Читать книгу Minnas Buch - Regina Störk - Страница 11

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Auf leisen Sohlen hatte sie sich durch die Hintertür ins Wohnhaus geschlichen. Sie wollte niemandem begegnen, nicht den Mädchen, niemanden von den Instleuten und erst recht nicht ihren Eltern. Die hatte sie zwar vorhin noch zufrieden auf dem Fest gesehen, doch Wilhelmine hatte das Gefühl, als sei seitdem eine Ewigkeit vergangen. Nichts war mehr wie es war.

Vorsichtig stieg sie die Treppe hinauf zu ihrer Kammer, schlüpfte hinein, zog sich aus und kuschelte sich unter die Bettdecke. Sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und träumte mit offenen Augen. Sie dachte an Juri, an den Abend, an seine Berührungen. Sie hatte den Polen immer schon besonders gern gehabt.

Auf den Wiesen hinter der Skottau hatte Juri oft die Kühe gehütet, die zum Gutshof gehörten. Magda und Wilhelmine hatten sich nach der Schule auf die Weide geschlichen. Zu dritt hatten sie dann den ganzen Tag dort verbracht, bis es dämmrig wurde und die Mädchen abends zu Hause erwartet wurden.

Magda hatte dann manchmal aus dem Zollwärterhäuschen eine Decke organisiert, Wilhelmine Kuchen und Kakao aus der Küche stibitzt und die drei hatten es sich gut gehen lassen. Die Kühe konnten in der Regel gut auf sich selber aufpassen. Dass sich kein Tier verirrte, dafür hatte Loni gesorgt, die als Haus-, Hof- und Hütehündin auf Lonzewskis Gut für diese Aufgabe zuständig war. Magda sah Loni in Gedanken noch heute vor der großen schwarzbunten Kuh Hilde stehen und sie aus Leibeskräften anbellen. Hilde war das Alpha-Mädchen in der Herde und ziemlich neugierig. Immer wieder büxte sie aus, weil sie vermutlich fand, dass das Gras woanders besser schmeckte. Vielleicht wünschte sie sich aber auch einfach nur eine Wiese, die sie ganz alleine wiederkäuen konnte, und wollte nicht teilen. Jedenfalls geriet sie manchmal auf Abwege und versuchte sich ungesehen von der Herde zu entfernen. Meistens gelang es nicht, denn die dämlichen Kühe trotteten einfach hinterher. Wilhelmine musste grinsen, als sie an die Versuche dachte, die Loni dann unternahm, um Hilde wieder auf den rechten Weg zurück zu führen.

Wer weiß, was alles passiert wäre, wenn die Hündin nicht dafür gesorgt hätte, dass alle Tiere in Sichtweise blieben.

Hinter der Weide war Moor. Dort war es gefährlich für die Tiere. Wenn die in den Sumpf gerieten, bekam man sie nur sehr schwer wieder zurück auf festen Boden. Doch Loni passte auf, wenn die Kinder bei ihrem Spiel die Kühe vergessen hatten.

Die Skottau grenzte direkt an die Kuhweide und wenn im Sommer die Sonne aus allen Wolken fiel, hatten Magda, Wilhelmine und Juri es genossen, sich in dem kleinen Flüsschen abzukühlen. Oft waren auch die anderen Jungs aus dem Dorf dabei. Mädchen gab es nur wenige. Magda und Wilhelmine waren meistens die einzigen.

Wilhelmine dachte daran, wie Juri die beiden Freundinnen beschützt hatte, wenn einer der anderen Jungs sie ärgern wollte. Sie erinnerte sich daran, wie die Jungs bei einer Rangelei alle mitsamt ihren Klamotten schließlich ins Wasser gefallen waren und Wilhelmine und Magda sich erst ausgeschüttet hatten vor Lachen. Das hatten die Jungs nicht einfach so hingenommen. Sie hatten sich verteidigt und die Mädchen von oben bis unten nass gespritzt.

Magda und Wilhelmine hatten die Beine in die Hand genommen und zugesehen, dass sie weg kamen.

Manche Tage waren aber auch einfach nur friedlich gewesen.

Die Mädchen hatten ihre Hausaufgaben mitgebracht, gemeinsam mit Juri Gedichte auswendig gelernt und gesungen.

Wilhelmine überlegte kurz. War Juri überhaupt zur Schule gegangen?

Sie wusste es tatsächlich nicht. Dass er nicht mit den Kindern in Klein Koslau in eine Klasse gegangen war, war klar. Er wohnte jenseits der Grenze, die Magdas Vater als Zollwärter hütete, und war Pole.

Wahrscheinlich war er auf eine polnische Schule gegangen, überlegte sie.

Wilhelmine dachte an den Kuss an der Skottau und spürte wieder das Kribbeln im ganzen Körper. Sie würde nicht schlafen können. Ganz bestimmt nicht. Sie seufzte tief, drehte sich auf die Seite und war umgehend eingeschlafen.

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