Читать книгу Fluchtpunkt Hamburg - Reimer Boy Eilers - Страница 14
Studium
ОглавлениеDrei, vier Monate nach den großen Demonstrationen hatte Albulena ihr Abitur bestanden. Sie wollte studieren. Doch als Tochter eines politisch verfolgten Vaters, wie sollte sie da einen Studienplatz bekommen? Sie erzählte, dass sie in Bosnien studieren wollte, meldete sich aber heimlich in Prishtina an und bekam zu ihrer großen Freude dort einen Studienplatz.
Das nächste Problem, wiederum, wem konnte sie trauen? Die Regierung hatte überall Spitzel, wollte das ganze Land überwachen, Demonstrationen, Aufruhr im Keim ersticken. Eine junge Studentin erregte ihre Aufmerksamkeit. Doch konnte man Latra, so hieß sie, auch wirklich trauen?
Marxismusseminar. Der Professor unterrichtete nicht, sondern schimpfte gegen die im Land stattfindenden Demonstrationen. Dann forderte er die Studierenden auf, ihre Hefte herauszuholen. Er wollte ein Pamphlet gegen die Demonstrationen diktieren. Albulena fühlte sich unwohl. Es war nicht das, was sie lernen wollte. Sie hatte sich immer für Freiheit und Demokratie eingesetzt. Für das, was ihr Vater seine Kinder gelehrt hatte und für das er mit Gefängnis büßen musste.
Nein, das wollte sie nicht aufschreiben, das war nicht ihre Gedankenwelt. Ihre Hand fing an zu zittern und mit einer Eingebung warf sie den Kugelschreiber weg. Der Professor bemerkte dieses und sah Albulena wütend an. Sie entschuldigte sich damit, dass sie einen Krampf in der Hand hätte und nicht mehr schreiben könne. Er schrie, keiner halte sich an die Vorschriften. Hier kommen demonstrativ schwarz und rot gekleidete Studierende her. Schwarz und rot sind die Farben der albanischen Nationalflagge und auch ein Symbol für das freie Kosovo.
Wütend verließ er das Seminar. Später erfuhr Albulena, dass er auch in dem nachfolgenden Seminar die Studierenden zwingen wollte, nach seinem Diktat einen Aufsatz gegen Demokratie und Menschenrechte zu schreiben. Auch hier hatte sich ein Student geweigert, das mitzuschreiben. Der Student wurde vor den Dekan zitiert.
Es war ein turbulenter, schwieriger Tag. Albulena fühlte sich unglücklich, hatte ein merkwürdiges Gefühl in sich.
Eine Ahnung? War etwas passiert? Eigentlich wollte sie an diesem Wochenende Freunde in einer anderen Stadt besuchen. Doch dieses Gefühl in ihr wollte einfach nicht weichen. Es war etwas passiert, sie war sich nun sicher. Kurzentschlossen tauschte sie die schon gekaufte Busfahrkarte gegen eine aus, die sie zu ihrem Heimatort, zu ihren Eltern bringen würde.
Zuhause angekommen führte ihr Weg wie immer an der Wohnung ihrer alten Freundin Teuta vorbei, wie immer wollte sie kurz anhalten, sie in den Arm nehmen. Diesmal war irgendetwas anders. Die Familie von Teuta bat sie, doch über Nacht zu bleiben. Sie wussten doch, dass sie zu ihrer Familie wollte. Wussten sie mehr? Man wollte sie beruhigen, wir haben erst gestern mit deiner Schwester geredet, alles in Ordnung. Doch die Angst in Albulena stieg und sie verabschiedete sich schnell.
Es dämmerte schon, als Albulena das Haus ihrer Eltern erreichte. Es hatte geschneit, die Straßen waren glatt. Irgendwie sah das Haus anders aus. Die Gardinen waren zugezogen, was absolut unüblich war. Normalerweise konnte jeder von außen in das Wohnzimmer sehen, konnte jeder an der Haustür klopfen, war jeder ein gern gesehener Gast. Doch diesmal war es fast dunkel und sehr, sehr leise.
Vorsichtig öffnete sie die Gartentür, ging leise durch die Haustür und stand dann vor dem Wohnzimmer. Es war beängstigend still, nicht so, wie sie es gewohnt war. Bei sechs Geschwistern war immer Leben im Haus, rannte irgendeiner durch die Wohnung, waren Stimmen, mal laut, mal leise, mal wütend oder auch ruhig, über irgendetwas diskutierend, zu hören. War keiner Zuhause?
Vorsichtig öffnete Albulena die Wohnzimmertür. Da saßen sie, ihre Geschwister, ihre Mutter, tief in ihre traurigen Gedanken versunken. Als ihr Bruder sie bemerkte, sprang er auf, umarmte sie und stöhnte, sie haben Vater verhaftet. Ein Schock, aber Albulena musste stark sein, ihre Familie, ihre Mutter trösten. Zeigen, dass sie ihrem Mann, ihrem Vater nur dadurch helfen könnten, wenn sie sich nicht unterkriegen ließen.
„Er ist nicht gestorben“, eine vielleicht nicht sehr bedachte Äußerung, aber was sollte sie sagen. Albulena hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Vater. Sie hatten viel miteinander geredet, und jetzt, er war im Gefängnis. Sie konnte es kaum fassen, wollte ihre Bestürzung aber nicht der Familie zeigen, sie nicht noch nicht mehr belasten. Sie lief hinauf in ihr Zimmer, schloss sich ein und weinte.
„Ich muss zu meinem Vater ins Gefängnis“, dieser Gedanke beherrschte sie.
„Nein, Du bist selber in Gefahr“, ihre Mutter war sehr aufgebracht aufgrund Albulenas unbedarften Handelns. Sie war in der Universität aufgefallen, stand unter Beobachtung. Jede unbedachte Handlung hätte sie selber ins Gefängnis bringen können. Erst ihr Onkel konnte sie von ihrem Vorhaben abbringen.
Langsam erfuhr sie Näheres von der Verhaftung ihres Vaters: Morgens um 7 Uhr standen Polizisten vor dem Büro ihres Vaters und hatten ihn verhaftet. Es gab keinen Grund, kein amtliches Dokument, dass dieses gerechtfertigt hätte. Gleichzeitig wurde auch sein Haus, in einer groß angelegten Polizeiaktion durchsucht. Polizisten drangen mit gezückten Maschinenpistolen in das Haus ein. Die Kinder hatten Angst, sowas hatten sie noch nicht gesehen. Aber auch hier fand man nichts, konfisziert wurden ein Wörterbuch und ein weiteres, belangloses Buch. Das sollten die Beweise für sein unrechtmäßiges Tun sein?
In der Zeitung stand später, er wäre der Organisator der Demonstrationen. Er wusste davon nichts, hatte nichts damit zu tun. Aber man brauchte einen Schuldigen. Ein langjähriger inhaftierter Kritiker der Regierung passte dazu. Wie sollte er sich rechtfertigen, auch wenn es keine Beweise gab.
Wieso war ihr Hund plötzlich tot? Ein gesundes, kräftiges Tier. Wieso hörte man ständig Schritte im Garten, sah Schatten, die im Irgendwo verschwanden, wenn man in den Garten ging? Wieso, wieso, wieso? Der Vater, der Ehemann saß im Gefängnis. Wieso, was hatte er getan? Fragen, die sich die Familie stellte, für die es aber keine Antworten gab.
Man hörte nur Geräusche, sah Schatten, aber es war niemand da. Tiger, der Hund, wurde ausgeschaltet, konnte niemanden mehr warnen. Alles nur ein Zufall?