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3.3 Begriffsanalyse
ОглавлениеDie Methode der Begriffsanalyse
Nach Auffassung des oben beschriebenen Aprioristen geht es bei der Frage nach der Natur des Wissens im Wesentlichen darum, die Bedeutung des Wortes „Wissen“ zu klären. Zu diesem Zweck bedient er sich der Begriffsanalyse. Dabei betrachten wir zunächst einen einzigen Satz – den Grund für diese Beschränkung diskutieren wir im Kapitel 4.1 –, den Satz „S weiß, dass p“. Für „S“ kann man beliebige Namen von Personen (Subjekten) einsetzen, für „p“ (grammatisch entsprechend angepasste) Behauptungssätze. Die Begriffsanalyse soll dann eine Reihe von (einzeln) notwendigen und (zusammen genommen) hinreichenden Bedingungen dafür liefern, dass dieser Satz wahr ist. Anders gesagt: Die Begriffsanalyse soll die Wahrheitsbedingungen – und damit, zumindest nach Ansicht der wahrheitskonditionalen Semantik, die Bedeutung – des Satzes ans Licht bringen. Man geht dabei folgendermaßen vor:
In einem ersten Schritt schlägt man eine Bedingung vor, die man prima facie (auf den ersten Blick) für plausibel hält. Im zweiten Schritt macht man sich dann auf die Suche nach geeigneten Beispielen, um zu überprüfen, ob die Bedingung eventuell doch nicht notwendig beziehungsweise die Gesamtheit der bis dahin vorgeschlagenen Bedingungen eventuell noch nicht hinreichend ist. Findet man ein Beispiel, bei dem wir sagen würden, dass eine Person S weiß, dass p, obwohl die in Frage stehende Bedingung nicht erfüllt ist, so ist die Bedingung nicht notwendig. Finden wir ein Beispiel, bei dem alle bis dahin vorgeschlagenen Bedingungen erfüllt sind, wir aber nicht sagen würden, dass die entsprechende Person S weiß, dass p, so sind die vorgeschlagenen Bedingungen noch nicht hinreichend. In beiden Fällen muss die Liste der Bedingungen modifiziert werden: Im ersten Fall wird die in Frage stehende Bedingung verworfen, im zweiten Fall schlägt man eine weitere Bedingung vor. Das Verfahren bricht ab, wenn eine Liste von Bedingungen allen bekannten Beispielen standhält.
Ein Beispiel
Betrachten wir zur Illustration eine kurze Anwendung der Methode der Begriffsanalyse. Im ersten Schritt schlägt man vor, dass man nur wissen kann, dass p, wenn es der Fall ist, dass p. Nach Ansicht der meisten Philosophen gibt es kein Beispiel, bei dem wir sagen würden, dass eine Person weiß, dass p, obwohl es nicht der Fall ist, dass p. Die Bedingung ist demnach notwendig. Klarerweise ist sie jedoch allein noch nicht hinreichend. Allein die Tatsache, dass es regnet, hat noch lange nicht zur Folge, dass Fritz (oder sonst irgendjemand) weiß, dass es regnet. Dazu muss Fritz anscheinend auch zumindest der Überzeugung sein, dass es regnet. Damit ist aber schon ein zweiter Vorschlag für eine notwendige Bedingung gemacht: S weiß nur dann, dass p, wenn S glaubt, dass p. Im nächsten Schritt ist jetzt zu prüfen, ob diese Bedingung tatsächlich notwendig ist – vielleicht brauchen wir ja eine andere zweite Bedingung. Außerdem muss man sich überlegen, ob es Beispiele gibt, welche die beiden bisher genannten Bedingungen als (zusammen genommen) nicht hinreichend für Wissen erweisen. Wir werden uns mit den beiden genannten Bedingungen im vierten Kapitel noch ausführlich beschäftigen, bevor wir in nachfolgenden Kapiteln der Frage nach weiteren Bedingungen nachgehen werden.
Die Rolle von Beispielen
Es ist klar, dass bei dieser Methode die Untersuchung von Beispielen eine entscheidende Rolle spielt. Und unsere Reaktion auf die Beispiele ist entscheidend für das Ergebnis der Begriffsanalyse. Man beachte, dass dabei mit „unsere Reaktion“ nicht etwa die Reaktion des ausgebildeten Philosophen gemeint ist, sondern einfach die Reaktion eines Menschen, der Deutsch spricht. Es geht bei der Begriffsanalyse darum, die Bedeutung des Wortes „Wissen“ zu analysieren, und die kennt prinzipiell jeder, der Deutsch kann, oder, wie wir auch gesagt haben, der kompetente Sprecher. Entscheidend für den Ausgang der Begriffsanalyse ist also, unter welchen Umständen der kompetente Sprecher glaubt, wahrheitsgemäß den Satz „S weiß, dass p“ verwenden zu können. Ob die Begriffsanalyse damit doch wieder zu einer empirischen Forschungsmethode wird, ist umstritten (vgl. (90), 4. Kapitel, (92), 2. Kapitel). Jedenfalls ist klar, warum man diese Methode verwenden kann, ohne sein Arbeitszimmer zu verlassen: Als kompetenter Sprecher hat man alle „Daten“, die man braucht, schon parat.
Begriffsanalyse und Begriffsexplikation
Die Begriffsanalyse muss von einer Begriffsexplikation im Sinne Carnaps sorgfältig unterschieden werden. Der Naturwissenschaftler interessiert sich überhaupt nicht dafür, was wir in Anbetracht verschiedener Beispiele sagen würden. Er geht nicht so vor, dass er prima facie plausible Bedingungen (etwa für das Vorliegen von Aluminium) vorschlägt und dann testet, ob es Gegenbeispiele gibt. Die Reaktionen des kompetenten Sprechers auf Beispiele interessiert ihn nicht, weil der kompetente Sprecher noch lange kein kompetenter Wissenschaftler ist. Es geht bei der Begriffsexplikation nicht darum, zu klären, wie wir sprechen, sondern wie wir sprechen sollen. Dementsprechend werden auch Abweichungen zwischen Explikat und Explikandum zugelassen. Nicht so bei der Begriffsanalyse, denn hier geht es darum, Begriffe, die wir schon haben, zu klären.
Warum es nach Ansicht des Aprioristen gerade darum geht, kann man sich leicht anhand unseres speziellen Falles klarmachen. Denken wir noch einmal an unsere beiden erkenntnistheoretischen Ausgangsfragen. In Anbetracht der skeptischen Herausforderung fragen wir uns nach dem Umfang unseres Wissens. Wir möchten also den Umfang dessen wissen, was wir gewöhnlich mit dem Wort „Wissen“ bezeichnen – das ist die erste Grundfrage der Erkenntnistheorie. Dementsprechend wollen wir wissen, was die Natur dessen ist, was wir gewöhnlich mit dem Wort „Wissen“ bezeichnen – das ist die zweite Grundfrage der Erkenntnistheorie. Wir könnten einfach keine Antwort auf unsere beiden Fragen geben, wenn wir den Begriff des Wissens neu bestimmen würden. Denn der Skeptiker bezweifelt nun einmal, dass wir Wissen im gewöhnlichen Sinn des Wortes haben, nicht, dass wir irgendetwas anderes haben, was wir erst definieren dürften. Deshalb müssen wir auch die Natur von Wissen im gewöhnlichen Sinn des Wortes klären.
So jedenfalls sieht das der Apriorist. Der Naturalist ist dagegen der Ansicht, dass Wissen im gewöhnlichen Sinn des Wortes vielleicht überhaupt keine Natur hat. Erst die Wissenschaft findet natürliche Arten, und es könnte sich herausstellen, dass Wissen im gewöhnlichen Sinn des Wortes ebenso wenig eine natürliche Art ist wie Fische im gewöhnlichen Sinn des Wortes – also in dem Sinn, in dem auch Walfische Fische sind – eine natürliche Art sind. Dementsprechend sollte der Naturalist keine Begriffsanalyse betreiben, sondern eben doch eher eine Begriffsexplikation, um so die Natur des Wissens zu ergründen. Die Frage, was der Umfang unseres Wissens im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist, also unsere erste Grundfrage, wird der Naturalist dann zugunsten der Frage, was der Umfang unseres Wissens im wesentlichen Sinn des Wortes ist, aufgeben, wenn er sie nicht ganz aufgibt.
Wie gesagt, es bekennen sich viele Philosophen eher zur naturalistischen Vorgehensweise als zur aprioristischen. Sie empfehlen, in der Philosophie so wie in der Wissenschaft zu verfahren. Die Begriffsexplikation des Wissenschaftlers scheint dabei genau die Methode zu sein, die sie vor Augen haben. Betrachtet man jedoch die tatsächliche Vorgehensweise vieler naturalistisch gesinnter Philosophien, so stellt man fest, dass sie keineswegs gewillt sind, Abweichungen in den Anwendungsfällen zwischen Explikat und Explikandum zu akzeptieren. Sie bedienen sich genau der an Beispieluntersuchungen orientierten Vorgehensweise, welche die Begriffsanalyse, nicht aber die Begriffsexplikation auszeichnet. Sie versuchen meistens eben gerade nicht, den Begriff des Wissens an die Erfordernisse anzupassen, wie sie uns von den empirischen Wissenschaften vorgegeben werden. Dementsprechend wird auch in dieser Einführung allein auf die Methode der Begriffsanalyse, nicht aber auf die der Begriffsexplikation zurückgegriffen.
Formen der Begriffsanalyse
Natürlich muss der Philosoph, der sich der Methode der Begriffsanalyse bedient, nicht der Ansicht sein, dass das die einzige legitime Vorgehensweise in der Philosophie ist. Zum einen kann er ja durchaus glauben, dass manche philosophische Fragen durch apriorische Erkenntnis beantwortet werden müssen – und damit die Begriffsanalyse relevant ist –, dass aber andere philosophische Probleme nicht durch (rein) apriorische Erkenntnis gelöst werden können – und damit die Begriffsexplikation und andere Methoden der empirischen Wissenschaften relevant sind. Zum anderen ist die Begriffsanalyse im engeren Sinn, also die bisher beschriebene Form der Begriffsanalyse, nicht das einzige Instrument des aprioristisch eingestellten Philosophen. Es ist nämlich eine Sache, zu sagen, dass es die Aufgabe der Philosophie ist, Begriffe zu analysieren, eine andere, zu sagen, dass diese Analyse die Form einer Wesensdefinition, also einer Liste von einzeln notwendigen und zusammen genommen hinreichenden Bedingungen, annehmen muss. Es kann durchaus auch hilfreich sein, einfach nur notwendige beziehungsweise nur hinreichende Bedingungen zu finden, auch wenn diese nicht zu einer Wesensdefinition zusammengefügt werden können. Der Grundgedanke hinter jeder Form der Begriffsanalyse ist nämlich, dass (zumindest bestimmte) philosophische Probleme entstehen, weil es uns an Übersicht über unsere Begriffe fehlt. Vor allem Wittgenstein sah in solch mangelnder Übersicht die Wurzel aller philosophischer Übel (vgl. (113), §§ 89–133). Übersicht kann man jedoch auf vielfältige Weise schaffen. Die Angabe einer Wesensdefinition ist eine, die Angabe von notwendigen und/oder hinreichenden Bedingungen eine andere, die einfache Beschreibung von relevanten Beispielen eine dritte und die logische Rekonstruktion (vgl. (91)) eine vierte Möglichkeit, wie Übersicht erzeugt werden kann. Dabei kann man der Ansicht sein, dass das Ziel eine Reduktion komplexer auf grundlegende Begriffe ist oder die übersichtliche Darstellung der Beziehungen zwischen grundlegenden Begriffen, die auf einer Stufe stehen, oder aber auch nur die Klärung der begrifflichen Beziehungen, die zu philosophischen Rätseln führen (vgl. (112), 1. und 2. Kapitel). Welche Form der Begriffsklärung notwendig ist, wird von der Art des philosophischen Problems und von der Art des zu untersuchenden Begriffs abhängen. In Bezug auf den Wissensbegriff war beziehungsweise ist man besonders hartnäckig der Ansicht, dass eine Definition mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen Klarheit bringen sollte. Man hat jedenfalls für keinen anderen Begriff so ausdauernd versucht, eine solche Analyse zu finden.