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1 – EINLEITUNG samt einem Vorwort des Autors

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Im Februar 2012 bin ich zum ersten Mal in New York vor dem Hochhaus gestanden, in dem Julie Bauer-Marks ihre Wohnung hat. Der freundliche Portier, der im Lift für mich auf den Knopf drückt, sieht aus wie ein Flugkapitän. Auf dem Stoff seiner Uniform ist über der Brusttasche die Adresse des Gebäudes am Central Park aufgestickt. Wir fahren hinauf in den zehnten Stock. Ich bin gespannt, was mir die Tochter des legendären Sigmund Bosel erzählen wird.

Kurz darauf kommt mir am Gang eine humorvolle Dame mit einer rauchigen Stimme entgegen, die trotz ihrer 85 Jahre recht quirlig wirkt. Wir haben schnell ein herzliches Gesprächsklima, Frau Marks erkundigt sich, ob ich nicht vielleicht einen „weißen Spritzer“ möchte. Nach etlichen E-Mails und Telefonaten können wir in Ruhe die Dreharbeiten besprechen, die für den folgenden Tag angesetzt sind. Julie Marks hat sich bereit erklärt, in einer ORF-Dokumentation über ihren schillernden Vater mitzuwirken, der mit seinem sagenhaften Reichtum in den 1920er Jahren ganz Österreich elektrisiert hat.

Deutsch möchte Frau Marks nicht unbedingt reden, obwohl das feine Wienerisch, das ihr sporadisch über die Lippen kommt, perfekt ist. Während der Nazi-Zeit sei sie in der Emigration in London mit ihrem Bruder dazu übergegangen, Englisch zu sprechen. Beim Plaudern über das geplante Interview kommen bei der Bosel-Tochter spontane Erinnerungen an ihre Kindheit hoch. Julie holt die Briefe hervor, die ihr von ihrem geliebten Papa geblieben sind, und die Familienfotos, die sie am Telefon erwähnt hat. „Mein Vater war ein sehr fescher Kerl. Er hatte schwarze Haare und sehr dunkle Augen“, sagt sie, während sie die Aufnahmen ausbreitet. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich auf seinem Schoß gesessen bin.“

An drei aufeinanderfolgenden Tagen beschäftigen wir uns viel mit der Geschichte der Familie Bosel. Das lange Doku-Interview klappt bestens, Julie Marks ist eine gute Erzählerin. Sie überlässt mir zahlreiche alte Fotos und schenkt mir einen Roman, der von ihrem Vater handelt. Die Briefe borgt sie mir über Nacht, damit ich sie im Hotelzimmer einscannen kann. Frau Marks hat auch die Noten eines alten Wienerliedes hervorgeholt, das Fritz Imhoff einst über ihren Vater gesungen hat. Julie lässt durchblicken, dass sie sich einsam fühlt, seit ihr zweiter Ehemann, der Richter Jerome Marks, im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Mehr als vier Jahrzehnte waren die beiden verheiratet gewesen. Und ihr erster Ehemann, Ernest R. Bauer? Er starb mit 45 Jahren an einem Herzinfarkt.

Mir tut es fast leid, dass wir so viel über Sigmund Bosel und seinen Tod reden, der das Leben seiner Tochter bis zu einem gewissen Grad noch immer überschattet. Julie Marks kann sich nicht erklären, warum ihr Vater 1938 kurz vor dem „Anschluss“ nochmals von Frankreich zurück nach Österreich gefahren ist: „The reason my father went back to Vienna is the biggest question I ever had in my life“.1

Dieses Buch erzählt die dramatische Geschichte eines Grenzgängers. Sigmund Bosel war ein Finanzakrobat, der mit seinen halsbrecherischen Geschäften niemanden kalt gelassen hat. Seine Laufbahn verlief abenteuerlich und tragisch, sein Leben war eine Mischung aus Krimi und Groschenroman. Die Anfänge seiner Karriere hören sich an wie ein Märchen über den Kapitalismus, in dem ein junger Glücksritter nach dem Ersten Weltkrieg binnen kurzer Zeit mehr Geld anhäufen konnte als andere Millionäre in einem ganzen Jahrhundert.

Wir schreiben das Jahr 1922. Das junge Österreich wird vom Inflationsfieber geschüttelt, Banknoten haben nur mehr den Wert von besserem Klopapier. Deshalb steht den großbürgerlichen Chefitäten in den Wiener Bankpalästen der Schweiß aber nicht auf der Stirn. Die Herren im Nadelstreif müssen mitansehen, wie der junge Finanzjongleur Sigmund Bosel mit seinem explosionsartig gewachsenen Vermögen die Reichen ziemlich alt aussehen lässt. Manche Bankdirektoren ahnen, was der schmächtige Senkrechtstarter aus kleinen Verhältnissen vorhat: Bosel will als Schreckgespenst der Wiener Hochfinanz die Branche aufmischen und ein zweiter Rothschild werden.2

Seine Firmenzentrale hatte Sigmund Bosel hinter dem Wiener Rathaus am Friedrich-Schmidt-Platz Nummer 5. In diesem Bürohaus geht der schillernde Kommerzialrat mit seinem Beraterstab damals ein und aus. 18 Automobile sollen für Bosel und seine Prokuristen in den besten Zeiten in der Garage bereitgestanden sein. Ein ehemaliger k. u. k. Rittmeister war damit beauftragt, die neumodernen Pferdestärken im Fuhrpark zu betreuen. Bosel lebt auf großem Fuß. Er ist ein Unternehmer mit einem veritablen Hofstaat.3 Obwohl Bosel mit seinem Bankhaus mächtig Eindruck machte, haben viele seinen Broterwerb für ein liederliches Gewerbe gehalten. Denn Bosel war ein Inflationsgewinnler, der mit eiskalten Geschäftsmethoden aus dem Sturm der Geldentwertung Kapital geschlagen hatte. Auf diese Weise wurde er die umstrittene Ikone einer New Economy von Spekulanten, die ganz Österreich in ihren Bann zog. Eine kleine Schicht von talentierten Aufsteigern machte der Bevölkerung vor, wie man der grassierenden Inflation ein Schnippchen schlagen und dabei astronomische Vermögenswerte anhäufen konnte. Für viele Menschen hatte sich ein historisches Zeitfenster aufgetan. Die Geldentwertung hatte abertausende Vermögen ausradiert und Elias Canetti zufolge vorübergehend soziale Unterschiede aufgehoben, „die wie für die Ewigkeit geschaffen schienen“.4

Auf sonderbare Weise hatte die Inflation scheinbar Chancengleichheit geschaffen. Reichwerden war eine Beschäftigung für jedermann geworden – vorausgesetzt, man hatte Talent und auch die nötige Portion Rücksichtslosigkeit. Sigmund Bosel brachte beides mit, und er hatte obendrein das Glück, dass er den Grundstein für seinen Reichtum schon im Ersten Weltkrieg legen konnte – als Lieferant vieler Flüchtlingslager. Der Publizist Karl Kraus spuckte deshalb Gift und Galle auf Bosel, weil der Emporkömmling seiner Meinung nach zu einer Sorte Mensch gehörte, die Kraus um nichts in der Welt leiden konnte: Kriegsgewinnler. Kraus hielt solche Leute für abscheuliche Siegertypen, die „durch das Blut anderer“ zu Geld gekommen waren.5

Dem frischgebackenen Wiener Bürgermeister Karl Seitz wäre 1923 so eine Kritik wohl nicht in den Sinn gekommen. Er und die Sozialdemokratische Partei mussten froh sein, dass der Milliardär aus dem Rathausviertel die SP-eigenen Hammerbrotwerke mit einer Finanzspritze gerettet hatte. Womit der Bürgermeister und der Turbo-Kapitalist fortan gemeinsam im Verwaltungsrat der Brotfabrik saßen. Mit solchen Husarenstücken versetzte Bosel die Öffentlichkeit in Staunen, weil er sich nicht in die Schablone des ruchlosen Profiteurs pressen ließ und eine soziale Ader bewies. „Er gab mit vollen Händen und musste nicht immer erst gebeten werden“, meinte das Berliner Tageblatt. Bosels Erfolg war zwar vielen nicht ganz geheuer, aber sein wundersamer Aufstieg vom kleinen Textilverkäufer zum überdimensionalen „Kronen-Trillionär“ sorgte für eine Sensation. 1923 war Bosel gemeinhin der reichste Österreicher, und als Präsident der Unionbank war er Nachbar der berühmten Rothschilds geworden.6


Humorvolle Dame mit rauchiger Stimme: Julie Marks, die Tochter Sigmund Bosels, erinnert sich an glückliche Kindheitsjahre im fernen Wien.

Weil Bosel als „bunter Hund“ aus der Wiener Bankiersriege hervorstach, ist er auch früh literarisch verewigt worden. Es hatte sich herumgesprochen, dass er sich trotz seiner gepflegten Umgangsformen in ein finanzielles Raubtier verwandeln konnte. Der Schriftsteller Felix Dörmann nahm in seinem Roman Jazz Bosel als Vorlage für seine Figur des Bankdirektors „Wiesel“, der es nicht nur auf Geldgeschäfte, sondern auch auf weibliche Beute abgesehen hat.7

War Bosel also ein Schürzenjäger mit anzüglichen Manieren? Wohl kaum: Der junge Aufsteiger soll ein charmanter Typ gewesen sein, der privat in festen Händen war. Nun ja, das zu behaupten, wäre nur die halbe Wahrheit. Sigmund Bosel ist nämlich über viele Jahre hin zwischen zwei attraktiven Frauen hin- und hergerissen gewesen. Zwischen der Mutter seiner Kinder und einer Nebenbuhlerin, die mit ihren resoluten Reizen dafür gesorgt haben soll, dass Bosel nie geheiratet hat. Inwieweit sich noch andere Damen für den steinreichen Junggesellen erwärmt haben, ist nicht verbürgt. In jedem Fall scheint es so gewesen zu sein, dass Bosel hinter dem Geld doch mehr her war als hinter den Frauen. Wobei dem Finanzabenteurer ein leicht gestörtes Verhältnis zu seinem Vermögen nachgesagt wurde. Ihm sei „nichts an dem Geld gelegen, das er auftürmte“, hieß es über Bosel, der persönlich so gar nicht wie ein Milliardär daherkam, sondern zum Beispiel mit einem altmodischen Schlapphut unterwegs war. Aus dem Rahmen fiel er damit nicht. Auch viele Adelige mit wuchtigen Stammbäumen stapften während der schlimmen Geldentwertung mit löchrigen Socken durch die Welt.8

Worauf war Bosel aber scharf, wenn es nicht der feine Zwirn und das süße Leben waren? Der öffentlichkeitsscheue Mann wurde als persönlich bescheidener Draufgänger beschrieben, der sich an waghalsigen Ideen berauschen konnte und von einzelnen Projekten nahezu hypnotisiert gewesen sei, wie die ihm nahestehende Boulevardzeitung Die Stunde schrieb: „Im Grund seines Herzens verachtete er das Geld, dem die anderen so nachjagen, und freute sich nur an der Macht, die an diesem Gelde hängt, und der Kombinationsfülle, die es erlaubt.“9

Manche Berichte waren hart an der Grenze zur Werbeeinschaltung – so, als wäre Bosel ein Meister der Selbststilisierung gewesen. Er habe „mit Geld gespielt wie Kinder mit Schnee“, meinte das Finanzblatt Die Börse, das ihm ebenfalls gut gesinnt war. „Der kleine Mann mit der mangelhaften Bildung, die er emsig sich zu stopfen bemühte“, habe herrschen und die öffentliche Meinung kontrollieren wollen.10 Haben wir es bei Sigmund Bosel mit einem Geld- und Machtmenschen zu tun, der innerlich mit dem Luxusleben auf Kriegsfuß gelebt hat?

Am Höhepunkt seines Erfolges rollte das offizielle Österreich für Bosel den Teppich aus. Es gab nämlich damals nur ganz wenige, die genug Kapital hatten, um die arme Republik aus der Lethargie zu holen. Weil Bosel an mehr als 210 (!) Aktiengesellschaften im In- und Ausland beteiligt war, galt er als Geldanlage-King.11 Wer konnte schließlich schon von sich behaupten, Bankier, Gutsbesitzer, Frauenfreund, Hotelier, Hundebesitzer, Immobilieninvestor, Industriekapitän, Mäzen, Ölbaron, Spekulant, Zeitungseigentümer und Nachtclub-Miteigentümer in einer Person zu sein? In Österreich konnte da bestenfalls der aus Triest stammende Finanzkapazunder Camillo Castiglioni mithalten. Nicht zuletzt deshalb sind Castiglioni und Bosel als Galionsfiguren der europäischen „Inflationsritterzeit“ in die Geschichte eingegangen.

Wer glaubt, dass Sigmund Bosel damit nur eine Figur aus der historischen Mottenkiste ist, täuscht sich. Der schräge Millionensassa hat Entwicklungen verkörpert, die für das moderne Wirtschaftsgeschehen und den Superreichtum unserer Tage typisch sind. Nicht selten sorgen ja die neuen Milliardäre von heute für eine Mischung aus Bewunderung und Argwohn, weil sie entweder als blutjunge Unternehmer auf die Forbes-Listen dieser Welt kommen oder ihr Geld im oligarchenhaften Dämmerlicht gescheffelt haben. Auf Sigmund Bosel trifft beides zu. Wie kein anderer hat er schon vor knapp hundert Jahren in einem wirren Konjunktur-Umfeld den „Traum vom schnellen Geld“ und vom „Aufstieg aus dem auch Nichts“ verkörpert.12

Eine bemerkenswerte Erscheinung war Bosel auch dadurch, dass er die Dauerkrise nach dem Ersten Weltkrieg als seine persönliche Jahrhundertchance begriffen hat und dabei die Coolness hatte, Geschäfte und Aufgaben zu übernehmen, die den Obrigkeiten zu heiß waren. Das war schon im Ersten Weltkrieg so. Die Zehntausenden Kriegsflüchtlinge, die ab Herbst 1914 aus den umkämpften Grenzgebieten ins Zentrum der Monarchie geströmt waren, mussten mit Bekleidung und Lebensmitteln versorgt werden. An manchen Tagen kamen in Wien 3.000 Flüchtlinge an.13

Bosel packte die Gelegenheit beim Schopf, um für viele Auffanglager auf österreichischem Boden der Hauptlieferant zu werden. Im Auftrag der Behörden betätigte er sich sogar als Schmuggler, um die notwendigen Versorgungsgegenstände aufzutreiben. Durch das Geschäft, das er im Schatten der Flüchtlingskrise machen konnte, wurde der gelernte Textilverkäufer noch zu Kaisers Zeiten ein Multimillionär.

Nach dem Krieg wurde Bosel dafür gerühmt, dass er die Erste Republik vor dem revolutionären Chaos gerettet hätte, weil er die Wiener Polizei zu Diskontpreisen mit Bekleidung und Lebensmitteln versorgt hatte. Während die Bevölkerung teilweise hungern musste, konnte Polizeichef Schober seine Ordnungshüter bei der Stange halten und mit der Exekutive als Hausmacht später leichter Bundeskanzler werden. Zitat Schober: „Ich bin meiner braven Wache zuliebe voll der dankbaren Gefühle für Bosels Wirken.“14

Die lobenden Worte waren ein Ausdruck dessen, dass der Privatbankier „hochmögende“ Fürsprecher hatte und in den Wandelgängen der Politik zeitweise bestens angeschrieben war. Im Bankenverband hatte Bosel dagegen mächtige Gegenspieler, die auf geschäftliche Außenseiter wie ihn allergisch reagierten. In der Öffentlichkeit wurde Bosel hochgejubelt, aber auch verflucht. Der „Inflationskönig“ war der Exponent einer Schicht von Glücksrittern, die durch ihren obszönen Reichtum inmitten der Nachkriegsnot viel Hass und Unmut auf sich gezogen hatte.15

Darüber hinaus ist Sigmund Bosel als Jude immer wieder mit antisemitischen Attacken konfrontiert gewesen. In NS-Zeitungen wurde er als „Aasgeier“ und „geldsaugender Vampier“ verteufelt, in linken Polemiken ist er als „verbrecherischer Kapitalist“ und „Schleichhändler“ gegeißelt worden. Bosel bekommt während seiner Karriere die offene und versteckte Judenfeindlichkeit der Zwischenkriegszeit zu spüren. Schon früh machen ihn die Nazis zu ihrem Feindbild. Wenn es ums Geschäft gegangen ist, hat Bosel allerdings eine erstaunlich dicke Haut bewiesen und sich in den 1930er Jahren auch mit erklärten Antisemiten abgegeben. Die dunkle Seite des Sigmund Bosel war sein kaltschnäuziger Umgang mit der Gefahr.16

Ende 1923 konnte Bosel bei seinen Geschäftspartnern noch wählerisch sein. Und die Regierung konnte es sich nicht leisten, den jüdischen Star-Investor zu vergraulen. Die konservativ-großdeutsche Koalition rümpfte zwar an sich über „Finanzjuden“ wie Sigmund Bosel die Nase. Aber der Ministerrat war rasch mit dem etwas impertinenten Vorhaben Bosels einverstanden, neben dem Bundeskanzleramt am Ballhausplatz einen neuen Bankpalast hochzuziehen. Das Prestigeprojekt wäre auch Wirklichkeit geworden, wenn den Hasardeur damals nicht das Glück verlassen hätte.

Im Frühjahr 1924 gehen geheime Fremdwährungsspekulationen schief, die Bosel im Auftrag der staatlichen Postsparkasse unternommen hat. Zwei Jahre später fliegt die Sache auf, das PSK-Fiasko wird der größte Wirtschaftsskandal der 1920er Jahre. Ab diesem Moment kämpft der ehemalige Trillionär, der in Wahrheit fast alles verloren hatte, als „Bettler“ gegen den Abstieg. Wie lange sich der gewitzte Finanzmann damals aus der Affäre ziehen konnte, ist erstaunlich. Zehn Jahre lang spielt Bosel gegenüber der Postsparkasse den verarmten Milliardär, um seine Spekulationsschulden nicht abstottern zu müssen.

Die Politik behandelt ihn pfleglich. Hatte man ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen? Oder besitzt Bosel damals belastendes Material? 1936 ist mit der Komödie Schluss, die Justiz macht gegen Bosel mobil. Man wirft ihm vor, dass er seine wahren Vermögensverhältnisse verschleiert hat. Weil jedoch der damalige PSK-Gouverneur und frühere Bundeskanzler Karl Buresch in die Sache verwickelt ist und Selbstmord begeht, hat die Regierung Schuschnigg eine Staatsaffäre am Hals, die unter den Teppich gekehrt werden muss.

Vergleicht man die Aufreger-Themen unserer Tage mit den Krisen und Finanzskandalen der Zwischenkriegszeit, hat man unweigerlich Déjà-vu-Erlebnisse. So wie heute haben auch damals viele Staaten enorme Budgetprobleme. Die Finanzmärkte geben das Tempo vor, die Aufsichtsbehörden hecheln hinterher. Das Spekulationsfieber der Nachkriegsjahre führt zu Spekulationsblasen, hohe Fremdwährungsrisiken werden aufgetürmt. Die etablierten Banken lügen sich mit ihren Wertansätzen im Donauraum in den Sack, einzelne Megakredite sorgen für ein hohes Klumpenrisiko. Als die faulen Bilanzen der Kreditinstitute aufplatzen, ist auch damals wie heute Bankenrettung angesagt: mit Kapitalspritzen, rettenden Fusionen und der Notverstaatlichung der zu dieser Zeit wichtigsten Bank im Land, der österreichischen Credit-Anstalt.

Zwei Mega-Skandale haben bleibende Erinnerungen an die ruinösen Turbulenzen hinterlassen: das PSK-Fiasko 1926 und das noch viel größere CA-Finanzfiasko 1931. In beide Wirtschaftskrimis ist Bosel verstrickt gewesen. Das PSK-Fiasko punziert ihn als Buhmann der österreichischen Wirtschaftsgeschichte, während er in der CA-Causa im Hintergrund agiert, um die Skandalpleite juristisch glattzubügeln. Beide Finanzbeben lassen sich rückblickend mit dem Begriff „Multi-Organversagen“ beschreiben, den in unseren Tagen die Griss-Untersuchungskommission für die Kärntner Skandalbank Hypo Alpe Adria geprägt hat. Auch das österreichische Parlament hat sich in den 1920er Jahren in diversen Ausschüssen mit Finanzskandalen herumschlagen müssen. Damals zeigte sich, dass die zuständigen Behörden und Politiker der staatlichen Postparkasse zu wenig auf die Finger geschaut haben. Solange es Gewinne gab, durften die PSK-Manager mit der Staatsgarantie im Rücken herumfuhrwerken. Als es Verluste gab, hat man den Kopf in den Sand gesteckt. Schlussendlich können die Postsparkasse und die Credit-Anstalt nur mit Staatshilfe überleben. Die Kosten der Rettungsaktionen hat man genauso wie in der Finanzkrise nach 2008 hauptsächlich den Steuerzahlern umgehängt.

Die großen Geldgeschäfte, mit denen sich Bosel Zutritt zur Hochfinanz verschafft hatte, haben auch seinen Abstieg eingeläutet. Der Finanzjongleur war verschrien als „der böse Geist der Postsparkasse“, der gestandene Politiker mit unlauteren Spekulationstipps „verhext“ habe.17 Das war aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Bosel hat im PSK-Skandal als Sündenbock herhalten müssen, damit die Staatsbank andere Verlustbringer leichter kaschieren konnte. Sein größter Gegner, schrieb Bosel 1929, sei der christlich-soziale Finanzminister Viktor Kienböck gewesen, der ihn „mit unversöhnlichem Hass“ verfolgt habe.18 Es gibt tatsächlich Indizien dafür, dass Kienböck und der einstige Nationalbank-Präsident Richard Reisch Bosel über die Klinge springen haben lassen. Dieses Buch geht daher auch der Frage nach, ob für Sigmund Bosel hier nicht ein Stück historische Ehrenrettung angebracht ist.

Wer sich eingehend mit Sigmund Bosel beschäftigt, lernt eine Persönlichkeit mit charakterlichen Graustufen kennen. Dieser Mann war kein Heiliger, sondern das, was man umgangssprachlich einen Schlawiner nennt. Dort, wo der tüchtige Außenseiter durch Cleverness und Chuzpe frühzeitig Trends wittert und anderen Machtmenschen ein Schnippchen schlägt, ist man verleitet, ihm die Daumen zu drücken. Dort, wo er mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder das Schicksal herausfordert, kann man über den Tausendsassa mit der Unschuldsmiene nur den Kopf schütteln. Und man wünscht sich als Beobachter an der Seitenoutlinie, der Finanzabenteurer hätte sich zu bestimmten Aktionen nicht hinreißen lassen. Aber Sigmund Bosel war eben ein Teufelskerl, der zeitlebens hoch gepokert hat und sich auch für verborgene Machenschaften einspannen ließ.

1931 übernimmt er nach der sündteuren Notverstaatlichung der Credit-Anstalt einen Geheimauftrag der Rothschild-Bankdynastie. Bosel zieht alle Register, damit die Justiz ihre Ermittlungen gegen den langjährigen CA-Mehrheitsaktionär Louis Rothschild aufgibt. Die Parteispenden, die Bosel dabei an einzelne Regierungspolitiker weiterreicht, bringen ihn 1934 in den Dunstkreis der Juli-Putsch-Verschwörer. Bosel hat alle Hände voll zu tun, um nach der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nicht zum Hochverräter gestempelt zu werden. Auch diese weitgehend unbekannte Affäre wird in diesem Buch beleuchtet.

Wer Sigmund Bosel über die Schulter schaut, erlebt beim Blick hinter die Kulissen der Ersten Republik so manche Überraschung. Übrig bleibt der Eindruck, dass Sigmund Bosel ein Mann der Geheimnisse war – und zwar in jeder Hinsicht. Angeblich hat er eine wertvolle Kollektion von pornographischen Antiquitäten besessen, die er an den ägyptischen König Farouk verkauft haben soll, über dessen Erotik-Sammlung bis heute gerätselt wird.19 Bosel soll außerdem der letzte Besitzer des berühmten Hortensia-Diadems gewesen sein, das Napoleon Bonaparte einst seiner Stieftochter Hortense de Beauharnais geschenkt hatte.20

Die besondere Tragik im Leben des Sigmund Bosel liegt darin, dass er nach seiner skandalträchtigen Laufbahn ein neues Leben im Ausland anfangen wollte. Im Februar 1938 war er in Paris bereits in Sicherheit vor den Nazis, die es viele Jahre davor schon auf ihn abgesehen hatten. Obwohl ihn Verwandte vor der Rückreise gewarnt haben, ist Sigmund Bosel zwei Wochen vor dem „Anschluss“ noch einmal nach Wien gefahren, um noch etwas zu erledigen. Dieser Entschluss war letztlich sein Todesurteil.21

Georg Ransmayr Wien, im Juni 2016

Der arme Trillionär

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