bei Sachen wie Krebs und psychischen Erkrankungen. Also ich habe kein Krebs, aber wenn man Depressionen hat, verbindet man damit viel. Und so ist das bei den Architects.
Das ist wie ein Erkennungscode.
Inzwischen spielen sie in der Porsche-Arena und rufen dazu auf, Porsches zu verbrennen. Das ist dann doch irgendwie peinlich.
Und Feine Sahne …?
Feine Sahne Fischfilet war eher so ’ne spontane Sache, weil ich die einfach cool find und provozieren wollte. Inzwischen sind die auch ziemlich groß geworden. Ich hab die vor fünf, sechs Jahren noch in Herrenberg im Juz gesehen, für 5 Euro Eintritt. Inzwischen spielen sie in der Porsche-Arena und rufen dazu auf, Porsches zu verbrennen. Das ist dann doch irgendwie peinlich. Man kann sich ja treu bleiben, aber dann sollte man nicht in ’ne Riesenhalle gehen, wo Porsche der Hauptsponsor ist. Oder ZSK ist ’ne Band aus Berlin, die hat mich damals auf den Punk gebracht und zu dem geformt, was ich jetzt bin. Das ist Deutschpunk. Die haben sich auch mega gefreut, hab mit denen auch schon gesprochen. Die fanden es richtig cool. Zu jeder Band gibt es auch ’ne Geschichte. Die eine ist eher amüsant, wie mit Schmutzki, das ist ’ne Stuttgarter Punkband. Denen hab ich damals total besoffen versprochen: »Ich lass mir euer Logo stechen.« Und ein paar Tage später bin ich zum Tätowierer gegangen und habs mir stechen lassen. Ich war tatsächlich der Erste mit ’nem Schmutzki-Tattoo. Inzwischen gibt es sogar schon ein paar Nachahmer. Ich bin sogar in ’nem Club mal angesprochen worden, ob ich der Typ mit dem Schmutzki-Tattoo sei. Ich: »Ja.« Da zeigt er mir seinen Fuß und hat da dasselbe, also das Logo an derselben Stelle: Der hat das auch gemacht und war auch total besoffen, eigentlich wie ich. [lacht] Bei dem Casper-Tattoo hab ich ein Mädel kennengelernt, wir haben uns zufällig dasselbe stechen lassen. Wir kannten uns überhaupt nicht. Sie lag neben mir beim Tätowieren, und dann sind wir ins Gespräch gekommen und in Kontakt geblieben. Das ist jetzt eine meiner besten Freundinnen. Wir sind über Casper, über die Musik in Kontakt gekommen. Die Gespräche wurden doch recht schnell persönlich, weil, wenn du dir Casper tätowieren lässt, kennst du auch seine Texte.
Du hast alle Tattoos an einem Bein, richtig?
Nein, inzwischen ist mein linkes Bein voll und ich bin jetzt aufs rechte übergegangen. Also am linken sind noch ein paar Stellen frei, aber die hab ich schon verplant für Tattoos wie Bad Religion, die ich nicht offen tragen kann auf der Arbeit, weil ich ja nicht weiß, wieweit mein Chef damit konform geht. Bei ’nem kirchlichen Träger ist es ein bisschen kritisch, mit ’nem durchgestrichenen Jesuskreuz rumzulaufen. Obwohl Bad Religion per se ja nicht gegen Religion sind, die haben bloß was gegen das Machtgehabe der Kirchen.
Aber es könnte eben von jemand, der oder die die Band nicht kennt, anders verstanden werden?
Ja. Und bei so was hab ich auch keinen Bock, das zu erklären. Bei manchen Bands bekommst du oft zu hören: »Warum lässt du dir die denn stechen?« Z. B. bei den Toten Hosen: »Die sind doch überhaupt nicht mehr Punk, die sind doch eher Schlager.« Ja, stimmt schon. Ich würde es mir jetzt auch nicht mehr stechen lassen, aber irgendwie bedeutet mir die Band unverändert trotzdem viel, auch wenn die letzten Alben scheiße waren. Das geb ich offen zu, aber man verbindet ja trotzdem was mit der Band. Oder wenn ’ne Band rechtsradikal wird oder rechts. Gut, meine Bands sind alle Punk- oder Hardcorebands, von daher brauch ich keine Sorge zu haben. Aber wenn die was anderes machen, bin ich trotzdem Fan und steh zu der Band. Und wenn sie ’nen ganz krassen Scheiß machen, wie jemanden vergewaltigen oder so, mach ich mir eben ein Cover-up.
Was haben denn deine Eltern dazu gesagt, als du dein erstes Tattoo hattest?
Meine Mutter hat erst drei, vier Monate später erfahren, dass ich mir ein Tattoo hab stechen lassen, als ich ’nen Telefonanruf bekommen hab, dass ich meine Prüfung bestanden hab. Da stand ich nur in Boxershorts vor ihr, und sie dann so: »Ja, wie sieht denn das in 70 Jahren aus?« Meine Eltern sind doch ein bisschen konservativer eingestellt. Dann meinte ich zu meiner Mutter: »Wenn ein verschrumpeltes Tattoo meine einzige Sorge mit 95 ist, dann gehts mir noch gut.« Da hat sie auch nix mehr drauf gesagt. Und inzwischen sagen sie nix mehr. Für sie ist das eher so ’ne Sache: »Es kostet doch Geld. Bub, das musst du sparen.«
»Wenn ein verschrumpeltes Tattoo meine einzige Sorge mit 95 ist, dann gehts mir noch gut.«
Und andere Menschen aus deinem Umfeld, wie Geschwister oder Freund*innen?
Meine Freunde feiern es alle, die finden es cool. Klar, die finden manche Band nicht so cool, und die finden es manchmal auch zu viel an meinem Bein, weil das irgendwann ’ne Reizüberflutung ist. Ich hab jetzt 18 Tattoos am linken Bein und zwei am rechten Bein. Aber sonst finden sie es sehr positiv und die Idee richtig cool. Nur über den Tattoo-Stil hab ich regelmäßig Diskussionen mit ’nem Kumpel. Er steht eben auf ’nen anderen Stil, den ich mir nicht machen lass. Er würde die Tattoos z. B. verbinden und nicht so einzeln stehen lassen. Aber ich will jede Band einzeln stehen lassen, weil jede Band für mich ein Alleinstellungsmerkmal ist und eine persönliche Geschichte hat …«
Hattest du auch schon mal inhaltliche Diskussionen?
Ja, vor allem bei Feine Sahne Fischfilet hatte ich schon die ein oder andere Diskussion, weil die laut Verfassungsschutz linksextremistisch sein sollen. Warum man sich so ’ne Band überhaupt tätowieren lässt, die dazu aufrufen, Polizisten anzuzünden und Steine zu schmeißen? Die den Tod von Polizisten wollen? Und ja, damit wollte ich auch ein bisschen provozieren, weil mit einem Tattoo provoziert man doch immer irgendwie die Gesellschaft – unverändert. Die haben beispielsweise ’ne Textzeile »die nächste Bullenwache ist nur ein Steinwurf entfernt«, die man auslegen kann, wie man will. Ich finds eben doch eher als Provokation gemeint, weil nur über Provokation erreichst du Bekanntheit und Popularität. Und wenn inzwischen schon Bundespräsident Steinmeier die Band unterstützt, find ich die nicht linksextremistisch, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Klar, was früher auf den Konzerten war, war übel. Das fand selbst ich übel, wo sie dazu aufgerufen haben, die nächste Polizeiwache zu stürmen und Molotowcocktails reinzuwerfen. Aber mein Gott, da waren die auch noch jung. Manchmal ist man im jungen Alter doch nicht recht klug, sagt viel Scheiße oder baut viel Scheiß, der eigentlich nicht so gemeint ist.
Wie waren diese Situationen so für dich? Diese Diskussionen?
Manchmal ist man es leid, schon wieder erzählen zu müssen, warum und wieso. Ich will mich nicht rechtfertigen, warum ich mir dieses und jenes stechen lass, ob ich jetzt ’ne linke Zecke und gegen Deutschland bin. Das meinte ein ehemaliger Arbeitskollege zu mir, ich sei ’ne scheiß linke Zecke. Er hat selbst ein Böhse-Onkelz-Tattoo auf dem Arm, und wie die Böhse Onkelz sind oder waren, steht außer Frage. Und auch deren Fans sind strohdumm. Nicht alle, aber ein Großteil von denen ist einfach strohdumm, und das hast du bei ihm gemerkt. Mit dem konnte man sich auf keine Diskussion einlassen. Der meinte auch in Bezug auf die Hetzjagden gegen Geflüchtete in Chemnitz, da müsste man als richtiger Deutscher auf der Seite der Deutschen stehen und nicht auf der Seite von »Wir sind mehr«. Ich war natürlich auf der Seite von »Wir sind mehr«. Er wollte verhindern, dass ich nach Chemnitz fahr. Mit so Leuten lass ich mich auf überhaupt keine Diskussion ein. Wenn einer mit mir diskutieren will, wie sich Green Day, Die Toten Hosen oder wer auch immer verändert haben, ist das ja noch in Ordnung, oder wenn ich jemanden besser kenne, dann erzähl ich auch mal die Geschichte hinter meinem Tattoo, aber so auf die ganz krassen Diskussionen lass ich mich nicht ein.
Siehst du ein Tattoo zu haben, wie du es hast, als Politik machen?
Erst mal: Was ist Politik? Politik ist ja alles. Politik ist für mich, wenn ich aus dem Haus rausgehe und zur Arbeit, um das System am Laufen zu halten. Als 14-, 15-jähriger Punk wollte ich das System zerstören, und jetzt trag ich dazu bei, dass das System nicht kollabiert, indem ich eine Behindertenwerkstatt leite und damit die Produktion aufrechterhalte. Da bin ich das erste Mal heute Morgen draufgekommen, über ein Lied von den Toten Hosen: »Wir wollten nur das System zerstörn, doch heut haben wir nachgedacht.« Ja, irgendwie wird man doch erwachsen mit der Zeit, aber andererseits darf man auch nicht vergessen, wie man eben früher war. Und um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich find, dass Tattoos schon ’ne Form von Politik sind. Nicht so die klassische Art von Politik. Aber mit so ’nem Tattoo gibst du ein Statement an die Gesellschaft, und die Gesellschaft gibt ein Statement zurück. Da kommst du ins Gespräch mit den Leuten, um einfach mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass alle Tätowierten sich Cannabis spritzen, alkoholabhängig sind, arbeitslos sind und keine Ahnung was. Denn ich hab ’ne eigene Wohnung, zur Miete, hab ’nen Job und so. Ich bin an sich ein Paradebeispiel. Und ich kenn auch noch viele andere, die tätowiert sind und ’nen Job haben. Die Vorurteile stimmen nicht. Und Vorurteile auszuräumen ist auch ’ne Form von Politik. Einfach in Form von Aufklärung.
Als 14-, 15-jähriger Punk wollte ich das System zerstören, und jetzt trag ich dazu bei, dass das System nicht kollabiert, indem ich eine Behindertenwerkstatt leite und damit die Produktion aufrechterhalte.
Mit so ’nem Tattoo gibst du ein Statement an die Gesellschaft, und die Gesellschaft gibt ein Statement zurück.
Seit wann interessierst du dich überhaupt für Politik?
Wenn man anfängt, Punkmusik zu hören, sollte man sich schon relativ früh damit auseinandersetzen. Mein Schlüsselmoment war, als wir in der achten oder neunten Klasse in Dachau im KZ waren, die Baracken und die Gaskammern gesehen haben und das Dritte Reich aufgearbeitet haben. Das war für mich der Schlüsselmoment: Tu was dagegen! Ich hab dann mit meinen Großeltern darüber gesprochen, und mein Opa meinte dann, wir seien die Generation, die alles tun müsse, um zu verhindern, dass so ein Scheiß noch mal passiert. Er ist 1933 geboren, er konnte nix tun, er war da ja noch zu jung. Aber seine Eltern, vor allem sein Vater hat sich ordentlich einlullen lassen von der ganzen Hetze. Und die Pflicht unserer Generation ist es, das zu verhindern. Mit allen legalen Mitteln. Und er fand es auch mega gut, dass ich z. B. nach Chemnitz gefahren bin, dass ich die AfD in Waiblingen boykottiert hab. Ja, als wir im KZ Dachau in der Gaskammer standen, hat es klick gemacht und mich wie ein Faustschlag getroffen. So richtig realisiert hab ich das erst, weil ich noch recht jung war, auf der Heimfahrt. Da hab ich mich bewusst damit befasst, auch wenn man so vor zehn Jahren noch nicht die Möglichkeiten wie heute mit Facebook hatte. Es war damals noch schwieriger, an Informationen zu kommen und sich zu vernetzen.
Tu was dagegen!
Wie hast du dir dann Informationen beschafft?
Über linke Foren, also Homepages, wo man sich informieren konnte. Und die Bands haben damals ihre Homepage auch ganz aktuell gehalten, z. B. ZSK oder Antiflag, ’ne amerikanische Band. Oder einfach ganz normal Nachrichten gucken, Zeitung lesen, was heute ja nicht mehr so nötig ist. Klar schaut man auch mal Nachrichten, liest auch mal ’ne Zeitung, aber damals war die Informationsbeschaffung doch recht schwierig.
Woher holst du dir deine Informationen heute?
Über die normalen Medien, was so in den Nachrichten läuft, und auch online. Obwohl man da aufpassen muss mit den Fake News, man muss halt so viel Hirn haben, um zu raffen, was Fake ist und was nicht, denn von beiden Seiten gibts die Fake News. Von den Rechten mehr als von den Linken, aber da muss man schon differenzieren. Manche Meldungen muss man einfach nachprüfen.
Auf welchen Seiten bist du dann meistens unterwegs?
Bis vor Kurzem auf Linksunten, Indymedia, das ist ’ne Homepage gewesen, die lahmgelegt wurde vom Bund, weil sich dort linksradikales Gedankengut vernetzt hat, wo auch viel Illegales ablief. Das stimmt auch. Da waren mal Adressen von AfD- und NPD-Politikern zu lesen oder von stadtbekannten Dorfnazis in Stuttgart oder von Reichsbürgern. Das ist etwas, das ich überhaupt nicht unterstütze, denn dadurch wird die gesamte Sache in den Dreck gezogen. Und sonst viel über Facebook, über Gruppen. Man bekommt viel zugeschickt. So ’ne konkrete Infoquelle hab ich nicht. Ich bin in einer Gruppe von Oxfam, das ist ’ne Menschenrechtsorganisation, bei der die deutsche Leiterin recht viel postet. Das ist auch politisches Zeug, wie jetzt z. B. mit der Flüchtlingskatastrophe an der türkisch-griechischen Grenze, was da abgeht. Das ist meistens Spiegel Online. Klar, wie seriös der Spiegel ist, sei mal dahingestellt, aber von dem, was in so ’ner Menschenrechtsorganisationsgruppe gepostet wird, kann man schon ausgehen, dass der Wahrheitsgehalt recht hoch ist. Oder man bekommt mal da, mal da ’nen Link zugeschickt.
Liest du mehr oder setzt du auch selbst politische Beiträge rein?
Eigentlich les ich nur, weil reinsetzen ist mir zu stressig. Da bin ich schon eher geneigt, ’ne wissenschaftliche Arbeit draus zu machen mit Quellen und so …
Obwohl man da aufpassen muss mit den Fake News, man muss halt so viel Hirn haben, um zu raffen, was Fake ist und was nicht.
Bist du denn irgendwo politisch aktiv?
Klar geh ich auf Demos, wenn es zeitlich reinhaut. Ich muss ja auch arbeiten, und jetzt wohn ich doch relativ weit außerhalb von Stuttgart, aber wenns zeitlich reingehauen hat, war ich regelmäßig auf Demos gegen rechts. Z. B. gegen die AfD war ich sehr oft dabei, bei »Wir sind mehr« in Chemnitz war ich dabei, ich wollte eigentlich auf die große Demonstration und auf das Konzert, das da war, aber ich war dann nur auf dem Konzert, weil ich arbeiten musste und keinen Urlaub bekommen hab. Meine letzte Demo war die Fridays-for-Future-Demo in Stuttgart. Aber sonst reicht mir die Zeit oft nicht. Klar sind das auch Ausreden, aber man weiß auch, dass die Stuttgarter Polizei nicht gerade die netteste ist.
Und denkst du, du wirst dich auch weiterhin politisch engagieren?
Auf jeden Fall, ja. Na ja, wenn man im sozialen Bereich arbeitet, muss man sehr aufpassen mit dem Führungszeugnis, dass da kein Scheiß drinsteht. Deswegen halt ich mich von dem Schwarzen Block und Antifa-Kiddis lieber fern, weil die doch sehr auf Krawalle aus sind. Ich war da auch früher dabei, keine Frage, aber die sind die, die auf Demos am meisten Stress machen. Da steh ich lieber ein bisschen abseits oder bei anderen Leuten, die nicht so auf Krawall gebürstet sind. Weil: Sobald der Schwarze Block aufmarschiert, ist die Polizei auch unentspannter.
Das aktuelle Politikgeschehen kann man nur mit zwei Sachen aushalten, mit Satire und mit Alkohol.
Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, in eine Partei einzutreten?
Ja, und ich wurde schon gefragt, ob ich der SPD beitreten will, weil mein Stiefvater ein SPD-Gemeinderat ist. Und ich so: »Nee, ich will keiner Partei beitreten«, weil an jeder Partei gibts was auszusetzen. Ob es die CDU ist, die ich grundsätzlich ablehn, weil es für mich ein NSDAP-Aussteigerprogramm ist, oder vor allem in den 40er- und 50er-Jahren war das ein NSDAP-Aussteigerprogramm, und die hat das nie aufgearbeitet in ihrer Geschichte. FDP, na ja, das ist eigentlich dasselbe nur in Gelb. Ob die SPD Sozialpolitik macht, ist auch so ’ne Frage, weil sie letztlich Politik machen für irgendwelche dahergelaufenen Honks, deswegen scheidet die SPD auch aus. Grüne ist für mich ein Kasperleverein, der sich überhaupt nicht selbst treu bleibt, sondern einfach seine Ideale verkauft. Die Linke hat die SED-Vergangenheit, die sie auch nicht wirklich aufarbeiten – wollen, sorry. Ja, und sonst gibts halt so kleine Splitterparteien.
An jeder Partei gibts was auszusetzen.
Die PARTEI ist ’ne Satirepartei, da könnte ich mir noch eher vorstellen beizutreten. Denn deren Wahlspruch ist: Das aktuelle Politikgeschehen kann man nur mit zwei Sachen aushalten, mit Satire und mit Alkohol. Da haben sie nicht unrecht. Ich war mal bei ’nem Landesparteitag dabei, und das war schon sehr amüsant. Das war zwar eher wie ’ne Comedy-Veranstaltung, hatte nichts mit seriöser Politik zu tun, aber sie haben immer sehr humorvolle Aktionen in Baden-Württemberg und im Rest vom Land. Als die Europawahl war, bei der zwei Parteimitglieder reingekommen sind, gabs ’ne Wahlparty um 18 Uhr, nachdem die Wahllokale geschlossen haben, wo Bier getrunken wurde und man versucht hat, dass jeder auf die Promillezahl des Wahlergebnisses im Wahlbezirk kommt. Also die machen sehr viel mit Humor. Klar, die kann man jetzt nicht für ernsthafte Dinge halten, außer im Europaparlament, wo der Martin Sonneborn drinsitzt und der Nico Semsrott, zwei Satiriker. Die setzen sich dann doch mehr für seriöse Politik ein, na gut, ob Europa jetzt seriöse Politik macht … und sind dann eher liberal, zwischen SPD und Grünen. Sie setzen sich sehr für die Interessen der meisten jungen Wähler ein. Diejenigen, die Die PARTEI wählen, sind meistens keine Ü40 oder Ü35. Aber es sind fast alles Protestwähler, die keinen Bock haben, die normalen Parteien zu wählen, und bevor sie ihre Stimme verfallen lassen, geben sie sie der Partei Die PARTEI.
Was würdest du anderen Leuten sagen, weshalb es sich lohnt, politisch interessiert und/ oder engagiert zu sein?
Sich zu interessieren ist leichter jemandem zu sagen, als dass man sich politisch engagieren soll. Politik geht uns alle was an, vor allem die jungen Leute, denn das ist, ganz plakativ gesagt, das, was in Berlin über unsere Zukunft entschieden wird. Ob es das Klimapaket ist, ob es vielleicht mal wieder eine Grundgesetzänderung gibt, was jetzt bestimmt kommt wegen Corona, das ist ja schon in der Diskussion … oder mit der Rente. Das ist das, was unsere Generation jetzt machen muss: Sie muss sich dafür interessieren, dass wir möglichst noch ’ne Rente haben, von der man leben kann. Wir müssen dafür sorgen, dass das Rentenalter nicht hochgesetzt wird. Ich kenn viele Pfleger oder Leute, die im sozialen Bereich im Wohnheim arbeiten, die können nicht bis 70 arbeiten, das schaffen die jetzt schon kaum und arbeiten sich kaputt. Deswegen sollte man sich für Politik interessieren, um zu wissen, was passiert, weil im Nachhinein zu sagen: »Öh, scheiß Politiker, öh«, ist zu spät, und man kann dann den Großteil eh nicht mehr rückgängig machen. Man muss sich schon im Klaren sein, wen man nach Berlin schickt oder in den Landtag.
Und das Engagieren?
Das ist die Frage: Ist es schon engagieren, wenn ich ins Wahllokal geh und meine Stimme einer Partei gebe? Oder ist politisch engagieren, wenn ich auf die Königstraße geh und für die Aufnahme von geflüchteten Menschen demonstriere? Das ist halt ein Riesenspektrum. Oder ob ich mit ’ner Non-Profit-Organisation durchs Land fahr und Unterschriften dafür sammle, dass Discounter keine giftigen Pestizide mehr verwenden dürfen? Jeder muss wissen, was er tut, aber ich sag zu jedem: »Egal, was du tust, tu einfach was! Und wenn es nur ist, alle vier Jahre mal zur Wahl zu gehen. Das ist auch schon zur Politik beitragen und sich politisch engagieren.
Politik geht uns alle was an, vor allem die jungen Leute, denn das ist, ganz plakativ gesagt, das, was in Berlin über unsere Zukunft entschieden wird.
»Egal, was du tust, tu einfach was! Und wenn es nur ist, alle vier Jahre mal zur Wahl zu gehen.
Welchen Nutzen siehst du ganz persönlich für dich darin?
Das politische Engagieren macht Spaß. Man lernt jede Menge netter Leute kennen und merkt sehr, wie der Zusammenhalt ist, der Zusammenhalt in der politischen Szene. Ich hab es in Chemnitz gemerkt, wie schnell sich die Leute da vernetzt haben, dass der eine mit dem anderen hin ist und der eine den anderen bei sich hat unterkommen lassen. Ich hab auch bei ’ner Freundin gepennt, die ich bei den Toten Hosen kennengelernt hab. Zu der hatte ich vier, fünf Jahre keinen Kontakt, die hab ich angeschrieben, und sie meinte: »Komm, bring zwei, drei Leute mit! Wir geben euch einen Schlafplatz!« Es macht einfach ein gutes Gefühl, sich politisch zu engagieren. Und es macht auch irgendwie Spaß, auch wenn es nicht wirklich Spaß macht, wenn es 0°C hat und man auf ’ner Demo rumläuft, um für ’ne grünere Zukunft zu demonstrieren. Ist trotzdem ’ne gute Sache.
Wenn du mal an die Zukunft denkst: Was müsste auf jeden Fall passieren, dass sich was zum Positiven verändert?
AfD unter 5 %! Nee, ich glaub das ist nicht realisierbar in nächster Zeit. Weil es da zu viele Zwischenfälle gab in den letzten Jahren in der Politik. Kommunal kann ich nur von meinem Ort reden, da funktioniert die Kommunalpolitik recht gut. Da gibts nix zu verändern. Außer, dass vielleicht mal junge Leute rein sollten. Oder allgemein, dass junge Leute sich mehr für Politik engagieren und mehr ernst genommen werden, wenn sich ein junger Kandidat aufstellen lässt. Man muss nur mal in den Bundestag schauen. Der Einzige, der da wahrscheinlich unter 30 ist, ist Philipp Amthor, und [lacht] ich glaub, der ist eigentlich 60 im Körper eines 27-Jährigen. Ich find ihn aber trotzdem noch mega sympathisch, weil er einfach noch recht jung ist, und so brauchts einfach noch mehr Leute. Also nicht so Philipp-Amthor-mäßig, [lacht] der irgendwie doch nicht ernst zu nehmen ist, aber es braucht jüngere Leute. Dadurch wird auch das politische Interesse der jüngeren Leute eher kommen, als wenn irgendwelche Omas und Opas im Bundestag oder im Landtag sitzen. Mein kleiner Bruder kennt nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Ich kannte noch Gerhard Schröder. Es muss sich einfach vom Alter her mal vieles ändern und dass sich nicht nur für irgendwelche Konzerne eingesetzt wird.
Die ganzen Rechtsidioten, Rechtspopulisten, Rechtsradikale sind einfach nicht die Hellsten.
Und in der Welt überhaupt?
Global gesehen müssten die Populisten zurückgedrängt werden, egal von welcher Partei die kommen, denn man siehts jetzt gerad in Brasilien: Der Rechtspopulist Bolsonaro, der da an der Macht ist, hat gesagt: »Corona existiert nicht«, und kurze Zeit später hatte er selber Corona. Oder Trump, der behauptet hat, das Virus sei nichts, aber urplötzlich heißt es jetzt: »USA, USA, wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt und die besten Tests der Welt.« Da denkst du dir einfach: Die ganzen Rechtsidioten, Rechtspopulisten, Rechtsradikale sind einfach nicht die Hellsten. Wichtig ist mir, dass die einfach wegkommen. Egal ob es Erdogan, Putin, Trump oder Bolsonaro ist, dass sich, ähnlich wie für Deutschland, junge alternativere Leute aufstellen lassen und versuchen, an die Macht zu kommen. Vielleicht auch mal ’ne Frau, wie in Finnland, wo das Parlament ’ne recht junge Präsidentin hat. Und dass junge motivierte Leute auch mal ernst genommen werden. An Fridays for Future gerichtet hat Lindner gesagt, man solle die Politik den Profis überlassen. Da sieht man einfach, wie wenig ernst die jungen Leute genommen werden. Aber es ist ja die Zukunft der jungen Leute, die da gerad plattgemacht wird.