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Kapitel 2 | Wer sind meine Lehrer?

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Ich habe das Glück, sehr unterschiedliche berufliche Herausforderungen zu haben. »Was machst du eigentlich alles?«, fragen mich manchmal Leute. Ombudsfrau, meine Gesprächssendung STÖCKL., Science Talk, Gipfel-Sieg, wir (KIWI-TV-Filmproduktion, Anm.) produzieren das Gesundheitsmagazin Bewusst Gesund und die Fragen zur Millionenshow, dann schreibe ich und moderiere und unterstütze persönliche Anliegen. Das ist nur auf den ersten Blick unterschiedlich, auf den zweiten hat alles eine gemeinsame Aussage, die mir wichtig ist: Es gibt keine Alternative zum Dialog! Im Gespräch bleiben, um Gegensätze zu überwinden, Brücken zu bauen, Diskussionen anzuregen – ich kenne nichts Besseres.

Was braucht es, um im Gespräch zu bleiben? Am allerwichtigsten scheint mir, ist schweigen können. Schweigen und zuhören, erst dann kommt das Fragenstellen. Ich glaube, das Größte, das ein Mensch empfangen kann, ist: Gesehen zu werden, gehört zu werden, verstanden zu werden, berührt zu werden. Das Größte, was ein Mensch geben kann, ist: Den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen, zu berühren. Daraus kann man etwas gewinnen, das das Leben besser, das Zusammenleben schöner macht. Manchmal heißt dieses Elixier Mut, manchmal ist es Weisheit, manchmal einfach Trost.

Das zu erkennen, erfordert große Lehrmeister. Sie haben mich auf meinem Weg begleitet. Bekannte, schillernde Persönlichkeiten, kluge Denker, mutige Abenteurer und unbekannte, große Menschen. Ich habe den Einblick in verschiedene Lebenswelten immer als große Bereicherung erlebt. Obdachlose in der Gruft und auf der Donauinsel, Sozialarbeiter im rumänischen Ziegenthal, Pflegekräfte im Krankenhaus oder Altenheim, Hospiz-Mitarbeiter, die bei der letzten Reise da sind. Sie haben mich Demut und Menschlichkeit gelehrt. Und Kontingenz, das Wissen, dass alles ganz anders sein könnte.

Diese Menschen sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Ohne solche mutigen Menschen wäre unser Land gar nicht erst entstanden, und ohne mutige Menschen, die auch unpopuläre Meinungen vertreten, wird es nicht bestehen können. Es gibt sie, die Einzelnen, die ihr Leben riskieren, um einen anderen Menschen zu retten. Die Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, selbst wenn sich persönliche Nachteile daraus ergeben. Es gibt die unbequemen Mahner, die gegen den Strom schwimmen. Wir brauchen diese Vorbilder, wenn unsere Gesellschaft nicht an Gleichgültigkeit und Egoismus zugrunde gehen will. Gleichgültigkeit und Egoismus, diese Eigenschaften scheinen mir gefährlicher als Bedrohungen von außen, weil sie die Gesellschaft von innen her zersetzen. Sie zerstören die Solidarität in unserer Gesellschaft und damit das Fundament unseres Staates. Frage nicht, was dein Staat für dich tut, sondern was du für deinen Staat tun kannst, sagte einst Kennedy. Das ist ein weiser Satz, der für mich so nicht stimmt. Der Staat ist Dienstleister von uns allen, wir dürfen, ja wir müssen jeden Tag fragen, was er für uns tut, und warum so vieles nicht getan ist. Und wir müssen uns jeden Tag selbst fragen, ob wir genug getan haben.

In Solschenizyns Roman Krebsstation wird die Frage gestellt: »Wovon lebt der Mensch?« Die Antworten: von der Versorgung, vom Arbeitslohn, von Luft, Wasser, Essen, von der Qualifikation, von der Heimat, von der Ideologie und gesellschaftlichen Interessen. Immer wieder wird nachgefragt. Am Ende kommt die Antwort, dass man es sich kaum zu sagen wage, es klinge fast unanständig … der Mensch lebe von der Liebe. Der Sinn unseres Lebens? Geliebt zu werden und vor allem lieben zu dürfen. Aus der Passivität des Empfangens in die Aktivität des Gebens zu gelangen, sich gebraucht, wert- und liebevoll erfahren zu dürfen.

»Engagiertes Leben verlangt Einsatz. Bedroht von den Metastasen einer krankmachenden Umwelt, wachsender Individualisierung, Verunsicherung, Überforderung, Angst, Neid, Gier, Reizüberflutung, heimgesucht von ökonomischen, sozialen und ökologischen Katastrophen, alleingelassen von selbstverliebten Verantwortungsträgern und Verantwortungsverweigerern – wovon werden die Menschen leben? Unanständig gesagt: von der Liebe. Von achtsamen, mutigen und warmherzigen Mitmenschen, die an einer Kulturlandschaft arbeiten, die Armen, Kranken, Alten, Sterbenden, Gehinderten, Fremden, Unerwünschten, Sehnsüchtigen und Sinnsuchenden Schutz-, Lebens-, Entfaltungsund Gestaltungsraum bieten. Es gibt sie, gab sie schon immer und wird sie immer geben.«6

Wer sind meine Vorbilder und Lehrmeister,

die mir Geschenke gegeben

und Chancen eröffnet haben? Habe ich

ihnen je gesagt, wie wichtig sie für mein

Leben waren/sind?

Welches Lob habe ich bekommen,

das ich noch heute in guter Erinnerung

habe?

Worin könnte ich Vorbild für andere

sein?

Was wirklich zählt

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