Читать книгу Lichter im Norden - Nena Schneider - Страница 14
Jahr 2195: Schweden Jahr 2195
ОглавлениеNiklas: Schweden, Umea
Fünf Jahre, nachdem der Golfstrom zum Erliegen gekommen war, hatte Niklas Lundgren noch so gut wie nichts zur Rettung der Menschheit beigetragen. Mittlerweile gab es Direktor Rüdengard nicht mehr. Er hatte es vorgezogen, in ein wärmeres Gebiet zu ziehen. Er war einfach ausgewandert. Niklas konnte ihm das nicht verübeln. Es wurde zusehends unangenehm kalt. Der Sommer existierte so gut wie nicht mehr, Frühling und Herbst kamen kaum über die Fünf-Grad-Marke und der Schnee blieb liegen.
Noch kamen die nördlichen Länder gut damit zurecht. Lebensmitteltransporte brachten Südfrüchte aus wärmeren Gebieten und jenes Gemüse, das aufgrund der Kälte nicht mehr anzubauen war. Niklas befürchtete jedoch, dass in spätestens fünf Jahren selbst die hartgesottensten Skandinavier ihre Umgebung als zu ungemütlich empfinden würden. Und das war dann erst der Anfang.
Niklas hatte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern zusammengestellt, fünf an der Zahl, obwohl drei davon völlig untauglich waren. Es gab keine finanziellen Einschränkungen und trotzdem konnte er nur diejenigen einstellen, die bereit waren, mit ihm in der Kälte Schwedens zu arbeiten, anstatt irgendwo in New Mexico im Warmen zu sitzen. Niklas fragte sich, ob es in New Mexico tatsächlich immer noch so warm war, wie er es sich vorstellte.
Er wusste einfach nicht, wo er anfangen sollte. Und je länger er grübelte, desto öfter kam er zu dem Schluss, dass es vielleicht doch keinen so großen Unterschied machte, ob er nun an einer Lösung – für was auch immer – arbeitete oder nicht. Die erste Euphorie über die Zusammenarbeit der verschiedenen Länder war in den ersten zwei Jahren verklungen. Alles ging seinen Lauf, wie es immer ging. Die Amerikaner zogen ihr Ding durch, die Deutschen ein anderes und der Rest machte sowieso, was er wollte. Niklas hatte nur noch das Geld. Und selbst das konnte er nicht sinnvoll einsetzen. Diese Situation gab ihm auf Dauer ein sehr unbefriedigendes Gefühl, was dazu führte, dass er viel mehr Zeit zu Hause verbrachte als in der Universität.
Er bereute es nicht, oft zu Hause zu sein. Wenn er wissenschaftlich schon nichts erreichte, so konnte er doch sagen, dass wenigstens Nachwuchs dabei herausgekommen war. Die Eiszeit hatte seinem Eheleben neuen Schwung gebracht. Niklas nahm an, dass das durch das unterschwellige Gefühl des nahenden Weltuntergangs kam. Dieses Kribbeln, diese leichte Panik, ob man die nächsten Jahre noch überleben würde. Obwohl bis jetzt nicht mehr Menschen durch Erfrierungen ums Leben gekommen waren, sonst auch. Noch immer starb der Großteil der Menschheit beim Autofahren oder in der Küche.
Schwingungen, dachte Niklas. Schwingungen. Nun da er wusste, wie sich so etwas auswirkte – zumindest auf seine Ehe – hätte er nichts gegen noch ein paar weitere Eiszeitnachrichten gehabt. Kurz nachdem der Golfstrom aufgehört hatte zu fließen und die Massenpanik ausgebrochen war, hatten er und Emelie sich beinahe jeden Tag drei Mal geliebt. Bei fünf Werktagen also fünfzehn Mal in der Woche, das Wochenende gar nicht mitgerechnet.
Niklas hatte dieser Zustand gefallen. Beinahe ständig hatte jeder die fatale Veränderung der ganzen Welt gespürt, die dieses Mal nicht langsam vonstattenging, sondern sehr rasant. Man hatte es wie ein Prickeln auf der Haut wahrgenommen, wie andauernde Gänsehaut. Die Menschheit hatte pulsiert, für ein paar Monate war sie aufgewacht und hatte sich zusammengetan.
Aus diesen befriedigenden ersten Monaten der Eiszeit war ein kleiner Sohn entstanden. Lars Lukas Lundgren. Niklas hatte es eigentlich nicht so mit Alliterationen, doch Emelie bestand darauf. Ihr Vater hieß Lukas.
Und da Emelie und er die besonnensten und ruhigsten Menschen waren, die Niklas kannte, reagierten beide nicht so wie ihre wenigen Freunde, die noch im Norden wohnten.
»Ihr wollt jetzt noch ein Kind zur Welt bringen? Seid ihr wahnsinnig? Denkt doch daran, was ihr dem Kind antut!«
Darauf hatte Emelie immer nur nett gelächelt, über ihren runden Bauch gestrichen und gesagt: »Warum, was tun wir ihm denn an? Meint ihr wirklich, dass wir so schlechte Eltern abgeben werden?«
Sie verstand natürlich, was die anderen meinten. Aber es kümmerte sie ebensowenig wie die Unruhen in Amerika. Alle anderen hielten sie für naiv, Niklas hingegen bewunderte ihre Standhaftigkeit. Und er gab ihrer inneren Ruhe Recht.
Sollten sie aufhören, Kinder zu zeugen, nur weil es kälter wurde? Dann könnten sie gleich alles hinwerfen, denn wofür versuchte er dann so angestrengt – oder eher gemächlich – die Welt zu retten? Gewiss nicht für irgendwelche alten Säcke, die nach drei Jahren Eiszeit schon das Handtuch warfen. Kinder bedeuteten Zukunft und eine Eiszeit nicht das Ende der Welt.
Niklas versuchte seinen Freunden zu erklären, dass die Menschheit anpassungsfähig war, und dass das durch die heutigen Technologien noch schneller und effizienter vonstatten gehen konnte. Auch das verstanden sie nicht. Daraufhin zuckte er nur mit den Schultern und wünschte ihnen viel Erfolg beim Auswandern. Was die meisten wenige Monate später auch taten.
Lars Lukas Lundgren wuchs zu einem aufgeweckten kleinen Burschen heran und seine Eltern vergötterten ihn regelrecht. Zu Niklas Freude zeigte sein Sohn schon in den ersten fünf Lebensjahren Interesse an der Wissenschaft. Er liebte es herumzuexperimentieren und manchmal nahm Niklas ihn nach dem Kindergarten mit ins Büro. Lars fragte nach allem Möglichen und er verstand auch viel von dem, was sein Vater ihm erklärte. Nach bestem Wissen versuchte Niklas ihm beizubringen, wie das mit Molekülen war, mit chemischen Verbindungen und vielen anderen Dingen. Er hatte das Gefühl, dass Lars mit seinen fünf Jahren vielleicht schon mehr über das Periodensystem wusste als mancher Zehntklässler. Vor allem verstand er auch was dahintersteckte. Möglicherweise – und darauf wäre Niklas unglaublich stolz gewesen – hatte er da ein kleines Genie gezeugt, auch wenn er selbst keine solche Begabung zu haben schien. Um ein Genie zu sein, fehlte ihm das gewisse Etwas, die eine kleine Idee, der Funke.
Nichtsdestotrotz wurde es draußen immer kälter und ungemütli-cher. Die Studenten suchten sich andere Universitäten in wärmeren Ländern.
An einem sehr verschneiten Märznachmittag saß er mit Emelie auf dem Sofa. Sie strickte Socken für ihn und Lars, er selbst versuchte, einen der neuesten Artikel über die Erderkaltung zu lesen, aber er konnte sich nicht richtig konzentrieren. Im Ofen prasselte ein warmes Feuer und im Zimmer nebenan machte Lars sein Mittagsschläfchen.
Niklas sah Emelie von der Seite an. Ihr blondes Haar fiel ihr sanft über die Schulter und ihre weiße Haut wurde vom flackernden Feuerschein beleuchtet.
»Liebling, vielleicht sollten wir auch auswandern«, sagte er in die Stille hinein.
Emelie blickte ihn erstaunt an. »Warum sollten wir das tun?« In ihrer Stimme klang eine wunderbare Ruhe, ein Frieden, der Niklas lächeln ließ.
»Ich weiß, du siehst das nicht so eng, und ich bewundere das wirklich. Aber wir können nicht ewig unsere Augen vor dem Geschehen da draußen verschließen«, entgegnete er in sanftem Ton.
»Wir verschließen unsere Augen nicht, Niklas, wir sind optimis-tisch.«
»Ja, das ist eine sehr gute Eigenschaft an uns. Aber wie lange können wir noch optimistisch bleiben?«
Zwischen Emelies Augen bildete sich eine kleine Falte. Sie legte ihr Strickzeug weg und rutschte auf dem Sofa zu ihm herüber. »Schatz, gab es etwas in der Arbeit, was dich auf solche Gedanken gebracht hat?« Sie strich ihm kurz über die Wange und blickt erwartungsvoll in seine Augen.
Niklas schüttelte langsam den Kopf. »Nein … es ist nur … die allgemeine Situation. Ich weiß nicht, wie lange wir hier noch leben können, wie lange es lebenswert ist. Der Rest der Welt flieht davor und vielleicht sollten wir das auch tun. Auch damit Lars ein anderes Leben führen kann.«
»Ein anderes Leben als was, Niklas?«
Hilflos hob er die Arme und senkte sie wieder. »Gefangen im ewigen Eis … das ist doch kein lebenswertes Leben.«
»Und wer entscheidet das, Liebling? Entscheidest du nicht nach deinen Maßstäben, was ein lebenswertes Leben ist?« Emelie lächelte sanft und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
Ihre Worte legten sich wie ein Band um sein Herz. »Emelie, ir-gendwann, ich schätze in fünf bis sieben Jahren, wird die Wirtschaft und alles andere hier komplett zusammenbrechen. Keine Supermärkte mehr, keine Wasseraufbereitung, keine Schulen. Eiszeit … weißt du, was das bedeutet? Es wird kalt, sehr kalt. Viel kälter als es jetzt ist. Und es wird sich bis nach Südeuropa ausbreiten. Der Welt bleibt dann nur noch die südliche Halbkugel. Und was passiert dann, Emelie?«
Der Ausdruck in ihren Augen blieb vollkommen ruhig. »Dann gibt es einen Ansturm auf den Süden. Und dann wird es Krieg geben.«
Niklas nickte. »Ja. Deswegen will ich nicht zu den Menschen gehören, die als letzte in den Süden gehen. Weil die dann eventuell gar nicht mehr dort ankommen.«
»Dann gehen wir einfach nicht nach Süden.«
Verständnislos griff Niklas sich an den Kopf. »Du willst doch, dass Lars zur Schule gehen kann, dass er eine gute Arbeit bekommt und eine Familie gründen kann. Das willst du doch auch, oder?«
»Ja sicher, aber - «
»Nein, nichts aber. Das alles geht hier nicht mehr. Wenn wir blei-ben, verbauen wir ihm seine Zukunft. Deswegen schlage ich vor, dass wir uns darauf vorbereiten wegzuziehen. Noch zögern ein paar, das gibt uns einen Vorsprung.«
Emelie löste sich von ihm und stand auf. Sie ging vor dem Feuer auf und ab, tippte nachdenklich mit ihrem Finger an die Unterlippe. Dann blieb sie stehen und sah ihn an.
»Ich glaube, du liegst falsch, Niklas. Du vergisst gerade deine ureigensten Überzeugungen, weil du dich um Lars sorgst. Das ist in Ordnung, ich verstehe das vollkommen. Aber vielleicht … vielleicht solltest du dich darauf besinnen, was du wirklich denkst und was du schon immer zu mir gesagt hast.«
»Ich verstehe nicht, was - «
»Der Mensch ist dazu fähig, sich anzupassen«¸ unterbrach sie ihn, »er kann es, Niklas!« Sie lächelte ihn optimistisch an. »Neun Milliarden Menschen, Niklas. Neun Milliarden Menschen auf der Südhalbkugel. Was passiert mit den vielen Leuten?«
Er zuckte mit den Schultern. »Naja, sie müssen sich eben … arrangieren.«
»Du weißt, was das bedeutet. Willst du ein Leben für Lars, in dem er sich arrangieren muss?«
»Nein.«
Sie kam wieder zu ihm hinüber auf das Sofa und nahm seine Hand. »Bereiten wir uns doch lieber darauf vor, hier zurecht zu kommen. Egal wie kalt es wird.«
»Liebling, das könnte schwierig werden.«
»Nicht schwieriger, als ein neues Leben auf einem fernen Kontinent anzufangen, oder? Sieh’s mal so: Wir kennen dieses Land, wir kennen seine Tücken. Wir wissen, wie man hier für etwas zu essen sorgt und wir kennen unsere Ressourcen.«
Nun musste Niklas lächeln. Emelie brachte ihn immer wieder zu seinen Wurzeln zurück.
»Dann sind wir Aussteiger, ganz offiziell, sobald hier keiner mehr wohnen will.«
Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund. »Nein Niklas, wir bleiben einfach nur hier.«