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DIE QUEEN WÄSCHT IHRE WÄSCHE Hintergrundinformationen
ОглавлениеZum Besuch der Queen erfuhr ich Jahre später, als ich bereits Journalist war, zwei amüsante Geschichten: Die Königin, ihr Prinzgemahl Philip und ihre Tochter Anne wohnten, wie die meisten hohen Staatsgäste hierzulande, im Hotel Imperial an der Ringstraße. Die Königin legte wie auf jeder ihrer Reisen wert darauf, dass das Wasser für ihren Tee in eigens für sie abgefüllten Flaschen aus London mitgebracht würde, die mit den Worten »By Appointment to Her Majesty The Queen« beschriftet sind. Frau Elisabeth Demetz, damals Direktionsassistentin im Imperial, hat mir eine solche Flasche zur Verfügung gestellt. Im Hotel, so erzählte sie mir, nahm man den Wunsch der Königin nach eigens mitgebrachtem Wasser untertänigst zur Kenntnis, kümmerte sich aber nicht weiter drum, sondern kochte das Leibgetränk Ihrer Majestät mit dem bewährten Wiener Hochquellwasser auf. Sie hat nichts davon bemerkt.
Noch interessanter finde ich die zweite Geschichte, die mir Frau Demetz anvertraute: Als sie einmal während des Aufenthalts der königlichen Familie das Badezimmer Ihrer Majestät betrat, konnte sie beobachten, wie die Queen ihre Leibwäsche persönlich wusch. Wer hätte das gedacht!
In der Zeit, in der ich für Farkas arbeitete, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends. Er hatte Darmkrebs und bereits eine schwere Operation hinter sich, die er in die Sommermonate hatte legen lassen, in denen der Simpl geschlossen war. Sein Publikum durfte nur ja nichts von seiner Krankheit erfahren. Rechtzeitig für die neue Spielzeit aus dem Spital entlassen, ging es ihm einige Monate lang so gut, dass er tagsüber probierte, die nächste Fernsehshow aufzeichnete, Texte schrieb und abends noch im Simpl auftrat. Doch die tückische Krankheit kehrte zurück. Als ihn nach einem knappen Jahr starke Schmerzen plagten, lag er tagsüber stationär im Allgemeinen Krankenhaus und bekam abends »Ausgang« für die Vorstellung. Farkas wurde jeden Tag, eine Stunde vor Beginn seines Auftritts, mit der Rettung in den Simpl geführt und auf einer Bahre liegend in den Keller des Kabaretts getragen, anders hätte er die paar Stufen nicht mehr geschafft, er war einfach zu schwach.
In seiner Künstlergarderobe saß dann ein alter, todkranker Mann, der sich mit schweren Schritten in Richtung Bühne schleppte. Doch kaum lugte seine signifikante Nase durch den dunkelroten Vorhang, worauf der Applaus aufbrandete, war er wieder »der Alte«. Er conférierte, sang, spielte und wenn es sein musste, tanzte er auch noch ein paar Schritte.
Nach der Vorstellung wurde er dann wieder als Greis von den Sanitätern abgeholt und ins Spital gebracht. Aber die zweieinhalb Stunden, in denen er auf der Bühne stand, merkte kein Zuschauer etwas vom Leiden des Humor-Altmeisters. Der Applaus und sein Publikum hielten ihn aufrecht.
Maxi Böhm erzählte mir einmal, dass es Farkas, als er wieder aus dem Spital entlassen worden war, einmal während der Vorstellung so schlecht ging, dass ihn alle Kollegen anflehten: »Herr Farkas, fahren Sie nach Hause, wir übernehmen Ihre Rollen, es wird schon irgendwie gehen.«
Farkas muss sich elend gefühlt haben, denn er ließ sich tatsächlich in der Pause mit einem Taxi heimfahren. Nach der Vorstellung fuhr Maxi Böhm durch die Neustiftgasse und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Vor dem Haus Nummer 67 lehnte Karl Farkas an der Eingangstür. Erschrocken blieb Böhm stehen und sagte: »Herr Farkas, was machen Sie denn, Sie sind doch extra früher nach Hause gefahren!«
»Schauen Sie«, sagte Farkas, »seit zwanzig Jahren bin ich keinen Abend vor elf nach Haus gekommen. Was glauben Sie, was sich meine Frau für Sorgen macht, wenn ich einmal um zehn daherkomm.«
Für die Frühjahrs-»Bilanz«, die Ende April 1971 im Ronacher aufgenommen wurde, schleppte sich Farkas mit eiserner Disziplin zu den Proben und zur Aufzeichnung. Eines Abends brach er im Simpl zusammen, wurde wieder ins AKH gebracht. Auf seinem Nachtkasten lagen Papier und Bleistift – er machte sich Notizen für das nächste Simpl-Programm, das den Titel »Alles im ORF« tragen sollte, und für eine geplante Operettenbearbeitung an der Volksoper.
Am Abend des 15. Mai 1971 lachte Österreich noch einmal über Karl Farkas und seine letzte »Bilanz« im Fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt lag er bereits im Koma, am nächsten Morgen war er tot. »Mit Karl Farkas«, schrieb Friedrich Torberg in seinem Nachruf, »ist der letzte Stern eines untergegangenen Planetensystems erloschen.«
Ich schätze mich glücklich, dem Strahlen dieses Sterns in seinem vorletzten Lebensjahr nahe gewesen zu sein. In seinem letzten Jahr war ich nicht mehr am Simpl, da ich mich langsam um einen »richtigen Beruf« hatte umsehen müssen.