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8 Moskau, Verteidigungsministerium
Оглавление»Victor«, sagte Gennadij und sah den General, über den Tisch hinweg an, »was ist eigentlich, wenn euch mal ein großes Malheur passiert?«
»Was sollte das denn sein, zum Beispiel?«
»Wenn einer der Zöllner, die ihr an den Flughäfen mit Dollars oder sonst wie«, erwiderte Gennadij und holte mit der Rechten aus, als wolle er zuschlagen, »überzeugt habt, das zu tun, was ihr von ihnen verlangt, zum Beispiel kurzfristig ausgetauscht oder krank wird. Was ist dann? Dann fliegt doch alles auf. Ihr seid dran, und ich bin auch geliefert. Sibirien, sag ich nur, oder schlimmer!«
Die beiden Freunde saßen an einem selbst für Moskauer Verhältnisse kalten Oktobermittag im Offizierskasino des Verteidigungsministeriums zusammen. Draußen klatschte der Regen unaufhörlich gegen die gekippten Fenster.
Drinnen war es bullig warm. Die Heizung lief auf vollen Touren.
Der General zog das Jackett seiner khakigelben Uniform mit den drei goldenen Sternen auf den Schultern aus und legte es auf den Stuhl neben sich.
Sein Hemdkragen stand weit offen. Die Krawatte, die eben noch wie ein Würgeinstrument um seinen überquellenden Hals gespannt gewesen war, nahm er ebenfalls ab und warf sie achtlos auf das Jackett. Seine kurzen, kräftigen Beine schienen, wie Gennadij gleich zu Anfang ihres Treffens festgestellt hatte, in viel zu engen Hosen zu stecken.
Mit seiner fleischigen Hand schob er sein noch fast volles Wodkaglas, zusammen mit den anderen leeren Gläsern, an den Rand des Tisches. Dabei war kein Klirren zu hören. Er beugte sich weit zu Gennadij hinüber, wobei er ihn in eine Wolke von Bier- und Wodkadunst hüllte, und musterte ihn einen kurzen Moment nachdenklich durch seine randlose Brille.
»Meinst du wirklich, wir wollten in so einem dreckigen Loch mit Gitterstäben davor in Sibirien enden? Glaub mir, Gennadij, wir haben immer für jede Sache doppelte Sicherungen eingebaut«, erklärte er dann mit gedämpfter Stimme. »Es gibt da aber noch was anderes, das muss ich unbedingt mit dir besprechen. Die Leute von unserem Auslandsgeheimdienst in der Berliner Botschaft haben mir ein Papier zugesteckt. Darin geht's um ein deutsches Journal namens Energy Report und seinen Chefredakteur. Er heißt Dani…el Deck… blin, verflixt!«, fluchte er. »Ich kann diese deutschen Namen immer noch nicht richtig aussprechen!«
Der General kratzte sich am Kinn, das ein Dreitagebart aus dunklen Stoppeln zierte.
Gennadij zuckte zusammen. »Meinst du Daniel Deckstein?«
»Genau. So heißt er. Du kennst ihn ganz gut, haben sie gesagt. Er war letztes Jahr auf Einladung der Regierung in Moskau und Nowosibirsk und ...«
»Da war er, das ist richtig«. Gennadij wusste alles über Decksteins Reise. »Aber er hat sich auch Atomkraftwerke und in Petersburg, ich meine in Wyborg, die Planung der neuen Gaspipeline nach Deutschland angesehen. Ich hab ihn die ganze Zeit begleitet. Was ist mit ihm? Ist doch ein netter Kerl.«
»Ich weiß, dass du ihn magst. Steht alles in dem Bericht.«
Gennadij sah den General verwirrt an. Er wusste nicht, was er denken sollte.
»Die Leute vom Auslandsgeheimdienst haben jemanden auf ihn angesetzt«, erklärte Victor. »Ich hab mir überlegt, dass wir uns das zunutze machen könnten. Wenn du nachher nach Berlin fliegst, kannst du von dort aus Kontakt mit ihm aufnehmen.«
In Gennadijs Kopf arbeitete es. Was konnte der GRU, der für die militärische Aufklärung im Ausland zuständig war, von Daniel Deckstein wollen? Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Vielleicht planten Victor und ein paar andere Offiziere ja irgendeine Sauerei auf eigene Rechnung und schoben ihm gegenüber den GRU nur vor. Oder sein Freund gehörte selbst dazu.
Gennadij hatte da immer einen gewissen Verdacht gehegt. Victor saß inzwischen auf einem wichtigen Posten, ganz in der Nähe des Ministers, und diesem wurde der größte Einfluss auf den Präsidenten zugeschrieben.
Geistesabwesend schüttete Gennadij aus der silbernen Streudose, die vor ihm auf dem Tisch stand, etwas Zucker in seinen schwarzen Kaffee. Seine Hände zitterten. War es nur die Hitze im Kasino, die ihm den Schweiß ins Gesicht trieb? Oder auch die Angst? Er musste unbedingt etwas trinken. Und wenn es Kaffee war, der ihn nur noch mehr schwitzen lassen würde.
Gennadij war vor Jahren unfreiwillig aus der Armee ausgeschieden. Sie konnte ihn nicht mehr bezahlen. Nach der Rückkehr aus Ostberlin hatten Victor und er noch eine Weile in der Atomstadt Sarow südlich von Moskau Dienst getan. Damals, zu Zeiten der Sowjetunion war das eine der zehn äußerst geheimen und für die sowjetischen Normalbürger nicht zugänglichen Städte der Sowjetunion gewesen. Jeder Fremde, der sich in die Nähe gewagt und den man entdeckt hätte, wäre sofort erschossen worden. Der Tarnname der Stadt war Arzamas. Prominente Nuklearexperten wie der Vater der sowjetischen Atombombe, Borissowitsch Chariton, hatten in Sarow gearbeitet. Dort war auch die Wasserstoffbombe entwickelt worden.
Doch bald schon kam in Arzamas kein Geld aus Moskau mehr an. Monatelang hatten sie auf ihren Sold warten müssen. Selbst die besten Nuklearexperten gingen ins Ausland. In den Iran, nach Libyen, Korea, Südafrika oder sonst wohin. Sie waren weltweit gefragt, das hatte Gennadij schon damals mitbe-kommen.
Victor hatte inzwischen eine steile Karriere hingelegt, aber ihm, Gennadij, hatte sich in der Armee keine Zukunft mehr geboten. Noch heute stand immer noch viel Sold von damals aus. Als Arzt war er anschließend nirgendwo mehr untergekommen. Er war mit seiner Familie nach Moskau zu seinen Eltern gezogen. Seine Frau Swetlana und er hatten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten.
Später wurde Victor ins Verteidigungsministerium in Moskau versetzt. Er hatte seinen Freund aus Berliner Tagen nicht vergessen und ihm hin und wieder Aufträge zugeschanzt. Der General umschrieb das, was Gennadij für ihn erledigte, gern mit dem Begriff »taktische Aufgaben«. In Gennadijs Augen waren die Reisen in den Westen mit dem brisanten Stoff im Gepäck nichts anderes als eine lebensgefährliche Drecksarbeit.
Seit er die Aufträge für Victor übernommen hatte, trafen sie sich jedes Mal vor seiner Reise im Offizierskasino des Verteidigungsministeriums. In der letzten Zeit hatten sich die »taktischen Aufgaben« gehäuft. Gennadij wurde zweifellos gut bezahlt, er bekam viel mehr Geld, als er als Arzt irgendwo verdient hätte. Wenn alles weiter so gut lief, dann hätte er in Kürze ausgesorgt. Falls aber etwas schief ging, wäre sein Leben möglicherweise schneller zu Ende, als ihm lieb war. Gennadij wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Statt diesen Scheißkaffee solltest du besser mal was Ordentliches trinken«, sagte Victor und musterte seinen schwitzenden Freund über die Brille hinweg.
Gennadij schüttelte den Kopf. »Liegt nicht am Kaffee, ist nur so verdammt warm hier drin. Außerdem sieh dich mal an, mein Lieber! Dir läuft ja auch die Suppe runter. Fehlt nur noch, dass du auch noch deine Hose ausziehst!«, versuchte er zu scherzen.
Victor grinste. »Na und? Ich bin doch hier fast zu Hause. Zieh doch auch dein dickes Jackett aus. So, wie du schwitzt, holst du dir noch den Tod, wenn wir dich nachher am Flughafen aus dem Auto ausladen.«
»Ist schon gut, Victor.«
Gennadij schaute an dem feisten, geröteten Gesicht seines Freundes vorbei zum Fenster. Erschrocken stellte er fest, dass es seit seiner Ankunft im Ministerium noch kälter geworden sein musste. Der Schneeregen wurde immer dichter und hinterließ breite Schlieren auf den staubigen Scheiben. Das Wasser tropfte auf die lockeren Fensterbleche und erzeugte ein monotones tok, tok, tok. Es erinnerte Gennadij an Maschinengewehrfeuer, das er aus seiner Armeezeit noch genau im Ohr hatte.
Victor sah ihn einen Moment nachdenklich an. »Nicht, dass du mir noch krank wirst, Gennadij. Du musst auf jeden Fall fliegen. Eine Panne können wir uns nicht leisten!«
»Ich fliege auch mit einer Erkältung, Victor, das weißt du.«
»Das hör ich gern, Gennadij. Ich weiß, du bist ein wirklicher Freund«, sagte der General und versetzte ihm ein paar kräftige Klapse auf die Schulter.
»Du weißt ja, uns sitzt der GRU im Nacken«, fügte er mit einem maliziösen Lächeln hinzu. »Watscheslaw wartet morgen Mittag am Berliner Flughafen auf dich. Du musst ihm den Stoff übergeben. Wenn alles klappt, schlagen wir schon sehr bald zu.«
Gennadij riss die Augen auf. Er brachte vor Schreck keinen Ton heraus.
Der General ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. Unter seiner massigen Brust wölbte sich ein kolossaler Bauch, der, wenn er sich bückte wie eben, als ihm einige Rubel aus der Hosentasche gefallen waren, den Eindruck vermittelte, als würde er ihn gar nicht mehr auf die Beine kommen lassen wollen. Aber das täuschte. Victor gehörte zu den Dicken, die jeden mit ihrer Beweglichkeit verblüfften. Mit einem schnellen Griff zog er eine halb leere Schachtel Papirossy aus der Brusttasche seines Jacketts, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
Gennadij hob abwehrend die Hände. »Mensch, Victor, erst die Hitze, dann versetzt du mich in Angst und Schrecken, und jetzt qualmst du mich auch noch zu. Wenn ich nicht auf einem dieser Horrortrips für dich hopsgehe, komme ich hier um …«
Er fummelte einen Zettel aus seiner Anzugtasche, einen Kassenzettel aus einem Kaufhaus. Mit krakeliger Schrift schrieb er darauf: »Fanatische Truppe. Können wir darüber reden?« Er schob Victor den Zettel über den Tisch zu.
Der General nahm ihn mit einer hastigen Bewegung an sich. Kaum hatte er ihn gelesen, schüttelte er auch schon den Kopf. »Später«, sagte er nur, zerknüllte das Papier mit seinen dicken Fingern und steckte es in die Hosentasche. »Mit der Truppe ist, glaub ich, was schief gelaufen. Ich fürchte, die haben sich selbstständig gemacht hat oder werden von anderen gesteuert.« Er sah sich nach allen Seiten um. Er beugte sich zu Gennadij hinüber und flüsterte: »Alles, was ich dir sage, muss unbedingt unter uns bleiben. Auch das mit Deckstein. Geheimsache zwischen meinem Minister und einigen GRU-Generälen.«
»Und das sagst du mir jetzt erst?«, zischte Gennadij dem General ins Ohr. »Du glaubst also, da könnte was schief gelaufen sein? Hast du mal an mich, an dich gedacht? Was das für uns bedeuten könnte?«
Victor sah Gennadij an, zeigte nach oben zur Decke und flüsterte: »Wir gehen gleich rüber in ein sicheres Zimmer. Lass uns dann darüber sprechen.«
»Gut, und die Sache mit Deckstein?«, fragte Gennadij.
»Besprechen wir auch da drüben.« Der General legte kurz einen Finger auf den Mund und sagte leise: »Lass uns jetzt so tun, als würden wir uns ganz normal unterhalten.«
Das war ganz im Sinne Gennadijs, der spürte, dass er seine plötzliche innere Anspannung irgendwie loswerden musste.
»Übrigens, Victor, was ich dir eben schon sagen wollte «, rief er laut, »ich staune, dass du in unserem Alter und bei deiner Leibesfülle immer noch durchhältst. Im Laufe der Zeit hast du zwar immer weniger Haare auf dem Kopf be ...«
»Na, na«, murmelte Victor erstaunt und bedachte seinen hochgewachsenen, hageren Freund mit einem schmollenden Blick. Er tastete seinen schütteren Haarkranz ab, den er mit großer Sorgfalt um seinen Kopf zu drapieren pflegte. Im Moment war alles ein wenig außer Fasson geraten und die lichten, schweißbedeckten Stellen auf seinem Schädel glänzten im schummerigen Lampenlicht. Missmutig sah er zu, wie Gennadij demonstrativ sein dichtes hellbraunes Haar zurückstrich.
»Du rauchst wie früher, du säufst, wie du es immer getan hast«, fuhr Gennadij in seiner Aufzählung fort, die im Ton zwischen Bewunderung und Abneigung schwankte. »Und wie du mir in den letzten beiden Stunden versichert hast, verlässt keine einzige deiner hübschen Gespielinnen enttäuscht dein Bett!«, sagte er und schaute zu der drallen, blonden Bedienung hinüber.
Victor war Gennadijs Blick gefolgt. »Nur kein Neid, Gennadij, nur kein Neid!«
»Wenn du willst, verschaff ich dir gerne hin und wieder auch so eine kleine zusätzliche Freude. Wenn, ich sage, wenn, Gennadij, wenn dir deine liebe Frau Swetlana mal einen Abend freigibt, ließe sich das leicht arrangieren.«
Victor grinste Gennadij schief von unten an. In seinen Brillengläsern spiegelte sich die vollschlanke Figur der jungen blonden Bedienung, die einige Tische weiter irgendetwas arrangierte. Manchmal hat er etwas Verschlagenes an sich, dachte Gennadij. Er hob abwehrend die Hand.
»Danke, Victor, ich komm auch so zurecht.«
»Gennadij, lieber Freund, ich verbringe in diesem Puff hier die meiste Zeit meines Tages. Opfere die längste Zeit meines Lebens fürs Vaterland. Da werd ich mir doch irgendwann am Abend oder in den Ferien noch ein bisschen Freude gönnen dürfen, oder? Das solltest du armer Arzt auch mal tun!«
»Ich gönne dir das doch, Victor, ganz bestimmt, ich gönn es dir. Ich habe nur gestaunt, was heißt gestaunt, dich bewundert«, versicherte Gennadij und sah Victor mit einem süffisanten Lächeln an, »dass du das alles durchhältst!«
Der General richtete sich in seinem Sessel zu seiner vollen Größe auf.
Gennadij hatte den Eindruck, dass die meisten seiner Feststellungen dessen Selbstbewusstsein noch gestärkt hatten. Den Hinweis auf das schütter werdende Haar – Gennadij wusste, das war Victors wunder Punkt – schien dieser schon vergessen zu haben. Er hatte auch nur deshalb darauf angespielt, weil er ärgerlich auf den Freund war.
Die Arbeit, die er in Victors Auftrag erledigte, war ohnehin schon gefährlich genug. Und nun teilte ihm der General auch noch mit, dass es mit der Truppe, der Gennadij seine hochbrisante, strahlende Ware über geheimnisvolle Zwischenstationen zulieferte, Schwierigkeiten gäbe.
Victor griff nach seiner kleinen Aktenmappe und zog ein Schriftstück hervor. Mit einem kräftigen Schwung warf er es Gennadij über den Tisch zu.
Dann beugte er sich weit zu ihm hinüber und flüsterte: »Hier, lies das mal. Darin findest du alles zur Sache Deckstein. Wenn du fertig bist, kommst du nach nebenan.
Das Püppchen da«, er nickte in Richtung der jungen Blondine, »wird dich rüberbringen. Dann können wir alles besprechen. Da kann keiner mithören.«
Der General stand auf. Er schob seinen Stuhl mit einem solchen Gepolter zurück, dass das Mädchen herbeigelaufen kam.
»Ist was, General?«, fragte sie mit ehrlicher Besorgnis in der Stimme.
»Nein, Asja, bin bei bester Gesundheit, wie du siehst.« Er legte seinen Arm besitzergreifend um ihre Taille, zog das Mädchen an sich und sagte: »Lass uns rübergehen.« Dann zeigte er auf Gennadij. »In ein paar Minuten bringst du mir meinen lieben Freund da. Und gleich servierst du mir da drüben auch noch einen ...«
Gennadij hörte schon nicht mehr zu. Seine Augen glitten bereits über das Papier. Sein Blick fiel auf ein Foto von Deckstein, das rechts oben angeheftet war. Es zeigte den Journalisten mit der dunkelhaarigen Elena an seiner Seite.
Gennadij besah sich das Bild näher. Das musste jemand letztes Jahr bei Decksteins Besuch in Moskau gemacht haben. Aber wer? Er hatte Deckstein bei seinem Moskau-Besuch die ganze Zeit über begleitet. Hatten der GRU oder der Inlandgeheimdienst FSB sie bespitzelt? Gennadij spürte einen schalen Geschmack im Mund.
In Gedanken vertieft, griff er zu dem nächststehenden Glas und nahm einen Schluck. Er schüttelte sich. Hustete. Er hatte soeben Victors volles Wodkaglas geleert, das dieser stehen gelassen hatte, als er mit dem »Püppchen« nach nebenan gegangen war. Gennadij schob das leere Glas beiseite und griff zu seiner Kaffeetasse. Ohne abzusetzen, trank er die letzten Schlucke aus.
Dann vertiefte er sich wieder in das Bild. Es zeigte Danie, wie er ihn immer genannt hatte. Mit der Rechten hielt er, dem Wirtschaftsminister zugewandt, ein Wodkaglas hoch. Danie stand so dicht neben Elena, die bei dem Interview mit dem Minister gedolmetscht hatte, dass seine linke Hand nicht zu sehen war.
Als einer der ganz wenigen deutschen Journalisten im Kreml hatte Deckstein ein ausführliches Interview mit dem Minister gemacht. Nur Spiegel-Chef Rudolf Augstein und Stern-Chef Henri Nannen – beide waren inzwischen verstorben – hatten häufiger den Vorzug solcher Gespräche genossen. Bei Decksteins Interview war es um große Wirtschaftsprojekte gegangen.
Er hatte dabei auch ein altes deutsch-russisches Thema wieder aufgewärmt und Fragen über die gegenseitigen Stromlieferungen zwischen Russland und Europa gestellt.
Gennadij wusste, dass sein Land bereits fast vierzig Prozent des deutschen Gasverbrauchs lieferte. Ihm kam ein verwegener Gedanke. Dachten Victor und seine Leute über einen Schlag gegen die Energieversorgung Deutschlands nach? Aber wie passte Danie in einen solchen Plan?
Gennadijs Blick ruhte einen Moment auf Elena. Mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und ihrer zierlichen Figur war sie immer noch sehr attraktiv. Und sie hatte eine fast ebenso hübsche jüngere Schwester. Die hatte er damals allerdings nur einmal gesehen.
Auf dem Bild strahlte Elena Danie unverhohlen an. Offenbar hatte sie ihre Wirkung auf Männer seit damals, als sie gemeinsam studiert hatten, nicht eingebüßt.
Später hatte Gennadij sie aus den Augen verloren.
Er wusste nur, dass sie nach dem Studium eine Zeit lang als Dolmetscherin in Ostberlin gearbeitet hatte.
Erst der Zufall hatte sie wieder zusammengeführt.
Als er Danie auf der ersten Reise nach Petersburg begleiten sollte, fand Gennadij ihren Namen in den Unterlagen zur Vorbereitung der Reise. Elena Podeskaja, das konnte nur sie sein.
Es hatte ein großes Hallo gegeben, als sie sich wiedersahen. Sie hatten alte Erinnerungen ausgetauscht. Über das, was sie nach der gemeinsam verbrachten Zeit gemacht hatte, war Elena ziemlich rasch hinweggegangen. Das hatte in Gennadij einen Verdacht geweckt, den er nie wieder losgeworden war. Es hatte aber auch noch andere Merkwürdigkeiten gegeben. So hatte Elena oft, während sie mit ihm sprach, mitten im Satz abrupt innegehalten. Ihr Gesicht hatte dabei einen Ausdruck angenommen, als sei sie im Moment gar nicht mehr anwesend. Später war ihm der Gedanke gekommen, dass sie in solchen Momenten gewirkt hatte, also höre sie auf irgendeine innere Stimme.
Auf einer weiteren Reise hatte er sie dann ganz direkt gefragt, ob sie als Dolmetscherin auch für den FSB arbeite. Sie hatte ihn nur lange angesehen. Und nichts gesagt. Ihre schönen Augen hatten nicht gestrahlt. Gennadij glaubte, in ihnen eine tiefe Traurigkeit entdeckt zu haben.
Im Verlauf ihrer letzten gemeinsamen Reise, auf der sie mit Danie zur Akademie der Wissenschaften nach Nowosibirsk gereist waren, hatte es einen Bruch in ihrer freundschaftlichen Beziehung gegeben. Elena wurde ihm gegenüber zurückhaltender, geradezu distanziert. Auch hatte sie sich plötzlich an vieles nicht mehr erinnert, was sie während ihrer Studentenzeit gemeinsam unternommen hatten.
Er hatte versucht, sich gegen den Eindruck zu wehren, dass Elena von irgendwo her ferngesteuert wurde, aber er konnte den Gedanken nicht mehr verdrängen. Vor Monaten hatte er eine große medizinische Studie in die Finger bekommen, in der die verblüffenden Ergebnisse von Experimenten am menschlichen Gehirn geschildert wurden. Unter anderem war Testpersonen ein Chip implantiert worden. In ihrem Gehirn wurde dann durch einen elektrischen Impuls ein Reiz stimuliert, der wiederum eine Befehlskette auslöste. Dieser waren die Testpersonen – Lagerhäftlinge, hatte Gennadij vermutet – wie auf Kommando gefolgt.
Er lehnte sich zurück und dachte nach. Konnte es sein, dass sich ein solcher Chip in Elenas Kopf befand? Er betrachtete wieder das Foto. Im Unterbewusstsein nahm er wahr, dass sich Danies voller blonder Haarschopf von Elenas langen schwarzen Haaren abhob. Auch Elenas hochstehende Wangenknochen fielen ihm auf. Sie betonten ihre natürliche Anmut und Eleganz, die so viele Kommilitonen schon damals an ihr bewundert hatten, verrieten aber auch ihren slawischen Einschlag. Ihr Gesicht wirkte dadurch etwas breiter, fand er. Danie hatte dagegen ein schmales, langes Gesicht. Seine Augen …
Gennadij stutzte. Er beugte sich noch tiefer über das Bild. Bevor er falsche Schlüsse zog, wollte er ganz sichergehen.
Aber es gab gar kein Vertun: Danie sah nicht zum Wirtschaftsminister, sondern erwiderte Elenas innigen Blick. Wäh- rend der häufigen Reisen ins Land hatte sich damals zwischen den beiden wohl etwas entwickelt. Er hatte sie einmal überrascht, als sie sich einen Moment unbeobachtet glaubten, und da hatten sie sehr vertraut miteinander getan.
Seine Gedanken überschlugen sich. Immer mehr Puzzleteile fügten sich zusammen. Danie war mehrmals in die Sowjetunion gereist. Und er war auch häufiger in Russland gewesen. Elena war immer dabei gewesen. Gennadij hatte das schon damals äußerst merkwürdig gefunden.
Normalerweise, so wusste er, achtete der FSB darauf, dass die Begleitpersonen immer wieder gewechselt wurden, um keine zu große Nähe aufkommen zu lassen. Hier stimmte etwas nicht, da war er sich jetzt sicher.
Eines Abends hatten Danie und er ein oder zwei Glas Wodka mehr getrunken. Da hatte er Danie gegenüber eine vorsichtige Andeutung gemacht. Er sei sich nicht darüber im Klaren, welche Rolle Elena wirklich spiele. Er wisse nicht, hatte er ihm erklärt, ob sie echte Gefühle für ihn, Danie, hege, oder nur einen Auftrag als Agentin des GRU oder des FSB ausführe.
Danie hatte nur gelacht. »Selbst wenn es so wäre, hältst du euren FSB für so blöd, Gennadij? Der muss doch wissen, dass man mich mit Frauen und Alkohol nicht erpressen kann. Was das betrifft, so ist mein Ruf schon ruiniert. Und außerdem bin ich geschieden. Was soll schon sein?« Und dann hatte er gesagt: »Weißt du, Gennadij, so eine Frau wie Elena hab ich noch nie kennengelernt!«
Danie hatte vermutlich zu keiner Zeit in Betracht gezogen, dass er sich in Gefahr befinden könnte. Durch Victor aber war Gennadij über Dinge informiert, von denen Danie nichts wusste. Der FSB oder der GRU, oder beide zusammen, konnten hässliche Fallen stellen, in denen schon ganz andere umgekommen waren. In Gennadij wuchs die Gewissheit, dass er auf Danie aufpassen musste – möglicherweise war Elena eine solche Falle.