Читать книгу Apropos Gestern - Georg Markus - Страница 8
WIE VON EINEM ANDEREN STERN Mein Onkel, der Hollywoodstar
ОглавлениеMeine Eltern waren nicht reich und nicht arm, wir führten ein eher kleinbürgerliches Leben. Und das, obwohl mein Vater zweifacher Doktor – der Rechts- und der Staatswissenschaften – war. Er und meine Mutter hatten Österreich nach Hitlers Einmarsch 1938 verlassen und waren nach dem Krieg wieder zurückgekehrt. Mein Vater hatte im Exil beim berühmten Professor Hans Kelsen, dem Schöpfer der österreichischen Verfassung, an der Universität Genf Völkerrecht studiert, meine Mutter in London in einem von Sigmund Freuds Tochter Anna gegründeten Kindergarten gearbeitet. Meine Eltern lernten einander 1947 in der Schweiz kennen und ließen sich danach in Wien nieder – mein Vater als Jurist, meine Mutter als Englischlehrerin.
So weit so unspektakulär, ich empfand meine Kindheit vor allem als schrecklich langweilig, man hat mich liebevoll behandelt, aber es gab weder besondere Tief- noch Höhepunkte, ich fühlte mich als Einzelkind einsam. Glanz kehrte in unser eintöniges Leben nur ein, wenn Onkel Francis aus Amerika kam. Er erschien, als wäre er von einem anderen Stern. Ein Bild von einem Mann, ein in den USA berühmter Schauspieler, der in einer Reihe von Hollywoodfilmen Hauptrollen gespielt hatte und dem die Frauen zu Füßen lagen, der privat aber liebenswürdig und bescheiden war. In seinen späten Jahren lernte ich Francis Lederer dann als Grandseigneur der alten Schule kennen.
Eines Tages stand sein dunkelblauer Chevrolet wieder vor unserer Haustür in der Karolinengasse im vierten Bezirk. Was mich mit meinen acht Jahren am meisten faszinierte, war das elektrisch versenkbare Dach des amerikanischen Straßenkreuzers. Die Türen öffneten sich wie von Geisterhand, wir stiegen ein und schon rollte die offene Limousine mit den roten Ledersitzen zum großen Erstaunen unserer Nachbarn fast lautlos dahin. Im Eiltempo ging’s über die Argentinierstraße in die Stadt, wo Francis vor dem Sacher hielt und uns zum Mittagessen lud. Man muss sich vorstellen, dass wir das Jahr 1959 schrieben, meine Eltern einen kleinen Fiat 600 besaßen und unsere Familie im Normalfall bestenfalls im nahen Gasthaus Sperl einkehrte. Doch wenn Onkel Francis kam, war alles anders.
Die Mutter von Franz Lederer, als der er 1899 in Prag zur Welt kam, hieß Rose und war eine Schwester meiner Großmutter Ida (sie waren zwei von insgesamt 16 Kindern aus dem mährischen Städtchen Trebitsch). Francis’ Vater Josef Lederer handelte – als wär’s eine Posse von Nestroy – mit Lederwaren, und Franz wollte nie etwas anderes werden als Schauspieler. Infolge seines blendenden Aussehens wurde Franz Lederer lange Zeit in Liebhaberrollen besetzt, seinen Durchbruch feierte er 1928, als ihn Max Reinhardt in seine denkwürdige Inszenierung als Romeo nach Berlin holte, mit Elisabeth Bergner als Julia.
Während der Name Francis Lederer in Europa weitgehend vergessen ist, ist er in den USA immer noch vielen ein Begriff. Natürlich war er weder Cary Grant noch Clark Gable, er spielte eher in der Liga Ronald Reagan, hat aber eine riesige Fangemeinde – und einen Stern am Hollywood Boulevard.
Nach seinem Berliner Romeo wurde Francis Lederer an die Bühnen im Londoner Westend geholt, woran er sich lächelnd erinnerte: »Ich konnte kein Wort Englisch und musste alles phonetisch lernen. Das ist keine Kleinigkeit, wenn du die Hauptrolle spielst.« Über den Broadway gelangte er 1933 nach Hollywood, wo er seinen ersten Film »Man of Two Worlds« drehte, dem dreißig weitere an der Seite von Ginger Rogers, Olivia de Havilland, Claudette Colbert und Edward G. Robinson folgten. Für den Film »Midnight« schrieb ihm Billy Wilder 1938 eine Rolle auf den Leib.
Das Gesicht eines Filmstars: Onkel Francis und sein Stern am »Walk of Fame«
Francis kam öfters nach Wien, auch um hier zu drehen. Mein schönstes Erlebnis mit ihm hatte ich Jahrzehnte danach in Los Angeles, doch davon später.