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Der Erste Weltkrieg, kreditfinanziert
ОглавлениеKeiner der Kriegsteilnehmer war auf den Krieg, der im August 1914 ausbrach, wirklich vorbereitet. Man hatte die Einschätzung, dass der auf der Offensive gründende Bewegungskrieg innerhalb weniger Monate, vielleicht auch schon innerhalb einiger Wochen zu Ende wäre. Die Kombattanten, die auf einen kurzen Krieg eingestellt waren, sahen sich in einen langen, erschöpfenden und verlustreichen Abnutzungskrieg verwickelt. Nach einigen Monaten wurde die Hoffnung, der Krieg würde ausreichend kurz, um ihn einfach durch Steuererhöhungen oder Ausschöpfung der nationalen Goldreserven finanzieren zu können, auf den Schlachtfeldern an der Marne, in Flandern, bei Tannenberg und an den Masurischen Seen ein für alle Mal davongefegt. Die Möglichkeit, Geld zu leihen und zu verleihen, erhielt schnell entscheidende Bedeutung.
Die Kosten des Ersten Weltkrieges waren ohne Beispiel, wie die New Yorker Mechanics and Metals National Bank 1916 in War Loans and War Finance deutlich machte: »Für jeden zusätzlichen Kriegsmonat belaufen sich die finanziellen Kosten auf 3000 Millionen Dollar. Das bedeutet, dass jeden Monat mehr Geld ausgegeben wird als für den gesamten Russisch-Japanischen Krieg, der achtzehn Monate dauerte. Und der Burenkrieg vor fünfzehn Jahren entspricht je zwölf Tagen des aktuellen Konflikts. Es ist der Deutsch-Französische Krieg in Dauerschleife …«6
Die ökonomischen und systemischen Zwänge, die ein Konflikt dieses Ausmaßes schon in seinen Anfängen hervorrief, zerstörten die Strukturen, die zu seiner Finanzierung beitragen sollten. Das Weltfinanzsystem, das auf freiem Kapitalverkehr und der goldbasierten Konvertibilität der Währungen beruhte, war von den ersten Tagen des Krieges an gelähmt, weil alle großen Börsen schlossen.
Vor dem Krieg hatte man gedacht, das Finanzwesen würde die Risiken eines zukünftigen Konflikts begrenzen, statt seinen plötzlichen Ausbruch zu erleichtern. In seinem wegweisenden Buch The Great Illusion von 1909–1910 legte Norman Angell überzeugend dar, dass die Verschränkungen des internationalen Finanzwesens in der modernen Welt den Krieg finanziell zu riskant hatten werden lassen, als dass sich eine der Mächte auf das Wagnis einlassen würde. Angells Voraussage zum Trotz ging man dieses Risiko offensichtlich doch ein und musste dann den erdrückenden finanziellen Erfordernissen des Krieges nachkommen. Die Fähigkeit, darauf eine Antwort zu finden, entscheidet über Sieg und Niederlage, schrieben 1916 Thomas Farrow und W. Walter Crotch, Präsident beziehungsweise Verwaltungsratsmitglied der Farrow Bank, in How to Win the War: »Der gewisse, endgültige und vollständige Sieg wird dem Lager zufallen, das am längsten aushält; anders gesagt dem Lager oder der Macht, die die größten finanziellen Ressourcen verbuchen kann und sie mit der tödlichsten Effizienz einzusetzen weiß.«7
Es handelte sich hier um einen Krieg, in dem die traditionellen Machtquellen – die Bevölkerung, das Territorium, der Nationalreichtum, das Kolonialreich – nicht dieselbe Wichtigkeit hatten wie die Fähigkeit, sich finanzielle Mittel zu erschließen, sei es aus der Wirtschaft oder durch internationale Bündnisse. Es handelte sich um einen Krieg, der fast ausschließlich über Kredit finanziert war: über kurzfristige Schatzanweisungen, von der öffentlichen Hand ausgegebene und auf dem nationalen Markt gekaufte Kriegsanleihen oder im Ausland geliehene Gelder. Unter den Hauptkriegsparteien verfügte einzig Großbritannien über ein effizientes Einkommenssteuersystem, und doch konnte es mit direkten Steuern, indirekten Abgaben und Zöllen zusammen nur ungefähr 20 Prozent seiner Kriegsausgaben abdecken; als sich der Krieg in die Länge zog, scheute man davor zurück, neue Steuern einzuführen, die zum »Blutzoll«, der auf den Schlachtfeldern entrichtet wurde, noch hinzugekommen wären. Der Hauptteil der Kosten, die der Krieg verursachte, schien auf kurzfristige Darlehen abgewälzt werden zu können, die nach Ende der Kampfhandlungen hauptsächlich aus Entschädigungen und Reparationen zurückgezahlt würden, die man den besiegten Mächten abverlangen wollte, wie es im letzten großen europäischen Konflikt, dem Deutsch-Französischen Krieg, der Fall gewesen war.
»Es gilt, dem ganzen Volke klarzumachen, daß dieser Krieg mehr als irgendeiner zuvor nicht nur mit Blut und mit Eisen, sondern auch mit Brot und mit Geld geführt wird«, erklärte der neue Staatssekretär beim deutschen Reichsschatzamt, Karl Helfferich, in einer Reichstagsrede 1915.8 Allerdings hatten die Mittelmächte deutlich weniger finanzielle Ressourcen zur Verfügung als die Triple Entente, das britische Weltreich und vor allem der Finanzplatz London, der nach wie vor das internationale Handels- und Finanzsystem dominierte. Außerdem begrenzte die föderale Struktur des Deutschen Reiches seine Fähigkeit, direkte Steuern bei seiner Bevölkerung zu erheben und auf nationaler statt nur regionaler Ebene Schuldtitel auszugeben. Für Deutschland, mit Abstand die treibende Wirtschaftskraft der Mittelmächte, war deutlich, dass Darlehen einspringen mussten, wo Steuern nicht hinreichten. Nachdem die deutsche Regierung 1914 erfolglos versucht hatte, ein sehr großes Darlehen in New York zu erhalten, sah sie sich zu der Entscheidung gezwungen, auf ausländische Finanzmärkte zu verzichten und stattdessen über die ganze Dauer des Krieges alle sechs Monate kurzfristige Kriegsanleihen auszugeben. Mit dieser Methode der inländischen Verschuldung brachte die deutsche Regierung fast 100 Milliarden Mark zusammen, die sich jedenfalls als ungenügend erwiesen, um die mit dem Konflikt direkt verbundenen Ausgaben zu decken, welche sich auf ungefähr 150 Milliarden Mark beliefen, ganz zu schweigen von den Zinsen auf die Kriegsanleihen und andere Schulden der deutschen Regierung, die sich über den Krieg ansammelten.
Dazu kam, dass Berlin über die meiste Zeit des Krieges monatlich 100 Millionen Mark an Österreich-Ungarn lieh. Noch mehr als auf deutsche Kredite stützte sich Österreich-Ungarn auf seine eigenen Kriegsanleihen, die fast 60 Prozent der Kriegsausgaben deckten. Im Oktober 1917 schuldete Österreich-Ungarn Deutschland mehr als 5 Milliarden Mark. Deutschland hatte auch dem Osmanischen Reich 2 Millionen Pfund in Gold dafür versprochen, zu seinen Gunsten in den Konflikt einzugreifen, und zusätzlich noch 33 Millionen Pfund, nicht gerechnet die 29 Millionen Pfund in Material und diversen Hilfsleistungen. Um diese ganzen Ausgaben zu leisten, schuf die deutsche Regierung ein Netz von Kreditbüros und erlaubte ihnen, eigene Banknoten auszugeben, die am Ende eine subsidiäre Form von Papiergeld darstellten. Das führte kaum überraschend zu einer massiven Inflation, die sich aus einem Verfahren speiste, das in Schüben immer neues Geld in die Wirtschaft pumpte.
Aufseiten der Entente stellte sich die Situation ein wenig anders dar. Während sich Deutschland gezwungen sah, die finanzielle Last des Vierbunds alleine zu stemmen, gelang es Frankreich, zu Kriegsbeginn die zweitstärkste Finanzmacht, sich auf Anhieb selbst zu finanzieren und seinen Verbündeten in den ersten Phasen des Konflikts auszuhelfen. Diese Rolle als Finanzpartner währte nicht lange. Zunächst weil Großbritannien über größere Finanzreserven und die Unterstützung seines Weltreiches verfügte und außerdem weil die Kämpfe, die in weiten Teilen Frankreichs entbrannten, seine Wirtschaft und Produktionskapazitäten stark in Mitleidenschaft zogen. So wurde Großbritannien zum großen Geldgeber der Entente, wie schon in so vielen Koalitionskriegen zuvor. Im Verlauf des Krieges verlieh es ungefähr 1852 Millionen Pfund an seine Verbündeten und an sein Dominion, wovon 10 Prozent an das Britische Reich und sein Dominion gingen, 32,6 Prozent an Russland, 25 Prozent an Frankreich und 23,7 Prozent an Italien. Dennoch stammten diese Millionen nicht aus den britischen Reserven. Zusätzlich zu Kriegsanleihen und direkten wie indirekten Steuern hatte das Land am Ende des Fiskaljahrs 1918–1919 insgesamt 1365 Millionen Pfund im Ausland geliehen. 75 Prozent dieser Darlehen stammten aus den Vereinigten Staaten, aber auch Kanada, Japan, Argentinien und Norwegen hatten dem Britischen Reich und vermittelt darüber auch dessen Verbündeten Geld geliehen. Großbritanniens Verbündete profitierten so von der britischen Kreditmacht auf dem internationalen Markt und erhielten Geld zu deutlich günstigeren Konditionen, als sie ihnen allein zur Verfügung gestanden hätten.
Allerdings bestärkte und vollendete der massive Rückgriff auf amerikanische Kredite auch die große Verschiebung der Finanzmacht von Europa in die Vereinigten Staaten. Vor deren Kriegseintritt im April 1917 hatten die Entente und ihre Verbündeten amerikanische Waren im Wert von ungefähr 7 Milliarden Dollar gekauft und sie mit Exporten, Goldverkäufen, der Liquidation kurzfristiger Auslandsschulden der Vereinigten Staaten und vor allem über Kredite bezahlt, die Washington in einer Gesamthöhe von 2,4 Milliarden Dollar gewährte. Alle diese Käufe und Darlehen dienten einem zusätzlichen Zweck, nämlich der direkten Verwicklung der amerikanischen Wirtschaft mit dem alliierten Lager – ein Kalkül, das sich als klug erwies, da die Vereinigten Staaten tatsächlich am Ende zum großen Teil wegen dieser finanziellen Beziehungen in den Krieg eintraten. Ab April 1917 verlieh die amerikanische Regierung weitere 7,47 Milliarden Dollar an ihre neuen Verbündeten, wovon das Gros zum Kauf amerikanischer Waren ausgegeben werden musste, was der amerikanischen Industrie und Produktion einen beträchtlichen Aufschwung verschaffte und zum Ausbau der wirtschaftlichen Überlegenheit des Landes beitrug. Die von den Vereinigten Staaten gewährten Darlehen und ihre Kriegsanstrengungen wurden durch Emission von Liberty-Bonds genannten Kriegsanleihen und durch merkliche Steuererhöhungen finanziert. Diese Finanzierung profitierte vor allem von den Bemühungen zur Inflationsbekämpfung der amerikanischen Federal Reserve, die Geld aus ihrer neuen Währungsreserve an die Banken verlieh, die dieses Geld ihrerseits an Private verliehen, um sie zum Kauf der Liberty-Bonds zu ermutigen. Dadurch konnten die wirklichen Kosten des Krieges vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten werden.