Читать книгу Der Ausbrecher - Gregg Hurwitz - Страница 21
16.
ОглавлениеDean Kagan saß am Kopfende des grotesk langen Konferenztisches und dehnte die disziplinierte Stille noch ein paar quälende Sekunden aus, um sich die gespannte Aufmerksamkeit seiner Manager zu sichern. Schließlich befeuchtete er sich mit der Zungenspitze die Lippen. »Gestatten Sie mir, vorab kurz die Ausreden aufzulisten, damit wir die Jammerphase für heute Morgen gleich überspringen können. Die Kunden sind verärgert über die steigenden Preise. Amerikas Rentner sind auf dem Kriegspfad und haben eine starke Lobby in Washington. Kanada untergräbt unsere Importe und verdirbt die Preise. Das Vertriebsnetz ist auch nicht mehr, was es mal war. Achtundzwanzig Staaten, Tendenz steigend, haben das Gesetz zur Kontrolle der Arzneimittelpreise verabschiedet. Ich weiß.
Ich habe Sie aber nicht dafür angestellt, dass Sie mir ständig offensichtliche Tatsachen wiederkäuen, sondern dass Sie mir kreative Lösungen liefern. Ich möchte, dass Sie mir jetzt alle gut zuhören.« Sein Stuhl knarzte, als er sich vorbeugte und mit seinem Zeigefinger auf die Mahagonitischplatte hämmerte. »Eher seh ich mir die Radieschen von unten an, als dass ich erlaube, dass dieses Unternehmen wieder an Boden verliert. Ich verlange, dass Sie ein Wunder zustande bringen. Und ich will, dass dieses Wunder in unseren Schätzzahlen für das nächste Quartal sichtbar wird. Die Verkäufe werden gestiegen sein, bevor sich die Aktionäre im November treffen. Ich hab keine Lust, mir auch noch mein nächstes Golfwochenende in Wailea von diesen Typen verderben zu lassen.«
Zwanzig Gesichter starrten ihn an. Männliche und weibliche, schwarze und weiße, teigige und feingeschnittene, aber allesamt aufmerksam. Dean musterte sie scharf. Er fand sich selbst, die Herausforderungen des Marktes und die Spannung im Raum amüsant. Sein Haar mit dem perfekten Kurzhaarschnitt war zwar schon ergraut, aber trotz seines Alters noch sehr voll. Ein Vierhundertfünfzig-Dollar-Anzug vertuschte, dass sein athletischer Körper langsam etwas weichere Konturen annahm, ließ seine Schultern breiter erscheinen, verlieh ihm eine beeindruckendere Haltung und zeichnete seine Taille stärker nach. Dean Kagan hatte nie offen über sein Alter gesprochen, aber wenn man ein Durchschnittsalter aus den unterschiedlichen Angaben in der Presse errechnete, landete man bei dreiundsiebzig.
In der Luft lag ein Geruch von Leinsamenöl und Leder, wie in einem neuen Auto, obwohl seit dem Bau des Konferenzzimmers mittlerweile siebenundzwanzig Jahre vergangen waren, in denen man hier allwöchentlich um sechs Uhr dreißig Kriegsrat gehalten hatte. Die imposante Tischplatte, die die Unterlage für Ellbogen, Berichte und diverse Designerkaffeetassen abgab, war aus brasilianischem Mahagoni. Bevor der Staat mit strengen Importgesetzen gegen die Einfuhr solcher Edelhölzer vorging, hatte man diesen Tisch für ein hübsches Sümmchen erworben. Die Messingbeschläge an den Schränken waren auf Hochglanz poliert wie Stiefel in einem Rekrutenausbildungslager, und das Fenster, das die gesamte Nordwand einnahm und aus dem sechsundzwanzigsten Stock einen weiten Ausblick auf Westwood und die smogvernebelten Santa Monica Mountains bot, war blitzblank geputzt.
Die Tür aus massivem Eichenholz war so dick, dass sie kugelsicher war, ebenso wie die Tür, durch die man das Vorzimmer betrat. Das war nur eines der vielen Details, die sich das überteuerte Innenarchitekturbüro in Beverly Hills ausgedacht hatte. Nachdem man begonnen hatte, Stammzellenforschung auf drei Kontinenten zu sponsern, war die Zahl der Morddrohungen zwar gestiegen, aber bis jetzt hatte es noch nie einen Überfall auf dieses Gebäude gegeben, genauso wenig wie auf Kagans Privatgrundstück, wo die Fenster aus kugelsicherem Glas waren und Deans Sicherheitsberater – der rund um die Uhr im Gästehaus wohnte – immer in Schussweite blieb. Sein Schlafzimmer hatte einen begehbaren Kleiderschrank, der sich in einen Schutzraum umfunktionieren ließ, sollte es doch einmal ein Einbrecher oder ein Angreifer in sein Haus schaffen. Dean hatte in den letzten fünfzig Jahren eine Schneise in der internationalen Handelswelt hinterlassen, und er würde ganz bestimmt nicht draufgehen, weil irgendein schnaufender Kreuzritter mit nervösen Zuckungen meinte, dass einer seiner Primatenbrüder von der Firma Beacon-Kagan nicht nett behandelt worden war.
In den späten Siebzigern hatte das Unternehmen einen kometenhaften Aufstieg hingelegt, indem es junge Talente von den Universitäten und von der Konkurrenz abwarb und eine Palette von soliden, aber außergewöhnlichen Medikamenten auf den Markt brachte, die der Firma von Anfang an einen vernünftigen Profit einbrachten. Als man immer innovativer wurde und fähig war, auf die Bedürfnisse des Marktes zu reagieren, fuhr man auch höhere Dividenden ein. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich Beacon-Kagan einen Platz neben Merck, Bristol-Myers, Squibb, Pfizer und anderen, bekannteren Konkurrenten erobert. In den letzten Jahrzehnten hatte Dean die Firma – und das Gesellschaftskapital – mit unermüdlicher Energie und Zielstrebigkeit nach oben geführt. Beacon war zu dieser Zeit schon lange von der Bildfläche verschwunden – bei einem Geschäftsessen war er im Alter von neunundfünfzig Jahren mit einer geplatzten Aorta über seinem Kartoffelgratin zusammengesackt. Heute war Beacon-Kagan nicht mehr nur ein ernstzunehmender Player in der Pharmaindustrie, sondern ein echter Wegbereiter.
Dean drückte auf den Knopf einer im Tisch eingebauten Sprechanlage. Die Tür öffnete sich, und eine nervöse Assistentin stand auf der Schwelle und knetete unruhig die Hände vor ihrem geschmackvollen pechschwarzen Rock.
»Mein Kaffee«, sagte Dean.
Die Assistentin gab die Anforderung an einen unsichtbaren Dritten hinter sich weiter, und im nächsten Moment erschien eine Mokkatasse mit Goldrand im Türspalt. Das Mädchen brachte Dean die Tasse und trat einen Schritt zurück, jederzeit bereit zu reagieren, falls er geruhen sollte, noch einmal Blickkontakt zu ihr aufzunehmen.
Sein Lederstuhl bog sich unter seinem Gewicht. »So«, sagte er genießerisch, wie ein sadistischer Footballtrainer, der eine besonders zermürbende Trainingseinheit ankündigt, »dann wollen wir mal.«
Die stellvertretende Abteilungsleiterin der Vertriebs- und Marketingabteilung blätterte kurz in ihrem Notizbuch vor und zurück, dann nahm sie ihre hochmodische Brille ab und legte sie auf den Tisch. Jane Bernard war eine zähe, knallharte Frau mit hübschen Gesichtszügen und panzerartig frisiertem grauem Haar. »Wollen wir mit Midachol anfangen?«
Dean nickte kurz.
Die Firma hatte den Unmengen von Produkten, die bereits in den Apotheken verkauft wurden, ihr eigenes cholesterinsenkendes Medikament hinzugefügt und hatte es tatsächlich geschafft, sich einen Marktanteil von elf Prozent zu erkämpfen, was einen Umsatz von anderthalb Milliarden Dollar pro Jahr bedeutete. Bevor die Arzneimittelbehörde die Zulassung für ein neues Medikament erteilte, verlangte sie lediglich, dass das Präparat sich im Test als wirksamer erweisen musste als ein Placebo – jedoch nicht wirksamer als die Konkurrenzprodukte. In den Testreihen, die Beacon-Kagan durchgeführt hatte, schlug Midachol die Zuckerpillen in neun von zehn Fällen.
Der junge Mann, der Jane gegenübersaß, blickte von seinem BlackBerry auf und zwinkerte ihr zu. Aufgrund einer Art quasi-arrangierter Eheanbahnung hatte er sich mit ihrer Tochter verlobt, die gerade im Osten eine Ausbildung zur Klinischen Sozialarbeiterin absolvierte.
Jetzt wandte sich Chase Kagan wieder seinen Mails zu, wobei er sein schnurloses Gerät in beiden Händen hielt wie einen GameBoy. Sein dunkelblaues Jackett hatte er an die Rückenlehne seines Stuhls gehängt, so dass sein knallbunt kariertes Hemd voll zur Geltung kam. Ein von kunstvoll geknittertem Leinen bedecktes Bein hatte er gegen die Tischkante gestützt. Unter seinen kleinen, blassen Augen hingen schlaffe Tränensäcke, seine Wimpern waren so hell, dass sie fast unsichtbar wurden, wenn das Sonnenlicht nicht direkt darauf fiel. Er trug ein gewisses Desinteresse zur Schau – keine Apathie, sondern einfach Langeweile, als wüsste er schon alle Antworten, bevor überhaupt die Fragen gestellt worden waren. Für einen Achtundzwanzigjährigen, der gerade erst seinen MBA gemacht hatte, war die Attitüde erstaunlich, aber sicherlich hart erarbeitet.
Jane bedachte ihren zukünftigen Schwiegersohn mit einem knappen Lächeln, verschränkte die Arme und sagte: »Im Juni und Juni haben wir weder Gewinne noch Verluste gemacht ...«
»Dann müssen wir eben den Ausschuss unterwandern«, verlangte Dean, »damit sie die Parameter für Bluthochdruck ändern. Wir haben sie schließlich schon von hundertvierzig zu neunzig auf hundertzwanzig zu achtzig runterbekommen, wir müssen einfach probieren, ob sich da nicht noch was drehen lässt. Damit öffnet sich dieser Markt für alle. Zwei von den Ausschussmitgliedern sind Berater bei uns – ich bin sicher, dass die anderen Herren Doktoren sich ihren Lebensstil von irgendjemand anders sponsern lassen. Sandeep, sondieren Sie das mal da draußen. Vorerst können wir uns mit der Konkurrenz friedlich arrangieren, später tragen wir dann die Kämpfe um die Marktanteile aus. Was haben wir sonst noch?«
»Wir brauchen eine aggressivere Werbekampagne«, erklärte Jane. »Wir müssen die Konkurrenz frontal angreifen.«
»Wer hält Sie zurück?«, erkundigte sich Dean. »Folgendes: Holen Sie sich den absoluten Top-Werber. Dann führen wir eine rasche Versuchsreihe mit Midachol und Lipitor durch – zwanzig Milligramm von unserem Medikament gegen zehn Milligramm von deren. Muss ja keiner wissen, wie wir dosiert haben ...«
»Und was noch besser ist ...« Alle Köpfe fuhren herum zu Diane Little, Leiterin der Rechtsabteilung. »... die Richtlinien geben nicht vor, wie wir die Tests durchführen. Der Lipitor-Testgruppe könnten wir das Medikament anders verabreichen, als vom Hersteller angegeben – zum Beispiel äußerlich statt oral.«
Dean ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. »Was noch?
Ich will hören, dass hier was gearbeitet wird und die Hamster schön in ihren Laufrädern rennen. Verdienen Sie sich Ihre Aktienoptionen gefälligst!«
Jenner von der Forschungsabteilung räusperte sich. »Wenn wir unsere Produkte vermarkten, indem wir die der Konkurrenz hinterfragen, wie wär’s denn dann mit einem undurchsichtigen Sicherheitstest? Wir könnten zum Beispiel betonen, dass Midachol die Entstehung von Hodenkrebs nicht begünstigt. Da die anderen Hersteller solche Tests nicht durchgeführt haben, können wir uns in unserer Werbung durch ein bewiesenes ›sicherer als‹ von der Konkurrenz abheben.«
»Uns haben allerdings Beschwerden von der Arzneimittelbehörde erreicht, weil wir die Nebenwirkungen in unseren momentanen Werbekampagnen nicht vollständig aufzählen. Darum müssten wir uns erst einmal kümmern«, wandte Little ein. »Bei einem dreißigsekündigen Spot haben wir fünf Sekunden für die Nebenwirkungen reserviert, wir bräuchten aber mindestens zehn.«
»Nichts da«, schnitt ihr Dean das Wort ab. »Ich zahl hier keine zweihundertfünfzig Mille für die beste Sendezeit, um dann eine Stimme über den Äther zu schicken, die sich über Brennen beim Wasserlassen und Blähungen auslässt. Verweisen Sie die Zuschauer auf eine Webseite.«
»Die Arzneimittelbehörde wird nicht so schnell lockerlassen, Mr. Kagan.«
»Die Arzneimittelbehörde lässt seit zwanzig Jahren nicht locker. Was kümmern uns die Geldstrafen? Die Höhen der Bußgelder handeln wir doch sowieso jedes Jahr mit den Ausschüssen neu aus. Wissen Sie, wie viele Leute die Behörde beschäftigt, um die Werbung auf Genauigkeit und Ausgewogenheit zu überprüfen, Mrs. Little? Dreißig. Dreißig Angestellte für vierunddreißigtausend Anzeigen pro Jahr. Sie sind langsam.
Bis die uns eine Mahnung geschickt haben, ist die Werbekampagne schon längst ausgestrahlt worden.«
»Und wenn sie uns drankriegen?«
»Unsere Gewinne erlauben uns, ein paar Cent dafür zu zahlen. Es ist mir lieber, wenn wir in einem Fachjournal auf Seite siebenundzwanzig tadelnd erwähnt werden, als dass unsere Produkte im Fernsehen mit explosiven Durchfallattacken in Verbindung gebracht werden. Nächstes Thema.«
»Wir finden, Sie sollten zumindest einmal darüber nachdenken, ob ...«
»Nächstes Thema. Wie sieht es im Bereich der ambulant behandelten depressiven Krankheiten aus?«
»Großartig«, verkündete Patrick White, Abteilungsleiter Produktmanagement. »Wir haben zwei Prozent auf Prozac aufgeholt und fast ebenso viel auf Zoloft. Aber nächstes Jahr läuft unser Patent für Pastol aus, wir brauchen also irgendeine Strategie, um die Verlängerung ...«
»Dann ändern Sie die Verabreichung von täglich auf wöchentlich. Oder verändern ein Molekülchen, lassen unsere Agentur einen neuen Namen und eine neue trendige Farbe aussuchen, und dann drücken Sie das als neues Patent durch. Wie wär’s denn damit, das Ganze als Zäpfchen zu verabreichen? Wie Sie’s anstellen, soll mir egal sein. Wir brauchen wieder ein Patent für zwanzig Jahre. Dann vermarkten wir das Medikament als weiterentwickelte Version, holen die Konsumenten zu unserem Produkt und lassen das alte auslaufen.«
»Wir müssen aber auch noch was unternehmen, damit sich die Konkurrenz das alte Modell nicht unter den Nagel reißen kann«, warf Chase ein, ohne den Blick vom LED-Bildschirm seines BlackBerry zu nehmen. »Ein paar Presseveröffentlichungen über diese oder jene Nebenwirkung.«
»Na bitte, geht doch. Und ich dachte schon, ich muss Ihnen allen Nachhilfestunden geben lassen.« Dean glühte vor Stolz. »Danke, Chase. Ich kann Ihnen allen nur eines ans Herz legen: In diesem Geschäft muss man extrem kreativ sein. Sie brauchen gar nicht erst hier aufzutauchen, wenn ich Sie an so etwas erinnern muss.«
»Wenn wir jetzt damit anfangen«, mischte sich White wieder ein, »kommen wir genau richtig für den großen Schub zu den Feiertagen. In unseren Anzeigen können wir voll auf die Weihnachtsdepression setzen ...«
»Und die generalisierte Angststörung können wir sicher noch ein bisschen mehr generalisieren«, schlug Jane vergnügt vor.
»... und die Ärzte unter Druck setzen, damit sie den Leuten gegen ihre Verstimmungen etwas verschreiben. Wir versenden ein Riesenmailing mit Warenmustern im November, damit die Patienten schon mal angefixt werden, und dann schicken wir jedem Arzt noch einen Weihnachtsbaum hinterher.«
»Idiot.« Um Deans Lippen spielte ein gutmütiges Lächeln. »Das sind Ärzte. Denen musst du siebenarmige Leuchter schicken.« Er wartete nicht, bis das vereinzelte Gelächter sich wieder gelegt hatte. »Ich will an die Leute rankommen, die das Zeug verschreiben. Pastol – in seinem neuen Gewand – muss der große neue Knüller gegen Depressionen werden, und das müssen wir mit unseren Forschungsdaten belegen.«
Jetzt war Dean Kagan voll in seinem Element. Während sich die Besten und Cleversten der Branche über Placebos und die Auswahl der optimalen Testkandidaten ereiferten, lehnte er sich unmerklich zurück und hörte nicht mehr zu. Endlich hatte sich das Meeting so entwickelt, wie er wollte – es gewann Eigendynamik.
»Wie geht’s Boneral?«, hörte er mit halbem Ohr. Eine neue Welle von Gelächter, obwohl dieser Scherz schon lange ausgelutscht war.
»Tja«, begann Jane, »unsere Kampagne hat nicht so richtig gezogen. Sie erinnern sich sicher – wir hatten die großen Werbebanner beim nationalen Stockcarrennen mit Aufschriften wie ›Viterol – Viagra für Erwachsene‹ oder ›Viagra auf Steroid‹ –, aber es hat nicht gegriffen. Wir brauchen ein Gesicht für dieses Produkt.«
»Wie wär’s mit einem Baseballstar? Alex Rodriguez?«
»Zu teuer, völlig überschätzt, und in der Nachsaison schlafft er ab«, widersprach Dean. »Ich will einen Extremsportler. Wie wär’s mit diesem Extremkletterer, der sich vor ein paar Jahren den Arm abgesägt hat? Ich glaube mal nicht, dass der mit Angeboten überschüttet wird. Außerdem wäre es schön, wenn jemand den Produktnamen nebenbei einfließen lassen könnte. Was würde es kosten, wenn Sean Connery ihn in einem Interview mit Matt Lauer fallenlassen würde? Geben Sie mir doch mal ein paar konkrete Zahlen.«
Der Vertriebsleiter mischte sich ein. »Mal ganz ehrlich, unser größtes Problem ist, dass Pfizer uns unterbietet.«
»Wir können aber nicht noch weiter mit den Preisen runtergehen«, meldete sich Bernie von der Buchhaltung zu Wort. »Unsere Gewinnspanne ist sowieso schon verdammt knapp kalkuliert.«
»Dann machen wir es für den Großhandel eben teurer, verkaufen es aber billiger an die Ärzte«, schlug Chase vor.
»Das sind doch nur Notlösungen«, erwiderte Dean wegwerfend.
Eine Weile überlegten alle.
»Wenn wir die Gewinne wirklich steigern wollen«, begann White, »dann müssen wir den Anwendungsbereich erweitern und die Ärzte davon überzeugen, das Zeug auch in zulassungsüberschreitenden Fällen zu verschreiben.«
Jeder hatte einen anderen Vorschlag.
Dean klinkte sich aus. Seitenhiebe auf Viagra. Was für Versager, unglaublich.
Achtzehn Stifte kritzelten auf achtzehn Coach- und Gucci-Notizblöcken im Wert von sechstausendfünfhundert Dollar herum.
Little erneut: »Ach bitte, mit Viterol haben wir langsam wirklich alles durchexerziert, von der Form der Tablette bis zur Dragierung ...«
»Können wir eigentlich einen Geschmack patentieren lassen?«
»Schlechten Geschmack bestimmt. Beverly Hills könnte es sonst doch gar nicht geben, oder?«
Während die anderen noch lachten, mischte sich Dean wieder in die Diskussion. »Hört mal gut zu.« Er warf seinen Habichtsblick in die Runde. »Die Prüfer der Arzneimittelbehörde bekommen einen Bonus, der sich danach richtet, wie viel Anträge sie bearbeiten. Einen Patentantrag anzunehmen, macht viel weniger Arbeit als ihn abzulehnen. Sonst kommt er nächstes Jahr automatisch zurück und lässt den Papierstapel wieder anwachsen.«
Jane beobachtete, wie Chase lautlos Deans letzten Satz mitsprach.
»Was haben wir noch?«, fragte Dean.
»Vector«, erklärte Chase.
Dean atmete tief ein und richtete sich kerzengerade auf seinem Stuhl auf. Zum ersten Mal wurde sein Gesichtsausdruck ein wenig fröhlicher.
In der Biogenetik lag die Zukunft der großen Pharmakonzerne, das hatte Dean in seinen alten Knochen gespürt. Als Begründer eines Pharmaunternehmens, das jedes Jahr vierzig Milliarden Dollar umsetzte, war er nicht auf den Kopf gefallen. Er hatte lange vorher schon geahnt, dass neue Technologien notwendig waren, um die austrocknenden Pipelines der konventionellen Produkte wieder zu füllen. Die großen Pharmakonzerne hatten sich in den letzten zwanzig Jahren gegenseitig mit ihren Me-too-Produkten zu übertrumpfen versucht und warfen jedes Mal blassere Imitationen bereits bestehender und gut verkäuflicher Präparate auf den Markt. Diese Medikamente waren meistens solche, mit denen man verbreitete, chronische Leiden behandelte – Arthritis, Depressionen, Bluthochdruck. Antibiotika waren nicht wirkliche Verkaufsschlager, da Infektionen nicht lang genug andauern, um stetige Verkäufe zu sichern. Patienten mit seltenen Krankheiten bildeten einen zu begrenzten Markt, darum waren ihre Leiden nur von geringem finanziellem Interesse. Medikamente gegen tödliche Krankheiten waren auch nicht allzu vielversprechend, denn die Verbraucher blieben nicht lang genug am Leben, um wirklich Umsatz zu machen. Deshalb hatte sich die Pharmawelt darauf konzentriert, die einfachsten Märkte zu bedienen, und an der Entwicklung neuer Produkte wurde kaum noch geforscht. Nicht so Beacon-Kagan. Hier hatte man von vornherein eine aggressive Biogenetik-Strategie durchgezogen. Dean hatte Vector mit achtzig Millionen Dollar unterstützt und die Konkurrenz damit meilenweit abgehängt. Diese Summe schlug jeden Rekord, und seit der Firmengründung hatte er noch zig weitere Millionen in das aufstrebende Biotechnologie-Unternehmen gesteckt.
Die anderen blickten weiterhin gespannt auf Dean. Der erteilte jetzt seinem Sohn das Wort, den er gleich zu Anfang als Geschäftsführer bei Vector untergebracht hatte.
Chase dankte ihm mit einem Nicken und war glücklich, einen Moment das Kommando übernehmen zu dürfen. »Was wollen Sie zuerst hören – die gute oder die schlechte Nachricht?« Höfliches Gelächter. »Da bei Xedral vorsichtige Dosierung oder Tests zu den Auswirkungen auf den Stoffwechsel nicht erforderlich sind und da obendrein täglich Kinder an AAT-Mangel sterben, hat die Arzneimittelbehörde unseren Antrag auf eine kombinierte Phase eins und zwei genehmigt. Eine dreimonatige randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, die nächste Woche wie geplant anlaufen wird. Wenn die Xedral-Injektion Wirkungen zeigt und die Kiddies dabei nicht spontan in Flammen aufgehen ...« Wiederum das höfliche Gelächter, das ansonsten für Deans Witze reserviert war. »... dann können wir noch vor Ablauf des Jahres richtig loslegen.«
»Gab’s irgendwelche Schwierigkeiten beim Finden geeigneter Probanden?«, erkundigte sich Jenner.
»Die Bewerber haben uns quasi die Tür eingerannt.«
Beeindrucktes Nicken und anerkennende Worte am ganzen Tisch. Mangel an menschlichen Testobjekten war der häufigste Grund dafür, dass sich die Markteinführung eines neuen Produkts verzögerte.
»Die Familien sind verzweifelt«, fuhr Chase fort. »Ihre Kinder stehen auf der endlos langen Warteliste für eine Spenderleber und siechen langsam dahin. Da müssen wir keine Prämien an irgendwelche Ärzte zahlen – diese Eltern wollen einfach nur, dass wir ihnen helfen.«
»Geben Sie uns doch noch mal ein paar Zahlen«, bat Bernie.
»Es scheint in den Staaten ungefähr hunderttausend Leute mit AAT-Mangel zu geben und eine ebenso hohe Anzahl in Europa. Wenn wir noch andere zahlungskräftige Nationen mit einrechnen – Australien, Japan, was weiß ich –, kommen wir mindestens auf dreihunderttausend Patienten. Aber. Die Schätzungen zeigen, dass bei weniger als zehn Prozent der Erkrankten die richtige Diagnose gestellt wurde, obwohl man dafür nur einen schlichten Bluttest braucht. Deshalb könnten wir darauf hinarbeiten, dass hier im Interesse der öffentlichen Gesundheit verstärkt getestet wird. Auf diese Art können die Ärzte die Erkrankung früh erkennen, Leben retten und die Zahl unserer Verbraucher erhöhen. Wir entwickeln gerade ein Fortbildungsprogramm für Kinderärzte, Hepatologen, Pneumologen und Genetiker. Wir brauchen nur noch ein paar junge, attraktive Seminarleiterinnen ...«
»Frisches Blut«, warf Dean ein. »Rothaarige, die sehen intelligenter aus. Geht in die Unis und pickt euch dort die Richtigen raus.«
»... die an den Ärzten dranbleiben, ihnen Xedral näherbringen, die vielleicht sogar bei Sprechstunden dabei sein können. Für ihre Bemühungen entschädigen wir die Ärzte mit dreihundert Dollar am Tag. Wenn wir von vorsichtig geschätzten Zahlen ausgehen – dreihunderttausend Patienten mit der richtigen Diagnose –, dann sichern uns die jährlichen Behandlungskosten von zwanzigtausend Dollar pro Person einen Umsatz von sechs Milliarden Dollar im ersten Jahr.«
»Sind die Behandlungskosten nicht ein bisschen zu hoch angesetzt?«, hakte Bernie nach.
»Doch. Allerdings sind sie das.« Chase zog die Pause extra ein bisschen in die Länge, ein Trick, den er von seinem Vater gelernt hatte, wie Dean befriedigt feststellte. »Für reiche Leute natürlich nicht. Ist Ihnen das Leben Ihres Kindes zwanzigtausend Dollar im Jahr wert? Selbstverständlich. Für Patienten der Mittel- und Unterklasse wird es freilich schon schwieriger. Vector hat jedoch eine beträchtliche Summe Geld in eine Studie zur Behandlung von AAT-Mangel im öffentlichen Gesundheitssystem gesteckt, deren Ergebnisse wir eine Woche nach dem Börsengang präsentieren werden. Unser Argument ist ganz simpel: Diese Behandlung rettet dem Erkrankten das Leben, und es darf nicht sein, dass jemand aus Kostengründen von dieser Behandlung ausgeschlossen bleibt. Um es ganz offen auszusprechen, es wäre unethisch, wie ein Genozid nach Klassenkriterien. Wir werden mit dieser überzeugenden Studie aggressivste Lobbyarbeit in Washington betreiben. Man hat uns unter der Hand sogar schon versprochen, dass Medicaid, die Krankenversicherung für die sozial schwache Bevölkerungsschicht, unser Produkt anerkennen und die Hälfte der Behandlungskosten übernehmen wird, wenn wir so richtig Druck machen.«
Hörbares Keuchen am Tisch.
»Außerdem haben wir die Interessengemeinschaften von AAT-Mangel-Patienten in den letzten Jahren massiv gesponsert, damit wir sicher sind, dass sie sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen können. Davon profitieren wir ja auch. In den nächsten Monaten fliegen wir mit ein paar Teams in ärmere Länder. Damit auch die republikanische Wählerschaft feuchte Augen bekommt. Für eine Million Dollar erhalten wir auf diese Weise eine Publicity, für die wir sonst hundert Millionen investieren müssten. In der Zwischenzeit bleiben wir an den regionalen und landesweiten Netzwerken dran und vermarkten Xedral durch gezielte Werbekampagnen. Umfragen haben ergeben, dass der Bericht auf KCOM im letzten Monat beim Verbraucher sehr gut angekommen ist.«
»Die Geschichte mit dem Jungen?«, fragte Jenner. »Das war echt klasse. Richtig rührend.«
»Und unser neues Maskottchen haben wir auch schon gefunden.« Chase hielt den Layout-Entwurf einer Werbebroschüre hoch. Das Bild des kleinen Jungen war durch ein Mädchen mit Rehaugen, rotblonden Rattenschwänzen und einem schiefen Grinsen ersetzt worden. Ihr Kinn zierte ein kunstvoll plazierter Schokoladenfleck. »Süßer geht’s kaum, und teuer war sie auch nicht.«
Dean drückte auf einen Knopf am Tisch, die Tür ging klickend auf, und die Assistentin trat wieder ein. »Holen Sie uns Dolan aus seinem Elfenbeinturm.«
»Bin schon hier, Sir.« Die Tür schwang noch um fünfzehn Grad weiter auf, und Dolan trat in den Konferenzraum. Zwischen Tasche und Saum war sein Laborkittel mit Flecken von Coomassie-Brillant-Blau übersät.
»Schön, dass du dich extra für uns in Schale geschmissen hast.« Vereinzeltes Gelächter, dann fügte Dean mit gespieltem Stolz hinzu: »Unser zerstreuter Professor.«
»Ich bin ein bisschen spät dran, tut mir leid.«
»Du bist nicht spät dran. Du warst für sieben Uhr dreißig bestellt, jetzt ist es sieben Uhr zehn. Aber setz dich doch. Wir freuen uns immer über ein Gespräch mit Vector.«
Alle weichen Ledersessel am Tisch waren belegt. Dolan zog einen Stuhl heran, der eigentlich zu dem Telefontischchen in der Ecke gehörte, und Jenner und Bernie rückten pro forma mit ihren Stühlen beiseite, als wollten sie Platz für Dolan schaffen, obwohl in Wirklichkeit gar kein Platz am Tisch mehr frei war.
Dolan verschränkte die Hände über dem Knie und starrte über die blitzblanke Mahagoniplatte.
»Ich habe eine gute Nachricht«, verkündete Dean. »Unsere kaufmännischen und juristischen Führungskräfte haben zu guter Letzt eine faire und für beide Seiten günstige Einigung erzielt. Beacon-Kagan zahlt Vector eine Lizenzgebühr – eine beträchtliche Lizenzgebühr –, um sich damit die weltweiten Exklusivrechte für die Xedral-Herstellung zu sichern. Dein erster Deal über eine achtstellige Summe. Nächstes Jahr um diese Zeit sogar schon neunstellig. Wie gefällt dir das?«
»Super.« Dolan rang sich ein Lächeln ab. »Wie sehen die Bedingungen aus?«
Chase steckte seinen BlackBerry wieder in die Tasche und trommelte mit den Fingerspitzen auf das sieben Zentimeter dicke Dokument, das vor ihm auf dem Tisch lag. »Die Hälfte davon sind Standardklauseln, juristisches Beiwerk, auf dem die Anwälte beider Seiten bestehen.«
»Vector hat offensichtlich nicht die Infrastruktur, um selbst große Gewinne zu machen«, fügte Dean hinzu. »Für die Umsätze werden also wir zuständig sein. Das ist ein richtig guter Vertrag, zu dem man deiner Firma nur gratulieren kann.«
»Der aber erst nach unserem Börsengang in Kraft treten wird«, fuhr Chase fort. »Und damit wären wir auch schon bei unserer größten Neuigkeit. Wir haben die Genehmigung. Ab nächsten Mittwoch ist Vector an der Börse.«
Glückwünsche von allen Seiten. Jetzt lächelte Dean ganz aufrichtig.
»Vector wird vermehrt Laborführungen für Patienten und wichtige Investoren durchführen, bis die Zeichnungsphase losgeht.« Er suchte Dolans Blick. »Sei nett zu deinen Gästen. Und zieh dir was Feines an. Aber vergiss bitte nicht, dich bedeckt zu halten, bis die Aktien fünfundzwanzig Tage lang gehandelt worden sind. Keine Vorabinfos, keine inoffiziellen Kommentare, keine Pressetexte.« Chase sah Jane an und verdrehte die Augen – als hätte jemand wie Dolan einen heißen Draht zu CNBC. »Den Monat danach kannst du von mir aus reden, aber bitte halt den Ball da auch noch flach. Wir feiern heute Abend.« Er legte den Kopf schräg und sein Lächeln erstarb. »Du sprudelst aber nicht gerade über vor Begeisterung.«
Achtzehn Augenpaare wanderten zu Dolan. »Ich glaube, dass wir noch eine Chance hätten, Lentidra weiterzuentwickeln, um das Transgen dauerhaft einfügen zu können.«
»Chase sagt aber, dass die Zahlen ...«
»Er ist kein Wissenschaftler, Sir«, fiel ihm Dolan ins Wort.
Chase, der bisher ein bisschen schlaff auf seinem Stuhl gesessen hatte, richtete sich plötzlich kerzengerade auf. Jane hustete in eine Faust aus wohlmanikürten Fingern. Die anderen Führungskräfte mussten plötzlich eifrig an ihren Papieren und PalmPilots herumfummeln.
Dean bedachte Dolan mit einem finsteren Blick. »Es gibt Zahlen und Zahlen.«
Chases blasses Gesicht hatte auf einmal Farbe bekommen. »Während du damit beschäftigt bist, Krankheiten auszurotten, bauen wir eine effektive Infrastruktur um dich und andere Forscher auf, um deine Theragene den Patienten zugänglich zu machen.«
»Transgene heißt das«, verbesserte Dolan.
»Nicht mehr. Leg bitte auch mal Respekt für die Arbeit an den Tag, die wir hier leisten. Ohne uns wärst du nämlich auch nur ein Typ mit einer Idee und einem Universitätsgehalt.«
Dean sah, wie Dolan sich auf seinem Stuhl wand. Sein Geburtsrecht und seine Pflichten als ältester Kagan-Sohn hätten eigentlich verlangt, dass er eines Tages das Ruder des riesigen Familienunternehmens übernähme. Doch er zog die Wissenschaft dem Geschäft vor. Als Dolan kurz vor seiner Promotion stand und Aussicht auf ein Forschungsstipendium hatte, unterbreitete er seinem Vater – als Ausgleich quasi – seine Arbeit über Gentherapie in Form eines amateurhaften Businessplans. Nachdem sich Dean mit einem grauhaarigen alten Freund, dem Leiter des Büros für Technologie- und Handelslizenzen an der UCLA, beraten hatte, übernahm er die Firma Vector Biogenics wie schon so viele andere. Er legte das Geld auf den Tisch und erwartete, dass ihm das Haus hiermit mit Mann und Maus gehörte.
Dean hatte zwei Söhne großgezogen. Einer kam nach ihm, der andere musste erst noch geformt werden. Aber im Grunde war es doch Letzterer gewesen, der ihm den Hauptgewinn zu Füßen legte.
Beschwichtigend hob Dolan die Hände. »Wahrscheinlich bin ich einfach nur enttäuscht von mir selbst. Weil Lentidra versagt hat. Und damit auch Vector.«
»Dolan, du hast erstklassige Arbeit geleistet«, sagte Dean, »und das in bemerkenswert kurzer Zeit.«
»Da draußen wartet ein Markt, der bedient werden will. Und sterbende Kinder«, fügte Chase hinzu. »Außerdem stehen wir ganz kurz vor dem Börsengang. Auf die Art kannst du mit Vector zehnmal mehr erreichen, als es deine derzeitigen Mittel erlauben würden.«
»Wir haben noch andere Themen zu besprechen.« Deans feierliche Stimmung war wieder verflogen. Mit einer blassen, weichen Hand gab er seinem Jüngeren ein Zeichen. »Chase?« Das war das Stichwort für Dolans Abgang.
Mit einem kurzen Nicken zog sich Dolan zurück. Dean wartete ungeduldig, bis sich die Tür hinter seinem Sohn geschlossen hatte.
Es war noch früh, und sie hatten jede Menge Arbeit vor sich.