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5.

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Im Gegensatz zu Sasso, der eine Ecke mit einer Drehung auf den Fußballen umrundete, um seinen Schwung nicht zu verlieren, schlenderte Newlin und ließ die Schlüssel dabei um seinen Zeigefinger kreisen. In dem überdachten Durchgang zwischen den zwei Blöcken drehten sich die Überwachungskameras mit, um den Weg der drei Männer zu verfolgen. Sie erreichten Block J und wurden prompt an der Tür aufgehalten.

»Ausweise und Dienstmarken.« Der Wachmann warf einen raschen Blick auf Tims und Bears Ausweise, ohne die Hände vom Schaft seines M4 zu nehmen. »Sie sind die Marshals, oder? Wenn Sie rausfinden, wie der hier abgehauen ist, haben Sie mehr auf dem Kasten als ich.« Er reichte Tim ein elektronisches Clipboard, wie es sonst UPS-Boten benutzen.

Tom musterte die Überschriften – Name, Rang, Zeitpunkt ein, Zeitpunkt aus –, bevor er seine Daten eingab. »Sie führen Buch seit dem Überfall, oder?«

»Niemand hat diese Schwelle überschritten, ohne hier unterschrieben und vor meinem Gewehrlauf vorbeimarschiert zu sein.«

»Können wir uns Ihre Aufzeichnungen kurz ansehen?«

»Sie waren mir alle bekannt«, erwiderte der Wachmann scharf.

»Jeder, und zwar namentlich. Und ich schaue jedem ins Gesicht. Es ist völlig ausgeschlossen, dass unser guter Junge sich eine Uniform übergeworfen und an mir vorbeigelaufen sein könnte. Völlig ausgeschlossen.«

»Das ist doch nur ein Grund mehr, uns behilflich zu sein.«

Der Wachmann nahm Tim das Clipboard aus der Hand, gab einen Code ein und reichte es ihm wieder zurück. Auf dem Display waren die Namen aller Personen aufgelistet, die Block J betreten oder verlassen hatten, nachdem das DCT das Gebäude gesichert und die kleinen Feuer gelöscht hatte. McGraw war der Erste gewesen, um 20:43 Uhr. Dann eine Menge Wachmänner. Hausmeister. Reinigungspersonal. Aufseher. Noch mehr Reinigungspersonal. Die meisten waren gekommen und wieder gegangen.

Der Wachmann ahnte bereits, welche Frage Tim auf der Zunge lag, und erklärte: »Ja, die restlichen elf sind noch drinnen, aber ich kenne jeden Einzelnen von ihnen.«

Tim gab ihm mit einem leichten Nicken das Clipboard zurück und betrat mit Bear und Newlin das Gebäude. Seine Lungen füllten sich mit der abgestandenen Luft, die mit dem bitteren Duft von verbranntem Müll geschwängert war. Ein ehrgeiziger Kriminaltechniker hatte sich bemüht, die Umrisse von Boss Hahns Körper säuberlich mit Kreide nachzuziehen, aber die Linien waren mit Asche verschmiert. An einer anderen Stelle sah man immer noch dunkle Pfützen. Die Häftlinge jubelten aus ihren Zellen dem Minibagger zu, dessen Schaufel sich in den Müll grub wie das dicke Maul eines Barsches. Tim starrte auf die Wand aus Metall und Beton und überlegte, ob Walker sich tatsächlich noch innerhalb dieser Mauern versteckt halten könnte.

Die Eisentreppe bebte unter ihren Schritten, während sie hinaufstiegen. Newlin ging ihnen auf der Empore im dritten Stock voraus, während sich Bear mit den Fingerspitzen das Hemd vom Körper wegzog, um sich in der feuchten Luft Kühle zuzufächeln.

Im gesamten Block waren alle Türen verriegelt, jede Zellentür abgeschlossen. Während sie sich näherten, glitten dunkle Arme, die handtellergroße Spiegel hielten, durch die Gitter in ihre Zellen zurück. Ein riesiger samoanischer Junge saß auf der Toilette, wobei er ein Bein ganz aus den heruntergelassenen Hosen herausgezogen hatte. Die Hose stapelte sich auf einem Turnschuh ohne Schnürsenkel. Als Tim ihn ansah, zeigte er ihm den Mittelfinger. Ein paar Zellen waren in ordentlichem Zustand, die Matratzen und die spartanischen Möbel unversehrt, die meisten jedoch waren zerstört. Wo man die Poster von den Wänden gerissen hatte, hingen nur noch die mit Klebeband befestigten Ecken aus azurblauem Wasser oder gebräunter Haut herab.

Die Häftlinge überschütteten Newlin mit Fragen: »Newlin, kauft ihr eigentlich eure Krawatten alle im gleichen Laden? Newlin, was sind das für Neulinge, die du da dabeihast? Newlin, diese verstopfte Toilette bringt mich noch um!«

Die Wärter, die neben der offenen Tür von Jamesons Zelle beieinanderstanden und redeten, traten beiseite. Einer von ihnen vollführte mit den Armen eine melodramatische Geste ins Zelleninnere, als zeige er auf ein gerade enthülltes Denkmal.

Genau in der Mitte des Raumes standen die unteren Hälften von zwei Cola-Plastikflaschen – provisorische Becher, der eine mit einer grünen, der andere mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt.

Newlin folgte Bears Blick und nickte mit zusammengepressten Lippen. »Mundwasser und Urin.«

Bear ließ seinen Blick einmal durch die Zelle schweifen und fasste Tims Gedanken mit den Worten zusammen: »Was zum Teufel ist das denn hier?«

Zwei der vergitterten Fenster aus Sicherheitsglas waren zerbrochen. Keine scharfkantigen Scherben, nur faustgroße, runde Glasstücke und ein paar verstreute Glaskiesel auf dem Fensterbrett. Eine Rolle grüne Zahnseide war an einem Gitterstab befestigt und durch eines der Löcher nach draußen geführt worden. Tim blickte durch das Loch und verfolgte den Weg des Fadens bis zu den Quarzfelsen zwölf Meter weiter unten. Eine leichte Brise blies die Zahnseide hoch und Richtung NATO-Draht-Zaun. Ein Tau aus zusammengeknoteten Bettlaken baumelte vom Gitter des zweiten Fensters. Es sah aus wie bei einem klischeemäßigen Gefängnisausbruch in einem Comic. Das Laken endete kaum mehr als drei Meter unterhalb der Fensterbank. Selbst wenn Walker sich auf Mighty-Mouse-Größe hätte zusammenschrumpfen und durch die Gitter und die winzigen Löcher in den Glasscheiben hätte quetschen können, wäre ihm nur der Todessturz in den NATO-Draht geblieben.

Tim musterte noch eine Weile das Bild, das sich vor den Zellenfenstern bot – zwei riesige Zäune, das Hauptquartier der Küstenwache, Müllcontainer voll verkohltem Abfall, ein paar Königspalmen.

Er bedeutete Bear, ihm ein Paar Latexhandschuhe zu reichen, dann wühlte er den Abfalleimer durch. Die drei zusammengeknüllten Taschentücher enthielten nur getrockneten Rotz. Der Rest war ebenso erhellend: ein paar leere Styroporbecher mit Deckeln, zwei Schraubverschlüsse von Cola-Plastikflaschen, ein kürzeres Stück Zahnseide, ein ausgespuckter Batzen roter Kaugummi.

Tim stellte den Eimer wieder auf den Boden und ging auf alle viere, um unters Bett blicken zu können. Er brauchte einen Moment, bis ihm aufging, was die feinen blauen Späne zu bedeuten hatten: Hier hatte Walker seine Zahnbürste an der Kante seines Metallbetts gerieben und auf diese Art angespitzt.

Tim stand auf, dachte kurz nach, dann klopfte er mit den Knöcheln auf die Stahlfläche des oberen Etagenbetts. »Er hat seine Matratze also übers Geländer geworfen?«

»Genau.«

»Beteiligt er sich sonst auch an solchen Unruhen?«

Newlin ließ sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete: »Wir haben hier selten richtige Gefängnisrevolten, aber trotzdem ... nein. Walker hält sich meistens raus. Bei den Unruhen im Mai hat er auch nicht mitgemacht.«

»Die Matratze seines Zellengenossen hat er liegen lassen.« Tim ging durch den Raum und bückte sich, um den fransigen Gebetsteppich in Augenschein zu nehmen, der aus zweilagigem Toilettenpapier selbst gefertigt worden war. »Dieses Ding hätte eigentlich auch ganz gut gebrannt.« Er hob den Blick und betrachtete die schwarze Samtfahne und die Postkarte der Sultan-Ahmet-Moschee, deren sechs Minarette in einen knallblauen Himmel ragten. »Und das auch.«

»Imaads Sachen hat er also nicht angerührt«, fasste Newlin zusammen. »Worauf genau wollen Sie hinaus?«

»Sieht aus, als hätte er einen ziemlich selektiven Wutanfall gehabt.«

Bear winkte Tim zu sich heran und zeigte ihm ein farbiges Zeitungsfoto, das neben dem Waschbecken an der Wand klebte. Es war die Atelieraufnahme einer Frau um die dreißig, die ihr Kinn in einer gekünstelten Pose mit der Faust abstützte. Vielleicht in der Fotoabteilung eines Kaufhauses gemacht. Leicht amüsierter Blick. Sie sah haarscharf am Fotografen vorbei, als könnte er ihre Aufmerksamkeit nicht fesseln. Vielleicht war sie verlegen, doch es sah eher so aus, als wäre sie in diesem Moment lieber woanders gewesen. Ohne den extrem schmalen Nasenrücken wäre sie eine richtige Schönheit gewesen, aber dieser Zug verlieh ihren ansonsten so regelmäßigen Gesichtszügen eine gewisse Schärfe, die Intelligenz und Entschlossenheit ausdrückte. Die Lavendelfarbe der retroachtziger Swatch, die lose an ihrem rechten Handgelenk baumelte, wiederholte sich in einem Muster in ihrer Bluse. Tim fiel ein, dass Dray eine ähnliche Bluse von Target besaß, und er stufte die Kleidung der Frau als modisch, aber tendenziell eher billig ein. Der leicht aus der Mode gekommene Haarschnitt – kurz und stark zerzaust – und das Make-up der Frau deuteten darauf hin, dass das Foto aus den späten neunziger Jahren stammte.

»Seine Freundin?«, erkundigte sich Bear.

»Schwester«, erklärte Newlin. »Sie hat sich vor ein paar Monaten umgebracht.«

Bear machte sich eine Notiz. »Hat ihn das schwer getroffen?«, wollte Tim wissen.

»Bei Walker wusste man das nie so recht. Ob er nun gut drauf war oder total fertig.«

»Standen sich die beiden sehr nahe?«

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.«

»Wenn ich mir die Liste der Besucher so ansehe, dann wohl nicht«, meinte Bear.

Tim kniete sich vor die Truhen, in denen die Häftlinge ihre Besitztümer verwahrten. Quietschend öffnete sich der Deckel und gab den Blick auf ein Durcheinander aus muslimischen Kopfbedeckungen, Hemden und Toilettenartikeln frei, unter die sich eine Sammlung von Postkarten mit Pilgermoscheen mischte. Im Gegensatz dazu war die andere Truhe geradezu akribisch aufgeräumt. Zahnpasta, die Tube säuberlich von unten aufgerollt. Hemden und Hosen, militärisch überkorrekt gefaltet. Unter einer Reihe Socken blitzten ein paar vergilbte Blätter hervor. Tim zog sie heraus und stellte fest, dass es sich um eine Sterbeanzeige und einen handgeschriebenen Brief handelte. Die abgerissene obere Kante der Zeitungsanzeige passte genau mit dem unteren Rand des Fotos an der Wand zusammen.

Tim überflog die kurze Zusammenfassung. Theresa Sue]ameson (38), geboren am 1. April 1966. Theresa, in Littlerock geboren und aufgewachsen, arbeitete als Bürochefin für die Westin Zahnklinik in Canyon Country. Ihre Freunde werden ihren unerschütterlichen Kampfgeist immer in Erinnerung behalten. Sie hinterlässt einen Sohn, Samuel (7). Gottesdienst in der St. Jude’s Church am 12. Juni um 18 Uhr.

Ganz unten auf der Seite war zu lesen: Littlerock Weekly, 11. Juni.

So konnte man ein Leben also in vier Zentimetern einspaltig zusammenfassen. Tim fiel ein, wie sein Vater die Nachrufe, die er ganz selten für alte Geschäftspartner in die Zeitung setzte, immer so formuliert hatte, dass er unter der Sechs-Zeilen-Grenze blieb.

Bear, der die Anzeige über Tims Schulter mitgelesen hatte, bemerkte: »Die Littlerock Weekly ist ja wirklich ein Tummelplatz für extravaganten Journalismus, will mir scheinen.«

Außerdem hatte diese Zeitung sicher keine ausreichend hohe Auflage, um von der Terminal Island Library automatisch abonniert zu werden. Er drehte das abgegriffene Stück Papier ein wenig und bemerkte, dass es in einer Ecke leicht eingekerbt war. Vielleicht hatte jemand den Artikel erst in ein Kuvert gesteckt und dann bei der Beschriftung des Umschlags zu kräftig aufgedrückt. Bear schlug sein Notizbuch auf, und Tim steckte den Zeitungsausschnitt zwischen die Seiten; später konnten sie ihn noch genauer untersuchen lassen.

Bear ließ den Blick noch eine Weile darauf ruhen, bevor er den Notizblock wieder zuklappte. »Zumindest wissen wir, dass er nicht ausgebrochen ist, um an ihrem Begräbnis teilzunehmen, so wie dieser Vollidiot, den wir bei der Beerdigung seiner Großmutter in Chino Hills wieder eingesammelt haben.«

Wie sich herausstellte, war der Brief, den Tim gefunden hatte, von Theresa. Er war schon vor ein paar Jahren geschrieben worden, wenige Monate nachdem Walker seine Haftstrafe in TI angetreten war. Eine weibliche Handschrift bedeckte die Seite in leicht abfallenden Zeilen. Auf dem billigen lavendelfarbenen Briefpapier, das aus einem Block herausgerissen war, war die Tinte bei den Aufstrichen am Wortanfang des öfteren verlaufen.

Walk,

ich gehe jetzt zu einem kostenlosen Beratungszentrum. Der Psychotherapeut ist jünger als ich, mal sehen, wie das funktioniert. Ich habe in der Therapie sehr viel an mir gearbeitet, für Sammy – Mist, fang ich schon wieder damit an. Für ihn und für mich, verdammt (ich kann das einfach nicht). Ich glaube, ich bin einfach nicht stark genug, dir irgendetwas auf dieser Welt abzuschlagen, Walk, aber ich werde mir jetzt eine Auszeit nehmen. Bitte, bitte, bitte, sei mir nicht böse deswegen. Ich weiß, dass du gerade erst reingekommen bist, und ich weiß, du hast sonst niemanden, aber bitte denk dran, es geht um mich. Ich liebe dich, und du bist und bleibst immer mein süßer kleiner Bruder. Wir haben ja auch schon so einiges zusammen durchgemacht, stimmt’s? Ich weiß, dass wir nicht viel Kontakt hatten, seitdem du in den Irak gegangen bist. Ich fand es immer so schade, dass du meinen Kleinen nie kennengelernt hast. Er ist hart im Nehmen, aber er hat ein gutes Herz. Irgendwie erinnert er mich an dich, als du noch jünger warst, bevor ich dich an die Marines verlor. Ich habe dieses Kreuz für dich gekauft, stellvertretend für mich sozusagen. Ich habe extra eins aus Titan genommen, das kannst also nicht mal du zerbrechen (das war ein Witz). Ich hob dich lieb!

Tess

Tim zeigte Newlin den Brief, der ihn durchlas, bevor er ihn an Bear weiterreichte. Nachdem der ihn genau studiert hatte, steckte er ihn ebenfalls in seinen Notizblock. »Warum sollte er den hierlassen? Ich meine, der ist doch offensichtlich sehr persönlicher Natur. Er hätte ihn zumindest in die Toilette werfen und runterspülen können.«

»Sieht ganz so aus, als wäre er Hals über Kopf geflohen«, meinte Tim. »Dass er den Ausbruch klug geplant war, bedeutet noch lange nicht, dass er nicht in Eile gehandelt hat.«

»Walker findet also beim Abendessen irgendetwas ganz Schreckliches über Señor Hahn raus, sticht ihn noch in derselben Nacht ab und weiß, dass er knietief in der Scheiße steckt, wenn er jetzt nicht schleunigst ausbricht?« Es war Bear anzuhören, dass ihm das noch nicht ausreichte, um daran wirklich eine Theorie festzumachen. Wie Tim hatte auch er angefangen, den Entflohenen beim Vornamen zu nennen. Ein gutes Zeichen – sie begannen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.

Schweigend standen sie in der engen Zelle. Es roch nach Metall, männlich und gnadenlos. Ein vertrauter Geruch. Tim schmeckte ihn zwischen den Backenzähnen, als würde er auf einem Stück Alufolie herumkauen. Er ging vor den beiden Cola-Bechern in die Hocke und ließ seinen Blick langsam und gründlich einmal durch die Zelle schweifen.

»Na, was gefunden, Sherlock?«, spöttelte einer der beiden Wachmänner an der Tür. »Was haben Mundwasser und Pisse mit seinem Ausbruch zu tun?«

»Nichts«, erwiderte Tim.

»Nichts?«, echote Newlin.

»Sie haben gar nichts zu bedeuten. Können sie gar nicht. Sie sollen uns nur ablenken. Er wollte unsere Aufmerksamkeit ablenken.«

»Wovon?«

Tim musterte die zwei Löcher in den Fenstern. »Von dem, was wir nicht sehen sollen.«

»Und was sollen wir nicht sehen?« Mittlerweile klang Newlin eine Spur entnervt.

»Das weiß ich noch nicht.«

Der Ausbrecher

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