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3.4 Einwände gegen die Begriffsanalyse
ОглавлениеGeht es nur um Wörter?
Betrachten wir zum Abschluss dieses Kapitels noch eine Reihe von Einwänden, die gegen die Methode der Begriffsanalyse erhoben wurden. Ein erster Einwand lautet so: Wir wollen doch die Natur des Wissens ergründen. Alles, was die Begriffsanalyse leistet, ist aber, die Bedeutung des Wortes „Wissen“, also allenfalls die Natur des Begriffs des Wissens zu klären. Anders gesagt: Wir möchten uns nicht mit Begriffen, schon gar nicht mit bloßen Wörtern beschäftigen – das soll der Lexikograph machen –, sondern mit den Sachen selbst!
Dieser Einwand verweist auf die methodischen Überlegungen des letzten Abschnitts zurück. Wenn man der Ansicht ist, dass sich auf empirischem Weg etwas über die Natur des Wissens erfahren lässt, dann wird man natürlich die Beschäftigung mit dem Begriff des Wissens als einen unnötigen Umweg empfinden. Ist man dagegen mit dem Aprioristen der Ansicht, dass es hier überhaupt nicht um eine empirische Untersuchung geht, so wird man leicht zu dem Schluss kommen, dass die Untersuchung der Bedeutung des Wortes „Wissen“ der einzige Weg ist, um etwas über die Natur des Wissens herauszufinden.
Was hat es mit dem Vorwurf auf sich, dass der Philosoph dann aber letztlich die Aufgabe des Lexikographen übernimmt? In gewisser Hinsicht ist das durchaus richtig: Auch derjenige, der ein Lexikon schreibt, muss die Bedeutung eines Wortes durch andere Wörter umschreiben. Er muss aber nicht unbedingt eine Wesensdefinition, also eine Beschreibung der Natur einer Sache durch Angabe einer Liste von (einzeln) notwendigen und (zusammen) hinreichenden Bedingungen geben. Genau das versucht aber der Philosoph im Hinblick auf einige wenige Begriffe, die aus philosophischer Sicht interessant sind, zu leisten. Hinzu kommt, dass wir in der Philosophie bestimmte Probleme vor Augen haben (etwa die skeptische Herausforderung), die wir lösen wollen. Dementsprechend muss auch unsere Begriffsanalyse so ausfallen, dass sie uns hilft, diese Probleme zu lösen. Man kann das auch so ausdrücken: Es gibt gar nicht die Analyse eines Begriffs. Vielmehr kann man verschiedene begriffliche Beziehungen erforschen, je nach dem, welches Ziel man verfolgt. Philosophen haben aber andere Ziele als Lexikographen!
Der Provinzialitätsvorwurf
Einen zweiten Einwand gegen die Methode der Begriffsanalyse könnte man den Provinzialitätsvorwurf nennen: Wenn es um die Analyse der Bedeutung eines Wortes geht, sind wir dann nicht immer an eine Sprache gebunden? Und ist eine solche Sprachabhängigkeit der Philosophie nicht inakzeptabel? Kann es von der verwendeten Sprache abhängen, welche Theorie des Wissens man vertritt?
Dieser Einwand ist nicht haltbar, weil er direkt in ein Dilemma führt: Nehmen wir an, wir analysieren den deutschen Satz „S weiß, dass p“. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es ist möglich, diesen Satz so in die Sprache X zu übersetzen, dass alle begrifflichen Beziehungen, die wir bei unserer Analyse herausfinden, ebenfalls entsprechend übersetzt werden können. Dann ist unsere Analyse offensichtlich nicht „provinziell“. Oder aber eine solche Übersetzung ist nicht möglich. Dann hieße das nichts anderes als dass in der Sprache X nicht wirklich über Wissen gesprochen werden kann, denn Wissen ist nun einmal das, was durch das Wort „Wissen“ bezeichnet wird, und nichts anderes. Allem Anschein nach ist in Bezug auf fast alle Sprachen eher die erste Möglichkeit realisiert.
Das Paradox der Analyse
Ein weiterer Einwand ist das so genannte Paradox der Analyse, das George E. Moore in die Debatte eingebracht hat (vgl. (104)). In einer Form lautet es folgendermaßen: Ein kompetenter Sprecher bezüglich des Ausdrucks „x“ zeichnet sich dadurch aus, dass er die Bedeutung des Ausdrucks „x“ kennt. Nehmen wir an, das Ergebnis einer Begriffsanalyse ist, dass der Ausdruck „x“ durch den Ausdruck „y“ analysiert werden kann und dass wir sowohl in Bezug auf „x“ als auch in Bezug auf „y“ kompetente Sprecher sind. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Analyse ist korrekt oder inkorrekt. Ist sie inkorrekt, so ist sie offensichtlich wertlos. Ist sie aber korrekt, so ist sie ebenfalls wertlos, denn dann sagt sie uns nichts anderes als dass die Ausdrücke „x“ und „y“ dasselbe bedeuten. Da wir aber bezüglich „x“ und „y“ kompetente Sprecher sind, wussten wir ja schon, was diese Ausdrücke bedeuten, insbesondere, dass sie dasselbe bedeuten. Die Analyse sagt uns also nichts Neues. So oder so: Die Begriffsanalyse ist wertlos. Wenn ich beispielsweise jemandem, der Deutsch kann, sage, dass Junggesellen unverheiratete Männer sind, dann sage ich ihm sicherlich nichts Neues. Wenn ich ihm aber sage, dass Junggesellen verheiratete Männer sind, dann sage ich ihm etwas Falsches. Als Begriffsanalytiker habe ich scheinbar nur die Wahl entweder etwas Triviales oder aber etwas Falsches zu sagen.
Wie man diesem Einwand begegnen kann, wird klar, sobald man sich den Zweck der Begriffsanalyse nochmals vor Augen führt. Ziel der Analyse ist es nicht, den kompetenten Sprecher über die Bedeutung von Wörtern zu belehren. Ziel ist es vielmehr, ihm Übersicht über die Zusammenhänge zwischen den Bedeutungen von Wörtern zu verschaffen. Natürlich muss der kompetente Sprecher diese Bedeutungszusammenhänge letztlich schon kennen – er wäre sonst ja kein kompetenter Sprecher. Aber er muss sich diese Zusammenhänge nicht immer schon klar gemacht haben. Die philosophischen Probleme, welche die Begriffsanalyse möglicherweise lösen kann, entstehen nicht dadurch, dass wir Bedeutungszusammenhänge nicht kennen, sondern dadurch dass wir sie uns nicht im richtigen Moment vor Augen führen. Wir übersehen einfach, was wir in anderen Zusammenhängen sehen können. Insofern geht es der Begriffsanalyse darum, etwas Gewusstes bewusst zu machen. Das Paradox der Analyse entsteht nur, wenn man übersieht, dass der kompetente Sprecher nicht alles, was er prinzipiell weiß, auch im richtigen Moment vor Augen hat.
Kann es überhaupt Wesensdefinitionen geben?
Kommen wir schließlich zum vermutlich stärksten Einwand gegen die Begriffsanalyse (im engeren Sinn). Dieser lautet folgendermaßen: Ist es überhaupt zu erwarten, dass sich die Bedeutung eines Wortes durch die Angabe einzeln notwendiger und zusammen hinreichender Bedingungen angeben lässt? Ist die dahinter stehende Vorstellung von der Natur von Begriffen eigentlich richtig? (Vgl. (102).)
Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein! Die meisten Wörter lassen sich ganz sicher nicht vollständig in ihrer Bedeutung durch andere Wörter charakterisieren. Hier sind Wörter wie „Junggeselle“ oder „Erpel“ eher die Ausnahme als die Regel. Man versuche etwa einmal eine Definition für „ungemütlich“ oder „Schatz“ zu geben, die gegen alle Gegenbeispiele immun ist. Die Vorstellung, dass jeder, der einen Begriff erfasst hat, „implizit“ über eine Definition des Begriffs verfügt, muss schon aus dem einfachen Grund falsch sein, dass auf diese Weise das Definieren nie zu einem Ende kommen könnte. Und auch die Vorstellung, dass es wenige grundlegende Begriffe gibt, aus denen dann alle anderen aufgebaut sind, ist höchst problematisch. Allerdings muss der Verfechter der Begriffsanalyse sich solche Vorstellungen auch nicht zu eigen machen, selbst wenn er unter einer Begriffsanalyse allein die Suche nach einer Wesensdefinition versteht (was man, wie oben beschrieben, nicht tun sollte). Für ihn genügt es, wenn es Begriffe gibt, die sich durch die Auflistung (einzeln) notwendiger und (zusammen) hinreichender Bedingungen klären lassen. Und dass es eine derartige Analyse speziell für den Begriff des Wissens geben könnte, scheint sich zunächst einmal aus dem (zumindest anfänglichen) Erfolg der oben beschriebenen Methode bei der Anwendung auf den Satz „S weiß, dass p“ zu ergeben. Wir werden im achten Kapitel auf die Frage zurückkommen, ob hier nicht mehr Skepsis am Platz wäre und ob nicht eine liberalere Auffassung von begrifflicher Analyse unser Vorgehen in der Erkenntnistheorie bestimmen sollte (vgl. Kapitel 8.4).