Читать книгу Die letzte Lektion - Friedrich Wulf - Страница 6
Drei
ОглавлениеHorst läge mit der Zeit im Clinch, dachten die anderen. Sie wussten eben nicht, dass Horst Pünktlichkeit als völlig überbewertet ansah. Vieles war seiner Meinung nach überbewertet. Nüchternheit sowieso und Fußball und Zahnärzte, überhaupt alle Ärzte. Und Gesundheit, natürlich auch Gesundheit, war alles überbewertet. Und der Ernst, der große deutsche Über-Ernst. Völlig überbewertet!
Nein, die Zeit war es nicht, mit der er Probleme hatte, möglicherweise mit dem Raum, wenn am Ende seiner Zeit noch immer ein Stück des Weges vor ihm lag. Dass diese Nasenhaarzupfer ihm deswegen einen Disziplinarmühlstein um den Hals gehängt hatten, verriet ihre kleinbürgerliche Mickrigkeit.
Er war, in seinen Worten, ein schwielarschiger alter Profi in einem Beruf, in dem teiggesichtige Jüngelchen ihn überholten, direkt von der Uni. Feuchte Jungs und politisch korrekte grüngraue Gänse, die von Gartenpartys, Hochzeiten und zivilem Widerstand berichteten. Sie liebten ihre Regenmäntel, aber trocken - diese Rotznasen. Zugegeben, sein eigener hing im Moment knochentrocken am Haken im Barcelona, gleich um die Funkhausecke herum. Hätte er sofort in die Redaktion rennen sollen nach dem Arzttrauma? Wann war ein Antitraumatikum dringlicher als nach einem traumatischen Erlebnis beim Zahnarzt? Wann sonst waren ein doppelter Whisky und drei oder vier Pils rettendere Labsal? Prost!
Angemessen erfrischt und geistig aufgekratzt, kehrte er in die Redaktion im dritten Stock des Funkhauses zurück. Wie gewöhnlich sah das Nervenzentrum der Radionachrichten aus wie eine Müllhalde. Wo keine leeren Kaffeebecher standen, stanken volle Aschenbecher. Wo keine vollen Aschenbecher stanken, wucherte Papier. Haufenweise gestapelt oder immerfort dabei umzukippen, als hätte das Naturgesetz hier nichts zu sagen. Stapel waren ineinander gestürzt, abgestorbenes Nachrichtenmaterial von Associated Press oder Reuters längst zu knackiger Nachrichtenprosa verarbeitet.