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CHAPTER FÜNF

1922

Minna fühlte sich schildkrötenwohl in ihrem Panzer. Mit ihm konnte sie alle Sonnenstrahlen fangen. Damit funktionierte er wie eine kleine Heizung. Minna war wach. Und neugierig aufs Leben.

Vorsichtig steckte sie erst ihr Köpfchen aus dem Panzer, dann die Beinchen und zockelte los. Ganz langsam.

Irgendwo hörte sie einen Hund bellen.

Sicherheitshalber zog sie Kopf und Beine zurück in den Panzer.

Man wusste ja nie.

Weglaufen jedenfalls wäre im Ernstfall keine Option.

Das Bellen kam näher.

Dann wackelte der Panzer.

Minna bekam einen gehörigen Schreck.

Es schnuffelte an allen Seiten. Und dann wurde sie hochgehoben.

Minna bewegte sich sicherheitshalber nicht.

Ihr Häuschen wankte auf und nieder.

Die Schildkröte wurde so richtig durchgeschüttelt.

“Was hast du denn da mitgebracht?”

Minna hörte eine vertraute Stimme.

“Gib mir das mal”, sagte Wilhelmine. Sie streichelte ihren Hund und redete ihm so lange gut zu, bis er die Schnauze öffnete und den Schildkrötenpanzer samt Minna behutsam in die Hände des Mädchens fallen ließ.

“Oh - Mama, guck mal!” Wilhelmine drehte sich um. Minna hatte das Gefühl, noch immer in der Luft zu hängen. “Die ist ja noch ganz klein.”

Mama sah sich das Tier genauer an.

Minna blieb sicherheitshalber noch eine Weile mit Kopf und Füßen in ihrem Panzer.

“Darf ich die behalten?”

Wilhelmine bettelte.“Bitte!”

“Sie wird sich hier bei uns nicht wohlfühlen”, befürchtete die Mutter. “Das ist eine europäische Sumpfschildkröte. Sie braucht Wasser.”

Das wird es hier doch sicher irgendwo geben, dachte Minna. Niemand kann schließlich ohne Wasser überleben.

Neugierig schob Minna ihren Hals ein kleines Stückchen aus dem Panzer.

Sie streckte den Kopf vor, und weil die Augen rechts und links davon saßen, konnte sie sich einen guten Überblick darüber verschaffen, wo sie war.

“Oh, guck mal, sie hat ihr Köpfchen herausgestreckt. Jetzt hat sie sicher keine Angst mehr.”

Wilhelmine freute sich und setzte die kleine Schildkröte vorsichtig auf den Boden.

“Und du lässt sie bitte in Ruhe”, warnte Wilhelmine ihren Hund und drohte ihm mit dem Zeigefinger. Der wedelte mit dem Schwanz, drehte sich dreimal um sich selbst und wartete ab.

Minna sah als erstes Beine.

Viele Beine.

Vier Menschen- und vier Hundebeine.

Stuhlbeine und Tischbeine. Aus Holz. In der Mitte des Raumes.

Minna sah einen Herd, in dem ein Feuer knisterte. Töpfe, Pfannen, Brettchen, Messer. Auf dem Tisch hatte sie bereits etwas Salat und ein paar Äpfel entdeckt, während sie noch auf Wilhelmines Hand saß. Und Petersilie.

Prima, dachte Minna. Verhungern muss ich schon mal nicht.

Wäre noch die Sache mit dem Wasser zu klären.

Die Tür zum Hof stand offen.

“Mir fällt sicher etwas ein.” Wilhelmine machte ein nachdenkliches Gesicht. “Vielleicht wäre es hinten am Teich bei den Enten schön für das Tier”, überlegte sie. “Für die Küche könnte ich der Schildkröte eine Schüssel mit Wasser füllen, erklärte die Tochter ihrer Mutter.

Sie dachte einen Augenblick nach. “Ich nenne sie Minna. Ich finde das passt.”

Wilhelmines Mutter musste schmunzeln. “Ja, sie sieht dir ähnlich”, frotzelte sie.

“Aber eine Schüssel? Wie glaubst du, dass deine Minna in die Schüssel kommt?” Wilhelmines Mutter guckte ihre Tochter zweifelnd an. “Mit einer Leiter vielleicht? Hast du schon mal eine Schildkröte gesehen, die eine Leiter hoch klettert?”

Minna guckte von einem Menschen zum anderen. Eine Leiter konnte sie sich zwar nicht vorstellen, aber ein bisschen klettern konnte sie schon.

Sie zog los, um sich ihr neues Zuhause anzusehen und ging zunächst zielstrebig durch die Tür ins Blumenbeet. Von da aus konnte sie ebenso gut alles sehen und hören, was in der Küche passierte.

Wilhelmine zum Beispiel füllte eine Schüssel. Mit Salat, Wasser und Sand.

“Mama, wie gefällt dir Juri?” Wilhelmine rupfte Salatblätter und ließ sie in eine kleine Blechschale fallen, die sie in der Speisekammer gefunden hatte.

Minna hatte es sich unter Margeriten gemütlich gemacht und hörte zu.

“Er ist ein fescher Soldat.” Wilhelmines Mutter holte das Butterfass aus der Speisekammer und füllte die große Feldkanne mit Kaffee.

Der Kaffeeduft mischte sich mit dem Geruch nach frischem Brot. Ein heimeliger Geruch, dachte Minna, die Schildkröte. Hier fühlten sich sicherlich nicht nur Menschen wohl. Minna konnte sich ein Leben in dieser Küche durchaus vorstellen.

Wenn eben die Sache mit dem Wasser geklärt wäre.

Wilhelmine schob die Schüssel in die Mitte des kleinen Rasenstücks rechts neben der Tür zur Küche, sammelte Steine, die an der Hauswand gelegen hatten, und platzierte sie um die Schüssel herum. Sie griff nach Minna, setzte sie vor die Steine und sagte: “So, nun versuch mal, ob du da hoch klettern kannst.”

Minna guckte Wilhelmine zweifelnd an. Hoch käme ich schon, dachte sie. Aber wenn ich mich ins Wasser gleiten ließe, käme ich da nie wieder raus. Sie drehte sich um und ging zurück zu ihren Margeriten.

“Ich finde ihn sehr charmant”, sagte die Mutter”, “stattlich.”

Wilhelmine hatte leuchtende Augen.

“Du bist verliebt.” Guste Lonzewski lächelte. Sie sah aus, als würde ihr das Männchen wohl auch gefallen.

“Ja …”, seufzte Wilhelmine. “Und er mag mich auch. Ganz sicher. Sogar sehr.”

Minna dachte daran, was sie an der Skottau beobachtet hatte, und stimmte dem Mädchen in Gedanken zu.

Sie nickte traurig mit dem Kopf.

“Ach Wilhelmine”, hörte sie die Mutter sagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte ratlos. Sie schien die gleichen Befürchtungen zu haben wie die Schildkröte.

Wilhelmine war jung.

Wie schön wäre es, wenn sie ihr Leben noch ein bisschen genießen könnte, bevor Alltag und Zukunft sie in ihren Klauen hätte.

Minna wusste, dass es nicht einfach werden würde.

Nicht für Wilhelmine, nicht für ihre Familie und nicht für ihr Zuhause und für alle, die ihr am Herzen lagen.

“Komm, nimm den Korb.”

Die Mutter hatte Butterbrote und Kaffee eingepackt und drückte Wilhelmine den Korb in die Hand.

“Wir gehen aufs Feld und bringen unseren Leuten das Vesper.”

Minna ging durch den Garten zum Teich. Sie wollte die Enten kennen lernen, von denen Wilhelmine erzählt hatte.

Und außerdem war es Zeit für ein Bad.

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