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3.3.1.4 Niklas Luhmann

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Der Soziologe1 Niklas Luhmann hat eine viel beachtete Gesellschaftstheorie – die so genannte Theorie sozialer Systeme (1984) – entworfen, die als eine der elaboriertesten konstruktivistischen Theorien in den Geistes- und Sozialwissenschaften gilt. Er vertritt zusammen mit Maturana (1987) und Varela (1987) die systemtheoretische Position innerhalb des Radikalen Konstruktivismus. Seine Arbeit basiert auf der soziologischen Systemtheorie von Talcott Parsons und weist einen starken Einfluss des von Maturana und Varela entworfenen Autopoiesis-Konzepts auf, das er später für seine eigenen „Konstruktionsversuche“ jedoch modifizierte. Seit etwa 1980 wurde die „autopoietische Wende“ in seiner Theorie immer deutlicher sichtbar, in seinem Hauptwerk Soziale Systeme (1984) versucht er schließlich, diesen ursprünglich biologisch geprägten Begriff in die Soziologie zu übernehmen (Reese-Schäfer 1996, 46). Luhmann (1984, 15) selbst spricht von einem „Paradigmawechsel in der Systemtheorie“ und erläutert in seiner hochkomplexen Theorie, wie sich soziale Systeme bilden, wie sie funktionieren und welchen Einflüssen sie unterliegen. Dabei ersetzt er zunächst die traditionelle Vorstellung, dass ein System aus einem Ganzen und seinen Teilen besteht, „durch die Grenzziehung zwischen System und Umwelt“ (Reese-Schäfer 1996, 98).

Bei Niklas Luhmann bestehen autopoietische Systeme – anders als bei Maturana – nicht aus zeitunabhängigen, stabilen Einheiten (z.B. Zellen), sondern aus Ereignissen mit minimaler zeitlicher Dauer (z.B. biochemische Reaktionen und elektrische Impulse). Ferner unterscheidet er drei verschiedene Typen autopoietischer Systeme mit jeweils eigenem Operationsmodus (von Ameln 2004, 190):

Systemtyp Operationsmodus/Elemente
Lebende Systeme Biochemische Vorgänge
Psychische Systeme Bewusstsein/Gedanken
Soziale Systeme Kommunikation

Nach Niklas Luhmann besteht das soziale System nicht aus Menschen2 oder Handlungen, „sondern aus Kommunikationen, die erst in einem zweiten Schritt zerlegt und als Handlungen zugerechnet werden“ (Reese-Schäfer 1996, 103). Er verwendet den Kommunikationsbegriff im Sinne einer Relation aus Information, Mitteilung und Verstehen und verwirft die gängige Metapher der Informationsübertragung, „weil sie zu viel Ontologie impliziert. Sie suggeriert, daß der Absender etwas übergibt, was der Empfänger erhält. Das trifft schon deshalb nicht zu, weil der Absender nichts weggibt in dem Sinne, daß er selbst es verliert“ (Luhmann 1984, 193). In seinen Augen ist eine Mitteilung jedoch stets nur als „ein Selektionsvorschlag, eine Anregung“ zu betrachten (Ebd., 194). Kommunikation kommt demzufolge erst dann zustande, wenn diese Anregung aufgegriffen wird, wobei der Inhalt einer Mitteilung erst im Kommunikationsprozess konstituiert wird und nicht etwa vorab vom Absender „ein-deutig“ festgelegt werden kann. Miss-Verstehen gilt dabei immer als eine mögliche Form des Verstehens.

In seinem Konzept der Beobachtung geht Luhmann – wie Spencer Brown und Bateson – davon aus, dass Erkennen nur durch das Treffen von Unterscheidungen möglich ist, so dass Erkenntnis immer subjektiv und an eine Beobachterin bzw. einen Beobachter gebunden ist. Dies hat zur Folge, dass das Beobachtete nicht ohne weiteres zu vermitteln ist. Luhmann nimmt zwar an, dass eine beobachterunabhängige Realität existiert, hält jedoch fest, dass diese unserer Erkenntnis unzugänglich ist, weil jegliche Beschreibung der Realität eine subjektive Wirklichkeitskonstruktion darstellt. Ferner erkennt auch er die Problematik, dass jede Beobachtung einen blinden Fleck aufweist, „der von der verwendeten Ausgangsunterscheidung abhängig ist“ (von Ameln 2004, 163). Sprich: „Man kann nur finden, wonach man sucht, nur das erfahren, wonach man fragt“ (Ebd.). Auf der Ebene der Beobachtung 2. Ordnung schließlich kann man „Unterscheidungen unterscheiden“ (Luhmann 2005, 8) und somit auch Rückschlüsse auf sich selber ziehen, also letztlich auch den besagten blinden Fleck der Beobachtung aufdecken.

Von entscheidender Bedeutung für die Praxis ist die von Luhmann vertretene Annahme, dass lebende, soziale und psychische Systeme füreinander intransparent sind, da sie mit unterschiedlichen Operationsmodi arbeiten, und dass soziale Systeme (z.B. eine Klasse) aus Kommunikationsmustern mit einer jeweils eigenen Dynamik bestehen, für welche die Gedanken der einzelnen Beteiligten lediglich Perturbationen darstellen: „Für eine Veränderung sozialer Systeme sind Veränderungen im Denken oder Erleben ihrer Mitglieder somit weder notwendig noch hinreichend“ (von Ameln 2004, 191). Dies führt zu der Konsequenz, dass Kommunikationsprozesse im Unterricht im wahrsten Sinne des Wortes aus einer anderen Perspektive betrachtet werden müssen: Autopoietische Systeme (z.B. ein Kind oder eine Klasse) können – wie auch bei Maturana – nicht über Interventionen oder Instruktionen (z.B. durch Lehrkraft oder Medien) manipuliert, sondern nur perturbiert, also angeregt werden. Ferner können Prozesse in einer Gruppe nicht über das Bewusstsein der Einzelnen beeinflusst werden, sondern durch die Veränderung der entsprechenden Kommunikationsmuster. Der Selbstreflexion sind zwar Grenzen gesetzt, doch durch die Kontrastierung der Selbstbeobachtung mit Fremdbeobachtung entstehen Möglichkeiten, den besagten blinden Fleck der Selbstbeobachtung durch Beobachtungen 2. Ordnung aufzudecken (Ebd.). Im Rahmen von Storyline-Projekten haben Selbstevaluation und der Austausch über eigene Lernerfahrungen und Gruppenprozesse beispielsweise einen hohen Stellenwert, was der Beobachtung 2. Ordnung nahekommt.

Fremdsprachliches Lernen und Gestalten nach dem Storyline Approach in Schule und Hochschule

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