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2.1.4 Wirtschafts- und sozialgeographischer Stadtbegriff

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Faktor Erwerbstätige je Wirtschaftssektor

Der wirtschafts- und sozialgeographische Stadtbegriff geht seit jeher von den wirtschaftlichen Funktionen einer Siedlung aus sowie von den Personen bzw. sozialen Gruppen, also den Akteuren, die diese Funktionen ausüben. Liegen sie überwiegend im sekundären und tertiären Wirtschaftssektor – gemessen an Zahl und Anteil der am Ort wohnhaften Erwerbstätigen und/oder der Beschäftigten in Arbeitsstätten des betreffenden Ortes – konnte man früher zweifellos von „Stadt“ im Gegensatz zur landwirtschaftlich strukturierten ländlichen Gemeinde sprechen. Infolgedessen wurde in der Vergangenheit auch in Deutschland häufig der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft (Agrarerwerbsquote) oder der Anteil der landwirtschaftlichen an allen Arbeitsplätzen einer Gemeinde herangezogen, um mittels zeitlich und regional unterschiedlicher Schwellenwerte Siedlungen dem städtischen, dem suburbanen oder dem ländlichen Bereich zuzuordnen. Noch BOUSTEDT (1967) verwendete die Agrarerwerbsquote auf Gemeindebasis, um die verschiedenen Zonen in dem von ihm entwickelten Stadtregionsmodell gegeneinander abzugrenzen (vgl. 2.4.5.5).

Bedeutungswandel der Agrarerwerbsquote

Heute eignet sich in Deutschland und in weiten Teilen des EU-Raumes die Agrarerwerbsquote nicht mehr als ein die Stadt und das Land unterscheidendes Merkmal, da sie durch den wirtschaftlichen Strukturwandel auch in ländlichen Räumen in der Regel auf extrem niedrige Werte abgesunken ist. Auch unter der dortigen Wohnbevölkerung überwiegen heute bei weitem solche Bevölkerungsgruppen, die in nicht-landwirtschaftlichen Berufen arbeiten. Teils sind es Auspendler in gewerbliche Arbeitsstätten benachbarter Städte, teils ging der beschäftigungsmäßige Strukturwandel auf die Ansiedlung gewerblicher Betriebe im ländlichen Raum zurück, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte.

Merkmale Arbeitsteilung und Bevölkerungsgliederung

Zusätzlich wurde vielfach das in Städten breit gefächerte Berufsspektrum als Folge eines hohen Grades an Arbeitsteilung im gewerblichen Sektor und einer relativ großen Einwohnerzahl verwendet, um Stadt und Land zu unterscheiden (vgl. LINDAUER 1970). Auch eine ausgeprägte soziale Schichtung und eine deutliche Gliederung der Bevölkerung in differenzierte soziale Gruppen (vgl. 3.1.3) im Gegensatz zur in der Regel eher homogenen Bevölkerungsstruktur ländlicher Siedlungen wurde häufig als typisches Merkmal von Städten genannt (vgl. FASSMANN 2004, S. 45 ff.).

Zentralörtliche Standortfunktion

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird zunehmend die Mittelpunkts- bzw. Versorgungsfunktion eines Ortes für sein Umland als Merkmal von Städten erkannt und analysiert. W. CHRISTALLER (1933) sprach zwar in seiner richtungweisenden Standorttheorie für Versorgungsfunktionen in abstrahierender Form von „Zentralen Orten“ als Standorten (vgl. 2.5.1.), betonte aber, dass derartige zentralörtliche Funktionen zu den wichtigsten städtischen Aufgaben gehören: „Hauptberuf – oder auch Hauptmerkmal – der Stadt ist es, Mittelpunkt eines Gebietes zu sein.“ (CHRISTALLER 1933, S. 23). D. h. die Stadt ist dadurch gekennzeichnet, dass sie ihr ländliches Umland mit solchen Gütern und Dienstleistungen versorgt, die nicht ubiquitär angeboten werden. Für die Stadt ist also ein Angebots- bzw. „Bedeutungsüberschuss“ charakteristisch.

Innovationsfunktion

In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von Stadtforschern (z. B. ENNEN 1963, SCHÖLLER 1967, WIRTH 1968, VOPPEL 1970, HOFMEISTER 1971, PAESLER 1976, HOLZNER 1990) zunehmend darauf hingewiesen, dass die Städte ihr Umland nicht nur – wie von CHRISTALLER postuliert – mit Gütern und Dienstleistungen versorgen, sondern auch mit Innovationen. Insofern ist die Stadt als Siedlung zu definieren, die mit Zentrumsfunktionen ausgestattet ist und in der ökonomische, soziale und kulturelle Impulse entwickelt und weitergegeben werden, in der sich die charakteristischen Merkmale einer Region und einer Epoche am stärksten niederschlagen und am intensivsten fortentwickeln. Die von verschiedensten Autoren immer wieder zur Stadtdefinition herangezogenen Merkmale – wie z. B. relativ große Bevölkerungszahl, hoher Anteil überbauter Flächen und damit relativ geringe Freiflächenanteile, Bedeutung als Verkehrszentrum, arbeitsteilige Wirtschaft, ökonomische und soziale innere Differenzierung, starke Umweltbelastungen, spezifisch „urbane“ Lebensform der Bevölkerung, die sich deutlich von der Landbevölkerung unterscheidet – stellen in der Regel nur Sekundärmerkmale dar, die auf die genannten städtischen Funktionen zurückgehen und deren Folgen sind (vgl. PAESLER 1976, S. 19ff.; MAIER et al. 1977, S. 102ff.).

Schlussfolgerung zum Stadtbegriff

Aus einer derartigen Stadtdefinition, welche auf stadttypischen Funktionen und auf den Akteuren basiert, die diese Funktionen tragen und weiterentwickeln, folgt erstens, dass die Stadt tatsächlich nur sehr allgemein definiert werden kann, da die früher immer wieder herangezogenen Sekundärmerkmale räumlich und zeitlich veränderbar sind, zweitens dass es Intensitätsabstufungen des städtischen Charakters einer Siedlung geben muss. D. h. es existieren Städte, die mehr oder weniger „Urbanität“ (im Sinne von städtischen Merkmalen und städtischem Charakter) besitzen (vgl. 2.3.2.).

Stadtgeographie

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