Читать книгу Professionelles Handlungswissen für Lehrerinnen und Lehrer - Группа авторов - Страница 28

2.7 Zusammenfassung und Bezüge zur Unterrichtspraxis

Оглавление

• Ob und wie die Schülerinnen und Schüler gelernt haben, ist für Lehrpersonen (ebenso wenig wie für Forschende) nicht direkt beobachtbar, sondern muss aus der Bearbeitung von Aufgaben oder den Beiträgen in Klassen- bzw. Gruppengesprächen (der Performanz) erschlossen werden. Nur auf Grundlage dieses Wissens können Lehrpersonen nachvollziehen, was sich in den Köpfen ihrer Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts abspielt – sei es nun, dass das Lernen erfolgreich verläuft, sei es aber auch, dass es (zumindest teilweise) scheitert.

• Umso wichtiger ist es für Lehrpersonen zu wissen, wie das menschliche Lernen funktioniert und in welchen Formen das Wissen in unserem Gedächtnis gespeichert wird. Es ist deshalb unabdingbar, dass die in der Psychologie und den Kognitionswissenschaften entwickelten Konstrukte zum menschlichen Lernen zum selbstverständlichen geistigen Handwerkzeug von Lehrpersonen werden.

• Bei der Vermittlung anspruchsvoller Inhalte müssen die folgenden Aspekte bei der Festlegung der Lernziele ( Kap. 3) wie auch bei der Methodenwahl ( Kap. 3 und Kap. 4) zwingend berücksichtigt werden:

– Neues Wissen entsteht, wenn Schülerinnen und Schüler neue Informationen mit ihrem bestehenden Vorwissen verbinden.

– Nur wenn dieses Vorwissen ausreichend vorhanden und verfügbar ist, kann ein anspruchsvoller Lernprozess erfolgreich sein.

– Der Vorgang, bei dem neue Informationen mit dem bestehenden Vorwissen verbunden wird, muss von jeder Schülerin und jedem Schüler selber aktiv vollzogen oder eben (re-) konstruiert werden. Von der Lehrperson erklärt, heißt also noch lange nicht gelernt!

– Das bestehende Vorwissen kann auch falsch, mangel- bzw. lückenhaft sein. Ist dies der Fall, ist es unabdingbar, falsche Vorstellungen im Unterricht zu thematisieren. Ansonsten unterrichtet man schlichtweg über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg.

Ein Beispiel: Oft bestehen bei den Schülerinnen und Schülern aus früheren Lernphasen sogenannte Fehlkonzepte (misconceptions), die das Lernen erschweren oder gar verunmöglichen. Dabei genügt es nicht, anstelle dieser alten Begriffe einfach die neuen, »korrekten« einzuführen, sondern es bedarf eines Begriffswandels (conceptual change) ( Kap. 2.4.5).

– Je nach Vorwissen der Lerngruppe und je nach Wissensform, die durch den Unterricht vermittelt werden soll, bedarf es gezielter, professioneller Methoden.

– Chunking und Prozeduralisierung bedürfen intensiven und repetitiven Trainings.

– Der Aufbau von deklarativem Wissen kann bspw. gut durch Direkte Instruktion vermittelt werden, wenn diese mit interaktiven kognitiv aktivierenden Methoden kombiniert wird. Bei einem tiefen Verstehen von wissenschaftlichen Konzepten und insbesondere beim Begriffswandel sind oftmals durchdachte Formen des Kooperativen Lernens angezeigt oder aber Techniken, die die Schülerinnen und Schüler auf mannigfaltige Weise kognitiv aktivieren. Zu diesen Methoden zählen beispielsweise Selbsterklärungen, metakognitive Fragen oder die Kontrastierung von Konzepten ( Kap. 4.4), wie sie in Hofer et al. (2018) überprüft und in den Unterrichtseinheiten des MINT-Lernzentrums umgesetzt wurden (https://educ.ethz.ch/lernzentren/mint-lernzentrum.html).

– Soll das Ziel intelligentes Wissen sein (also ein flexibel handhabbares Begriffsnetzwerk zu einem komplexen Themengebiet), dann braucht es neben dem Faktor Zeit auch die Anwendung unterschiedlicher Methoden. Wer die Schule verlässt, sollte die sehr unterschiedlichen Lernerfahrungen erfolgreich absolviert haben. Er oder sie sollte längere Textstellen gelesen, Vorträge gehört und im Gespräch mit anderen Zusammenhänge erörtert haben. Es ist deshalb wichtig, dass Lehrpersonen alle Lernformen wirksam in ihren Klassen umsetzen können.

• Menschen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Vorwissen, sondern auch in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, die sehr gut mit Intelligenztests erfasst werden kann. Interindividuelle Unterschiede in der Intelligenz haben ihre Ursachen überwiegend in genetischen Unterschieden. Wie viele andere genetisch determinierte Merkmale kann sich die Intelligenz eines Individuums nur in einer hinreichend anregenden Umwelt, wie sie die Schule idealerweise bietet, entfalten. Eine kurzfristige und gezielte Förderung der Intelligenz durch Eltern und Lehrpersonen ist jedoch nicht möglich. Lehrerinnen und Lehrer haben hingegen einen direkten Einfluss auf die Investition der Intelligenz in Wissen.

Professionelles Handlungswissen für Lehrerinnen und Lehrer

Подняться наверх