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Sieben

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Wenn, dachte Horst Krock, es eine Tümpelkreatur gab, gemeiner noch und noch niedriger als etwa Pressesprecher, dann waren das Personalchefs und ein ganz besonderes Prachtbeispiel dafür war Gallenstein. Wo bei anderen Menschen das Gehirn vermutet werden konnte, dort steckte bei ihm ein Regelkatalog. Aber Gallenstein hatte auch Qualitäten. So besaß er ein außerordentliches Talent dafür, echte Talente an den Wahnsinnsrand zu treiben. Ein Disziplinarverfahren zu leiten - idealerweise mit einem Opfer von größeren Gaben und mit einem aufregenderen Job - war eines seiner Vergnügen in seinem Leben. Solche Gelegenheiten ließen ihn wachsen und ermöglichten es ihm, ein kleinwenig Gott zu spielen über wirkliche Menschen und Redakteure. Disziplinarverfahren boten ihm eine Möglichkeit für ein Weilchen zumindest, seine abgründige Bedeutungslosigkeit vergessen zu können.

Und so war Herr Gallenstein in seinem Element, als er sich Horst Krock vorknöpfen konnte. Ausgerechnet Krock den rotzfrechsten aller Selbstüberschätzer, von denen es bei ihnen nur so wimmelte.

Nichts war selbstverständlicher für Horst, als die drei Clowns nicht Ernst zu nehmen. Horst konnte sich nicht erinnern jemals in einer lächerlicheren Situation gewesen zu sein. Zwischen dem Chefredakteur und seinem Stellvertreter plusterte Gallensein sich auf und schob die Brille auf seiner Nasenkufe zurecht und hüstelte dünn.

„Herr Krock, ich denke, ich muss Sie daran erinnern, dass dies ein Disziplinarverfahren ist, gemäß Paragraph 1006 der Dienstordnung. Dieses Verfahren wird protokolliert, und sollten Sie das wünschen, sind Sie nach dem Bundespersonalvertretungsgesetz vom 15. 3. 1974 berechtigt, einen Vertreter des Personalrats hinzuzuziehen.

„Quark“, sagte Horst.

Das Mittagessen war gut gewesen. Nicht opulent, nur gut. Ganz offen gesagt, bei dem Gedanken an die Untersuchung war Horst richtig ein bisschen fickrig gewesen. Aber zum Mittagessen hatte er sich in die beste aller Welten begeben und nach dem ersten Bier und dem begleitenden Whisky lebte er schon wieder in der allerbesten aller möglichen Welten. Und so war alle Mulmigkeit von ihm abgefallen und gelassen harrte er der Dinge, die da kommen mochten. Es kam doch nur darauf an, einen Entschluss zu fassen und den hatte er gefasst nach dem dritten Bier in der besten aller Welten und der noch weit besseren Welt dank des dritten Whiskys. Wenn er schon untergehen sollte, dann sollte es ein Abgang werden mit Stil. Er versuchte sich auf Gallensteins Worte zu konzentrieren.

„Dieses Verfahren kann zu unterschiedlichen Resultaten führen. Eine Empfehlung sofortiger Kündigung ist möglich, auch eine offizielle verbale oder schriftliche Verwarnung gemäß dem Betriebsverfassungsgesetz. Alternativ dazu könnten wir zum Schluss kommen, Ihr Gehalt zu kürzen.“

„Quark“, sagte Horst, „Überquark!“

Armin Gallenstein war kein allzu heller Mann, sonst wäre er kaum Personalverwalter, aber selbst er begann sich zu fragen, ob er mit gebührendem Respekt behandelt wurde. Er rang sich dazu durch, die Rüpeleien überhört zu haben.

„Sie arbeiten seit fünf Jahren als Kriminalreporter für den Paderborner-Rundfunk. Seither sind Sie etliche Male darüber unterrichtet worden, dass ihr Verhalten unzumutbar ist, ja, zu höchster Besorgnis Anlass gibt.“

Hört, hört, dachte Horst, so sprechen sie, so quakt es aus ihnen heraus. Das war Quark.

„Was passt Ihnen nicht an meiner Arbeit?“, fragte Horst.

„Es geht nicht um Ihre Arbeit.“

„Wie viele Klagen haben Sie wegen meiner Arbeit bekommen?“

„Wir sind nicht hier, um die Qualität Ihrer Arbeit zu diskutieren. Der Paderborner-Rundfunk erwartet, dass gewisse Formen des Anstands, gewisse, wir wollen mal sagen, Umgangsformen, die unter den Bedingungen…

„Die unter allen denkbaren Bedingungen Quark sind“, sagte Horst.

„Weshalb wir hic und nunc...“

„Wie bitte? Sind Sie besoffen?“

„Ihr Verhalten auf der Sommerparty des Chefredakteurs war jenseits aller möglichen Zumutbarkeiten.“

Der Chefredakteur, ein sorgenstrenger Mann mit spärlichem Bartwuchs, zuckte zusammen, denn er erinnerte sich an die Ereignisse. Ja, schon als es passierte, wusste er, dass er sich noch häufig daran erinnern würde, auch gegen seinen Willen. Niemand würde das jemals vergessen.

„Das kulminierte“, sagte Gallenstein „in einem Vorfall, in dem Sie das Buffet umwarfen.“

Waren nüchterne Leute, diese Personalhüter. Umwerfen war nicht ganz falsch, traf das Tatsächliche aber auch nicht auf den Kopf.

Was war passiert? Die Sommerfete des Chefredakteurs - gewöhnlich im Juni - war ein piekfeines Kränzchen. Anwesend waren also der Intendant des Paderborner-Rundfunks, die Chefredakteure der Ressorts, der Bürgermeister und sogar die Frau Kultusministerin. Dazu kamen ein halbes Dutzend Schauspieler, zwei Theaterregisseure, ein Schulleiter und Bronski, Trainer des von Saison zu Saison aufstrebenden Fußballvereins. Erst nach der Feier kam heraus, dass niemand einen Lulatsch mit freundlicher Knubbelnase gekannt hatte, nicht einmal der Einladende.

Zu seinem Unglück hatte Horsts Chefredakteur, um seine Kosten abwälzen zu können, auch die Kollegen von der journalistischen Front einladen müssen, Horst nicht ausgenommen. Die Ansichten der Frontkollegen von einer aparten Party entsprachen nicht in jedem Detail denen des Intendanten und der Kultusministerin. Horst hatte erwartet, dass der Abend nervtötend fade sein würde. Vieles mochte man Horst vorwerfen können, nicht aber zur Langeweile bei öden Partys beizutragen. Zur Vorbeugung hatte er sich schon vor dem Ereignis flüssige Kurzweil verschrieben und im Lenz zu sich genommen. Um mögliche Qualen zu verkürzen, erschien er erst zu aufgeräumter Stunde.

Im dem Augenblick, als er durch die Tür trat, wurde ihm klar, dass es noch immer viel zu früh war. Die eine Hälfte der Gäste schien an langer Weile zu ersticken, während die andere Hälfte versuchte ein Blutbad anzurichten; sie missbrauchten ihre Besteckmesser, indem sie aus Verzweiflung unter dem Tisch versuchten, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Messer waren jedoch stumpf. Eine Beispiel gefällig für die Qualität der Unterhaltungen? Bitte sehr: „Ich denke eine Zitronenscheibe macht genau den Unterschied, liefert den präzisen Hauch von Geheimnis, ohne den eine Hähnchenkeule eine Hähnchenkeule bliebe.“

Noch ein Beispiel? Kommt augenblicklich: „Natürlich hat mein Sohn den Numerus clausus für sämtliche Unis geschafft, aber es gibt bei uns ja keine Unis für die geistige Elite, ich sage nur England. Aachen geht, wenn es ein Ingenieur werden soll, aber sonst…“

„Ich betone immer wieder, dass die Position des Journalisten unantastbar sein muss, weil so eminent wichtig, denkt man an den Dienst für die öffentliche…“

„Alle meine Filme haben natürlich eine Substory. Ohne Substory kein Film“, sagte einer der Regisseure.

Horst war kein kontemplativer Mensch, er handelte lieber, blieb ihm ja auch nichts anderes übrig. Da er nun mal kein Denker war, tat er das andere eben. Was diese Trantröpfe brauchten war Action. Am Kopfende des Raumes stand ein langer Tisch, auf dem das Büfett arrangiert war. Dahinter gab es eine Bühne etwas höher gelegen als der Tisch. Um die Stimmung anzuheben, sprang Horst auf die Bühne, stand ein paar Meter hinter dem Büfetttisch, wartete auf einen geeigneten Moment und rief:

„Doppelter Salto mit Schraube, Schwierigkeit - fünf Komma fünf auf der nach oben offenen Unterhaltungsskala.“

Horst nahm Anlauf, die Mäuler der Gäste klappten auf. Wie war es möglich, dass ein aus den Fugen geratener Vierziger sich mit augenscheinlicher Leichtigkeit in die Luft schrauben konnte, um die versprochene Akrobatik vorzuführen. Eine perfekte Performance. Jedenfalls beinahe, denn der zweite Salto gelang nur noch zur Hälfte, und da der Sprung ein wenig zu kurz geriet, erbebte das Büfett unter Horsts Arschbombe und verursachte ein völlig neues Arrangement des Nobelfutters über die Hälfte des Raums.

Die in der Nähe stehende Kultusministerin machte eine erstaunliche Erfahrung: Es gab in der Welt mehr Krabben, als ihr Dekolleté fassen konnte. Reizvoll hingegen, ausgesprochen schmückend machten sich die rosa Mollusken in der schwarzen Wolle des kraushaarigen Regisseurs.

Eine Punschschale funkelte vergnügt bei ihrem Flug durch die Luft und machte aus dem Chef der Unterhaltung einen Taucher, jedenfalls bis zum Hals. Den ersten Teil der Warnung hatte er noch gehört: „Achtung da kommt eine…“ Aber die restlichen Worte prallten schon an der Glasglocke ab, die sich perfekt über seinen Kopf gestülpt hatte. Das waren Erlebnisse!

Den Chefredakteur, dessen famose Feier das sein sollte, fand man später leise wimmernd in seinem Arbeitszimmer, wo er auf Rache sann. Dass seine Aussichten auf die Abteilungsleiterposition verpufft waren in einer Explosion aus Wachtelbrüstchen und Störrogen, das sollte dieser verfluchte Krock ihm büßen.

„Haben Sie etwas zu den Vorwürfen zu sagen, bevor wir entscheiden, welche Disziplinarmaßnahmen wir vorschlagen werden?“, fragte ihn Gallenstein.

Weil Horst über die beiden Morde an den Lehrern sinnierte, erwischte ihn die Frage unvorbereitet. Wie sollte er darauf vernünftigerweise antworten? Etwa mit einer kompromisslosen Angriffsverteidigung? Oder mit einem weinerlichen Eingeständnis seiner Schuld? Vielleicht ein explosives Plädoyer für mildernde Umstände? Ein Meisterstück silberzüngiger Eloquenz wäre nun vonnöten, doch heraus kam nur: „Quark!“

„Bitte sehr, ist Ihre Entscheidung…“

Arschgeigen! Die Entscheidung war doch längst gefallen, schon gefallen, bevor die Befragung begonnen hatte. Er machte sich auf das Schlimmste gefasst und überlegte, was auf Gallensteins hoher Oberlippe fehlte.

„Wir haben entschieden“, fuhr Gallenstein fort, „dass Sie eine offizielle und zugleich letzte Warnung erhalten in Übereinstimmung mit dem Arbeitsschutzgesetz. Sie werden darüber informiert, dass jede Wiederholung Ihres liederlichen Verhaltens die Empfehlung zur Folge haben wird, Sie auf der Stelle zu entlassen.“

War das schon alles?

„Außerdem ist entschieden worden, dass es zu Ihrem und dem Besten der Redaktion gereicht, wenn Sie ein paar Monate in einer anderen Abteilung tätig wären. Für die Dauer von zwölf Monaten stehen Sie in Verbindung (PR Jargon für Versetzung) mit der Klagen- und Korrespondenzabteilung.“

Ihr Götter, dachte Horst, diese Kröte! Das war es also. Sie schoben seinen Tod nicht aus Mitgefühl auf, sondern aus Sadismus. Der PR erhielt jedes Jahr Tausende und Abertausende von Beschwerdebriefen. Die Verfasser der Briefe beklagten sich hauptsächlich über zu viel Sex im Fernsehen. Vermutlich kamen die Sexbeschwerden von Leuten, die zu wenig davon bekamen und die Klagen über zu viel Gewalt kam wohl von Menschen, die aus einer ordentlichen Tracht Prügel erheblichen Nutzen ziehen würden. Diesen Leuten ein einlullendes Eiapopeia zu singen, das war die Aufgabe der Beschwerdeabteilung. Es war die abscheulichste Abteilung im ganzen Haus und hieß unter Insidern auch Sibirien, obgleich die Analogie mit sowjetischen Irrenhäusern angemessener gewesen wäre, in die sie normale Leute steckten, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Kernige Kraftkerle und Energiefrauen waren aus der Beschwerdeabteilung herausgetragen worden, weißhaarig und schreiend, nach nur drei Monaten. Und nun hatten sie vor, ihn dort für zwölf Monde hineinzustecken. Er konnte nicht einmal genug Energie oder Verachtung aufbringen, um Quark zu sagen.

Gallenstein gratulierte sich innerlich für seine Vorstellung. So etwas wie ein Lächeln verirrte sich in seinem Gesicht, als er zum Ende kam.

„Ihre Verbindung mit der Beschwerdeabteilung beginnt“, hob er an, „sof…“

Bevor er den Satz beenden konnte, klopfte es an der Tür.

„Tut mir leid, dass ich unterbrechen muss“, sagte der Volontär, „aber da ist jemand für Horst am Telefon und wir meinen, er sollte mit dem Anrufer reden.

„Verfluchter Idiot“, sagte der Chefredakteur, „nicht jetzt! Sagen Sie, Krock ruft zurück.“

„Entschuldigung bitte, aber ich denke,…“

Horst brauchte keine zweite Einladung. Bevor der schreckliche Gallenstein den Gulag über ihn verhängen konnte, eilte Horst den Korridor hinunter.

„Wer ist es“, fragte er seinen Retter.

„Wir sind uns nicht sicher, aber er wollte nur mit Ihnen reden.“

Der Anruf war über die Hotline des PR hereingekommen. Horst nahm den Hörer, erwartete einen Gläubiger oder eine ausrangierte Freundin, und versuchte scharf zu klingen.

„Krock!“

„Warum haben Sie den Hörern nicht von meinen Morden erzählt, Horst?“ Die Stimme klang männlich, wohltönend: Ein Student in den Zwanzigern hätte man Horst raten lassen.

„Welche Morde, Sie Clown?“

„Huhu, die Lehrerclowns Horst. Warum bringen Sie nichts darüber Horst?“ Das Nachbild von Gallenstein noch vor Augen haderte Horst mit der Ungerechtigkeit des Daseins. Warum er, warum hatten die Verrückten es auf immer ihn abgesehen?

„Die Lehrer also, und was wissen Sie darüber?“

„Eine Notiz lag beim ersten.“

Der Verrückte gab den Wortlaut wieder.

„Und eine zweite beim zweiten Toten.“

„Auch die kannte er offenbar auswendig.“

Horst bebte inzwischen vor Anspannung und Jagdlust. An der Strippe, das war keine Ente.

„Horst, ich rufe nur an, um Ihnen zu sagen,…“

„Warten Sie, wo sind Sie?“

„Ich rufe nur an, um Ihnen zu sagen, Horst, ich möchte, dass Sie alle Einzelheiten berichten. Ach ja - und Horst, es gibt einen neuen. Heute Nacht, noch vor Mitternacht.

Die letzte Lektion

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