Читать книгу Kreta Reiseführer Michael Müller Verlag - Eberhard Fohrer - Страница 17

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Anemospiliá

Der kleine, um­zäun­te Tem­pel der „Wind­höhlen“ liegt gut 3 km nord­west­lich von Ar­chá­nes in luf­tiger Sat­tel­lage am Nord­hang des Joúch­tas. Zu er­rei­chen ist er auf einer as­phaltierten Straße, die von der west­lichen Um­ge­hungs­straße um Archánes abzweigt.

Stän­dig pfeift der Wind über den ex­po­nierten Bergrü­cken. Zu­sammen mit dem herr­lichen Pa­no­ra­ma­blick auf die Wein­berge bis Iráklion und zum Meer ist ein Hauch der My­stik zu spü­ren, die die­sen Platz vielleicht für den Bau ei­nes Tempels prä­des­ti­niert hat - der ein­zige, der bisher auf Kreta ent­deckt wurde.

Hier in die­sem un­schein­baren Bau­werk fand das Ehe­paar Sakellarákis den un­um­stöß­li­chen Be­weis dafür, dass die Mi­noer zu­mindest dieses eine Mal einen Men­schen ge­op­fert hatten! Wel­ches Bild stell­te sich den Forschern dar, als sie 1979 mit ihren Hel­fern Schicht um Schicht im Tem­pel ab­trugen? Auf dem Altarblock im westli­chen der drei ne­ben­einander lie­genden Räume fanden sie das Skelett ei­nes gefessel­ten jun­gen Man­nes (ca. 18 Jahre alt, 1,65 m groß). Darin lag eine 40,6 cm lange Bronze­klinge, mit der ihm der neben dem Altar von den Trüm­mern des ein­stür­zen­den Tempels er­schla­ge­ne Priester allem Anschein nach ge­ra­de die Hals­schlag­ader durch­trennt hat­te. Eine Priesterin (?) wurde ein Stück ent­fernt in der Süd­westecke des Raums ent­deckt, ein weiterer Leich­nam lag vor dem Opfer­raum. Dieser hatte eine Schale mit dem Blut des Opfers bei sich, die er wohl in dem Moment in den Mittelraum des Tem­pels mit dem Standbild ei­ner minoi­schen Gottheit bringen wollte, als die Mauern einstürzten (→ Link).


Vathípetro

Etwa 4 km südlich von Archánes ent­deckte der Archäologe Spiridon Ma­ri­natos 1949 ein Land­wirtschaftsgut der Minoer, die schon zu jener Zeit in die­ser sehr fruchtbaren Ge­gend Trau­ben angebaut hatten. Im Gebäude wurden eine mi­no­i­sche Oli­ven­pres­se und eine Weinpresse gefunden, letztere die älteste Kre­tas. Der Gutshof liegt in­mit­ten von Weinreben auf einem Hügel­plateau ne­ben der Straße. Er wur­de bereits 50 Jahre nach Baubeginn um 1550 v. Chr. wie­der ver­lassen, viel­leicht wegen Erdbeben. In der Nord­ost­ecke ist ein dreischiffiges Heilig­tum er­halten, westlich davon lie­gen ein Hof mit der Oli­ven­presse, ein Saal mit Säu­lenhalle und Magazine. In ei­nem Raum hat auch die his­to­rische Wein­pres­se ihren Standort: Von einer Schale, in der die Trau­ben mit den Füßen zertre­ten wur­den (so wie es die Kre­ter noch heu­te tun), lief der Saft durch einen Aus­guss in ein in den Boden ein­ge­las­senes Ge­fäß. Zur Hauptstraße bei Chou­détsi (→ Link) sind es von der Villa noch et­wa 3,5 km.

♦ Di-So 8.30-15 Uhr (Winter 8-14.30 Uhr), zurzeit aber nur unregelmäßig geöffnet, Eintritt frei. Tel. 2810-752712.

Joúchtas

Das 811 m hohe Felsprofil des schla­fen­den Zeus dominiert die Umgebung von Archánes. Der Aufstieg lohnt vor allem wegen des herrlichen Blicks. Hin und wieder sieht man Gänsegeier kreisen.

Eine 5 km lange Schotterpiste auf den Gipfel zweigt 2 km südlich von Ar­chá­nes von der Asphaltstraße nach Va­thí­petro ab. Der Weg ist mit dem Auto zu ma­chen, auch Ta­xis fahren auf Ver­lan­gen hinauf, reizvoller ist jedoch der Fuß­weg.

... um 1700 v. Chr. werden alle minoischen Paläste Kretas durch eine rätsel­hafte Katastrophe zerstört - wahrscheinlich ein Erdbeben. Die An­zei­chen sind schon Tage vorher spürbar. In fieberhafter Eile ver­su­chen die Priester, mit kostbaren Opfern die erzürnten Erdgottheiten zu be­sänf­tigen. So auch im Tem­pel von Anemospiliá. Mitten in einer dieser Zeremonien geschieht es: Das schwe­re Erdbeben bringt den Tempel zum Einsturz. Er wird in den fol­gen­den Jahr­hun­derten nicht mehr auf­gebaut und die Mauern konservieren über Jahr­tau­sen­de, was 1979 als Sensation um die Welt eilt - in Anemospiliá ist ein etwa 18-jähriger junger Mann den Göttern geopfert worden! War es ein al­ler­letzter ver­zweifelter Versuch, das unabänderliche Naturereignis ab­zu­hal­ten? Oder war es gar gängige Praxis in der bisher so friedvoll und „un­bar­ba­risch“ vermuteten Zivilisation der minoischen Priesterkönige? Inzwi­schen hat man noch weitere Belege für Menschenopfer der Minoer gefun­den (→ Link).

Auf dem mitt­le­ren Gipfel, übrigens genau die Na­senspitze des schla­fen­den Zeus, endet die Fahr­straße. Hier steht ein Gipfel­kreuz, das nachts be­leuch­tet wer­den kann, außerdem die blendend weiß ge­kalkte, vierschif­fige Kapelle Aféndi Christoú Me­ta­mór­fosi. All­jähr­lich am Vor­abend des 6. August wird hier das mehr­tägige Kir­chenfest der „Ver­klä­rung Christi“ ge­feiert, zu dem vie­le Kreter in ei­ner großen Pro­zession he­rauf­steigen oder -fah­ren. Um die Kir­che hängt der Geruch von Kräutern in der Luft, es wachsen ver­schiedene Blu­men, Berg­tee, wild zer­zauste Kermes­eichen, Zy­pressen und Steinei­chen. Die West­wand des Joúchtas fällt bei der Kirche fast senk­recht ab, wie grü­ne Rasen­flächen wirken die hügli­gen Wein­berge von hier oben. Im Wes­ten schä­len sich die mächtigen Silhouet­ten des Psilorítis aus dem Dunst, im Sü­den er­kennt man die Asteroúsia-Berge, die die Messará-Ebene eingrenzen.

Der nördliche Gipfel des Joúchtas ist von einer Sende- und Empfangsstation in Be­schlag genommen. Bereits Arthur Evans entdeckte hier ein minoi­sches Gipfel­heiligtum, in dem später zwei Opfertische, Doppeläxte und Votivfi­gu­ren aus Ton ge­funden wurden.

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