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Die Vernichtung der Indianer
ОглавлениеWie die Briten zuvor, führten die USA nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 die Vertreibung und Vernichtung der Indianer in den sogenannten Indianerkriegen fort. Die großen Gebiete, welche die USA von Frankreich durch Kauf und von Mexiko durch Krieg erwarben, waren ja nicht unbewohnt, sondern von verschiedenen Indianerstämmen besiedelt. Diese waren sich bezüglich des Vorgehens gegenüber der US-Armee uneinig und verloren daher immer mehr von ihrem Lebensraum.
Der französische Historiker Alexis de Tocqueville, der 1826 in die USA reiste und als Augenzeuge die Vertreibung der Indianer beobachtete, berichtet, wie die Kolonialisten ihr Wort immer und immer wieder gebrochen haben. »Sobald die europäische Bevölkerung sich der von einem Eingeborenenstamm bewohnten Wildnis zu nähern beginnt, entsendet die Regierung der Vereinigten Staaten gewöhnlich eine feierliche Abordnung zu diesem; die Weißen versammeln die Indianer auf einer großen Ebene, und nachdem sie mit ihnen gegessen und getrunken haben, erklären sie ihnen: Jenseits der Berge, die ihr am Horizont seht, auf der andern Seite des Sees, der im Westen an euer Gebiet grenzt, stößt man auf weite Gegenden, wo es wilde Tiere noch im Überfluss gibt. Verkauft uns euren Boden und geht dorthin, um glücklich zu leben. Nach dieser Rede breitet man vor den Augen der Indianer Waffen aus, Wollkleider, Branntweinfässer, Halsschmuck aus Glasperlen, Armspangen aus Zinn, Ohrgehänge und Spiegel. Falls sie beim Anblick all dieser Schätze noch zögern, gibt man ihnen zu verstehen, dass sie die verlangte Zustimmung nicht verweigern können«, so berichtet der Franzose Tocqueville. »Halb überzeugt, halb gezwungen entfernen sich die Indianer, sie ziehen in unbewohnte Gebiete, wo die Weißen sie keine zehn Jahre in Frieden lassen werden. So erwerben die Amerikaner zu einem Spottpreis ganze Provinzen.«96
Wenn die Indianer nicht freiwillig vor den weißen Siedlern zurückwichen, gingen die US-Soldaten bei der Eroberung rücksichtslos vor. Sie überfielen die Dörfer der Indianer und töteten selbst die nicht in die Kämpfe verwickelten Frauen und Kinder. Die Indianer wurden nicht als gleichberechtigte Mitglieder der Menschheitsfamilie angesehen, sondern als Tiere oder unterentwickelte Menschen. Vielerorts wurde das Ermorden eines Indianers mit einer Skalpprämie belohnt. Beim Skalpieren wird die Haut mit dem Kopfhaar vom Schädel gezogen. Die Skalpe dienten als Beweis für den Tod eines Indianers. Auch die Indianer skalpierten die Weißen und stellten die Skalpe als Zeichen ihres Mutes zur Schau.
Die 29-jährige Piegan-Indianerin Good Bear Woman erinnert sich an einen Einsatz der 2. US-Kavallerie unter dem Befehl von Major Eugene Baker, der sich am 23. Januar 1870 am Marias River in Montana ereignete. »Ich sah, wie die Soldaten über den Hügel kamen«, so die Indianerin. Piegan-Häuptling Heavy Runner wunderte sich, denn bislang waren seine Beziehungen zu den Weißen friedlich gewesen. Das US-Indianerbüro hatte ihm sogar schriftlich Schutz garantiert. Der Häuptling holte den Geleitbrief aus seinem Wigwam und brachte ihn dem Kommandeur. Kavallerieoffizier Baker las das Dokument und zerriss es, so berichtet die Augenzeugin Good Bear Woman. »Als Heavy Runner sich umdrehte, feuerten die Soldaten auf ihn und töteten ihn.« Nachdem sie den Häuptling getötet hatten, zerstörten die US-Soldaten das Dorf. »Die Soldaten machten alle in ihrer Nähe nieder … und massakrierten alle Männer, Frauen und Kinder«, so berichtet die Piegan-Indianerin. An diesem Tag waren die meisten Piegan-Krieger unterwegs auf der Jagd. Gerade mal 15 von ihnen waren im Dorf, nur einer schoss überhaupt zurück. Es war ein Massaker. Nur wenige Indianer entkamen. Die Wälder und Flüsse waren voll von Toten. Mindestens 173 Indianer wurden an diesem Tag in diesem Dorf umgebracht.97
Dieses Massaker in Montana war kein Einzelfall. Aus anderen Bundesstaaten gibt es ähnliche Geschichten. Der US-Historiker Benjamin Madley, der an der University of California in Los Angeles lehrt, kann belegen, dass die USA nach der Eroberung von Kalifornien im Mexikokrieg rücksichtslos gegen die dort wohnhaften Indianer vorgingen. Gemäß Madley muss man in Kalifornien von einem Genozid an den Indianern sprechen. Zwischen 1846 und 1873 nahm die Anzahl der Indianer, die in Kalifornien lebten, massiv ab, von rund 150000 auf 30000. Die US-Regierung, Politiker aus Kalifornien und US-Soldaten beteiligten sich aktiv und vorsätzlich an der Ausrottung der Indianer, so das Fazit von Madley zum Genozid in Kalifornien.98
Über diese dunkle Seite der Geschichte spricht man heute in den USA nur ungern. Während zum Beispiel in Deutschland die Verbrechen des Dritten Reiches aufgearbeitet wurden, werden in den USA die Gräuel der Indianerkriege verdrängt. »Die Zerstörung des indianischen Nordamerika darf als Schlüsselereignis nicht mehr länger aus der Geschichte der USA wegretuschiert werden«, fordert der Schweizer Historiker Aram Mattioli zu Recht. Die USA sind zwar aus einer antikolonialen Revolution hervorgegangen, gebärdeten sich aber selbst rasch als Kolonialmacht, die rücksichtslos nach Westen expandierte. Auch den Cherokee wurde großes Unrecht angetan. In Georgia hatten ihnen die Weißen vertraglich ihr Land zugesichert. Doch als dort Gold gefunden wurde, war dieser Vertrag nichts mehr wert. US-Präsident Andrew Jackson ging rücksichtslos gegen die Indianer vor und schickte 7000 US-Soldaten, welche die Cherokee 1838 zwangen, vom Land ihrer Ahnen auf dem »Pfad der Tränen« über 1600 Kilometer nach Oklahoma umzusiedeln. Viele starben an Kälte, Hunger und Cholera. Wer ausbrechen wollte, wurde niedergemetzelt. »Es war ein Todesmarsch, am Ende säumten 4000 stumme Gräber unseren Weg«, schrieb der Soldat Jesse Burnett.99
Die US-Filmindustrie hat die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen den US-Amerikanern und den Indianern immer wieder behandelt, dabei aber die Rollen der Guten und der Bösen so vertauscht, dass den Indianern oftmals die Rollen der Bösewichte zugewiesen wurde. Und dies, obschon die Indianer die ursprünglichen Bewohner Nordamerikas sind, während die weißen Europäer ihnen das Land raubten. Aber die Bildsprache von Hollywood ist oft mächtiger als die historische Forschung, und durch ständige Wiederholung konnte eine verzerrte Darstellung der Ereignisse weit verbreitet werden. In klassischen Western-Filmen kommt die Kavallerie meist als ersehnte Rettung in der Not, vertreibt die bösen und brutalen Indianer und schützt die hilflosen, unschuldigen, gottesgläubigen weißen Siedler. Durch diese Neuinterpretation versuchen die USA bis heute die Verbrechen, die gegenüber den Indianern begangen wurden, zu verdrängen. Nur wenige Filme, darunter zum Beispiel der im Jahre 1863 spielende Film »Der mit dem Wolf tanzt« mit US-Schauspieler Kevin Costner, zeigen auch die Brutalität der Kavallerie und die Tragik des Landraubes und erwecken beim Zuschauer Sympathien mit den Indianern, in diesem Fall mit dem Stamm der Sioux.
Die historischen Dokumente lassen keinen Zweifel daran, dass die europäische Einwanderung in Nordamerika für die Indianer ein tödliches Desaster war. Die Ermordung der Indianer war ein schweres Verbrechen. Mehr als vier Millionen Indianer Nordamerikas überlebten den Kulturzusammenstoß mit den Europäern nicht, wobei nicht nur Vertreibung und militärische Gewalt, sondern auch die durch die Europäer verbreiteten Infektionskrankheiten Pocken, Masern, Typhus, Diphtherie und Influenza die Indianer dahinrafften. Zudem raubte die Beinahe-Ausrottung der Bisonherden während des Eisenbahnbaus den Indianern ihre Lebensgrundlage. »Ein kalter Wind blies durch die Ebenen, als der letzte Büffel fiel – ein Todeswind für mein Volk«, beklagte Sitting Bull, der Häuptling der Sioux, das wahllose Abschlachten der Büffel durch die Weißen.100