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NATO-Gefechtsstand, Uedem

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Bei einer Handvoll Männern im unterirdischen NATO-Gefechtsstand in der Nähe von Kalkar vibrierten seit dem frühen Morgen die Nerven. Leutnant Willy Hardt wischte sich mit der Linken über die Augen. Sauste da nicht einer der unzähligen weißen Punkte in eine ganz falsche Richtung? Seine rechte Hand zuckte vor. Bis zum roten Alarmknopf waren es nur noch Millimeter. Er zog sie mit einem Ruck wieder zurück. Schaute sie an, als hätte sich die Hand selbstständig gemacht. Als gehorchte sie schon nicht mehr seinem Kommando.

Seit die oberste Alarmstufe angeordnet worden war, starrten Hardt und die Männer, die mit ihm Dienst taten, unentwegt auf ihre Bildschirme. Darauf bewegten sich zahllose weiße Punkte so flink hin und her wie Sperma unter dem Mikroskop. Die Punkte waren Flugzeuge am deutschen Himmel.

General Bernd Wimmer war an diesem Morgen der ASO, der Air Surveillance Officer, der Herr über das Geschehen am Himmel. Auf einer großen Leinwand verfolgte er wie Leutnant Hardt und die anderen Männer und Frauen im Raum nebenan mit größter Anspannung alle Flugzeugbewegungen. Keine Maschine startete in Deutschland, ohne dass er informiert war.

Wimmer sah noch einmal auf den großen Bildschirm an seiner Wand. Er erkannte die weißen Kreise mit den roten Ringen darum. Das waren Hubschrauber und Flugzeuge, mit denen sich einige Minister und Staatssekretäre eilig in die Hauptstadt begaben, vermutlich zur Krisensitzung des Kabinetts. Einige Chefs der Geheimdienste waren schon am frühen Morgen, fast noch in der Nacht, von ihrer Sitzung in der BKA-Dependance in Meckenheim nach Berlin abgeflogen. Alle Flugzeuge und Hubschrauber wurden, je nach Bedeutung der Passagiere, von einer oder mehreren bewaffneten Phantom F-4 begleitet, die als dunkle Punkte auf den Bildschirmen zu sehen waren.

Wimmer wusste, dass es am Morgen weitere neue Anordnungen gegeben hatte. Im Normalfall würde Folgendes geschehen: Wenn sich auf den Radarschirmen der Soldaten einer der vielen Punkte, die von einem hellen Kreis umgeben waren, aus der vorgesehenen Richtung bewegte, würde sich der helle Kreis urplötzlich rot färben, und rote Alarmlampen würden die Kom-mandozentrale in die gespenstisch flackernde Warnfarbe tauchen. Das wäre der Fall »Renegade«. Umgehend würden die Abfangjäger der Alarm-Rotten in Wittmund und Neuburg an der Donau aufsteigen und binnen Minuten das Flugzeug, das die planmäßige Route verlassen hatte, identifizieren. Sie würden Funkkontakt herstellen. Wenn die Piloten nicht reagierten, würden die Abfangjäger mit schnellen Flugmanövern versuchen, die Maschine zur Landung auf einem nahegelegenen Flughafen zu zwingen. Die letzte Warnung, bevor sie sich entschließen könnten, das verdächtige Flugzeug abzuschießen, wäre ein Schuss vor den Bug. Im schlimmsten Fall beträfe das eine gekaperte Passagiermaschine mit über hundert Menschen an Bord.

Seit diesem Morgen würden die Abfangjäger im Ernstfall nicht erst aufsteigen müssen – sie befanden sich bereits in der Luft. Während der nächsten drei Tage sollten sie ständig am Himmel Position beziehen, damit sie ohne nennenswerten Zeitverlust auf mögliche Feinde reagieren konnten.

Frühmorgens war über die NATO-Zentrale in Brüssel der Befehl hereingekommen: »Höchste Alarmstufe, Übung sword one startet sofort.« Dann waren kurz hintereinander weitere Anweisungen gefolgt. General Wimmer hatte sich seine Gedanken gemacht, aber keinen Hinweis auf den Anlass dieser Übung mit der höchsten Alarmstufe erhalten.

Die NATO-Luftverteidigungszentrale in Uedem mit dem unterirdischen Gefechtsstand war wenige Jahre nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA eingerichtet worden. Wimmer, zuvor Büroleiter des Verteidigungsministers auf der Bonner Hardthöhe, war bald darauf zum deutschen Leiter dieser Einheit ernannt worden. Er war inzwischen einiges gewohnt, aber diese Alarmvariante war auch für ihn neu. Nach kurzem Überlegen konnte er dafür nur einen Grund erkennen – den er allerdings den diensthabenden Soldaten noch nicht mitteilte.

General Wimmer schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

Hoffentlich würde es nicht so weit kommen, dass die Piloten sich vor die schwerste Gewissensfrage gestellt sähen: Wie sollten sie reagieren, wenn eine voll besetzte von Terroristen gekaperte Passagiermaschine mit nuklearem Bombenstoff an Bord auf ein Stadtgebiet zuraste? Das Flugzeug abschießen oder weiterfliegen lassen?

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