Читать книгу Goschamarie Bauernsterben - Stefan Mitrenga - Страница 4
ОглавлениеVorspiel
Das kleine Haus am Waldrand stand so versteckt, dass die meisten Oberzeller es gar nicht kannten. In den 1920er Jahren als Alterswohnsitz eines Bauernehepaares erbaut, hatte es auf zwei Stockwerken verteilt Stube, Küche, Schlafzimmer und Haushaltsraum. Der weitläufige Garten bot genügend Fläche zur Selbstversorgung, doch Kartoffeln, Zwiebeln und Salat waren längst einigen dekorativen Rosenbüschen und einer kleinen Rasenfläche gewichen.
Es war warm und ein kürzlich abgegangener Regenschauer sorgte für klebrige Schwüle. Das Schlafzimmerfenster des Hauses war weit geöffnet, so dass jeder die eindeutigen Geräusche hätte hören können. Doch niemand war da.
Das rhythmische Aufeinanderprallen verschwitzter Körper wurde schneller und härter, begleitet von lustvollen Rufen und ungehemmtem Stöhnen. Dann Stille.
„Du machst mich fertig, weißt du das?“
„Natürlich. Ich wollte mein Bestes geben.“ Ein Schmunzeln.
„Das hast du. Wirklich. Ich kann kaum glauben, wie stark du geworden bist.“
„Das ganze Training muss sich ja auch irgendwann bemerkbar machen, aber ich denke, es ist jetzt genug. Ich bin bereit.“
„Bist du ganz sicher? Wenn du nur an einem einzigen Punkt scheiterst, wird dein Plan nicht funktionieren.“
„Ich bin bereit. Ganz sicher. Die Zeit ist reif.“
„Nun gut, es ist deine Entscheidung. Wann beginnt`s?“ Beide schwiegen, während sie nackt auf dem Bett lagen.
„Es hat vor über fünfundzwanzig Jahren begonnen … es beginnt nicht … es endet! Endlich werden die, die mir das alles angetan haben, dafür bezahlen. Die haben es wahrscheinlich längst vergessen, aber mich quält es bis heute. Und schau mich an! Was ist aus mir geworden? Sie leben ihre spießigen kleinen Leben mit ihren Vorzeigefamilien und sind überall gern gesehen. Es hat ihnen nie etwas ausgemacht. Ich hingegen kämpfe mit mir selbst und dem, was sie mir angetan haben … mit dieser ekelhaften Seuche.“ Er verzog angewidert das Gesicht, als wollte er in die Ecke spucken.
„Du weißt, dass Homosexualität keine Krankheit ist?“
„Bei mir ist es eine. Ich bin nicht schwul. Die haben mich dazu gemacht. Ich hatte keine Wahl.“
„Man hat immer eine Wahl. Und du scheinst immer noch auf mich zu stehen“, sagte der Ältere mit einem süffisanten Grinsen und deutete nach unten. „Da regt sich ja schon wieder was unter der Decke …“
„Hmmm …. dann gehen wir mal in die zweite Runde …“
„Vergiss es. Du hattest deinen Spaß. Jetzt bin ich dran.“
Die beiden Männer tauschten die Positionen und ihr Liebesspiel begann von Neuem. Leidenschaftlich und hart, konzentriert auf den Gewinn maximaler Lust. Wieder hallten ihre Laute ungedämpft in den nahen Wald ohne gehört zu werden. Endlich kam lautstark der Höhepunkt und es folgte eine fast unnatürliche Stille.
„Wer ist der Erste?“, fragte der Ältere.
„Der Frosch. Er war damals der Erste, er wird jetzt der Erste sein.“