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Das Leben in Deutschland
ОглавлениеAlbulena wandert nach Teufelsbrück, ein kleiner Sportboothafen, die Bronzefigur eines Teufels, ein Busbahnhof, eine Fähre zum gegenüberliegenden Airbusgelände, in dem die Flugzeuge, die die Welt miteinander verbinden, gebaut werden. Sie hat Fragen, möchte mit dem großen Stein sprechen, der Kleine hat ihr keine Antworten geben können. Nachdenklich sitzt sie auf einer Bank, schaut auf das Wasser der Elbe, sieht den vorbeigehenden Menschen nach, sieht die vorbeiziehenden Schiffe. Ein ganz weißes Schiff kommt vorbei, ein sogenannter Bananendampfer, der Bananen und Obst aus fremden, weit entfernten Ländern in den Hamburger Hafen bringt.
Sie erinnert sich. Wie war es, als sie vor vielen Jahren nach Deutschland kam? Sie war nur traurig, sie hatte ihre Familie verlassen müssen, war einsam in dem fremden Land. Sie versuchte, ihre Gefühle in Worte zu fassen. In ihrer albanischen Muttersprache wäre es Lyrik, im Deutschen sind es nur einfache Worte:
Die Elbe füllt sich mit vielen Schiffen
von morgens bis abends,
aber mein Herz ist ganz leer
schaut umher, ohne Lust.
War sie in Deutschland erwünscht? Sie erlebte viele ablehnende Reaktionen, aber von wenigen Menschen auch eine besondere Zuneigung. Auch ihre eigene Heimat entfremdete sich durch die Entfernung, die mangelnden Kontaktmöglichkeiten. Internet und eine funktionierende Telefonie gab es damals nicht. Wieder versuchte sie, ihre Gefühle in Worte zu fassen:
Bitteres Wort
ist das Wort Flüchtling,
das im Hals stecken bleibt
und den Atem im Albtraum erwürgt.
Albulena bemühte sich in dieser Zeit, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, hier ihre neue Heimat zu finden. Die deutsche Sprache zu lernen, Kontakte zu knüpfen, Ihre Gedanken schweifen, sie sitzt noch immer auf der Bank bei Teufelsbrück.
Eine Fähre kommt an. Arbeiter vom Airbuswerk steigen aus, andere für die Spätschicht steigen ein. Autos vom nahegelegenen Parkplatz werden gestartet. Busse bringen die vielen Ankommenden zu ihren Wohnungen. Andere steigen aus, um mit der Fähre zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Hektik, die einen wollen nach Hause, die anderen rechtzeitig bei der Arbeit sein. Albulena wird aus ihren Gedanken über Flucht und Vertreibung gerissen, ist wieder in der Realität angelangt. Es ist schon spät.
Albulena möchte noch gern den „Alten Schweden“ besuchen. Sie hatte ihn kennengelernt, als er ganz neu am Elbstrand abgelegt wurde. Nach Millionen von Jahren wurde er aus der Elbe geborgen, weil er Platz für die großen Schiffe im Hamburger Hafen schaffen musste. Es war ein sehr eigentümliches Gefühl, die Kälte, aber doch auch die Wärme eines Steines zu fühlen, der mit der Eiszeit aus dem hohen Norden nach Hamburg gespült wurde.
„Alter Schwede, möchtest Du mir Deine Geschichte erzählen? Ich bin genauso eine Migrantin, wie du. Oder bist du ein Mann? Was hast du in den Jahrmillionen Jahren erlebt. Warst du einsam? Wie ist es, wenn du jetzt wieder an der Luft bist, Menschen dich besuchen?“
Während der Alte Schwede schweigt, erinnert sich Albulena daran, als sie jung war. Sie war glücklich. Sie spürte die Wärme und die Liebe ihrer Eltern. Sie erinnert sich noch an das Lachen und Toben mit ihren Freunden. Dann kam die Wolke voller dunkler Erinnerungen, Tod und Zerstörung.