Читать книгу Minnas Buch - Regina Störk - Страница 20
ОглавлениеMinna saß auf dem Küchentisch. Das war nicht unbedingt ihr Lieblingsplatz. Aber irgendwie schien das niemand zu bemerken. Alle waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Mamka stand am Herd und hatte dem Tisch mit der Schildkröte den Rücken zugekehrt.
Wenigstens war es hier warm, dachte Minna, die Schildkröte. Draußen war es Herbst geworden. Es war kalt, die Kartoffelernte in vollem Gange. Noch zwei Wochen, dann würde die Ernte eingebracht sein. So lange es keinen Frost gab, stand das Vieh noch auf der Weide. Spätestens dann aber blieben die Tiere im Stall und Minna würde sich ein ruhiges Plätzchen für den Winterschlaf suchen. Je kälter es wurde, desto passiver wurde sie. Sie fraß weniger, bewegte sich weniger und hörte schließlich mit beidem auf.
Und bis sie sich gar nicht mehr bewegen konnte, weil ihr Stoffwechsel seine Arbeit eingestellt haben würde, wollte sie gern irgendwo anders sein als auf dem Küchentisch.
Doch so lange es hier in der Küche noch so schön kuschelig warm war, hatte die Winterstarre vielleicht auch noch etwas Zeit. Nur wäre ihr eben statt des Küchentischs der Holzstoß neben dem Herd sehr viel lieber gewesen.
Das einzige Problem auf dem Feuerholz waren Hund und Katze, die sie auch dann noch aufspürten, wenn sie ein richtig gutes Versteck gefunden hatte. Die beiden verwechselten sie gelegentlich mit ihrem Lieblingsspielzeug. Die Katze stupste sie mit ihrer Pfote hin und her, um sie dann wieder zu fangen und im festen Griff mit allen Krallen bearbeiten zu können.
Der Hofhund schnappte sie mit den Zähnen und verschleppte sie an einen Ort, wo sie kein anderer finden konnte.
Natürlich schützte der Panzer sie bei solchen Eskapaden. Aber manchmal wurde ihr von dem Geschaukel trotzdem schlecht.
Wilhelmine sah nicht gut aus, fand Minna. Sie beobachtete das Mädchen, das bei der Mutter am Herd stand und sich die Hände wärmte. Irgendwann würde es ihr besser gehen, wusste die Schildkröte. Aber bis dahin würde es noch eine Weile dauern.
Minna sah, wie die Mutter einen heimlichen Seitenblick auf ihre Tochter warf.
Ob sie etwas ahnte?
Wilhelmine hatte Augenringe und war blass. So sahen Menschen auch aus, wenn sie geweint hatten. Das hatte Minna manchmal beobachtet. Sie fand den Anblick von tränennassen Gesichtern und roten Augen nicht schön und war froh, dass Schildkröten nicht zu weinen brauchten. Wozu auch? Eine Schildkröte war da, lebte, fraß und schlief - bis sie irgendwann starb. Alles andere war unwichtig. Das Leben war weder schwer noch leicht. Es war einfach da.
In der Küche knisterte das Feuer.
Das war angenehm.
Wilhelmine wartete darauf, dass das Wasser für den Kaffee kochte.
“Wie geht es dir, mein Kind? Ist irgendetwas mit Juri? Du siehst nicht gut aus.” Guste Lonzewski war besorgt. “Du bist ein bisschen blass um die Nase und deine Augen sahen auch schon mal klarer aus.” Guste sah ihre Tochter prüfend an.
“Ach, es ist nichts”, winkte Wilhelmine die Sorgen ihrer Mutter ab. “Mit Juri ist alles gut. Nur, dass ich ihn nicht heiraten darf. Das ist einfach ungerecht.”
“Nein, Minka, das ist es nicht. Du kannst doch Juri nicht heiraten. Einen kleinen polnischen Soldaten! So sympathisch er auch sein mag, es passt einfach nicht. Wir haben eine gewisse Stellung im Kreis und damit sind Verpflichtungen verbunden. Dazu gehört eben auch, eine passende Ehe einzugehen. Und es gehört nicht dazu, den nächstbesten dahergelaufenen Polen zu heiraten.”
“Juri ist kein dahergelaufener Pole. Und ich liebe ihn.”
Mist. Jetzt weint sie wieder, dachte Minna, die Schildkröte und guckte von der Mutter zur Tochter und wieder zurück.
Wilhelmine brach in Tränen aus, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte zum Steine erweichen. Sie sah so unglücklich aus, dass sogar Minnas Schildkrötenherz dabei butterweich wurde. Ihr fiel es schwer, ihre sonst so stoische Gelassenheit beizubehalten. Aber weil sie auf dem Küchentisch ohnehin nicht viel machen konnte, setzte sie nur hin und wieder einen Fuß vor den anderen und bewegte sich äußerst langsam mal in Richtung Wilhelmine und mal auf Guste zu. Mehr ging nicht. Sonst wäre sie vom Tisch gefallen.
“Goldchen …” Guste nahm ihre große Tochter in den Arm und streichelte ihr über den Kopf. “Wein doch nicht.”
Sie hielt ihre Tochter ganz fest und wartete, bis das Schluchzen leiser wurde.
“Ich hatte gedacht, du genießt den Sommer, genießt es, dass dir ein fescher junger Mann schöne Augen macht, bevor du den Weg gehst, der für dich von Anfang an vorgesehen war.” Gustes Stimme war weich und warm. Sie wollte ihre Tochter so gerne glücklich sehen. Aber so wie das Kind es sich vorstellte, ging es einfach nicht. Eltern hatten die Aufgabe, darauf zu achten, dass die Kinder - egal wie alt sie waren - nicht in ihr Unglück liefen. Und dazu gehörte eben auch, nicht immer nachzugeben.
“Die Hochzeit mit Herbert ist doch schon lange beschlossen. Vielleicht wirst du am Anfang noch ein bisschen traurig sein, dass Juri nicht mehr bei dir ist, aber dann wirst du ihn vergessen. Herbert ist in Ordnung. Der wird dich zärtlich umsorgen. Und irgendwann wirst du ihn lieben. Ihr führt das Gut weiter, dein Vater und ich ziehen aufs Altenteil und freuen uns auf unsere Enkel.”
Auf die Enkel müsst ihr vielleicht gar nicht mehr so lange warten, dachte Minna und wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sicherlich verschmitzt gegrinst.
Wilhelmine hatte aufgehört zu weinen. Doch sie sah nicht aus, als wenn die Worte ihrer Mutter sie in irgendeiner Weise getröstet hätten.
Guste sah ihre Tochter aufmerksam an.
Irgendetwas stimmte nicht, dachte sie.
“Hast du deshalb geweint?”, fragte sie, “ist es das? Hast du Angst davor, was Herbert in der Ehe … vor seiner Liebe? Wie es ist, wenn Mann und Frau das Bett teilen?” Eigentlich konnte Guste sich das nicht vorstellen. Wilhelmine war auf dem Land aufgewachsen. Wie Kinder entstehen war hier kein Geheimnis. Katzen taten es, Hunde, Schweine, Kühe, Pferde, Gänse, Enten, Hühner …
Und Schildkröten, dachte Minna naseweis. Sie hatte das Gefühl, ganz genau zu wissen, was Guste dachte. Minna selbst war noch viel zu jung, um sich über ihre vorerst noch ungelegten Eier Gedanken zu machen. Bisher hatte sie noch keinerlei eigene Erfahrungen. Aber was sie zu tun hatte, wenn es eines Tages so weit war, wusste sie trotzdem. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Menschen tatsächlich die Vorbilder aus der Tierwelt brauchten, um zu wissen, was zu tun sei, wenn ihnen danach war, sich zu vermehren. Menschen hatten sicherlich auch Instinkte.
“Nein, ich weine nicht”, sagte Wilhelmine. Sie hatte sich wieder gefasst und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Selbstbewusst richtete sie sich auf und schaute ihrer Mutter gerade in die Augen. “Ich werde Juri heiraten. Mit oder ohne euren Segen. Wir brauchen euer Gut nicht. Juri verdient genug Geld, um davon zu leben.”
Guste schüttelte den Kopf.
Was für ein dummes Gerede. Wir brauchen das Gut nicht, das Geld. Wir haben ja unsere Liebe. Das Kind hatte ja keine Ahnung, wie es ohne all die Bequemlichkeiten wäre, die sie hier zu Hause für selbstverständlich hielt. Romantischer Quatsch. Romantik und Liebe bleiben ziemlich schnell auf der Strecke, wenn man nicht genug zu essen hatte, das Geld hinten und vorne nicht reichte, wenn man keine Rechnungen zahlen konnte und nicht zum Arzt gehen, wenn jemand krank war. Wilhelmine hatte keine Ahnung, wie ein Leben ohne ihren wöchentlichen Besuch beim Konditor in Neidenburg war. Sie liebte es, jedes Mal, wenn sie in der Kreisstadt etwas zu erledigen hatte, den Ausflug mit Torte und Kaffee abzuschließen.
Doch diese Bedenken behielt Guste Lonzewski erstmal für sich. Die Hochzeit mit Herbert würde stattfinden und das war gut so. Damit war nicht nur Wilhelmine sondern auch die ganze Familie versorgt. Und ihre Sorgen um die einzige Tochter wären ein für alle Mal vom Tisch.
“Gut”, stellte sie fest, “dann bist du also nicht unglücklich. Aber irgendwas ist nicht in Ordnung. Das sehe ich doch. Sei mir nicht böse, aber das blühende Leben sieht anders aus. Möchtest du, dass der Doktor mal nach dir sieht?”
“Nein, nein, es ist nichts”, wehrte Wilhelmine ab. Sie fand die Sorge der Mutter übertrieben. “Mir ist in letzter Zeit nur manchmal etwas übel. Ich vertrage manche Gerüche nicht. Vielleicht habe ich mir den Magen verdorben. Es wird schon wieder vorbeigehen.”
Ja, das wird es, dachte Minna.
Jetzt, jetzt gleich sieht Mamka, was los ist. Gleich ist es raus. Minna zog sich ganz tief zurück in ihren Panzer. Was jetzt kam, hätte sie gerne weder gehört noch gesehen. Aber sie wusste ohnehin längst, wie die Geschichte weiter ging …
“Wilhelmine …”, sagte Mamka, nachdem sie eine Weile geschwiegen und nur ihre Tochter angeschaut hatte. In ihrem Kopf arbeitete es. Das konnte Minna sehen. Mamka sah besorgt aus. Gerade so, als erwarte sie eine Katastrophe. Dabei ist das doch nichts Schlimmes, dachte Minna. Es ist doch etwas ganz Natürliches. Eher sogar etwas Schönes. Menschen sind manchmal schon eigenartig.
Guste musterte ihre Tochter. Sie schaute auf die Taille der jungen Frau und rechnete nach. Sie hatte nicht darauf geachtet, wann Wilhelmine das letzte Mal ihre Vorlagen in die Wäsche gegeben hatte. Lange konnte es doch noch nicht her sein. Oder doch? Ihr wurde siedend heiß.
“Wilhelmine …”
“Ja, Mama?”
“Wann hast du das letzte Mal geblutet?”
Die Mutter hatte gerade heraus gefragt. Warum auch nicht, dachte Minna. Ihr war zwar nicht bekannt, dass je ein Schildkrötenweibchen geblutet hatte, aber es könnte ja sein. Und wenn, würde man es auch sagen dürfen. Wilhelmine würde das schon vertragen können. Sie war auf dem Bauernhof groß geworden. Sie kannte die Geschichte mit Blumen und Bienen und dürfte sich damit auch der Konsequenzen bewusst sein.
“Was willst du damit sagen?”
Wilhelmine funkelte ihre Mutter wütend an. “Was glaubst du denn, was Juri und ich tun, wenn wir uns treffen? Ihr habt mich doch erzogen! Dann müsstet ihr euch doch sicher sein, dass ich nichts tun würde, was ihr nicht gut heißen würdet. Wir haben alle Zeit der Welt. Am Ende heiraten wir sowieso und so lange werde ich es wohl noch aushalten können. Und Juri auch. Wie sind doch keine Tiere!”
Wilhelmine verstummte.
Sie dachte an den Abend an der Skottau. An die Wärme der Sonne auf ihrer Haut. Juris Berührungen. Seine Hände, die sie gestreichelt hatten. An Stellen, an denen sie vorher noch nie jemand gestreichelt hatte. Und daran, wie schön es war, mit dem Mann, den sie liebte, zu verschmelzen, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Es war auch die natürlichste Sache der Welt in diesem Augenblick gewesen.
Wilhelmine und Juri hatten sich seitdem so oft getroffen, wie es möglich war. Doch so nahe wie damals an der Skottau waren sie sich nie wieder gekommen. Es durfte nicht sein. Noch nicht. Nicht so lange sie nicht verheiratet waren.
Wilhelmine hielt die Erinnerung daran fest verschlossen und hütete sie wie einen Schatz.
Ein einziges Mal.
Konnte es tatsächlich sein?
Andere probierten Jahre lang, ein Kind zu bekommen, bevor es endlich klappte. Und bei ihr sollte tatsächlich eine einzige Begegnung dieses Wunder herbeigeführt haben?
Ein Wunder.
Wilhelmine fühlte sich hilflos. Die Panik kroch ihr langsam im Nacken hoch bis in die Haarspitzen.
Und gleichzeitig empfand sie den Gedanken als etwas Wunderbares.
Etwas ganz Unmögliches. Etwas, was nicht sein durfte.
Wilhelmine guckte zu Boden.
Fing an zu weinen. Leise. Hilflos.
Die Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab.
“Ich geh jetzt aufs Feld”, entschied sie. In ihr brodelte es. Doch ihr Gesicht verriet nicht den Funken eines Gefühls. Ohne eine Miene zu verziehen nahm sie den großen Korb mit Butterbroten und heißem Kaffee und verschwand.
Ich hab’s gewusst, dachte Minna. Schließlich war sie dabei gewesen, als Wilhelmine damals mit Juri am Ufer des kleinen Flusses zärtlich gewesen war. Die Schildkröte hätte sich eher gewundert, wenn bei dem, was sie da gesehen hatte, kein neuer Mensch entstanden wäre. Wilhelmine würde nun sicherlich bald ein Ei legen. Vielleicht auch zwei. Minna war gespannt. Sie hatte schon viel gesehen, hatte unbemerkt schon oft dabei gesessen, wenn Menschen irgendwo in der Natur für Nachwuchs gesorgt hatten. Aber wie sie ihn dann wirklich bekamen, darüber wusste sie bisher noch nichts.