Читать книгу Kreta Reiseführer Michael Müller Verlag - Eberhard Fohrer - Страница 15

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Der Palast

Knossós liegt auf einer kleinen Anhöhe im weiten Tal des Kaíratos, gleich links neben der Straße, wenn man von Iráklion kommt. Vorbei an Tavernen und Souvenirshops gelangt man zum Ein­gang der Anlage, die man von der Westfront her betritt. Ein dichter Gürtel von Alep­pokiefern ver­sperrt den Blick auf den Palast, der mit 22.000 m2 Ge­samtfläche, weit über tau­send Räu­men und bis zu vier Stockwerken bei wei­tem der größte der mi­noi­schen Paläste auf Kre­ta war. Völlig unbefestigt steht er da, ein Sym­bol für die al­len An­zei­chen nach gänz­lich ungefährdete Stel­lung der Minoer - ihre Schiffe be­herr­schten das gesamte östliche Mittel­meer, Mauern hatten sie nicht nö­tig, so wird heute vermutet.

Das Grundschema des Aufbaus ist bei allen kretischen Palästen gleich: Um ei­nen lang gestreckten, recht­eckigen Zentralhof gruppieren sich die Gebäudeflü­gel im Vier­eck. In Knossós befinden sich an der westlichen Längs­seite die Kult­räu­me und Ma­ga­zine, an der Rückfront (Ostseite) das große Trep­penhaus, die Pri­vat­räu­me der Königs­familie und Werkstätten. Fens­ter gibt es nur wenige, dafür wun­der­bar kon­struierte Lichtschächte, die Luft und Sonnenlicht bis in die entle­gensten Winkel des Pa­lastes schicken - die ur­eigen­ste Erfindung der Minoer. Höchst eindrucksvoll ist auch die Kanalisation, deren mo­dern anmutende Ton­röh­ren und Ab­flussschächte man über­all im Palast entdeckt.


Rekonstruktionen minoischer Fresken über dem Thronsaal

Anfahrt/Verbindungen Mit dem eige­nen Fahr­zeug nimmt man ab Eleftherias-Platz den breiten Leo­fo­ros Dimokratias, der direkt nach Knos­sós führt (etwa 6 km). Direkt am Eingang zum Palast gibt es einen großen, kostenlosen Parkplatz, ein­gerichtet von der Stadt Iráklion. Bereits etwa 100 m vorher wird man von der Taverne Pasiphae zum Parken in einem schat­tigen Olivenhain gewunken. Auch hier ist das Parken kostenlos, der Besuch der Taverne wird nicht eingefordert.

Bus 2 fährt in Iráklion von der ehemaligen Buss­tation am Hafen etwa alle 20 Min., er hält außer­dem am Elef­therias-Platz und am Je­sus-Tor. Fahrpreis einfach et­wa 1,70 €, bei Kauf im Bus 2,50 €, Dauer der Fahrt im Stop-&-Go-Verkehr bis zu 45 Min.

Taxi kostet etwa 12 €.

Öffnungszeiten April bis Okt. tägl. 8-20 Uhr, übrige Zeit Mo-Fr ca. 8-17, Sa/So 8.30-15 Uhr. Eintritt ca. 15 € (Nov. bis März 8 €), Senioren über 65 J. sowie Schül./Stud. und Pers. von 6-25 J. aus Nicht-EU-Län­dern 6 €, freier Eintritt für Pers. bis 25 J. und Schül./Stud. aus EU-Län­dern. Foto­gra­fie­ren und Vi­deo frei. Tel. 2810-231940.

Kombiticket mit Arch. Museum ca. 20 €, drei Tage gültig, für Schül./Stud. aus Nicht-EU-Län­dern 10 € (im Winter 12 €/6 €).

Online-Ticket unter etickets.tap.gr

Freier Eintritt Nov. bis März am ersten So im Monat, außerdem 6. März, 18. April, 18. Mai, European Cultural Heri­tage Day (letzte Sept.-Woche) und 28. Okt.

Tipp: Am ruhigsten ist es in der Regel ab dem späten Nachmittag, da dann keine Aus­flugs­busse mehr kom­men. Vormittags gibt es in der HS oft Wartezeiten.

Trotz der schönen Pi­nien und Zypressen um den Palast ist die Anlage selbst völlig baum- und schattenlos, ein Sonnenschutz ist anzu­raten.

Führungen Gruppenführungen kosten ca. 10 €/Pers. (für Stud. 5 €), Einzelführung ca. 25 €. Am Eingang wird man ange­spro­chen, ob man sich in eine Gruppe ein­reihen will. Ob sich das lohnt, hängt ganz vom Führer ab.

Essen & Trinken Einige Tavernen liegen an der Straße ge­genüber vom Palast, die Taverne Pasiphae passiert man kurz vorher. Abends sind alle Tavernen geschlossen.

Pasiphae, mit kostenlosem Parkplatz, 100 m vor dem Eingang zu Knossós. Interessante „minoische“ Küche, viel mit Hülsenfrüchten, kretisches Bier Charma, netter Service, nicht überteuert. Stühle mit minoischen Schrift­zeichen, im Hintergrund läuft ein Video mit einer virtuellen Rekonstruktion des Palastes. Tel. 2810-323166.

Elia & Diosmos, im nahen Dorf Skaláni im Weinbaugebiet (ca. 15 Au­to­min. ab Knossós), große Terrasse und bekannt für seine gute Kü­che. Tel. 2810-731283.

Kritiki gi, Alternative schräg gegenüber. Tel. 2810-731658.

Rundgangsiehe auch Karte

Bis heute orientiert sich die Interpreta­tion der erhaltenen Bauten (Megaron des Königs und der Königin, Thronsaal, Zollstation etc.) an Evans’ Ideen - es sei darauf hin­gewiesen, dass es sich dabei aber nur um Hypothesen handelt.

Wegen Covid-19 waren 2020 interes­san­te Teile des Palastes gesperrt. Erkun­di­gen Sie sich ggf. vor Lö­sen des Tickets, man wird nicht darauf hingewiesen.

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Westhof 1: Der gepflasterte Hof, den man als erstes betritt, diente vielleicht oft als Schauplatz feierlicher Kult­hand­lungen, denn ihn durch­ziehen et­was erhöhte Prozessionswege und in den drei ummauerten Gruben 2 lin­ker Hand, „Kouloúres“ genannt, hat man Gefäße gefunden, die bei den Zeremo­nien ver­wendet wurden (andere Theo­rien sprechen von Getreidekam­mern oder Ab­fall­re­servoirs). In zwei der Gru­ben sind Ruinen frühminoischer Häu­ser aus der Vor­pa­last­zeit zu erken­nen. Außer­dem stehen im Hof noch die Reste von zwei Altären 3, von denen Evans an­nahm, dass hier Tiere geopfert wor­den waren.

Westflügel: Von der Westfassade des Palastes sind nur die Grund­mau­ern erhalten, der obere Teil und die Pfeiler­stümpfe wurden von Evans rekon­stru­iert. Ins Innere des Pa­lastes gelangte man an der rechten Sei­te der Fas­sade 4 auf einem heute für Besucher gesperr­ten Weg - eine Rund­säule stützte den Türstock, ihre Ba­sis ist erhalten. Rechts liegen zwei klei­ne Räume, in denen wahr­schein­lich die Torwachen saßen. Die Touris­ten­strö­me werden außen herum ge­lei­tet, bis sie auf den langen Gang treffen, der we­gen seiner Wand­male­reien Pro­zes­sionskor­ridor 5 ge­nannt wird. Mehr als 500 Fi­guren reih­ten sich hier an­einander (Reste der Fres­ken im Arch. Mu­seum in Iráklion). Sein Bo­den ist anfangs mit weißen Ala­bas­ter­platten, grauen Schie­fer­steinen und rotem Mör­tel nach dem mutmaß­lichen Ori­gi­nal­zustand re­kon­struiert. An der dem Palast zuge­wandten Weg­seite sind einige Origi­nal­teile er­hal­ten. Im Weiteren geht man auf einem Holz­weg zum Süd­pro­py­lon. Am Süd­en­de füh­ren Treppen hinunter zum South House 6, einem drei­stö­cki­gen Bau aus der Spätpalastzeit. Auf der süd­lichen Mauer­krone sieht man mächtige Kult­hör­ner. Sie wa­ren ein be­deu­ten­des Sym­bol des mi­noi­schen Stier­kults und wurden oft als Ver­zie­run­gen oben auf die Palast­fas­sa­den ge­setzt.

Vor dem Ende des Korridors wendet man sich nach links und kommt zum Süd­pro­pylon 7, dem monumentalen Süd­eingang des Palastes mit seinen me­ter­dicken Mau­ern. Es besteht aus zwei Hal­len mit je zwei Säulen (nur noch Fun­da­mente vor­han­den) und wur­de von Evans teil­weise re­kons­tru­iert. Blick­punkt sind die großen Fres­ken­ko­pien von Kult­gefäßträgern, wahr­schein­lich das En­de des Pro­zes­sions­fres­kos, das bis hier­her gereicht hat. Die be­to­nier­ten Senk­recht- und Quer­bal­ken in den Mau­ern sol­len frü­here Holz­bal­ken imi­tie­ren, die in der Art von Fach­werk den Mau­ern Elas­tizität ga­ben.

Über eine breite Treppe 8 gelangt man ins Obergeschoss, das sog. Pi­ano No­bile, das völlig ein­ge­stürzt war und von Evans wieder­auf­gebaut wur­de (Re­kon­s­truktion sehr um­strit­ten). Oben kommt man nach einigen Me­tern in ei­nen Raum mit je drei Pfei­ler- und Säu­len­basen, wahr­scheinlich ein Heilig­tum 9. Rechts davon liegt die Schatz­kam­mer 10 des Heil­ig­tums. West­lich un­ter­halb im Erd­ge­schoss erkennt man einen lan­gen Kor­ri­dor 11, flan­kiert von 18 Ma­ga­zi­nen 12, in denen mächtige Ton­pi­thoi mit Wein, Öl und Ge­trei­de ihren Platz hat­ten. Einige sind noch im Ori­gi­nal­zu­stand erhalten und stehen auch noch an ih­rem ur­sprünglichen Platz. In die Bö­den sind ge­mauerte Käs­ten ein­ge­lassen - sie fun­gierten wahr­schein­lich als „Safe“ für die wert­volls­ten Stücke des Pa­las­tes. Ge­fun­den hat man aller­dings nichts mehr, denn nach der großen Kata­stro­phe wurden sie gründ­lich geplündert.



Rekonstruktion des Zentralhofs


Großes Treppenhaus

Ein Stück wei­ter nördlich im Piano Nobile be­fin­det sich rech­ter Hand ein kleiner, über­dach­ter Raum 13 direkt über dem Thronsaal (s. u.). Hier sind Ko­pien ver­schie­dener Fresken un­ter­ge­bracht, sodass man ei­nen Ein­druck von der reich­haltigen Aus­stattung der ur­sprüngli­chen Räu­me bekommt. In der rechten Hälfte des Rau­mes liegt ein mit Säulen ab­ge­grenzter Licht­schacht - wenn man hinunter­blickt, sieht man das Kult­becken des Thron­saals.

Über eine Treppe 14 gelangt man von der erhöhten Piano-Nobile-Ter­ras­se hin­un­ter in den Zentralhof. Gleich links neben der Treppe lagen in meh­reren Stock­wer­ken über­einander die ehemaligen Amtsräume des Palas­tes. Nur noch das Erdge­schoss mit dem berühmten Thronsaal ist erhalten. Heute darf man nur noch den Vor­raum 15 zum Thronsaal betreten, muss dafür aber meist im Hof Schlan­ge ste­hen. Durch die Fü­ße der zahllosen Besucher ist der gut erhaltene Ala­ba­sterboden blank ge­scheu­ert, mittlerweile ist er durch einen darüber gelegten Laufgang geschützt. An der Sei­tenwand steht die höl­zer­ne Nach­bil­dung des ältesten Throns Euro­pas. Her­vor­ste­chend ist der mar­kan­te, wel­lenför­mige Rand der Lehne, vor allem aber ist der Sitz der Kör­per­form ei­nes Men­schen her­vor­ragend an­ge­passt.

Durch die Türöffnungen kann man in den Thronsaal 16 hineinsehen. Von Ala­ba­ster­bänken eingerahmt steht hier der echte „Thron des Mínos“ aus der Älteren Palast­zeit noch an der ur­sprüng­lichen Stelle. In der Mitte des Raumes ist ein gro­ßes Porphyrbe­cken erhal­ten, an den Wän­den sind präch­tige Fabel­we­sen aus spätminoi­scher/mykeni­scher Zeit auf­ge­malt - sog. Greifen mit Adler­kopf, Löwen­körper und Schlan­gen­schwanz (sie ver­sinn­bildlichen die allum­fassende Macht des Mínos im himm­li­schen, irdischen und unterir­di­schen Bereich). Auf den Bän­ken saßen die Pries­ter bzw. Berater des Herrschers (ver­mu­tete Evans). Auf der anderen Seite des Saals, abge­trennt durch re­kon­struierte Säu­len, sieht man ein bestens erhaltenes Kult­bad mit darüber lie­gen­dem Licht­schacht (Raum mit Fresken darüber). Diese Rei­ni­gungs- oder Lustra­tions­becken hat man in allen minoischen Pa­läs­ten ge­fun­den, ihr genauer Zweck ist un­ge­klärt. Zum Baden wurden sie je­den­falls nicht verwendet, denn Bo­den und Wand­ver­klei­dun­gen sind nicht ab­ge­dich­tet. Evans fand diesen Raum in chao­ti­schem Zu­stand. Über­all standen Kult­ge­fäße ver­streut, ein großer Öl­krug lag um­ge­wor­fen in der Ecke ... Evans Idee dazu: Versuchten hier die ver­zweifelten Pries­ter in letzter Mi­nute, schon wäh­rend der großen Ka­ta­stro­phe, die Erd­gott­heit gnädig zu stim­men? Inner­halb weniger Stun­den muss alles vor­bei gewe­sen sein, der Pa­last ein Trümmer­haufen, der Thron­saal kon­ser­viert für Jahrtausende.

Auf der anderen (rechten) Seite der Trep­pe vom Piano Nobile in den Zent­ral­hof ste­hen die Reste der Fassade des dreiteiligen Heiligtums 17. Es ist über­dacht und kann nicht betreten werden. Hinter dem Vorraum mit Bänken er­kennt man die Tür­öffnungen der sog. Pfeiler­krypten 18. Je ein massi­ver vier­ecki­ger Pfei­ler steht dort in der Mitte der beiden Räume, einge­ritzt sind klei­ne Sym­bole der hei­ligen Doppeläxte. Um die Basen der Pfeiler sind flache Gruben für das Blut von Op­fer­tieren aus­gehoben. Rechts vom Vor­raum liegt im letzten um­mau­erten Ab­schnitt die Schatzkammer 19 des Heilig­tums. In den rechteckigen Gruben hat man u. a. die be­rühm­ten „Schlan­gengöttinnen“ gefunden (Arch. Mu­seum Iráklion).


Zentralhof: Der lang gestreckte Hof in der Mitte des Palastes diente der Belüf­tung und Beleuchtung der sich an­schlie­ßenden Gemächer. Von seiner Pflas­te­rung sind noch Spuren erhalten. Vielleicht fand hier ne­ben anderen Kult­handlungen und Fes­ten auch das berühmt-berüchtigte Stier­sprin­gen statt (→ Ge­schich­te). Einige groß­artige Fres­ken sind er­halten, die das Ge­wim­mel auf den Tribünen zeigen.

Großes Treppenhaus: Das über­dachte Treppenhaus 20 ist der zentrale Ab­schnitt des Ostflügels von Knossós (s. u.) und das wohl großartigste Bau­werk des Palastes. Es ist nicht zu­gänglich, aber von oben kann man ein Stück weit hineinschauen. Die Trep­pen­fluchten sind breit und aus­ladend, ein geräumiger Lichtschacht führt von oben nach unten und beleuch­tet jedes Stockwerk. Die Absätze auf den ein­zelnen Stock­wer­ken sind mit einer niedrigen Balustrade vom Lichtschacht abgetrennt, auf der wieder die rekon­struier­ten, leuch­tend roten Säulen ste­hen. Eigenartiger­weise be­ste­hen die Stu­fen aus Ala­baster, einem weichen, gipsartigen Material, das sich schnell ab­tritt. Diese Tat­sache hat den deut­schen Geolo­gen Hans Georg Wun­der­lich zu sei­ner mitt­ler­wei­le widerlegten Theorie über die Funktion des Pala­stes von Knos­sós als To­ten­stadt (Nekro­pole) geführt. Die Wände seitlich der Trep­pe waren wahr­scheinlich mit Fres­ken be­malt. Weiter unten liegt die sog. Rampe der Königli­chen Wache mit Fres­ken, die ei­gen­artige Schilde in Form der Zahl Acht zeigen (die Aus­spa­rung in der Mitte diente der Ge­wichts­ver­rin­gerung, noch Homer schreibt 800 Jahre später von ihnen!). Vielleicht wa­ren hier die Wär­ter un­ter­ge­bracht, die den Zu­gang zu den kö­nigli­chen Ge­mä­chern be­wachten.


Das Megaron der Königin: luftig und lebensfroh

Südflügel: Vom großen Trep­pen­haus geht man über den Zen­tralhof in den süd­lichen Flügel. Im Korridor 21, der hier in den Hof führt, sieht man hin­ter Glas das be­kann­te Fresko des Prinzen mit den Lilien, heute natürlich eben­falls eine Kopie (Original im Arch. Muse­um Irák­lion). Es wurde so benannt wegen der schmucken Blu­men- und Pfau­enfedernkrone des jun­gen Mannes. Von hier aus steigt man, vorbei an dem Schrein der Dop­peläxte 22, wo man Stein­äxte und Idole ge­funden hat, hin­un­ter zu den sog. Königsge­mächern im Ostflügel.

Ostflügel: Ursprünglich war er wohl fünf Stockwerke hoch - zwei Stock­werke rag­ten über den Zentralhof hinaus, drei weitere sind an den Rand des Hügels gebaut, der an dieser Seite steil zum Fluss­bett abfällt. Ein weit aus­ladendes, heute für Besucher ge­sperr­tes Treppenhaus (s. o.) führt hin­un­ter ins einstige Zentrum der Macht, wie Evans vermutete.

Hinweis: Megaron der Königin und Nebenräume, Megaron des Kö­nigs und Saal der Doppeläxte sind für Besu­cher gesperrt, können aber im Vorbeigehen von außen besichtigt werden.

Vom Südflügel aus erreicht man zunächst das sog. Megaron der Köni­gin 23, das man durch die of­fene Fenster­öffnung gut betrachten kann. Mit sei­nen Fresken, Orna­menten und leuch­tenden Farben ist es heute zweifellos der Raum mit der dich­tes­ten At­mo­sphä­re - schon al­lein we­gen des wun­der­schönen Delphinfres­kos: dun­kel­blau auf hell­blauem Grund, dazu Fische und stachlige Seeigel. Es be­sitzt eine rund­um lau­fende Bank, außer­dem mehrere Fenster und Lichthöfe an zwei Seiten. Evans emp­fand es als weiblich, deshalb das „Mega­ron der Köni­gin“. Hier sind auch noch Evans’ frühe Holzrekon­struk­tionen zu sehen - und auch, wie der Zahn der Zeit daran ge­nagt hat. Dies war der Grund, weshalb er im Weiteren ausschließ­lich mit Beton arbeitete.

Nebenan schließt sich ein win­zi­ges, von außen nicht einsehbares Zimmer an, nach Evans das Badezimmer der Königin! Die tönerne „Bade­wanne“, die hier steht, be­sitzt jedoch keinen Ab­fluss. Wunderlich hat das zum An­lass ge­nom­men, die Wanne als Sarkophag zu deu­ten - doch die minoi­schen Sarko­pha­ge hatten Ab­fluss­lö­cher (zur besse­ren Verwesung).

Ein schmaler Gang führt in das sog. Ankleidezim­mer der Kö­nigin 24, das ebenfalls nicht einsehbar ist. Und hier hat man etwas besonders Überraschen­des gefunden - eine Toilette mit Was­ser­spü­lung! In der Wand gibt es eine Vor­richtung für einen höl­zernen Sitz, unten ist ein Loch, das in Verbin­dung mit der Ka­na­li­sa­tion steht, ne­ben dem Sitz Platz für ein Ge­fäß zum Spülen. Die Röhren der Ka­na­li­sa­tion führ­ten zum benach­barten Fluss. Hin­ter der Toi­lette lag ein Archiv für Ton­täfelchen.

Wenn man weitergeht, kommt man am Megaron des Königs 25 vorbei. Ein­falls­reich und charakteri­stisch für die mi­noi­sche Bauweise ist die architek­toni­sche Ge­stal­tung. In drei Wän­den des Raumes befinden sich breite Tür­öff­nun­gen. Wenn man die Holztü­ren öff­ne­te, ver­schwanden sie fast völlig in den seitlichen Ver­tie­fun­gen. Der Raum wirkte dann, als ob er nur von Säulen umge­ben wäre, und muss wunder­bar luf­tig gewesen sein. Über­haupt ist es hier im Un­ter­ge­schoss schön kühl und schat­tig - im Som­mer sicher der ange­nehmste Teil des Pala­stes. Diese sog. viel­tü­ri­gen Räu­me findet man auch in den Pa­läs­ten von Zákros, Mália, Agía Triáda und Fes­tós.

Hin­ter dem Megaron liegt der Saal der Doppeläxte 26, so benannt nach den win­zi­gen Symbolen, die in die West­wand des Lichtschachtes geritzt sind. Viel­leicht war er eine Art Audienz­saal, denn an der Wand be­findet sich unter Glas ein Kalk­stein­ge­bil­de, auf dem der Abdruck eines ehe­ma­li­gen Thrones (oder Al­tars) er­kannt wor­den ist.

Nörd­lich der Königssuiten befanden sich die ehemaligen Werkstätten. In der Stein­metz­werkstatt 27 hat man Basalt vom Peloponnes gefunden, der für die Her­stel­lung von Siegelsteinen ver­wen­det wurde. Nebenan lagen Töpferschei­ben 28. An ver­schie­de­nen Stellen kann man im Boden Reste der Ka­na­li­sa­tion er­ken­nen, die noch vom ers­ten Pa­last­bau stammen. Das benötigte Was­ser wur­de vom Berg Joúchtas aus in den Palast geleitet. Geradeaus liegen Ma­ga­zi­ne, in denen Ton­pithoi mit vielen Grif­fen stehen 29. Nach rechts führt eine Trep­pe hinunter zur Ostbastion, von wo aus man zum di­rekt dar­unter lie­genden Fluss­ufer gelan­gen konnte (das Tor ist ver­sperrt).

An der Treppe findet sich eins der be­mer­kens­wertesten Beispiele minoi­scher Ka­na­lisationskunst 30. An der rechten Sei­te der Stufen führt ein enger Kanal hin­un­ter. Die minoischen Inge­ni­eure ha­ben ihn mit sinnreichen Bie­gun­gen (Pa­rabel­kurven) und Sink­becken für mit­ge­rissenes Erdreich so konstruiert, dass das Wasser nur halb so schnell strömt, als wenn es in gerader Linie her­un­ter­fließen würde. Außer­dem kommt es un­ten so sauber an, dass es noch zum Waschen geeig­net ist. Vielleicht lag hier die Wäscherei des Palastes.

Die Treppe wieder hinauf, gelangt man zum sog. Korridor des Schach­bretts 31. Hier wurde das berühmte Spiel­brett ge­fun­den, das heute im Saal 4 des Arch. Mu­seums zu bewundern ist. Im vergitterten Boden des Kor­ri­dors sieht man wieder die mo­dern anmutenden Tonröh­ren der Kana­li­sa­tion. Be­nach­bart gibt es ein Ma­gazin 32, in dem große Pithoi mit Me­dail­lon­schmuck noch an der ur­sprüng­lichen Stelle ste­hen. Darüber (nicht mehr erhalten) lag ein großer fres­ken­ge­schmück­ter Saal - viel­leicht, im Ge­gen­satz zum eher kul­tisch-re­ligiös ge­nutz­ten Thron­saal im West­flügel, der ei­gent­liche Thron­saal des Herr­schers, in dem die politischen Ent­scheidungen ge­trof­fen wurden.


Der Nordeingang

Nordflügel: Vom Zentralhof führt ein abschüssiger Korridor zum Nord­ein­gang des Palastes 33. Links und rechts davon standen zwei hohe Bas­tio­nen, von de­nen Evans die west­li­che wieder aufgebaut hat, genannt Nordwest­por­ti­kus 34. An der Wand hinter den Säu­len sieht man den Teil eines re­kons­tru­ier­ten, aber mittlerweile stark beschä­dig­ten Re­lieffres­kos, das viel­leicht das Ein­fangen eines wilden Stie­res zeigt. Am unteren Nordende des Kor­ri­dors liegt ein großer Saal mit acht Pfei­ler- und zwei Säulen­stümp­fen. Hier en­dete die Straße vom Hafen von Knos­sós und viel­leicht diente die­ser Saal zum Sta­peln und Sortieren der an­kom­menden Wa­ren. Evans nannte ihn Zoll­station 35.

Westlich der Bastion mit dem Stier­kopf ist ein weiteres (heute über­dach­tes) Kult­becken 36 erhalten. Es ist mit Ala­baster verkleidet und war früher mit Fres­ken aus­gemalt, viel­leicht ein Rei­ni­gungs­becken für gerade ange­kom­mene Pa­last­be­su­cher.

Heilige Straße: Wenige Meter nörd­lich vom Kultbecken verläuft die sog. Hei­lige Straße. Sie führte in minoischer Zeit von der „Zollstation“ Rich­tung Wes­ten bis nach Amnissós, dem Hafen von Knossós. Wahrschein­lich zogen hier oft feierli­che Pro­zessionen entlang. In ihrer Mitte verläuft eine Dop­pelreihe von rechtecki­gen Plat­ten - so konnten hier auch Wagen bequem fahren. Unter der Straße hat man einen noch älteren Weg gefunden, er gilt als eine der ältesten Ver­kehrsadern Eu­ro­pas. Nörd­lich der Straße stößt man nach weni­gen Metern auf das Theater 37. Um ei­nen gepflas­terten Hof erheben sich zwei rechtwinklig zueinander gebaute Stu­fen­rei­hen, hier standen wohl die Zuschauer. Im Schnitt­punkt der beiden Trep­pen war viel­leicht die königliche Loge untergebracht. Der Sockel ist noch erhalten. Wahr­schein­lich diente der Platz auch als Empfangs- und Ver­samm­lungsort bei kul­ti­schen Zeremo­nien, vielleicht sogar zeitweise als Ge­richtshof. Die Heilige Straße zieht sich jetzt noch durch eine leichte Senke etwa 150 m nach Westen und endet dort an einem versperrten Tor an der Auto­straße nach Iráklion. Bereits kurz hinter dem Theater führt linker Hand ein Weg zur Kasse zurück. Wer möch­te, kann von diesem Weg zum Westhof abzweigen und sich noch einmal in den Palast begeben.

Kreta Reiseführer Michael Müller Verlag

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