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Neunzehn

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Zwei Tage später trafen sich Horst Krock und Max Berger in der Salatbar gleich um die Ecke des Funkhauses, um den Fall zu besprechen. Sie wollten ungestört sein, deswegen keine Kneipe, wo Horst jederzeit mit einem Schulterklopfen rechnen musste.

„Du suchst also jemanden, der irgendwo eine Armbrust gekauft hat und der einen Zirkel so geschickt zu benutzen wusste, dass der Mathelehrer die Behandlung damit nicht überlebte.“

„Korrekte Zusammenfassung.“

„Und ihr habt keine Fingerabdrücke, Haare, Stofffetzen, Schuppen, Schuhcreme, Curry, Senf oder Ketchup, was weiß ich denn, wonach ihr sucht? Nichts?“

„Nein, alles sauber, sau professionell.“

„Wir suchen also einen Spinner mit argem Groll gegen Lehrer, geschickt genug sie abzuschlachten und ist auch noch ein Spurloser.“

„Ganz richtig, richtiger als erwünscht, richtiger als zu ertragen Horst. Und, und keine Idee, wann oder wo er wieder zuschlägt.“

„Oder sticht?“

„Oder sticht oder giftet oder armbrustet. Weißt du, wie viele Lehrer es in Paderborn gibt? Wir können nicht auf alle aufpassen.“

„Bei den Ohren der drei Hasen, du weißt, ich helfe dir. Sollen wir seine Stimme über den Sender jagen? Könnte jemand erkennen. Ist auf jeden Fall eine gute Geschichte.“

„Das könnte dir so gefallen“, sagte Max, „doch besser nicht. Die Stimme erkennt dann jeder, eine Stimme ruft tausend Spinner ans Telefon, die ihren Fremdgehmännern oder Ex-Freundinnen oder Nachbarn eins auswischen wollen. Wir bekommen Hinweise für wochenlange Nachforschungen im Niemandsland. Nein, aber die Stimme, mit der lässt sich vielleicht etwas machen.“

„Gut, meinetwegen.“ Horst war enttäuscht. Mit der Stimmveröffentlichung hätte er ein Weilchen das Publikum emotional versorgen können. „Die Angelegenheit bleibt also im Moment unter der Decke, weil du drauf bestehst. Aber was ist an der Schule los, an Zollkappes Schule?“

„Ein neuer Schulleiter muss gewählt werden. Im Rahmen der schulischen Selbstverantwortung hat zum ersten Mal das Kollegium entscheidenden Anteil an der Bestimmung des Schulleiters, war sonst Angelegenheit der Bezirksregierung, aber jetzt… Nun, das Kollegium ist zerstritten. Es gibt drei Gruppen und eine davon unterstützte wohl die Kandidatur Zollkappes, während die zweite Gruppe ihn mit Zähnen und Giftkrallen ablehnte.“

„Und was ist mit der dritten Gruppe?“, fragte Horst.

„Ein Englischlehrer hat mir die Situation erklärt, es gäbe an der Schule diese drei Gruppen, typisch für solche Organisationen, meinte er. Vielleicht hat er das auch erfunden. Ja, das glaube ich fast, hat es erfunden in dem Moment, wo er es mir erzählt hat. War mir nicht ganz geheuer der Typ, hatte mehr Haare als Verstand. Oder doch nicht. Gehörte jedenfalls zu dem Menschentypus, bei dem du nie weißt, meinen sie es auch so, wie sie es sagen, oder veralbern sie dich. Scheiß Ironiker! Er meinte also drei Gruppen gebe es: die Never-Betters, die Better-Nevers und die Ever-Wasers“.

„Wie? Das ist doch Quark, oder?“

„Kann sein, kann auch nicht sein. Also dieser Englischlehrer schien ein Schalkbürschchen zu sein. Die Never-Betters glauben, dass wir am Rande großartiger Bildungschancen stehen, Chancen, die die neuen Medien bieten, Internet und so: Twitter, Flipboard, Hatebook, Google+, Evernote, Netvibes und copulative learning. Die Better-Nevers meinen, es wäre viel besser, wenn wir den ganzen neumodischen Kram nicht hätten, denn damit gehe die Welt den Bach runter. Und dann gibt es eben noch diejenigen, die meinen, nichts Neues unter der Sonne, im Grunde ändert sich nicht viel. Schon Plato habe vor zweitausend Jahren über Veränderungen geklagt, alles würde aufgeschrieben und die Leute würden nichts mehr behalten, das Aufschreiben mache die Jugend dumm.“

„Was meinst du, sind sie so verfeindet, dass sie sich gegenseitig abmurksen?“

„Horst, die Antwort kannst du dir selbst geben.“

„Die Parteien sind also verfeindet und dem Selbstgerechten ist alles zuzutrauen. Ist es das?“

„So könnte es sein, aber natürlich auch anders. Du wirst jedenfalls genügend Stoff haben, eine Zeit lang.“

„Die Briefe haben einen gewissen intellektuellen Kick, vielleicht auch nur vorgetäuscht. Nicht nur Politiker können abschreiben. Hältst du es für möglich, dass sämtliche Lehrer von einem Kollegen… Ich meine, es könnte doch ein Kollege sein, dem diese ganze klugscheißende Lehrerbrut gehörig… Ist nur so ein Gedanke.“

„Ich schließe nichts aus“, sagte Max. „Und du hast keine Ahnung, was der Mörder meinte. Nicht wann, nicht wo?“

„Nein“, sagte Horst, „außer, dass er meinte, wir fänden den nächsten Auftritt sicher amüsant.“

Max zog die Augenbrauen zusammen. Er sah zerschlagen aus, blass. Die langweilige Routine der Mördersuche war in vollem Gange, ohne zu etwas geführt zu haben.

„Niemand hat was gesehen“, klagte er. „Paderborn in der Hitze eines Sommerabends und niemand sieht was. Zum Kotzen!“

„Was wissen wir über das Opfer?“, fragte Horst.

„Was erwartest du von einem Lehrer? In der vergangenen Woche gab er Klassenarbeiten zurück, davon fünfzehn „mangelhaft“. Von seinen Hausaufgaben fühlten die Schüler sich überfordert, jedenfalls 75 Prozent und hundert Prozent meinten, er habe sie nicht angemessen auf die Klausuren vorbereitet. Das aber, so musste ich mir sagen lassen, sagten alle Schüler.“

„Mit andern Worten, er war eine Sackratte?“

„So isses.“

„Und privat?“

„Die Kollegen meinten, er habe sich mit der Welt überworfen.“

„Weshalb er Lehrer wurde?“

„Nein, er wurde so, weil er Lehrer war. Sieht so aus, als wäre er von seinen Eltern in den Job gedrängt worden. Lieber wäre er Pförtner geworden oder ein…“

„Ein Stieg Larsson?“ meinte Horst.

„Sehr witzig!“

„Und, wie hat er sich Luft verschafft, seine Energie abreagiert? In welche Ecke hat er kreativ masturbiert?“

„Würde ich auch gern wissen. Was meinst du, wofür könnte DS stehen?“

„DS? Warum?“

„Hatte eine Verabredung mit DS am Nachmittag, eine Verabredung am Tag seiner Hinrichtung. Weil er sich am Nachmittag herumtrieb, arbeitete er noch spät am Abend“, sagte Max.

„DS? Keine Ahnung. Habt ihr schon eine Erklärung für das Mysterium seiner roten Arschbacken?“

„Zumindest gibt es keinen Zusammenhang mit der Art und Weise, wie er ermordet wurde. Was ist mit dem Bolzen in seiner Stirn?“

„Unsere Ballistikjungs meinen kein Problem mit Zielfernrohr. Kann jeder. Auch den Bolzentyp kennen wir „Full Metall Jacket 20“. Überall im Fachhandel erhältlich und bei Ebay“, sagte Max. „Übrigens, einer von euren Leuten ist dabei die Bänder abzuhören, ob die Stimme was hergibt“.

„Ich weiß. War das eine weitere helle Eingebung eures Chefs?“, fragte Horst.

„Erraten“, sagte Max mürrisch. „Alles, was wir haben, sind die Bänder. Was wir brauchen, ist eine professionelle Analyse der Stimme. Die Stimme wird ihm zum Verhängnis. Merk dir meine Worte. Und wer liefert die Stimmenexpertise?“

„Die Rundfunkabteilung des Paderborner-Rundfunks.“

„Genau. Wendet euch an den PR, meinte der Chef. Die kennen alles, was die menschliche Stimme verrät. Zufällig kenne er den Chef der Nachrichtensprecher.“

„Chefredakteur Nachrichten“, korrigierte ihn Horst.

„Jaja, vielleicht bringt’s uns weiter, vielleicht nicht.“

„Welch berauschende Begeisterung!“

„Der Chef der Ansager hört sich die Sache nicht selbst an.“

„Ach was?“

„Nein, hat es seinen Leuten gegeben.“

„Na und, das ist doch in Ordnung“, sagte Horst.

„Du musst es wissen. Er hat sie einer Janine gegeben“, sagte Max.

„Janine, die bekiffte Nachrichtensprecherin?“ fragte Horst.

„Wer zum Teufel ist Janine die bekiffte Nachrichtensprecherin?“, fragte Max.

„Janine ist die einzige Frau, die vor ihren Nachrichten kifft. Ihre Vorgesetzten drücken beide Nasenlöcher zu.“

„Horst du willst mich…, nein Horst, glaub ich nicht.“

„Klar!“, sagte Horst. „Geht eben nichts über einen feinen Joint vor den Hiobsbotschaften. Die Nachrichten würden doch sowieso viel zu ernst genommen, hat sie mir mal gesagt. Sollten die sich doch aufregen, wenn sie bei den Nachrichten kichere.“

„Und das wird toleriert?“, fragte Max.

„Bei der Stimme bleibt ihnen nichts übrig. Und schau, wenn man vom Kiffer spricht…“

Auf hohen Absätzen stelzte sie heran, kurze schwarze Haare, funkelnde Augen. Für Millionen von ergebenen Zuhörern der PR-Nachrichten war Janine die Stimme, besänftigend, einschmeichelnd, rau, wenn es sein musste oder so golden wie Olivenöl.

„Was hat Ihnen die Stimme verraten?“, fragte Horst.

„Huiiiiiii“, sagte Janine.

Mal abgesehen von ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten, hatte Janine etwas an sich, das nicht unbedingt Vertrauen erweckte. Vielleicht waren es die unglaublich ausgebeulten Shorts. Nein, eher waren es die leuchtenden pinkfarbenen Legwarmer.

„Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass die die Nachrichten spricht?“, flüsterte Max.

„Und zwar verdammt gut“, raunte Horst. „Setz sie vor ein Mikrofon und sie ist nüchtern wie eine leergetrunkenes Weihwasserbecken.“

„Aber sie sitzt nicht vor einem verdammten Mikrofon.“

„Ein Nachteil, ja“, sagte Horst.

„Aber Nachrichtensprecher kleiden sich doch anders.“

„Nein, sie klingen nur nach Anzug und Seriosität.“

„Aber was ist mit ihr los?“

„Nichts, sie hat nur ein bisschen was geraucht.“

„Ein bisschen was?“

„Ein bisschen, vermute ich.“

„Horst, ich bin Polizist.“

„Ein bedauernswertes Schicksal, ich weiß“, sagte Horst.

„Ich müsste sie einsperren.“

„Du kannst sie nicht einsperren. Sie ist unsere Expertin. Gib ihr einen aus.“

„Ich bin Polizist“, sagte Max zu Janine.

„Ich weiß. Magischer Max!“, ölte Janine.

„Was können Sie mir über die Stimme sagen?“

„Uhu, die Stimme. Ja nun, ich finde es ist ein Huiiiii!“

„Was?“

„Ein Huiiiii!“

„Was bitte?“

„Ich denke, es ist eine Frau.“

„Eine Frau?“, fragte Horst ungläubig.

„Allerdings könnte ich falsch liegen. Alle anderen sind anderer Meinung, Maxl. Sie meinen, es wäre die Stimme eines Mannes Ende zwanzig, Anfang dreißig, aus Ostwestfalen, halbgebildet.“

Max kritzelte mit.

„Aber ich glaube, die anderen sind schiefgewickelt. Das ist die Stimme einer Frau, hab ich ihnen gesagt. Und außerdem - oh hallo, da ist der Chef von PR2. Hallo, Chef, hallo Halbmensch!“

Die letzte Lektion

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