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9. Kapitel
ОглавлениеEs war spät geworden an diesem Abend. Sophia schlief bereits, als Sparacio auf Zehenspitzen seine Wohnung betrat. In den vergangenen Stunden hatte er die Vermissten-Fälle, die Sciutto ausfindig gemacht hatte, durchgesehen, doch eine Verbindung zu dem Toten aus dem Baum am Tiber ließ sich auf den ersten Blick nicht herstellen. Die Akten betreffend dreier vermisster Frauen hatte er gleich ad acta gelegt. Dann war da noch ein Mann, der während eines Deutschland-Urlaubs von einer Gebirgswanderung nicht zurückgekehrt war -die deutschen Behörden hatten den Vorgang der italienischen Polizei als Kopie übersandt.
Es gab da noch eine Sache, in die er sich vertieft hatte, obwohl sie mit dem Fall nichts zu tun haben konnte. Ein Junge, gerade vierzehn Jahre alt geworden, war seit rund zwei Wochen verschwunden. Er wohnte im östlichen Stadtteil von San Lorenzo, und schien, so sagten es die Akten aus, aus ärmlichen Verhältnissen zu stammen. An einem Montag war er nach der Schule nicht nach Hause gekommen und am Abend hatten die Eltern die Vermisstenanzeige aufgegeben.
Sparacio nahm sich vor, bei der bearbeitenden Dienststelle in der Via Portuense den Stand der Sachlage zu erfragen.
Dann waren da noch drei Männer im Alter zwischen 32 und 78 Jahren, der eine seit drei, die anderen beiden seit rund zwei Wochen von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet. Morgen würde er den einzelnen Fällen auf den Grund gehen, mit den Angehörigen sprechen, die Lebensgeschichte der Vermissten erfahren.
Für heute war es genug. Dem Toten in der Gerichtsmedizin konnte er nicht mehr helfen und für die Vermissten konnte er heute Abend nichts tun.
Sparacio streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er hörte ein Geräusch hinter sich. Es war Sophia. Fast lautlos war sie zu ihm getreten, legte beide Arme von hinten über seine Schulter und schmiegte ihren Kopf an den seinen. Sofort ging ein dezenter Duft von Violetta di Parma von ihr aus.
Sparacio ergriff ihre Hände und drückte einen leichten Kuss darauf. „Habe ich dich geweckt?“, fragte er leise und streichelte ihr über das dunkle Haar, das bis auf seine Schulter fiel.
„Ist sie schön?“ Die Frage traf ihn unerwartet.
„Wen meinst du?“
„Signora Formosa. Ist sie so famos wie ihr Name dies verspricht?“
„Ach, du meinst Carla?“ Sparacio konnte nicht anders als amüsiert loszulachen, was bei Sophia genau den umgekehrten Effekt auslöste.
„Carla also, aha.“ Sophia löste ihre Umarmung und blieb hinter dem Sessel stehen.
Sparacio erhob sich und trat ihr lächelnd gegenüber. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Carla entwickelt sich zu einer Perle. Dienstlich natürlich.“
„Natürlich. Wirst du sie mir vorstellen?“
„Ich glaube … ja, das werde ich tun“, lächelte Sparacio. „Deine Eifersucht wird sich dann nicht mehr zügeln lassen. Trinkst du ein Glas Roten mit mir?“
Sophia tat, als überlegte sie.
„Warum nicht?“, antwortete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Obwohl“, -sie machte eine kleine Pause,- „ein Glas habe ich schon mit Claudio getrunken. Ach, was soll`s, ich gehe ja ohnehin gleich zu Bett. Also, ein Glas, bitte!“ Geschickt brachte Sophia ihren Chef, den Betreiber der Maklerfirma, deren Angestellte sie war, ins Spiel, als Retourkutsche sozusagen.
„Mit Claudio also, soso.“ Sparacio wusste nicht, ob er über die Retourkutsche amüsiert reagieren sollte oder eher echauffiert. „Hat der feine Herr dich groß ausgeführt, heute Abend?“
„So, Marcello, ich glaube, es ist genug!“ Wenn es begann, in eine Diskussion auszuarten, nannte Sophia ihn beim Vornamen, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass es Zeit wurde, zur Normalität zurückzufinden. „Aber ich werde mir deine Carla mal ansehen, damit du es weißt. Und jetzt trink` mit mir diesen wundervollen Rotwein. Und dann lass uns zu Bett gehen.“