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Zwölf
ОглавлениеDrei Stockwerke höher, im sechsten Stock der Rundfunkanstalt, wartete Gallenstein zusammen mit dem Chefredakteur und seinem Stellvertreter in einiger Unentschlossenheit noch immer auf Horst Krock. Anderthalb Stunden waren vergangen. Für Horsts Verhalten gab es keinen Präzedenzfall, und wenn Gallenstein keine Parallele finden konnte, dann war Arnim Gallenstein perplex. Und wenn er perplex war, dann wuchs sein Hang für alles eine Regel parat zu haben ins Unermessliche. Wenn es darum ging, das Regelwerk des Paderborner-Rundfunks zu zitieren, dann war Gallensteins Tüchtigkeit nobelpreiswürdig. Wenn er überhaupt eine Schwäche hatte, seine jährliche Beurteilung behauptete das, dann war es seine Entscheidungszögerlichkeit. Gallenstein war eine Entscheidungsschnecke.
Allerdings so ganz stimmte das auch wieder nicht, denn wie geschmiert händigte er Entscheidungen aus, wenn sie ritualisiert waren, wenn es Routinen dafür gab.
„Das Disziplinarverfahren“, erklärte Gallenstein seinen Kollegen, „ist formell noch nicht zu Ende und - gemäß Paragraph 10652 der Dienstanweisungen, kann es nicht formell beendet werden, solange es nicht vorbei ist.“
„Aber Krock hat sich aus dem Staub gemacht“, sagte der Chefredakteur.
„Wir können hier nicht länger herumsitzen“, warf sein Stellvertreter ein.
„Ich kann die Anhörung nicht abblasen, solange die korrekten Verfahrensweisen nicht eingehalten worden sind.“
„Dann tun Sie was.“ Den Chefredakteur beschlich die Einsicht, dass er diesen Preis nicht zahlen wollte, nur um Horst Krock loszuwerden. Außerdem litt er an hohem Blutdruck.“
„Ich werde ihn anrufen, sich sofort hier einzufinden.“
Horst meldete sich und sagte: „Quatsch“.
„Ich muss darauf bestehen, dass…“
„Quark!“
„Das wird präzedenzlose Konsequenzen…“
„Präzedenzquakquak!“
Es dauerte ein Weilchen bis Horsts Kommentar von Gallenstein verarbeitet wurde, aber selbst Gallensteins Hirn konnte die Nuss knacken, was es bedeutete, dass er ein Knacken im Hörer hörte.
Der Chefredakteur und sein Stellvertreter hatten genug und standen auf.
„Dieses Disziplinarverfahren“, jammerte Gallenstein, „wird, muss ausgesessen werden.“ Und so geschah es denn, dass Gallenstein allein im sechsten Stock des Funkhauses ohne Butterbrote und Thermosflasche die Anhörung aussaß.