Читать книгу Gotteskindschaft - Eugen Biser - Страница 16

5. Der zeitgeschichtliche Weg

Оглавление

Fügt sie sich aber auch ein in eine durch kollektiven Profilverlust gekennzeichnete, auf die Einebnung aller Verhältnisse hinarbeitende und auf die Herabsetzung aller höheren Ansprüche ausgehende Zeit? Zwar wurden der Gegenwart wie kaum einer früheren Epoche Zeitzeichen von unübersehbarer Eindringlichkeit gegeben, als das Zweite Vatikanum die jahrhundertelang nach außen und innen geübte Gewalt verwarf und durch sein Bekenntnis zum Dialog der Welt den Weg zu einer friedlichen Konfliktbewältigung wies, und als der freiheitliche Aufbruch von 1989, zusammen mit der deutschen Wiedervereinigung, auf dem blutgetränkten Boden Europas eine Zitadelle des Friedens mit noch unabsehbarer Fernwirkung entstehen ließ76. Doch begriff die Christenheit, daß ihr durch die Wegweisung des Konzils wie kaum einmal zuvor zur Besinnung auf ihre Mitte verholfen worden war? Und begriff die kriegsbedrohte Welt, daß ihr durch das europäische Paradigma der Weg in eine menschlichere Zukunft gewiesen worden war?

Da auf diese Fragen verneinend geantwortet werden muß, ist es um die Erhebung des heutigen Menschen aus seiner kollektiven Depression und in der Folge dessen auch um die Rezeption der Gotteskindschaft prekär bestellt. In seiner resignativen Verfassung würde er wohl kaum begreifen, weshalb sich Milan Machovec trotz seiner repressiven Lebensverhältnisse veranlaßt sah, den Initialstoß der Verkündigung Jesu – „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes nahe; kehrt um und glaubt an die Frohbotschaft“ (Mk 1,15) – mit den Worten

Lebt anspruchsvoll, denn vollkommene Menschlichkeit ist möglich

zu aktualisieren77. Enttäuscht von den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, vor allem aber von seinem eigenen Lebensverlauf, hat der Mensch dieser Zeit es verlernt, an seine Umwelt und an sich selbst höhere Ansprüche zu stellen und deshalb kaum Verständnis für den von Machovec an ihn gerichteten Appell. Das war die Folge seiner Blindheit für die Zeichen seiner Zeit und seiner Taubheit für den an ihn ergehenden Anruf. Die Zeichen der Zeit aber waren, wie dies Nietzsche für sich in Anspruch nahm, mit Buchstaben an die Wand der Epoche geschrieben, die „auch Blinde sehend zu machen“ vermochten; und die aus der Tiefe des Zeitgeschehens ertönende Stimme war laut genug, um selbst Taube zum Aufhorchen zu bewegen78. Daß sie dennoch überhört wurde, hing nicht zuletzt auch damit zusammen, daß sie aus einer Welt ertönte, auf die niemand hört und von der man am wenigsten Auskünfte über das Zeitgeschehen erwartet: aus der Technik.

Während sich der Olymp der politischen und kulturellen Leitgestalten entvölkerte und sich die Philosophie, einem fatalen Anachronismus verfallen, der ihr aufgegebenen Deutung der Zeitzeichen verweigerte, riß das Zeitgeschehen in Gestalt der Hochtechnik das Grundproblem der Metaphysik, die Verhältnisbestimmung von Möglichkeit und Wirklichkeit, an sich, so daß sich das Zeitalter aufgrund der sich realisierenden Menschheitsträume zunehmend als das der sich verwirklichenden Utopien auswies79. So verwirklichten sich, im Sinne einer Fortschreibung der von Sigmund Freud in seinem Essay „Das Unbehagen in der Kultur“ gestellten Diagnose, der Mythos vom himmlischen Feuer des Prometheus in der Freisetzung der Kernenergie, das Streben nach weltweiter Kommunikation in der Erfindung von Radio und Fernsehen, der Traum von der Sternenreise in der Raumfahrt und Mondlandung, die Münchhausenerzählung von den eingefrorenen Tönen in der elektronischen Speichertechnik, das Hauffsche Märchen vom kalten Herzen in der Entwicklung eines Kunstherzens und der von Goethe ersonnene Homunculus in der Entstehung eines klonierten Menschen.

Mit dem Konzept dieser „Spottfigur von Geist und Feuer“ erwies sich der Mensch dieses Zeitalters aber nicht nur als das „utopische Wesen“, das der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset lange zuvor schon in ihm erblickt hatte, sondern auch als der nach einer usurpierten Gottähnlichkeit Strebende. Denn im stürmischen Verlauf der Hochtechnik ging es ihm, wiederum nach Freud, um den Griff nach den durch den Tod Gottes freigesetzten Attributen: in der Nachrichten- und Computertechnik um einen Anteil an göttlicher Allwissenheit, in der Raumfahrt um einen Anteil an göttlicher Allgegenwart und in der Evolutionstechnik mit dem Ziel einer künstlichen Selbstreproduktion um einen Anteil an göttlichem Schöpfertum80.

Daß es um die auf diesem Weg erreichte Gottähnlichkeit gleichfalls prekär bestellt ist, gab Freud mit dem ironischen Bildbegriff des „Prothesengottes“ zu verstehen, dem die prothesenhafte Aneignung der göttlichen Attribute nur schwer und unzulänglich gelinge81. In seinem Theorem von den „drei Kränkungen“ hatte er aber auch schon den Grund dieses partiellen Mißlingens angegeben82. Während sich der Mensch unter Mühen zu seiner technisch vermittelten Gottähnlichkeit erhebt, muß er feststellen, daß er nicht nur seit Kopernikus seine Zentralstellung im Kosmos und seit Darwin seine Sonderstellung im Reich des Lebendigen, sondern im Gefolge der Freudschen Tiefenpsychologie auch seine Vormachtstellung im Reich des eigenen Bewußtseins verlor. Gleichzeitig mehrten sich die Anzeichen, zusammen mit Hinweisen in Kunst (Picasso) und Literatur (Nossack), dafür, daß die in der Romantik angebrochene, aber nur wenigen Zeitfühligen bewußt gewordene Identitätskrise inzwischen epidemische Ausmaße anzunehmen begann.

Obwohl diese Situation nach einer Lösung, um nicht zu sagen nach Erlösung schreit, weist doch nur ein schwaches Indiz in die erfolgversprechende Richtung. Es ergibt sich aus der ebenso erstaunlichen wie bestürzenden Beobachtung, daß der Mensch erstmals in seiner Geschichte an der Wegscheide zwischen biologischer und technischer Entstehung steht. Aus der ironischen Szene im Laboratorium von Goethes „Faust“, in dem die „Mode“ des Zeugens verabschiedet und der „höhere Ursprung“ in die Hand des zum Schöpfer seiner selbst gewordenen Menschen gelegt wird, ist bitterer Ernst geworden83. Angesichts der Schreckensvision einer klonierten Menschheit, wie sie Franz Werfel aus düsterer Vorahnung in seinem „Stern der Ungeborenen“ entwarf, bewegt das zu einem geradezu nostalgischen „Rückblick“ auf die auf weite Sicht vergehende Form „natürlicher“ Lebensvermittlung84. Wenn sich dieser nicht in Angstträumen, wie sie Werfel befielen, verlieren soll, muß er in einen visionären Ausblick überführt werden, der dann ein Menschsein von einem wirklich „höheren Ursprung“ her anvisieren müßte. Dabei dürfte es sich nicht mehr um ein Menschsein handeln, das wie im Regelfall, kaum daß es entstanden ist, dem Tod verfällt, sondern um ein Menschsein, das dem Quellgrund jenes Lebens entspringt, das die Fessel der kreatürlichen Todverfallenheit sprengte. Gemeint ist damit jenes Leben, das aus dem Ereignis der Auferstehung Jesu hervorging und das in der Zeugung des Sohnes aus dem Vater seinen innergöttlichen Ursprung hat. Das aber ist nur eine auf die folgende Erschließung vorgreifende Umschreibung dessen, was „Gotteskindschaft“ besagt. Sie steht im Fadenkreuz des Ausblicks, in den der nostalgische Rückblick überführt und in dem er aufgehoben werden muß. Prinzipiell gesehen geht es dabei um das Spannungsverhältnis von Kunst und Liebe. Der auf technischem Weg entstehende Mensch ist ein Werk der Kunst, wenn nicht gar ein Kunstwerk. Der zur Gotteskindschaft erhobene aber ist eine Frucht der Liebe und unter ihren vielfältigen Hervorbringungen die vorzüglichste. Sie allein ist des Menschen würdig; denn sie stiftet das, was allein die Zukunft der Menschheit gewährleistet: Menschenwürde.

Gotteskindschaft

Подняться наверх