Читать книгу Minnas Buch - Regina Störk - Страница 15
Оглавление“Der größte Teil der Einladungen ist raus.” Guste saß mit ihrer Tochter am Küchentisch und hatte sich fest vorgenommen, mit ihr über das geplante Fest zu sprechen. Am 21. Juni war Sommersonnenwende, der längste Tag im Jahr. Genau der richtige Zeitpunkt, um den Sommer mit guter Laune und einem Fest auf dem Gutshof zu begrüßen. Lonzewskis feierten gern.
Diesmal würde es nicht einfach ein Dorffest sein wie sonst, sondern Heinrich Lonzewski hatte vor allem Geschäftspartner aus Neidenburg einladen, ein paar Freunde und Nachbarn aus dem Kreis. Ehepartner und erwachsene unverheiratete Söhne und Töchter würden ebenfalls willkommen sein.
“Es ist dein Fest”, sagte Guste zu ihrer Tochter. “Nutze es.”
“Das ist nett.” Wilhelmine zog eine Grimasse. “Ein Fest für mich. Um mich endlich an den Mann zu bringen. Ich setze mich in einen hohen Lehnstuhl und lasse mir die Kandidaten vorführen. Sie machen ihre Aufwartung und ich nicke herablassend wohlgefällig mit dem Kopf. Dann werden die Herren hinausgeführt und ich treffe meine Wahl. Habt ihr euch das so vorgestellt?”
“Wilhelmine, sei nicht albern.” Guste legte besänftigend die Hand auf den Arm ihrer Tochter. “Du brauchst das gar nicht so ins Lächerliche zu ziehen. Wir meinen es nur gut. Wir wollen einfach ein schönes Fest feiern. Wir essen und trinken gemeinsam, lachen und tanzen. Freu dich, dass auch deine Generation zahlreich vertreten sein wird. Ich erinnere mich daran, wie öde ich es fand, wenn ich an den steifen Gesellschaftsabenden meiner Eltern teilnehmen musste. Genieß es einfach.” Guste machte eine kleine Pause.
Sie lehnte sich zurück und zuckte die Schultern. “Nun, wenn dir dabei einer der Herren, die du an diesem Abend kennen lernen wirst, gefällt … “
Guste hatte sich ihre Näharbeit aus dem Korb gegriffen und begann, den Sitz der Knöpfe an den Kopfkissenbezügen zu überprüfen.
Heuchlerin, dachte Minna, die inzwischen aus Lonzewskis Küche nicht mehr wegzudenken war. Die Schildkröte war gern hier, wanderte gelegentlich zum Teich und kam zurück, um den Gesprächen der Menschen zu lauschen.
Und dachte sich ihren Teil.
Natürlich geht es euch vor allem darum, euer altes Mädchen endlich unter die Haube zu bringen. Minna kletterte auf den Holzstapel neben dem Herd. Da fühlte sie sich wohl. Auch, weil der Herd eine wohlige Wärme verbreitete. Ihr habt Angst, ihr könntet auf Wilhelmine sitzen bleiben.
Minna wiegte ihr Köpfchen hin und her, so wie Schildkröten das manchmal machen, und es sah aus, als wenn sie gern den Kopf geschüttelt hätte.
“Wenn es mein Fest ist - warum darf ich dann meine Freunde nicht einladen?”, fragte Wilhelmine und sah ihre Mutter herausfordernd an.
“Natürlich darfst du jemanden einladen”, antwortete die Mutter, “Wem sollen wir denn noch eine Karte schreiben?”
Ach Guste, das ist scheinheilig. Du weißt doch ganz genau, von wem deine Tochter spricht, sagte Minna in der ihr eigenen Schildkrötensprache, doch es hörte sich nur an wie “Klick.”
“Ich brauche keine Karten schreiben. Juri und Magda kann ich einfach Bescheid sagen. Ich laufe nachher schnell rüber”. Wilhelmine lächelte und wurde ein bisschen rot. Seit dem Abend im Mai, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten, traf sie Juri öfter. Meistens ganz zufällig. Er war da, wenn sie nach Hause kam, nachdem sie auf den Feldern nach dem Rechten gesehen hatte, den Landarbeitern Butterbrote und Kaffee aufs Feld gebracht hatte. Meist kreuzten sich ihre Wege an der Skottau. Da, wo die Straße sich gabelte. Nach rechts ging es am Zollwärterhäuschen vorbei über die polnische Grenze, wo Juri wohnte. Wenn man links abbog, kam man zum Gut. Und genau an dieser Gabelung wartete Juri auf sie, wenn er mit den Milchkannen unterwegs war oder die Kühe auf die Weide brachte, seinen Brüdern beim Kühe hüten half. Wenn er zufällig gerade in Koslau war, weil er ein paar Tage Heimaturlaub vom Militär hatte, musste er der Familie zur Hand gehen. Wilhelmine ging dann mit Juri auf die Weide und sie hüteten die Kühe gemeinsam, brachten die Milch in die Meierei und genossen es, einfach zusammen zu sein.
“Kindchen, das halte ich nicht für eine gute Idee. Die Tochter des Zollwärters und der Sohn eines polnischen Landarbeiters würden sich in dieser Gesellschaft sicherlich nicht wohl fühlen.” Guste legte die Hand auf Wilhelmines Arm. “Du kannst die beiden später zu einer Nachfeier einladen. Es wird sicherlich noch Torte übrig sein.”
In Wilhelmine rebellierte alles. Abgeschoben. Ihre besten Freunde. Sie waren nicht fein genug. Die Reste sollten sie bekommen. Nicht mit den Menschen zusammen an einem Tisch sitzen dürfen, die ihren Eltern wichtig sind.
Sie schüttelte den Kopf. “Die Zeiten haben sich geändert, Mamka. Der Krieg ist vorbei, wir leben in einer freien Welt, in der jeder gleich viel Wert ist, egal, woher er kommt. Es ist an der Zeit, miteinander den Frieden zu feiern und das Leben zu genießen.”
Wilhelmine sah ihre Mutter an und erkannte: Sie verstand kein einziges Wort. Sie lebte in einer völlig anderen Welt. Mit anderen Werten. Sie war in einer anderen Zeit aufgewachsen.
Wilhelmine würde sie nicht ändern können. Sie würde mitspielen und an diesem Abend die brave Tochter sein.
“Was hältst du von einem kurzen Kleid im Charleston-Stil?”, fragte sie und wechselte so geschickt das Thema.
“Im Charleston-Stil?” Guste schnappte nach Luft. “Findest du das passend?”
“Ja, das fände ich schön.”
“Ich wäre ja mehr für etwas Gediegenes”, versuchte Guste und fand sich dabei sehr diplomatisch. “Was werden die Leute sagen?”
“Die “Leute” würden sich freuen, mal etwas anderes zu sehen”, entgegnete Wilhelmine. “Dann haben sie etwas, worüber sie reden können. Und ich wette, es gefällt ihnen. Die meisten trauen sich nur nicht, weil sie denken, man könnte denken … ach, egal.”
Ich bin sicher, sie trauen sich, dachte Minna. Zumindest die jungen Mädchen. Sie hoffte, dass Wilhelmine sich durchsetzen würde. Das Fest wäre für sie gelaufen, wenn sie feststellen müsste, dass alle anderen nach der neusten Mode gekleidet waren und sie die einzige in “gediegener” Garderobe.
“Ich hatte mir ein festliches Kleid vorgestellt. Aus schwarzen Samt. Weich fallend bis auf den Boden, eng tailliert. Mit langen Ärmeln, die bis auf den Handrücken gehen. Oben an der Schulter leicht gebauscht. Ein Kleid, in dem du aussiehst, wie eine Prinzessin.” Guste kam ins Schwärmen.
“Mama!” Wilhelmine war entsetzt. “Kleine Mädchen tragen Prinzessinnenkleider. Ich bin erwachsen.”
“Ein weiter runder Ausschnitt…”
“Im Übrigen ist schwarzer Samt für so ein Fest doch viel zu warm. Wir wollen tanzen! Was denkst du, was das mit dem Samt macht?”
“Dann nehmen wir vielleicht schwarze Seide …”
“Warte, Mamka, ich zeig dir mal, wie ich mir mein Kleid vorstelle.
Wilhelmine schnappte sich die Zeitung, die neben dem Herd lag, und legte sie auf den Tisch. Sie blätterte die Seiten durch, um irgendwo eine Ecke zu finden, die nicht so eng bedruckt war, um sie als Notizzettel zu verwenden. Ein Bleistift musste hier auch irgendwo liegen. Wilhelmine suchte und fand.
Ich würde gern sehen, was sie zeichnet, dachte Minna und reckte ihr Köpfchen.
Wilhelmine stand noch einmal auf, schnappte sich die Schildkröte, setzte sie zu sich auf den Küchentisch und lies sie an einem Salatblatt knabbert.
“Muss das sein”, fragte die Mutter und verzog das Gesicht. “Muss dieses Tier ständig auf dem Tisch sitzen, an dem wir essen?”
“Ach Mamka, sei doch nicht so! Wir essen doch nicht. Ich hab sie doch so gerne bei mir.”
“Guck!”, sagte Wilhelmine und begann zu zeichnen. Einen Kreis.
Punkt, Punkt, Komma Strich, fertig ist das Mondgesicht, dachte Minna.
Dann kam der Hals. Der Rest war zwischen den gedruckten Buchstaben eingeklemmt.
Ich seh nix, dachte Minna enttäuscht und wandte ihren Kopf auffordernd nach links zu Wilhelmine.
“Das geht so nicht”, stellte Wilhelmine fest, stand auf und suchte nach einem unbeschriebenen Blatt Papier.
Guste stopfte inzwischen Socken.
Und Wilhelmine zeichnete.
Einen Kopf, zwei Arme, zwei Beine und ein Kleid.
Es sieht aus wie eine Schildkröte, fand Minna und sah Wilhelmine weiterhin erwartungsvoll an.
“Sieh mal, Mama, so ungefähr hab ich mir das Kleid vorgestellt.”
Ach. Ein Kleid. Ich hatte es für den Panzer gehalten, dachte die Schildkröte und betrachtete das Bild eingehend.
“Das findest du schön?” fragte Guste zweifelnd.
Das Kleid auf der Zeichnung hatte irgendwie keine Form. Es ging ziemlich gerade von oben nach unten. Nicht weit nach unten, aber eben gerade. Eine Taille gab es nicht. Dafür schlug es weiter unten in Oberschenkelhöhe Falten.
“Ich nehme mal an, es liegt an deinen Zeichenkünsten”, lenkte die Mutter ein. “Dieses Kleid sieht einfach scheußlich aus.”
“Ich fahre morgen nach Neidenburg und guck nach richtigen Schnittmustern. Und schönen Stoffen. Und einen Hut brauche ich auch.”
Wilhelmines Wangen waren gerötet. Sie hatte sich in Begeisterung geredet.
“Jetzt bin ich aber froh, dass du dich doch auf das Fest freust.” Guste war erleichtert.
Ich glaub ja, sie freut sich mehr darauf, ihr Aussehen zu gestalten, dachte Minna. Sie war sicher, dass Mamka vom Auftreten ihrer Tochter schließlich doch eher überrascht als erfreut sein würde.