Читать книгу Die bedeutendsten Mystiker - Hartmut Sommer - Страница 15
DIE GRENZEN DER MYSTISCHEN ERFAHRUNG
ОглавлениеEndliches aber kann Absolutes nie vollkommen erfassen. Eine wesenhafte Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht, von der an manchen Stellen im Alten Testament die Rede ist, muss daher im übertragenen Sinne verstanden werden. Die großen Meister der Mystik wussten das und haben es in ihren Selbstzeugnissen immer wieder betont. Heinrich Seuse etwa erläutert als erfahrener Mystiker, dass die Fassungskraft der menschlichen Seele begrenzt ist und Gott sich daher nur sanft vor den inneren Blick der Seele stellt, seinen Sonnenglanz in milden menschengemäßen Bildern verhüllend wie in ein Tuch. Hildegard von Bingen hat in einer sehr präzisen Selbstanalyse ihrer mystischen Erfahrungen erklärt, dass sie das göttliche Licht nicht direkt schauen kann, so wie man nicht direkt in die Sonne zu sehen vermag. Auch der flämische Waldmönch Jan van Ruysbroeck vergleicht das Überwältigende der göttlichen Berührung mit dem blendenden Licht der Sonne. Gott gibt sich uns daher in der mystischen Erfahrung so, wie es unserer seelischen Sehkraft gemäß ist. Mechthild von Magdeburg hat das Beseligende der mystischen Erhebung erfahren, kennt aber auch deren Grenzen. Gott, so sagt sie, mildert seinen unendlichen Lichtglanz herab, damit die endliche Seele nicht vor ihm vergeht. Erst im Auferstehungsleib, im jenseitigen Leben wird uns die wahre Schau Gottes zuteil. In diesem Leben, so Bernhard von Clairvaux in Übereinstimmung mit der christlichen Theologie und den großen Meistern der Mystik, können wir nur verschiedene gleichnishafte Hindeutungen erkennen, die dem begrenzten Vermögen unserer leib-seelischen Natur gemäß sind. Der Apostel Paulus schon fasst dies im ersten Korintherbrief (13,12) in das Bild des Spiegels, in dem wir nur rätselhafte Umrisse erkennen können. Meister Eckhart, der Gott wesenhaft in seinem tiefsten Grund erfassen will, weicht damit vom großen Hauptstrom der christlichen Mystik ab.