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A2.1.1 Der Vater Hermann Taubner
ОглавлениеVeza Taubners Vater, Hermann Taubner, wird in Semlin geboren, das ursprünglich zum ungarischen Teil der Donaumonarchie gehörte und heute ein Vorort von Belgrad ist. Sein Beruf wird in den Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde mit Reisender oder Agent angegeben, sein Alter bei der Heirat 1897 mit 50 Jahren. Der Vater von Hermann Taubner trägt den gleichen Namen wie er selbst, die Mutter Rosa ist eine geborene Fein. Der Wohnort am Tage der Heirat wird in den Matriken mit Hotel Stefanie, Taborstrasse angegeben. Hermann Taubner ist geschieden und hat einen Sohn mit Namen Wilhelm, der 1885 geboren wurde. Über den Verbleib der Mutter dieses Sohnes ist nichts bekannt. Auch über Hermann Taubner selbst gibt es sehr wenig Informationen. Ist er am 1. Dezember 1904 (Veza hatte da gerade das Alter von sieben Jahren erreicht) in Bosok bei Rechnitz – weit entfernt von der Familie – an einem Unfall gestorben oder war er krank gewesen? Sprach er, der Reisende oder Agent, Ungarisch, Serbisch, Spaniolisch, Wienerisch, was alles im Bereich des Möglichen liegt?
Sehr gut denkbar ist, dass er mit seiner Tochter Veza Ungarisch gesprochen hat. Auf sehr gute Kenntnisse der ungarischen Sprache der Autorin weist hin, dass sie sich noch im Jahr 1948 beim Weismann-Verlag danach erkundigt hat, ob sie den Roman Pusztavolk von Illyes Gyula für den Verlag Cape ins Englische übersetzen könne.48 Willi Weismann hat ihr daraufhin die Adresse dieses ungarischen Verlages gesandt, von dem er die deutschen Rechte besass.
Ein etwas kryptischer Eintrag in den Unpublizierten Lebenserinnerungen Elias Canettis weist auf ein krudes Amalgam von Macht im Familienbereich der Calderons hin: „Ich war wie ein Gefangener von dem schrecklichen Ehepaar Calderon und seiner ungarischen … (?) zum Tempel buchstäblich hingezwickt worden.“49 Dass das ungarische Element bei diesen Vorwürfen – wie man auf die Schnelle denken könnte – nicht ein Hinweis auf die Familie von Vezas Vater Hermann Taubner ist, zeigt ein Blick in die Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde: Der Trauzeuge bei der Hochzeit von Elias Canetti und Veza Taubner ist Jacques Kalderon. Da es sich kaum um den seit mehr als 20 Jahren in England wohnenden Onkel Vezas handeln kann, kommt nur der Bruder des Grossvaters, der gemäss Lehmann’s Adressbuch bis 1937 in Wien gewohnt haben muss, in Frage. Damit wird klar, dass es sich bei den „ungarischen“ um die Schwester von Rahel Calderon gehandelt haben muss, deren Ehemann, Moritz Hirsch, ungarischer Staatsangehöriger war. Es ist die gleiche Familie, die den Canettis 1924 die Wohnung am Radetzkyplatz vermietet hatte.
Zum Unbehagen mit dem Begriff Ungarischen gibt es ein weiteres Kuriosum. Diesmal beim Matrikenamt der Stadt Wien, hier steht beim Datum 12. August 1918, vielleicht im Zusammenhang mit Venetiana Taubners Volljährigkeit, der Eintrag Ferdinandstrasse 29. Als Heimatzuständigkeit wird Borsok Ungarn angeführt, mit den weiterführenden Informationen mosaisch und ledig.
Aus dem Jahre 1934 hingegen gibt es eine Bürger-Urkunde, die Veza Taubner einen anderen Bürgerort zuweist, nämlich jenen von Semlin bei Belgrad. Semlin gehörte im Gegensatz zu Belgrad zur alten Donaumonarchie, seit dem Ersten Weltkrieg aber zu Serbien. Was der Grund für den Wechsel des Bürgerortes gewesen ist, bleibt vorerst unbekannt. Es scheint allerdings so, dass Veza Taubner die Bürgerorte beider Eltern hatte, Semlin und Borsok.