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Vierzehn
ОглавлениеEs war nicht Joachim Zollkappes Fehler, dass er Lehrer geworden war. Er hatte nie eine Chance gehabt. Seine Eltern hatten hart gearbeitet, um ihm eine anständige Ausbildung zu ermöglichen. Sie hatten Opfer gebracht, um ihm als Fahrschüler den Besuch der Privatschule Schloss Engerlingerfeld zu ermöglichen. Joachim hatte Glück, denn die strengen Regeln der Schule waren im Wirbel des studentischen Aufbegehrens in den Sechzigern lascher geworden. Dennoch fühlte er sich in der Prüfungsphase, als wäre er in einer Schlachterei gelandet, wo er durch den Fleischwolf gedreht wurde, bis er als Fleischmasse von der Gesellschaft in eine brauchbare Form geknetet werden konnte. Mit dürftigen Noten absolvierte Joachim Zollkappe die Schule, für deren Besuch seine Eltern hatten darben müssen, und wurde, was so viele Durchschnittsschüler werden, wenn sie es in keinem Fach zu Können oder Kennerschaft gebracht haben. Dann studieren sie eben die beiden Fächer, in denen sie etwas weniger schlecht waren als in allen anderen Fächern, und werden Lehrer.
Als Gegenleistung für ihre Selbstlosigkeit erwarteten seine Eltern Sicherheit. Sicherheit und Ehrbarkeit. Natürlich durfte er von Glamour und Ruhm träumen. Einmal spielte Joachim im Lotto, gewann nicht, und damit war auch der Traum vom einfachen Reichwerden ausgeträumt. Immerhin hatte er nach fünfzehn langen Lehrerjahren eine A14 Stelle erklimmen können und verwaltetet seither die Buchausleihe der Schule.
Zollkappe war genauso überrascht wie seine Kollegen, als er sich auf die Stelle zum Schulleiter bewarb. Plötzlich war der Gedanke da. Auf der Leiter hatte er gestanden und mit Akkuratesse die Bände „Texte, Titten und Themen“ ins Regal geräumt. Ganz langsam ohne eigenes Wollen oder bewusstes Zutun formulierte sich ein Text in seinem Hirn, worüber er selbst erstaunt war: Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues darin sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große (Bücher einräumen) deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge - und ebenso dieser Fettfleck auf dem Buch und diese Blätter, die aus dem Band zu Boden flattern. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht - und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ Zollkappe wischte Schweißperlen von seiner Oberlippe und stieg die Leiter hinunter auf Gummibeinen.
Beim Aufheben der Blätter spürte er die Last des Gedankens auf seinem Handeln und ließ die Blätter liegen. Er knirschte mit den Zähnen und verfluchte seine Arbeit. Er trat auf eines der Blätter und rieb es unter seiner Schulsohle zu Papierstaub. Wollte er dies noch einmal und noch unzählige Male? Nein, ich werde Schulleiter.
Joachim Zollkappe zitterte, ihm war kalt, mit Macht packten ihn Unmut und Frust der Jahre und schüttelten ihn, bis er schrie und mit Fäusten gegen seine Brust trommelte, er hasste sein Leben sein verkorkstes Schulleben. Hinter seinem respektablen Äußeren brannte ein Abenteurer, ein Rebell gegen das System, das ihn erzeugt hatte, dieses stählerne Gehäuse aus Regeln und Vorschriften, Verlogenheiten und Routinen. Seinen Groll ließ er an den Schülern aus, wenn er mit ihnen die Noten der Mitarbeit besprach. Kalt und unerbittlich verteilte er die Zensuren und war ungerecht, wenn ihn jemand geärgert hatte. Welche Wonne bei den Gelegenheiten sich ans idiotische Grinsen zu erinnern des Unverschämten. Die Kollegen schrieben auf, wer sich am Unterricht in den jeweiligen Stunden hervorragend beteiligt hatte. Er schrieb auf, wer ihn geärgert hatte und dann war sie da die Abrechnung mit den Grinsern dieser Welt.
Man hätte es nicht vermutet, aber er hieß willkommen, was ihm die Computertechnik bescherte. In einer Datenbank hielt er die kleinen und die großen Straftaten der missratenen Brut fest. Alles war miteinander verlinkt. Gab er einen Namen ein, fand er die Unterrichtsstörungen des Delinquenten: das Briefchenschreiben, das Knibbeln einer SMS unter der Bank, die fehlende Hausaufgabe, das Zuspätkommen oder besonders schlimm, das ironische Zustillsitzen. Tippte er einen Verstoß in die Suchleiste der Datenbank, fand er die dazugehörigen 153 Schüler, verteilt über einen Zeitraum von vier Jahren. Niemals zuvor hatte es eine Zeit gegeben, in der die Datenverwaltung einfacher gewesen wäre und nie einfacher den überraschten Schülern am Ende des Schuljahres ihre Missetaten minutiös aufzulisten und mit ihnen abzurechnen. Auf diese Weise abzurechen, da es nicht mehr möglich war, sie zu prügeln, bis die Schwarte knackte.
Zollkappe verachtete nicht nur die Welt, er hasste auch sich selbst. Auf seinem Hosenboden brannte Dominiques Schlagfertigkeit, auch ein Zeugnis, Zeugnis einer misslungenen Erziehung. Seine Besuche des obersten Stockwerks in der Rathenaustraße boten ihm regelmäßig Zuflucht ins ganz Andere, flüchtige Befreiung aus seiner Welt des johlenden Stumpfsinns.
Ohne jeden Zweifel leistete Dominique vorzügliche Arbeit. Ja, von dem Moment an, als sie erfahren hatte, dass Zollkappe Lehrer war, hatte sie eine Begeisterung an den Tag gelegt, die exzessiv war, weiß der Teufel. Nach seinen Abstechern bei Dominique spürte Joachim noch Stunden später, die Kehrseite des ekstatischen Übermuts: Er konnte sich nicht hinsetzen. Und weshalb behandelte Dominique ihn so außerordentlich gewissenhaft? Auch sie war einmal Schülerin gewesen. „Ich bin kein Faulpelz, den man klopfen muss“, sagte sie und jagte Joachim weitere dreißig Zentimeter die Wand der Ekstase höher hinauf.
Nach seinem wöchentlichen Besuch bei Dominique arbeitete Joachim Zollkappe später als gewöhnlich. Er korrigierte Abiturklausuren und stöhnte immer wieder auf, während er auf dem Stuhl herumrutschte, um mal die linke, mal die rechte Backe zu entlasten.
Bei jedem Satz, den er korrigierte, merkte er, wie sein Hirn schrumpfte. Das Hirn war ein sich veränderndes Gebilde und Neuronen, die gemeinsam feuerten, verknüpften und vernetzten sich. Blödsinn macht blödsinnig. Er lehnte sich für einen Moment zurück und versuchte einen geistreichen Gedanken zu denken. Könnte mal wieder Pflaumenmus zum Frühstück essen. Ein neuer Versuch. Das Leben ist hundert Mal zu kurz, diesen Schwachsinn zu lesen. Immerhin, das war der Anfang eines ausbaufähigen Gedankens. Und er würde danach handeln. Hatte er sich lange genug geplagt, um sich einen Blick aus dem Fenster zu gönnen? Scheiß was drauf, sagte nicht nur sein Kopf, sondern auch sein Allerwertester und also erhob er sich und machte das Fenster auf.
Tief atmete er die Nachtluft ein, schaute in die funkelnde Stadtlandschaft und lächelte ein letztes Mal in seinem Leben.