Читать книгу Lichter im Norden - Nena Schneider - Страница 3
Prolog
ОглавлениеEine leichte Brise wehte über die dämmernde nordwestliche Tundra. Sie fegte über weite, schneebedeckte Landstriche hinweg, verfing sich in endlosen Nadelwäldern und verlief sich schließlich mit dem Strom eines breiten Flusses, der sich langsam aber stetig durch die Landschaft schlängelte. Hier und dort waberte Nebel zwischen den Bäumen. Wie ein leichter Hauch schwebte er beständig in der Luft. Im Osten färbten sich die Wolken am Himmel langsam blutrot, orange und violett, doch noch war die Sonne nicht aufgegangen.
Auf einmal knackte das hauchdünne Eis am seichten Ufer des Flusses. Ein Rentier zuckte mit dem Huf zurück und begann, das Wasser zu trinken. Die Luft wurde von einer eiskalten Klarheit erfüllt. Außer dem Rentier bewegte sich nichts. Da war keine Bewegung zwischen den Bäumen, nicht einmal ein Schneehase hüpfte versteckt umher. Allgegenwärtige Stille lag über dem breiten Fluss und seinem Ufer, sie wurde lediglich durch leises Plätschern und Gurgeln unterbrochen.
Nun erhob sich langsam eine rote Sonne am Horizont. Der Schnee begann zu glitzern und der kondensierende Atem des Rentiers leuchtete in hellem Gold. Vorsichtig bewegte das Tier seinen Kopf und sah sich um.
Jeshua wartete. Auch sein Atem dampfte. Er kauerte auf der anderen Seite des Flusses, gut im Schatten zwischen den angrenzenden Bäumen versteckt. Er sah, wie die Sonne im Osten aufging und wie sie schließlich das Wasser des Flusses und den Schnee um ihn herum in goldenes Licht tauchte. Auch wenn ihre Strahlen schwach waren, ihre Wirkung konnte kein Mensch jemals ignorieren, oder jemals ihren Anblick vergessen. Jeshua beobachtete, wie das Rentier den Kopf neigte, um am Seeufer nach Wurzeln zu schnuppern. Langsam hob er den Arm und spannte seinen Langbogen. Dieser war aus leichtem Aluminium und Glasfaser gefertigt, die Sehne spannte sich beinahe ohne Anstrengung und der Pfeil schoss so schnell, dass er einen aus-gewachsenen Bären mit einem gezielten Schuss sofort töten konnte. Jeshua atmete tief ein und wieder aus. Seine Atemwolke löste sich auf. Dann zielte er konzentriert, und schoss.
Der Pfeil überquerte den Wasserlauf in Sekundenschnelle, durchtrennte Haut und Muskeln des Tieres und landete direkt im Herz. Dumpf schlug das braune Geschöpf im Schnee auf und Jeshua konnte sehen, wie rotes Blut darin versickerte. Gerade als er sich aufrichtete, bemerkte er neben dem Gurgeln des Flusses ein anderes, ihm wohlbekanntes und dennoch selten gehörtes Geräusch. Es war eine Art Schnaufen, gemischt mit schweren, etwas orientierungslosen Schritten. Dumpf schlugen schwere Tatzen auf der Schneedecke auf. Der Mann rührte sich nicht und konzentrierte sich auf die andere Seite des Flusses, von der aus das Geräusch kam.
Wenige Sekunden später erschien ein ausgewachsener Eisbär zwischen den Bäumen am anderen Ufer. Die Farbe seines Fells tarnte ihn gut. Etwas verwirrt schnupperte das riesige Geschöpf in der sonnigen Morgenluft herum. Er ließ seinen Blick über das Flussufer schweifen, und entdeckte schließlich das Rentier. Neugierig ging er hinüber und schnüffelte an dem frisch erlegten Tier. Noch hatte der Eisbär Jeshua, der regungslos auf der anderen Seite kauerte, nicht bemerkt. Mit der Tatze stupste er das Rentier vorsichtig an, es bewegte sich nicht mehr.
Jeshuas Konzentration hatte nicht nach gelassen, er wartete und überlegte. Nach seiner Schätzung war der Eisbär mindestens drei Meter lang und maß bis zur Schulter etwa ein Meter fünfzig. Dem-nach durfte er ohne weiteres fünfhundert Kilogramm wiegen, wenn nicht sogar mehr. Jeshua zog einen weiteren Pfeil aus seinem Köcher. Er liebte das schleifende Geräusche, wenn das Aluminium des Pfeiles auf das des Bogens traf. Ein weiteres Mal zielte er sorgfältig und schoss. Der Pfeil traf das Herz nicht ganz, aber er durchbohrte die Halsschlagader des Eisbären, der klagend aufstöhnte und versuchte, sich mit der Pfote an den Hals zu fassen, dann aber schließlich das Gleichgewicht verlor und in den Schnee fiel. Jeshua zögerte nicht. Wieder schoss er und diesmal traf er das Herz. In nur wenigen Sekunden verschwand der letzte Atem des Bären in der Luft.
Der Mann atmete tief ein und versuchte sich darüber klar zu werden, dass er gerade einen ausgewachsenen Eisbären erlegt hatte. Er spürte die Kälte in seinen Lungen, dann schnallte er sich den Bogen auf den Rücken und klopfte sich den Schnee von den Fellschuhen. Über ein paar Felsen, die aus dem Fluss herausragten, gelangte Jeshua vorsichtig über den Fluss. Friedlich lagen die Tiere auf der anderen Seite nebeneinander, als wären sie zusammen eingeschlafen. Der Schnee hatte sich unter ihnen dunkelrot gefärbt. Jeshua kniete sich zuerst neben das Rentier, streichelte seinen Kopf, schloss seine Augen und zog schließlich den Pfeil mit einem einzigen Ruck heraus. Dasselbe tat er bei dem Bären. Dessen Fell leuchtete makellos weiß und Jeshua sah, dass seine Gewichts- und Größeneinschätzungen richtig gewesen waren. Doch nun stand er vor einem anderen Problem, das er zuvor nicht bedacht hatte. Das Rentier konnte er mit ein paar Seilen hinter sich herziehen, den Bären nicht. Und schon gar nicht beide Tiere zusammen. Er musste zurückgehen und Verstärkung holen. Jeshua seufzte. Die Strecke zwei Mal zu laufen bedeutete auch doppelte Anstrengung.
Im Schnee säuberte Jeshua seine Pfeile und steckte sie in den Köcher zurück. Noch einmal spielte er mit dem Gedanken, zumindest das Rentier mitzunehmen, denn wenn er die Tiere hier liegen ließ, lief er Gefahr, dass Füchse oder Wölfe sich daran gütlich taten. Wenn er das Tier mitnam, würde er wesentlich länger für die Strecke benötigen und dann würde der Bär bis morgen früh noch dort liegen.
Also machte Joshuau sich auf und ging zügig durch den angrenzenden Wald am Fluss. Er achtete darauf, wenige Geräusche zu machen. So war er es gewohnt. Und den Weg kannte er in- und auswendig. Nach dem Wald erwartete ihn eine weite, zum Ende hin hügelige Ebene und dahinter eine mit eingefrorenen Sümpfen durchzogener Fichtenansammlung. Und nach dieser kam er dann schließlich in ein kleines Tal, zu dessen Seiten sich links und rechts Berge erhoben. Sie waren mit Bäumen bestanden und führten weit hinein in die ewigen Wälder des russischen Nordens.
Am Fuße der Berge standen viele Behausungen, teilweise getrennt durch einzelne Bäume oder sogar kleine Wäldchen. Es waren Häuser verschiedenster Bauart. Traditionelle aus Lehm und Stein, hochmoderne aus Thermophaser, die eher riesigen robusten Zelten glichen, etwa hundert an der Zahl. Die Anordnung der Behausungen glich einem Kreis, mit einigen größeren oder kleineren Lücken. Das Dorf der Siedler lag vor ihm.
Jeshua ließ den letzten Sumpf hinter sich und steuerte auf die Lehmhäuser zu. Er lief einigen Leuten über den Weg, die in die Bibliothek wollten oder ins Labor. Einige Kinder rannten hektisch zum kleinen Wäldchen hin, wo in den Wipfeln der Bäume die Schule gebaut worden war. Auf ihrem Dach glänzten Solarzellen in der Sonne.
Jeshua ging schnurstracks in seine eigene Lehmhütte. Er war stolz darauf, dass er sie mit eigener Hand entworfen und gebaut hatte. Von außen sah sie aus, wie eine Halbkugel, innen barg sie mehr Platz, als man auf den ersten Blick erwartete. In der Mitte brannte ein Feuer, dessen Rauch durch eine trichterförmige Vorrichtung, die in der Decke steckte, nach außen geleitet wurde. Der Lehm isolierte die Wärme. Während draußen minus 20 Grad herrschten, waren es drinnen meist beinahe heiße 18 Grad. Jeshua staunte immer wieder über diese Technik, er wusste nämlich nicht genau, was die Ingenieure da rein getan hatten, damit dieser Temperaturunterschied von beinahe 40 Grad funktionierte. Aber er war ihnen sehr dankbar dafür.
»Nin, ich bin wieder da«, sagte er und streifte Schuhe und Felljacke ab.
»Da hast du ja wirklich unglaublich lange gebraucht.« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Wenn er das Rentier nach Hause geschleppt hätte, wäre er erst in der frühen Abenddämmerung wieder hier gewesen. Jeshua durchquerte den Raum mit dem Feuer und ging durch den Torbogen in die Küche. Dort lehnte Nin, seine Frau, am hölzernen Tisch und trank eine warme Tasse Tee.
»Ich war zwar nur drei Stunden unterwegs, konnte aber etwas erlegen. Es ging schneller als erwartet. Ich muss gleich nochmal zurück.« Er gab ihr einen herzhaften Kuss. »Hallo«
Sie lächelte. »Auch Hallo. Warum musst du zurück, hast du etwas verloren?«
»Nein, aber du wirst es nicht glauben - ich habe einen Eisbären erlegt!«
In Nins Gesichtszügen spiegelte sich Erstaunen. »Äußerst selten. War er allein?«
Jeshua nickte. »Ich weiß nicht, was einen Eisbären in diese Gegend treibt. Er muss hunderte Kilometer gelaufen sein, von der Küste bis hierher.«
»Und viele Seen und die meisten kleinen Flüsse im Norden sind schon zugefroren. Es macht mir Angst, dass das schon der zweite in wenigen Monaten ist. Aber du kannst ihn heute nicht mehr holen«, Nin setzte sich auf einen der Holzstühle und stellte ihre dampfende Tasse ab. Sie trug noch ihren fellbesetzten Morgenmantel, offensichtlich wartete sie darauf, dass sich das Wasser im Boiler erhitzte und sie sich baden konnte.
»Warum nicht?«
»Less war draußen und hat Radio gehört. Da kommt ein Eissturm auf uns zu.«
Jeshua machte eine abwinkende Handbewegung. »Du weißt, dass man Less‘ Wetterberechnungen nie trauen kann, und den Bären darf ich da unmöglich liegen lassen.«
»Selbst wenn’s vier Stunden sind, schafft ihr das nicht«, entgegnete Nin ruhig. »Heute Morgen war der Himmel blutrot, hast du das nicht gesehen?«
»Ach, was heißt das schon…«
Nin stand auf und rückte den Stuhl an den Tisch. »Ich will nicht, dass du da heute noch mal raus gehst, keine Diskussion!« Damit ließ sie Jeshua und ihre Tasse in der Küche zurück und zog den Fellvorhang zum Bad hinter sich zu. Jeshua konnte hören, wie sie dahinter das Feuer unter dem Boiler herunter schraubte und Wasser in die Wanne einließ. Es plätscherte, als sie ins warme Wasser stieg. Jeshua schüttelte den Kopf. Er hatte den Bären erlegt, er würde ihn auch hierher schleppen und ihn nicht den Füchsen überlassen, damit sie ihn erbarmungslos zerrupften, nur um dann fest zu stellen, dass sie ihn doch nicht auffressen konnten. Er trank einen Schluck von dem warmen Kräutertee und zog sich dann wieder Schuhe und Fellmantel an.
Draußen schlug ihm die eisige Kälte entgegen, eisiger, als sie noch vor wenigen Minuten gewesen war. Doch er ignorierte dieses Warnsignal und stapfte zu Ciernicks wackeliger Hütte hinüber. Auf sein Klopfen öffnete ein Mann mit zotteligen Haaren. Sein Gesicht zierte eine hässliche Narbe, die sich von der Schläfe bis über die Hälfte der linken Wange zog. Er trug in Gegensatz zu Jeshua ein paar ausgelatschte Schlappen und alte Strümpfe.
»Morgen«, grummelte er und zog seinen Wollmantel enger um sich.
»Morgen?« lachte Jeshua, »es ist schon fast zwölf. Kann ich rein-kommen?«
Ciernick öffnete seine Tür einen Spalt und schloss sie sofort wieder hinter Jeshua. »Scheißekalt draußen«, sagte er nur und ging vor Jeshua her in seine Behausung. Es roch nach Alkohol und altem Essen.
Angeekelt blickte Jeshua in einem Eimer, in dem Fischreste vor sich hingammelten und fragte sich, warum er mit Ciernick über-haupt so gut befreundet war.
»Hast du heut schon was Ordentliches gegessen? Oder wieder nur getrunken?«
Ciernick deutete auf den Fisch. »Nich heute, aber vor ner Zeit. Was is‘ los?«
Jeshua nahm es seinem Freund nicht übel, dass er auf den Smalltalk verzichten wollte. Er mochte direkte Fragen und außerdem hatten sie, wenn Less‘ Wetterbericht auch nur ansatzweise zutraf, nicht mehr allzu viel Zeit.
»Hab vorhin einen Eisbären erlegt und ein Rentier, aber alleine konnte ich es nicht herschleppen. Ich wollte dich fragen und Jeffry, ob ihr mir dabei helfen könnt.«
Ciernick war empört und machte daraus keinen Hehl. »Alter, ich bin nicht mal dran! Frag die andern, die, die dran sind. Wozu haben wir denn diese dämliche Einteilung?«
»Ich rede doch nicht vom Jagen selber, das hab ich schon gemacht. Und du musst die Viecher ja auch nicht ausnehmen, ist ja nicht dein Job. Ich brauch nur vier starke Hände. Und denk dran, dass du dann auch was vom Fell und dem Rest abbekommst«, versuchte Jeshua ihn zu überreden.
Ciernick runzelte nachdenklich die Stirn. »Der Haken dabei?«
Jeshua setzte sich ihm gegenüber und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab. »Da kommt ein Eissturm auf uns zu. Laut Less in drei, vielleicht vier Stunden.«
Der Mann vor ihm hob sein Glas, in dem sicher nichts anderes als Schnaps war, und prostete ihm zu. »Nicht schlecht«, er kniff seine Brauen zusammen und fixierte Jeshua, »willst du uns umbringen?«
Jeshua verdrehte die Augen. »Du kennst Less‘ Wettervoraussagen, das habe ich Nin auch schon gesagt. In vier Stunden schaffen wir das ohne Probleme.«
»Wo liegen die Viecher denn?«
»Am großen Fluss, beim seichten Übergang hinter der Ebene. Direkt am Ufer.«
Ciernick wackelte mit dem Kopf und schätzte offenbar die Entfer-nung und den Kraftaufwand ab. »Hast Recht, is‘ machbar. Aber auch nur, wenn wir vier Stunden haben. Warum lässt du den Bär nicht einfach da liegen, wenn sowieso das Eis kommt, is‘ er wenigstens total kühl gelagert!« Er grinste. Aber Jeshua schüttelte den Kopf.
»Ich hab den Bären erlegt, ich will ihn jetzt auch hierher bringen. Und zwar noch in erkennbarer Form, nicht als tiefgefrorener Klotz.«
»Nagut«, Ciernick war leicht zu überzeugen, wenn es um gefährliche Dinge ging. Er wollte es nur nie zugeben. »Deine Sturheit wird dich irgendwann noch umbringen. Aber wenn wir die Viecher holen wollen, dann sollten wir nich‘ mehr hier rumhocken. Holen wir Jeffry, der brauch sowieso Bewegung.«
Ciernick ging, um Jeffry, selbst ein Bär von einem Mann, zu holen und Jeshua eilte nach Hause, um Nin Bescheid zu sagen. Sie würde nicht begeistert sein, aber später dann umso mehr, wenn sie sich neue Stiefel aus Eisbärenfell machen konnte. Er öffnete die Tür und wäre beinahe mit Hanah zusammengestoßen. Sie kam von der Schule und hatte sich gerade den Mantel ausgezogen.
»Papa! Du bist ja schon wieder da!« Sie umarmte ihn fest und drückte ihren kleinen Kopf mit den schwarzen Locken an seinen Bauch. »Weißt du, was wir heute gelernt haben?« Mit leuchtenden Augen sah sie ihn an. Das brachte Jeshua zum Lächeln.
»Nein, erzähl!«
»Wie man Fische fängt und was man aus ihnen alles machen kann!«
»Sag bloß! Und, was kann man damit alles machen?«
»Also, als erstes natürlich was zu essen, ganz schön viel Verschiedenes und man kann sie auch räuchern. Und wenn man die Haut abzieht, kann man darin was aufbewahren und aus den Knochen kann man Schmuck machen, oder Werkzeuge und sowas!«
Die Begeisterung seiner siebenjährigen Tochter steckte auch ihn an. Und wenn sie von diesen Dingen sprach, glänzten ihre Augen wie die von Nin. Sie sah ihrer Mutter so ähnlich. Wie besonders es noch für sie war, in der Schule etwas über Fische zu lernen. Würde sie später mit der gleichen Begeisterung die Fische fangen, von denen sie nun sprach? Jeshua wünschte es ihr von Herzen, denn es würde ihn brechen, wenn er irgendwann keine leuchtende Faszination mehr in ihren Augen entdecken konnte.
»Toll, dass ihr so was lernt!« Und es war tatsächlich gut. Jeshua erinnerte sich daran, dass er sich das alles selbst hatte beibringen müssen, so wie beinahe jeder hier, der über dreißig war.
»Wenn du jetzt schon da bist, essen wir dann zusammen?«
»Nein, leider muss ich noch mal los, ich hab nämlich einen Eisbären erlegt!«
»Wow!« Hanah wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment kam Nin aus der Küche und warf Jeshua einen kritischen Blick zu. »Wir hatten das geklärt, du gehst heut nirgendwo mehr hin!«
»Ich hab Ciernick gefragt, er holt gerade Jeffry. In vier Stunden sind wir wieder da.«
Nins Gesichtsausdruck veränderte sich. Die Strenge wich aus ihrem Gesicht und sie sah ihn bittend an. »Da kommt ein Eissturm auf uns zu, Jeshua, du gehst bitte nirgendwo hin!«
»Wir sind zu dritt, zur Not buddeln wir uns im Schnee ein.«
Sie ging zu ihm und blieb erst wenige Zentimeter vor ihm stehen.
»Ich bitte dich, um Himmels Willen, bleib hier. Du willst dich doch nicht ernsthaft nur um deines Stolzes Willen in Gefahr bringen? Jeffry und Ciernick können das ja tun! Sie haben keine Familie und niemanden, der sie vermissen würde.« Sie berührte seine Wange und blickte ihm fest in die Augen. Hätte dieser Moment noch einige Sekunden länger gedauert, wäre Jeshua eingeknickt. Aber Hanah unterbrach ihn.
»Ist das denn gefährlich, wo du hingehst?« Er spürte, wie sie ihre kleine Hand in die seine schob.
Er wandte seinen Blick von Nins Augen ab und sah seine Tochter an. »Nein, da kommt nur ein Sturm, alles halb so wild. Deine Mutter ist nur sauer, dass ich wieder nicht mitesse.«
Hanah ging nicht auf seinen sanften Ton ein. »Was ist, wenn du nicht mehr zurück findest, nach dem Sturm?«
Jeshua ging in die Knie und streichelte ihr über das schwarze Haar. »Klar finde ich wieder zurück, außerdem hab ich doch Ciernick und Jeffry dabei, wir kennen uns alle gut aus. Und du kennst doch Jeffry, den großen, riesigen Mann, der kann mich beschützen. Hey, mach nicht so ein trauriges Gesicht, in vier Stunden bin ich wieder da!« Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stand auf.
»Geh ins Bad und wasch dir die Hände«, befahl Nin ihrer Tochter in sanftem Ton. Als das Mädchen gegangen war, nahm sie Jeshuas Hände. »Hör auf deine Tochter, wenn schon nicht auf mich. Bleib hier!«
Jeshua drückte sie an sich. »Du kennst mich, ich will diesen Bären. Mach dir keine Sorgen.« Sie sah ihn an, ohne ihn loszulassen. Sie kannte ihn und wusste, er würde nicht locker lassen. Und seiner Überzeugungskraft konnte selbst sie nicht wiederstehen. »Dein verdammter Stolz wird dich noch umbringen!«
Jeshua berührte ihr Haar und küsste sie. »Nin…wie oft war ich schon da draußen. Im Dunkeln, im Schneegestöber. Ich bin immer heil zurückgekommen.«
»Wenn du gehen willst, dann geh. Aber bitte sei vorsichtig.«
Er nickte. »Bis heute Abend.« Jeshua löste sich von ihr und trat nach draußen. Als er bereits einige Meter gegangen war, rief Nin hinter ihm her. »Warte!« Sie zögerte einen Moment. »Ich liebe dich.«
Jeshua lächelte. »Ich liebe dich auch.«
»Möge Gott mit dir sein.«