Читать книгу Minnas Buch - Regina Störk - Страница 14
ОглавлениеMinna saß auf einem Stein und döste vor sich hin.
Sie blinzelte, als Wilhelmines Schatten auf sie fiel.
Wilhelmine trug Minna in die Küche. Hier brannte meist selbst im Sommer ein kuscheliges Feuer.
Bis zum Sommeranfang waren es allerdings noch ein paar Wochen. Es war zwar draußen zwar längst nicht mehr zu kalt für Minna, doch sie wusste die gemütlich warme Küche durchaus zu schätzen.
Die Schildkröte saß inzwischen auf dem Tisch. Da hatte Wilhelmine sie abgesetzt und streichelte selbstvergessen ihr Köpfchen.
“Wie hast du dir das vorgestellt?”, polterte Wilhelmines Vater, als er vom Hof ins Haus kam.
Minna zog den Kopf ein. Der Mann war laut.
“Was denn?”
Wilhelmine tat so, als wüsste sie nicht, wovon ihr Vater redete. Dabei gab es inzwischen eigentlich nur noch ein Thema für Heinrich Lonzewski, wenn er mit seiner Tochter redete.
“Du bist vierundzwanzig Jahre alt. Und sitzt immer noch unverheiratet hier. Deine Mutter und ich sollen hier wohl schuften, bis wir umfallen. Du hast uns jetzt lange genug an der Nase herum geführt. Du wirst heiraten. Mir reicht’s.”
Heinrich schäumte vor Wut.
Natürlich hatte Wilhelmine ein schlechtes Gewissen. Natürlich wusste sie, was ihr Vater von ihr erwartete. Sie war damit aufgewachsen. Von Klein auf hatte sie gelernt, was man lernen musste, um in der Gesellschaft zu glänzen, eine angesehene Familie zu repräsentieren und schließlich das Gut zu übernehmen.
“Wenn du noch einen Mann abblitzen lässt, ist der Zug für dich abgefahren. Du endest als alte Jungfer, als Gouvernante irgendwelcher verzogener Gören, und ich kann sehen, wo ich bleibe. Herbert ist der Sohn vom Rittergut in Klein Koslau. Der hat immer noch Interesse an dir.” Heinrich räusperte sich. “Und an unserem Gut. Das ist jetzt der letzte Vorschlag, den ich dir mache, und es ist mir egal, was du dazu sagst. Deine Mutter und ich bereiten die Hochzeit vor und du wirst dich fügen.”
Wilhelmine guckte ihrem Vater fest in die Augen. “Nein”, sagte sie ruhig.
Heinrich Lonzewski holte seinen Tabaksbeutel hervor, stopfte seine Pfeife, lehnte sich zurück und nahm einen tiefen Zug.
Er musste irgendwie herunterkommen.
Sich beruhigen.
Er wusste genau: Seine Tochter hatte den gleichen Sturkopf wie er selbst. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es durch. Und “Nein” hieß bei ihr niemals “Ich denke darüber nach und wenn du die richtigen Argumente hast, gebe ich nach”. “Nein” war “Nein” und blieb es bekanntlich auch.
Heinrich war vernarrt in seine Tochter. Er redete gern mit ihr und wusste ihre klugen Bemerkungen, mit denen sie ihm schon manchen Denkanstoß gegeben hatte, zu schätzen. Aber in diesem Fall verstand er sie ganz und gar nicht. Was wollte sie denn? Es konnte doch nicht tatsächlich ihr Wunsch sein, als alte Jungfer abhängig vom Wohlwollen ihrer Verwandten zu sein oder vielleicht irgendwo als Gouvernante oder Hauslehrerin fremder Leute Kinder zu erziehen. Gut, vielleicht war er ein bisschen zu hart gewesen. Dass sie in ihrem Alter noch unverheiratet war, dafür konnte sie eigentlich nichts. Es waren die Umstände. Die Zeit. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Männer waren in der Zeit Mangelware. Sie kämpften für das Vaterland. Nur wenige waren gleich nach Kriegsende nach Hause gekommen. Die meisten kamen erst in den folgenden Jahren ganz langsam, einer nach dem anderen, zurück. Manche waren immer noch verschollen. Der Krieg hatte eine Menge Männer einfach behalten. Aber jetzt hatte das normale Leben, der Alltag, längst wieder begonnen. Und Mädchen hatten zu heiraten. Und zwar die bestmögliche Partie. Wenn Wilhelmine noch lange wartete, würden die besten Männer vergeben sein.
“Ich möchte einen Mann heiraten, den ich auch liebe”, unterbrach Wilhelmine die Gedanken ihres Vaters.
“Liebe! So ein Quatsch!” Heinrich schüttelte den Kopf. “Was ist schon Liebe? Darum geht es überhaupt nicht. Mit Liebe kann man kein Gut unterhalten. Eine gute Erziehung, ein guter Charakter und natürlich die finanzielle Grundlage, die eine gesicherte Existenz ermöglichen, machen einen guten Ehepartner aus. Wenn alles passt, wird sich die Liebe schon einstellen. Dafür, um uns Enkelkinder zu schenken, wird’s jedenfalls schon reichen.” Heinrich Lonzewski hatte sich in Rage geredet. Er hatte seine Pfeife auf den Tisch gelegt, war aufgestanden, lief im Zimmer umher und unterstrich jedes seiner Worte mit den Bewegungen seiner Arme. Dann blieb er stehen und funkelte seine Tochter zornig an: “Es erfordert ein bisschen guten Willen. Um Liebe muss man sich bemühen. Sie fällt nicht vom Himmel.”
Dann wurde er ruhiger, setzte sich wieder an den Tisch und griff zu seiner Pfeife. Er merkte, dass sie ausgegangen war, und zündete sie umständlich wieder an. Noch ein paar Minuten mehr, um sich zu sammeln.
“Ich hatte mir vorgestellt, dich an die Hand nehmen zu können, dich zu begleiten, zu unterstützen, wenn du Hilfe brauchst.” Heinrich hatte sich zurück gelehnt und schaute seine Tochter traurig an. “Du solltest von meinen Erfahrungen und denen deiner Mutter profitieren. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir Partner sein könnten. Auf Augenhöhe. Weil die Zukunft des Gutes doch auch deine Zukunft ist. Ich dachte, dir liegt etwas daran.” Heinrich sah gedankenverloren zu Wilhelmine. “Du enttäuschst mich”, sagte er traurig.
Wilhelmine blieb still.
Sie saß aufrecht, streichelte die Schildkröte und schaute dem Vater direkt in die Augen.
“Auf Augenhöhe? Als Partner? Was hat das mit Partnerschaft, mit Augenhöhe zu tun, wenn du glaubst, mir meinen Weg vorschreiben zu müssen, weil du meinst, ich kann das nicht alleine?” Wilhelmine war wütend.
“Ich bin dazu erzogen worden, immer klar meine Meinung zu sagen. Kein Wischiwaschi. Den Blick klar auf meine Ziele gerichtet. Wieso glaubst du jetzt, ich sei nicht in der Lage, mein Ziel im Auge zu behalten und zu verfolgen?” Wilhelmines Augen funkelten. “Dann glaubst du wohl auch nicht an den Erfolg deiner Erziehung!” Hält er sich selbst für einen Versager?, fragte sie sich, hütete sich aber, den Gedanken auszusprechen. Es kam oft genug vor, dass die Worte aus ihr heraus waren, bevor ihr überhaupt klar war, was sie da von sich gegeben hatte. Aber diesmal hatte sie gerade rechtzeitig die Bremse gezogen. Sie wollte ihren Vater nicht verletzen. Nein, überlegte sie, das glaube ich einfach nicht. Vermutlich hatte er sich vorgestellt, dass ich überall aufrecht zu meiner Meinung stehe, nur zu Hause nicht. Hier sage ich “Ja, Papa” und schalte mein Gehirn aus?
Hält er mich nur deshalb nicht für in der Lage, meine Ziele zu erkennen und umzusetzen, weil er befürchtete, meine Ziele könnten andere sein als seine?
“Ich heirate Juri”, sagte Wilhelmine fest.
Falsche Antwort, dachte Minna und zog den Kopf ein.
Heinrich sagte nichts.
Er saß da, zurückgelehnt, zog an seiner Pfeife.
Auf dem Herd summte der Wasserkessel.
Sonst war es still in der Küche.
Von ferne hörte man das Muhen einer Kuh.
Irgendwo bellte ein Hund.
“Ich habe deine Weitsicht überschätzt.” Heinrich war aufgestanden. “Ich hätte dir mehr Gehorsam beibringen sollen. Du wirst Herbert heiraten. Seine Familie wird einverstanden sein. Ich reite morgen hinüber zum Rittergut und kläre das.” Heinrich legte die Pfeife auf den Tisch und verließ den Raum.
Wilhelmine blieb auf ihrem Stuhl sitzen, guckte ein wenig ins Feuer, hörte zu, wie es knisterte. Und dachte nach. Dann stand sie auch auf und brachte Minna zurück zu ihrem Teich.