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DAS UNSAGBARE

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An tiefster Stelle, verborgen unter dem Ungesagten, brodeln in der Kugel des Unsagbaren die unbewussten Triebe und Bedürfnisse, die die Entscheidungen und Aktionen einer Figur anstacheln.

Das wahre Wesen einer Figur findet nur dann Ausdruck, wenn sie sich, vom Leben unter Druck gesetzt, dafür entscheidet, einen lebensbestimmenden Wunsch aktiv zu verfolgen. Während die antagonistischen Kräfte immer mehr Macht aufbauen, offenbaren die Aktionsentscheidungen der Figur ihr verborgenes Ich, bis schließlich in einer letzten Entscheidung unter maximalem Lebensdruck ihr ursprüngliches, unentrinnbares Ich aufgedeckt wird. Seit Jahrhunderten schon wird darüber diskutiert, wie bewusst beziehungsweise instinktiv die Motivationen sind, die Menschen zu Entscheidungen treiben. Wie immer es sich damit auch verhalten mag, die Entscheidungen nehmen ihren Anfang in dieser innersten Kugel.

Die Sprache kann also nicht ausdrücken, wer eine Figur tatsächlich ist, sondern nur, wer sie zu sein scheint. Schon die Bibel lehrt, dass wir Menschen nicht nach ihren Worten beurteilen sollen, sondern nach ihren Taten. Der Kreis der Wahrheit schließt sich allerdings erst endgültig, wenn Autoren erkennen, dass Worte Taten sind.

Das Sprechen ist das wichtigste Instrument menschlichen Tuns. Wenn eine Figur etwas sagt, tut sie damit auch etwas. Durch ihr Sprechen kann sie einen lieben Menschen trösten, einen Feind bestechen, um Hilfe bitten, Hilfe ablehnen, Autorität anerkennen, sich gegen eine Autorität auflehnen, einen Preis zahlen, etwas oder jemandem Ehre erweisen und immer so weiter auf der endlos langen Liste menschlicher Aktionen. Dialog drückt sehr viel mehr aus als die Bedeutung seiner Worte. Als Sprache dient er der Charakterisierung, als Aktion aber wird er zum Ausdruck des wahren Wesens.

Von Moment zu Moment ringt Ihre Figur um die Erfüllung ihrer Wünsche; sie agiert und nutzt das gesprochene Wort, um ihre Aktionen durchzuführen. Gleichzeitig aber vermitteln ihre Sprachentscheidungen ohne große Ankündigung ihr bewusstes und unbewusstes Innenleben. Ob nun gelesen oder gespielt, gute Dialoge erzeugen immer eine Durchlässigkeit, die den Lesern/Zuschauern einen Blick hinter den gesprochenen Text erlaubt. Dieses Phänomen macht den Story-Rezipienten zum Gedankenleser.

Wenn Sie eine Seite ausdrucksstarken Dialog lesen oder einer herausragenden Schauspielerin dabei zusehen, wie sie eine komplexe Szene spielt, dringt Ihr sechster Sinn in die Figur ein. Sie entwickeln telepathische Fähigkeiten und wissen oft besser als die Figur selbst, was in ihr vorgeht. Ihr Story-gestähltes Echolot verfolgt die Schwingungen immer weiter durch die unbewussten Strömungen der Figur, bis die Aktionen, die sie im Subtext ihrer Äußerungen ausführt, ihre Identität schließlich preisgeben und Sie ihre tiefsten persönlichen Dimensionen entdecken.

Wenn sich, wie manche Menschen meinen, alles und jedes mit Worten ausdrücken lässt, dann sollten wir lieber mit dem Erzählen von Storys aufhören und stattdessen wissenschaftliche Abhandlungen schreiben. Aber das tun wir nicht, denn die unsagbaren Energien des Unterbewusstseins, am Bodensatz des Seins, sind sehr real und verlangen nach Ausdruck.

Im Dialog vereinen sich diese Bereiche, weil das gesprochene Wort durch alle drei Kugeln nachhallt. Dialoge verfügen über die Doppelmacht, das Aussprechbare zu äußern (Charakterisierung) und dabei das Unaussprechliche zu erhellen (wahrer Charakter) – das, was sich in Worte fassen lässt, gegen das, was nur in Taten zu fassen ist. Daher ist der Dialog auch das wichtigste Vehikel, um Figuren-Inhalte zu transportieren.

Dialog

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